wund

Es ist die Seele, die weh tut.

Wenn man seine Seele über einen so langen Zeitraum nur von Hoffnung nährt statt von Resonanz, dann wird sie mit jedem Zerbrechen kleiner. Bis irgendwann nur noch die Splitter aus verpassten Gelegenheiten am Grund dieses Seins liegen, die tödlich schön das wenige Licht reflektieren, das von der Liebe noch bleibt.

Erkenntnisse jagen letzte Chancen, die im Laufe von Jahrzehnten eine Beförderung vom Singularetantum erhielten, die ihre eigentliche Bedeutung Lügen straft.

Das Herz weint.

Zerbrochene Hoffnungen laufen warm über mein Gesicht, wie jeden Tag. Die Wunde des Verlassenwerdens öffnet sich ein weiteres Mal. Nur habe ich inzwischen verstanden, dass nie ich das Problem war. Das macht das Zurückbleiben nicht weniger schmerzhaft.

Wo ist also mein Ausweg? Wo kann ich noch hin?

wund

Einsam

Meine Welt kippt wieder.

Der verhärtete, verkrampfte, hochgezogene, durchgehende Panzer, zu dem mein Schultergürtel tranformiert ist, holt den Lagerungsschwindel wieder hoch. Neun Jahre ist es her und man sollte meinen, ich hätte meine Lektion gelernt.

Und ich mache jeden Tag meine Übungen, ich trainiere, ich sorge für mich, ich kümmere mich um mich selber, bis meine Kraft auch dafür erschöpft ist. Das Einzige, das mein Bemühen Lügen straft, ist mein Stresslevel. Mit zunehmendem Bestreben, dies zu senken, steigt es in schier unermessliche Höhen. Weil die Fähigkeit, sich zu entspannen, eben nicht mit noch mehr Anstrengung, mit noch mehr Durchhalteparolen, mit noch mehr Weiterpeitschen steigt, sondern fällt.

Ins Bodenlose.

Ich bin nicht nur allein, ich werde auch verlassen. Seelisch. Körperlich. Kommuniziere ich, was mir nicht guttut, werde ich in höchster Not, in Schmerz und Verzweiflung alleingelassen.
Kommuniziere ich, was mir guttut, überfordere ich.
Kommuniziere ich nichts mehr, werde ich bedrängt.
Werde ich wütend, muss ich auffangen.
Werde ich traurig, muss ich erklären.
Werde ich deutlich, bin ich unfair.

Ich kann mich kaum kleiner machen als ich im Moment bin, aber ich lasse diese letzte Bastion nicht mehr fallen.
Ich bin ein Mensch und ich habe das verzweifelte Bedürfnis, gesehen, gehalten und umsorgt zu werden.

Ich habe es satt, allein und im Stich gelassen zu werden.
Ich habe es satt, anderer Menschen Gefühle regulieren zu müssen.
Ich habe es satt, die Böse zu sein, wenn ich ein Minimum an echter Zuwendung verlange.

Erbitte.

Erflehe.

Erhoffe.

Verstumme.

Es ist an der Zeit.

Erkenntnis [Wert von]

Erkenntnis in Beziehung hat nicht nur einen Inhalt, sie hat auch einen Zeitpunkt.

Erkenntnis vor der Handlung ist Rücksicht.
[Ich weiß von dir, dass… Ich passe meine Handlung dementsprechend an.]

Erkenntnis in der Handlung ist Resonanz.
[Ich sehe dich. Ich höre, fühle oder weiß, was du brauchst. Ich reagiere auf dich.]

Erkenntnis unmittelbar nach einem Fehltritt ist Reparatur.
[Oh, scheiße, das ist gerade richtig schief gelaufen, ich bin transparent, authentisch, schiebe mein Ego einschließlich aller Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche zur Seite und kümmere mich nun um das, was nötig ist und gebraucht wird. Ich korrigiere mein Verhalten wieder Richtung Resonanz.]

Jede Erkenntnis danach ist nur noch Reflexion.

