Freitag ist der neue Montag

Seit zwei Stunden spielen die Kinder Playmobil.

Ich versuche, mit Fieber und Kreislauf einigermaßen den Durchblick zu behalten, wenn wir Bauern sind und die Ernte einbringen, der Bauer des Kobolds zum Arbeiten aber unbedingt auf einem 50cm-Drachen sitzen muss, der regelmäßig die ganze Ernte abflammt, was wiederum das Mottenkind zu empörten und sehr lauten – ich habe meine Kopfschmerzen vergessen – Protestschreien veranlasst.

Ich raff mich dann mal auf und bringe jetzt doch noch ein Kind davon in den Kindergarten.

[Ich nehm den Drachen mit. – Okay. – Echt jetzt, Mami?]
[Vielleicht geht er dort ja verloren…]

retadierendes Moment

Das Gespräch lief eigentlich so lange ausgezeichnet, bis die Erzieherin meines Sohnes mit einem erleichterten Lächeln zur Sprache brachte, wie froh sie sei, dass mein Sohn sich den Hänseleien der anderen Kinder ergeben hätte und „nicht mehr diese albernen Mädchensachen“ anziehen würde. Ich hätte sie gerne gefragt, wo denn ihr Diskriminierungstäschchen mit Vorurteilen stehen würde, damit ich ihr einmal gepflegt hineinkotzen könnte.

Stattdessen folgte eine Unterhaltung über das gesellschaftliche Problem positiver wie negativer Männerdiskriminierung (mein Anliegen) und eine Grundsatzdiskussion über die Farbe lila (ihr Anliegen) und deren modische Geschlechtszugehörigkeit. (best of: „Ich finde es ja SO toll, dass Ihr Sohn gerne und liebevoll mit Puppen spielt, bin dann aber auch immer ein bisschen froh, wenn er wieder mit den anderen Jungs (die, die nur blau und grün tragen) fangen spielt und in die Bäume klettert“)

Ich bin dann mal weg, ein bisschen vor mich hinwürgen.

Schwangerschaft [ein letztes Mal]

Okay, lieber Körper. Ich tue, was ich kann. Ehrlich. Dieses eine Menschlein nur noch, nur dieses Eine noch heile ein paar Wochen beherbergen, okay? Dann gehörst du wieder dir und mir allein.
Ich finde es wirklich entzückend, wenn mir jeden gottverdammten Morgen Galle und Blut durch Nase und Rachen laufen, wenn ich kotzend unter der Dusche stehe, mit Wehen, Magenkrämpfen und in Gegenwart von drei Kindern, die bei dem dazugehörigen Wimmern nun mal um die Ecke schauen. Ich weiß, es ginge noch schlimmer, ehrlich. Das tröstet aber nur begrenzt. Und wenn ich wieder eine Nacht beschissen geschlafen habe, weil du mit deinem verfickten Gehirn jede einzelne Missbrauchssequenz mit meiner Mutter wieder hochholst, ich weiß, es ginge schlimmer. Du Arschloch.
Ich kümmere mich um dich. Ich passe auf mich auf. Ich schleppe dich zu jedem Arzttermin, damit du auf Herz und Nieren überprüft wirst und am Ende ist es sogar das, was diese enorme Abwehr hervorruft.

Aber dieses eine Baby noch, ja? Ich spare mir die schnöden Worte, ich könnte nicht mehr, denn ich kann noch. Ich kann noch sehr viel mehr ertragen als deine blöden Wehen und die panische Angst, dass dieses Baby jetzt stirbt. Jede gottverdammte Minute meines Lebens denke ich daran, warum ich meinen Sohn nicht spüre. Nur noch 15 Wochen. Das schaffen wir.
Pflaster mich meinetwegen zu mit deinen Kopfschmerzen und deinen Krämpfen und Wehen, dem massiven Gewichtsverlust und weiß der Teufel noch was. Ich stehe jeden Morgen wieder auf. Das ist etwas, das ich gelernt habe. Jeden verfluchten Scheißmorgen kannst du mich gängeln und geißeln bis ich abends um 8 Uhr erschöpft ins Bett falle. Um mich dann im Schatten der Nacht mit meinen Erinnerungen zu quälen. Bis um 6 Uhr, wenn ich wieder aufstehe, weil ich den Geschmack meiner eigenen Galle wieder im Mund habe.

