Schwere

Kopfschmerzen. Trauer. Resignation. Angst.

Wenn nur die Last ein wenig leichter wäre. Doch würde ich sie dann so empfinden? Wüsste ich nicht um das Gewicht, würde ich ein Weniger an Last dann leichter empfinden? Müßig. Es ist wie es ist.

Zweifel und Angst fressen meine Seele auf.
Unsicherheit, Misstrauen und Schmerz schinden mein Herz.

Wo soll ich denn noch hin? Und vor allem: was soll ich dann dort, wenn er dort nicht ist? Das Leben ist so sinnlos geworden. Und das zieht an jeder Faser meines Ichs. Neun Jahre. Neun vergeudete Jahre. Neun Jahre Entscheidungen. Neun Jahre Vertrauen. Neun Jahre Sicherheit.

3285 Tage, in denen es möglich gewesen wäre, mir die Wahrheit zu sagen. Mir zu zeigen, wie man ist. Mich zu konfrontieren. Mir das zu geben, was man versprochen hatte. Hoch und heilig. Scheinheilig… Müßig. All das. Was bleibt mir denn?

Eine jämmerliche klägliche Version meiner Selbst.

Morgen

Wirst du dich für mich verschwenden? Und vergisst einfach den Rest?

Wirst du immer bei mir liegen? Solange man uns beide lässt?

Wirst du mit mir überfliegen? Mich bejahen, wenn ich dich frag?

Noch so viel kann aus uns werden, bis zum letzten Tag…

Herbert Grönemeyer auf den Ohren und Tränen in den Augen.

Gedankenkreise

Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht;…

Wieviele Jahre ist es her, dass er meine Lust an Leben und Wissen weckte? Und wieviele schier endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn von Literatur später habe ich das erste Mal gemerkt, dass er bereit war, seine Frau und seine drei Söhne für ein paar aufregende Stunden mit mir zu verraten? Ich erinnere mich an jenen Abend, als wir aus dem Restaurant kamen – keine 4 Straßen von seinem Zuhause entfernt – und er mir wie immer den Vortritt ließ und sein Blick dabei auf die neue Tätowierung in meinem Nacken fiel.

Ich fühlte sein Aufstöhnen mehr als dass ich es hörte und schon damals war es ein zutiefst weibliches Wissen darum, was mir möglich sein würde.

Was und wen er verraten würde, wenn ich ihn nur dazu einladen würde.

Das Wissen um meine Macht erfüllte mich tief und vollkommen. Ich war es. Ich konnte das tun. Es lag in meiner Macht, dass dieser Mann alles aufs Spiel setzen würde. Seinen Ruf, seine Stelle, seine internationale Reputation, seine Ehe, seine Familie. Für eine 18jährige, der das Wort Liebe so fremd war wie ihm der Nervenkitzel im Laufe von 50 Jahren geworden war.

All die Jahre hat dies maßgeblich mein Männerbild geprägt.

Aufgewachsen mit einem Vater, der nie ein Mann von Ehre und zunächst einmal sich selbst und seinem Sadismus verpflichtet war und begleitet von Männern, die so schwach waren, dass ich nur mit Verachtung auf sie hinabsehen konnte. Männer, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Frauen verleugneten, sich ihrer schämten und so gekonnt logen wie flirteten.

Selbst der strahlende Held meiner Kindheit lebte ein Leben, zu dem er sich aus freiwilliger Verpflichtung an eine Frau, die nur ein flüchtiges Abenteuer für ihn bleiben sollte und an ein Kind, das in der jugendlichen Unbedachtsamkeit einer feurigen Nacht entstanden ist, selbst verdammt hatte. Es gab andere Frauen für ihn, daran ließ er kaum einen Zweifel. Begehrenswertere. Schönere. Liebenswertere. Angemessenere. Und doch hat er über 60 Jahre lang seine Pflicht getan. Bis zu seinem Tod. Nein, er war mir in diesem einen Punkt kein guter Lehrer. Ein Mann sollte nicht nur ein Versorger sein. Es beschneidet seine Männlichkeit ebenso wie Angst und mangelndes Rückgrat.

Die Macht der Frauen und die Schwäche der Männer waren so allgegenwärtig, dass ich nie daran zweifelte. Nicht sehen könnend. Wenn ich nicht wollte, könntest du nichts dagegen tun… flüstert er mir heiser ins Ohr und die eiskalte Hand, die Herz und Magen seit 9 Wochen unbarmherzig umklammert hält, erhöht einmal mehr den Druck in meiner Mitte.