Großmutter, mütterlicherseits

Das Hamburger Staatsarchiv hat angerufen und meine Telefonphobie wurde sehr früh heute Morgen von einem wasserschwallartig Wörter von sich gebenden, rede- und wortgewandten, leicht plattdeutsch sprechenden und sehr sympathischen Mann niedergerungen, der aber offensichtlich gelernt hat, in minimal zu Verfügung stehender Zeit die maximale Menge an Inhalt zu transportieren.

Eigentlich wollte er mir nur persönlich mitteilen, dass er meinen Antrag auf Schutzfristverkürzung ablehnen wird.
Uneigentlich haben wir danach eine halbe Stunde nach einer Antwort gesucht, die weitere Fragen aufwirft.

Es gibt zwar eine Möglichkeit, wie ich an die Informationen zu meiner Großmutter komme, aber das Heiratsdatum wirft eine ganz andere Frage auf: Wie konnte eine Romni Ende 1943 – zum Zeitpunkt systematischer Verfolgungen und Deportierungen und während des Verbotes von Eheschließungen mit sogenannten „Deutschblütigen“ in Hamburg offiziell eine Ehe mit genau so einem Menschen schließen?

Es gibt inzwischen also mehrere Arbeitshypothesen:

Vielleicht wurde sie nicht als Romni erkannt oder erfasst (ich habe heute den Begriff „Rassehygienische Forschungsstelle“ gelernt und bin einmal mehr entsetzt über diesen Teil unserer Geschichte).

Vielleicht kannte man ihre Herkunft, ordnete sie innerhalb der absurden NS-Rassenkategorien aber so ein, dass eine Ehe möglich war.

Vielleicht gab es eine Ausnahmegenehmigung oder einen besonderen Verwaltungsvorgang.

Die damals auch als Auflage für die Hochzeit erzwungene Sterilisation von „Mischlingen“ fällt hierbei ziemlich sicher raus, da sie nach der Eheschließung mehrere Kinder bekommen hat.

Und schließlich die schlichteste und fatalste Variante: Sie war keine Romni.

Bevor ich mich damit auseinandersetze, was das mit meinem ethnischen Selbstverständnis tun würde, warte ich nun mehr oder weniger geduldig auf die Post, die in ein paar Wochen hier ankommen soll.

20 Jahre

20 Jahre.

Meine Güte. Was hätten wir erlebt haben können. Wannimmer ich an dich gedacht habe, musste ich um die Zukunft trauern, die wir nie gehabt haben. 20 Jahre. Du wärst erwachsen. Inzwischen läge ein ganzes junges Leben zwischen dem heute und dem gestern.

Es blieb uns verwehrt.

Ich habe meinen Frieden gefunden, als wir dich nach Jahren endlich offiziell benennen durften. Du besitzt eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. Du warst da. Du trägst 3 Namen, wie alle deine Geschwister. Du trägst denselben 3. Namen wie die anderen Kinder, die dein Vater und ich auf diese Welt brachten.

Du gehörst zu uns.
Und dann doch wieder nicht.
Du hast diese 20 Jahre nicht mit Erinnerungen füllen dürfen.

Wenn ich an deine Geburt denke, ist inzwischen vieles dem Wabern der Erinnerung gewichen. Was immer noch präsent ist, ist der breite Brustkorb, gegen den ich mein Gesicht gedrückt habe. Die Arme, die mich umschlossen haben, als ich dich tot in Händen hielt und das Blut durch meine Ohren rauschte und aus meinem Körper floss. Dein Vater hat mich gehalten, so allumfassend gegen alles abgeschirmt, dass wir beide diese kostbaren Momente für uns hatten, in denen die Welt draußen blieb.

An den Rest möchte ich heute nicht mehr denken, es tut weh.
Immer noch. Und für immer.

Du warst so gewollt. So geliebt. So ersehnt.

Es ist wie es ist.

Weiter.

Wenn ich in meinem Leben irgendetwas wirklich gut machen kann, dann weiter. Und für den Fall, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem auch diese letzte Fähigkeit, dieser erste und existenziellste Skill versagt, dann hab ich wenigstens alles vorbereitet, dass alle anderen genau das machen können, wozu ich mich immer gezwungen habe.