Fick dich selber, wenn du mit mir durch bist.

Schutz

Manchmal wünschte ich, ich könnte euch jeden Wunsch von den Augen ablesen und erfüllen. Manchmal wünschte ich, ich könnte einen Teil meiner Unsterblichkeit geben, euch zu schützen. Euch unverwundbar zu machen gegen all das Leid und die Schmerzen und Qualen, die da noch kommen werden in eurer Zukunft.
Manchmal denke ich, es ist egal, was nach meinem Tod kommt.
Manchmal habe ich das Gefühl zu lügen, wenn ich mich stark und unsterblich mache euch gegenüber, weil auch ich nur schwach und sterblich bin.
Manchmal weiß ich, dass ihr daraus Kraft schöpft. Manchmal macht es euch unsicher. Manchmal stark.
Manchmal braucht ihr die Sicherheit, manchmal fordert ihr sie, manchmal muss ich sie euch verwehren, damit ihr an Stärke und Glauben an euch selbst gewinnt.
Manchmal muss ich euch verletzen, um euch zu schützen.
Manchmal muss es weh tun, wenn es weitergehen soll.
Manchmal verzweifle ich an mir selber.
Manchmal wünschte ich, ich wüsste, was das heißt… Liebe.

Erkenntnis

Der Grund, dass Männer Ratgeber für Männer schreiben, wie sie erfolgreich Gelassenheit, Sportlichkeit, Karriere und glückliche Familie unter einen Hut bekommen können, besteht darin, dass diese Männer nun mal die dumme aufopfernde Frau zuhause voraussetzen, die Heim und Herd umsorgt, die Kindererziehung verantwortet und den Mann nach ganzen Kräften dabei unterstützt, morgens vor der Arbeit eine Stunde joggen zu können, Überstunden zu machen, glückliche und wohlerzogene Kinder zur einstündigen abendlichen Unterhaltung bespielen oder wahlweise ignorieren zu können und ihm währenddessen noch bei der Selbstverwirklichung hilft. Die Frau hat dann ein Kind mehr und der Mann kann sich irgendwann was darauf einbilden, ein glückliches und freies und selbstbestimmtes Leben verwirklicht zu haben. Bevor er sich nach einem zwanzigjährigen Häschen umsieht, das so viel frischer und jugendlicher ist als die alte abgehalfterte Schabracke, die zuhause auf dem Zahnfleisch kriecht.

3 Tage

Die Woche war so kurz wie erschöpfend bisher.

„Komm, wir kaufen eine Kerze. Eine ganz besondere. Nur für sie. Und die zünden wir einfach immer an, wenn wir an sie denken.“ Ich sah das Tochterkind leicht verstört an. Ich kann schlecht rund um die Uhr eine blöde Kerze brennen lassen. Stunden später erst wurde mir klar, dass sie und ich uns ganz grundlegend in der Verarbeitung des Todes unterscheiden. Ich habe das damals schon mit dem Mann festgestellt, dass es an eine sehr schmerzhafte Grenze führt, Trauerbewältigungsarten zu vergleichen. Er ging zur Arbeit, machte weiter, während ich mitten im Supermarkt beim Einkaufen weinend zusammenbrach und weder vor noch zurück konnte.
Bleibt immer die Frage, was man tun würde, würde man für einen kurzen Moment Gottes Macht in Händen halten. Würde man die Zeit zurückdrehen? Wo die Antwort so klar scheint, dass man nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden würde, kreisen meine Gedanken. Würde man? Würde man wirklich? Wäre das gut? Ich weigere mich, noch weiter darüber nachzudenken, weil es mich an eine Grenze meiner Demut führt, die zu durchbrechen bedeuten würde, restlos alles in Frage zu stellen.

Ich sehe mein hüpfendes lachendes Kind, das nur ab und an zur Ruhe kommt und wie aus heiterem Himmel den Namen seiner Freundin nennt, während ich das Tal der Erinnerungen durchschreite und mir bitter bewusst wird, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt.

Dass die Narben aber nicht weniger schmerzen.

Missverständnis

Das zweijährige Mottenkind versichert mir seit Stunden inständig, dass wir nun ruhig die Geschenke für seinen (eigenen) Geburtstag übermorgen einpacken könnten, es würde auch nix varaaaten, weil isja gehaim!
Irgendwas ist da bei den Erklärungen grundlegend schiefgelaufen.