Antworten, die man nicht versteht, wenn man die Fragen stellen muss…

Ich kreise um mich selber, verändere mich, grüble, zweifle, frage… Und nun soll es nicht in meiner Macht liegen noch gelegen haben, den Einen halten zu können? So viel Angst.

Hilflos. Machtlos. Ohnmächtig.
Wer die Verantwortung übernimmt, hat die Macht.
Wissen ist Macht.
Wer fragt, der führt.
Wie Peitschenhiebe knallen meine Dogmen auf das geschundene Herz.

Und nun soll ich loslassen, was mich stets am Leben gehalten hat?

Trugbild

Es gibt sie nicht, ich weiß das. Es gibt keine Sicherheit. Keine Wahrheit.
Nichts Absolutes kann auf dieser Welt Bestand haben.
Nicht einmal die Liebe.
Aber es gibt die trügerische Illusion einer Sicherheit, die den meisten Menschen reicht, um sich wohlig seufzend in etwas sinken zu lassen, das den Naturgesetzen nach gar nicht existent sein kann.

Auch ich lag in dieser sehr bequemen Hängematte und würde mich nur zu gerne wieder dorthinbegeben, wenn da nicht der tiefe Schnitt in meinem Fleisch wäre, der schwärend schwarz und blutrot – stinkend vor Misstrauen und Schmerz – vor sich hinfaulen würde.
Ich bin nicht allein in meinem Leben. Vier weitere Leben hängen an meiner Verfassung, meinem Leben, meiner Wahl. Und das noch weitere 8-15 Jahre.

Ich habe auf Basis einer mir leichtgläubig zurechtgezimmerten Illusion von Sicherheit Entscheidungen getroffen und Verantwortung übernommen, die ich heute im Leben nicht mehr so annehmen würde.

Allein, was bringt mir diese Erkenntnis?

Gebranntes Kind.

Abgesagt

Ich habe keinen Hunger. Ich quäle mir Löffel für Löffel meiner Tagesportion Nahrung in den Mund und bin froh, als ich um 8 Uhr morgens damit fertig bin, alle notwendigen Nährstoffe zu mir genommen zu haben. Nun nur noch 2 Liter Wasser über den Tag verteilen und dann habe ich den nächsten Tag geschafft.

Ich weiß, ich muss essen. Darum tue ich es. Aber ich habe weder Hunger noch Appetit. 35kg sind es jetzt. Die Gelenkschmerzen sind verschwunden, die Nervenschmerzen auch. Dafür schreit das Herz, blutig, zerschunden. Die Panikattacken begleiten mich durch den Tag und ich versuche lange Strecken einfach nur zu atmen. Mich nicht mitreißen zu lassen in den dunklen Strudel der Verderbnis, den meine Depressionen nur zu willig bereitstellen.

Komm zu uns in die Schatten, hier bist du sicher, wispern sie und ich weiß um ihre Verlockung und ihren Schutz. Ich habe getan, was mir vor Wochen noch undenkbar erschienen wäre: Ich habe die beiden Termine für heute morgen abgesagt. Ich kann nicht. Egal, was sie über mich denken. Egal, was sie reden, egal, wie das aussieht. Nicht einmal mehr die Maske, die so makellos ist, passt mir mehr. Wozu die Lüge eines perfekten Lebens aufrechterhalten?

Es bleibt nichts mehr. Nur Angst.

Dieser Moment

Als ich gestern in der Kirche neben ihm stand, den Schein wahren, vor meinem Gott und unserer Gemeinde und mich diese Sehnsucht schier überwältigte, als ich seinen tiefen Bass hörte; wie er mitsang, in dieser Stimmlage, in der er sonst nur meinen Namen stöhnt.

Alles hätte ich gegeben, in diesem Glück, in der Illusion dieses perfekten Momentes sterben zu dürfen.

Ballast abwerfen

Lauf.

Der Gürtel wird inzwischen vier Löcher weiter zugezogen, die Jeans trägt sich unangenehm, bald zu weit, bald zu viel Stoff, ein paar Kilo noch, bis sie mir endgültig von den Hüften rutschen wird, auch mit Gürtel.

Und die Haare sind ab. 70 Zentimeter dunkle Locken. Abrasiert. Kahlgeschoren. Endlich ich.

Ich bin alt genug und habe genug mitgemacht, endlich mein wahres Ich zeigen zu dürfen. Neue Narrenfreiheit. Was soll mir noch passieren?

Ich muss nicht geliebt werden. Ich habe die Liebe meines Lebens verloren und habe nur noch mich. Mich und diese Angst.

Mir kann nichts mehr passieren.

Lauf.