Weiter.

Verteidigung

Anscheinend muss nach und nach jeder Raum in meinem Leben, in dem ich mich geschützt und sicher wähnte, verteidigt werden.

Und ich habe das schon zu oft erlebt, als dass ich noch über irgendetwas davon hinwegsehen könnte. Meine Privatsphäre, mein Schlafen, mein Schmerz, mein Garten, meine Zuflucht…

Jeden Tag ersehne ich das Ende dieser fortwährenden Verteidigungslinie, zu der mein Leben und meine Liebe geworden ist, mehr.

Und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht genau spüren würde, dass ich ohne gangbaren Ausweg bald an den Punkt komme, an dem ich bereit bin, alles Verbleibende bis auf die Grundmauern einfach niederzubrennen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ungeachtet aller Konsequenzen.

Es reicht.

Vom Vermissen

Ich vermisse dich. Ich vermisse die Nachrichten, unsere Geplänkel am Morgen, das Geläster, den Austausch, die Herzchen, die Umarmungen, deinen Wortwitz, deine Kompetenz, deine Liebenswürdigkeit, deine Stimme, alles an dir.

Aber ich habe auch verstanden, dass du diese Dinge vermutlich anders bewertet hast als ich. Vermissen tue ich dich trotzdem, auch nach all den Monaten noch.

Tourbus

Die weltlichen Probleme werden auch nicht geringer.

Tourbus ist nun seit zwei Wochen in der Werkstatt und alle Beteiligten – einschließlich des Autoherstellers – sind ratlos, was er haben könnte.
Nun wird morgen für 1.750 Euro ein Steuergerät ersetzt und im günstigsten Fall ist das Problem damit gefunden und erledigt, im ungünstigsten Fall zeigt dann das neue Steuergerät endlich das richtige Problem. Was wir machen, wenn gar nichts passiert, hat niemand erwähnt.

Vielleicht auch besser so.

Ich ärgere mich also seit zwei Wochen mit dem klapprigen Kleinstwagen herum, den wir als Ersatzwagen für einen NEUNSITZER mit gigantischem Kofferraum bekommen haben und fühle mich furchtbar. Das Auto ist meine Teilhabe an der Welt. Ich kann nicht einfach den Berg runterlaufen und dann zum Hundestrand spazieren, denn meine Knie können bergab nicht mehr. Ich kann keine Kilometer auf Asphalt mehr. Ich fahre also zum Hundestrand, ich fahre zur Wiese, ich fahre zum Wald mit den Hunden und kann dort mit Grundschmerzen laufen, das kann ich aushalten, das ist mein Alltag. Eine weitere Entzündung der Kniegelenke, die ich wieder monatelang im Liegen auskurieren muss, kann ich mir nicht erlauben.

Nun passen Labradore nur schlecht in einen Kleinwagen, der nicht mal zuverlässig meinen Tageseinkauf im Kofferraum unterbekommt. Abgesehen davon, dass ich in einem geliehenen Auto keine Hunde transportieren will, Unterlagen und Decken hin oder her, die SIND dreckig und sie haaren wie blöd.

Ich fühle mich also auch hier deutlich eingeschränkt und habe keine Ahnung, wo ich das Geld für das Steuergerät herzaubern soll, was das alles bedeutet und wie lange wir noch finanziell durchhalten, ohne dass ich arbeiten gehe, was angesichts meiner körperlichen und seelischen Verfassung ja auch ein ziemliches Unterfangen ist.

Ich habe keine Kapazitäten mehr, ich bin jenseits jeder Belastungsgrenze. Seit Jahren.

Einer muss

Einer muss präsent bleiben.
Einer muss den Kindern zuhören.
Einer muss dafür sorgen, dass jeder was Warmes im Bauch hat.
Einer muss sich kümmern.
Einer muss sehen, wem es schlecht geht.
Einer muss stehen bleiben, auch wenn er am Boden ist.
Einer muss einen Alltag gestalten.
Einer muss auch noch zum dritten Mal losfahren, wenn was ist.
Einer muss erreichbar bleiben.
Einer muss da sein, nicht nur anwesend.
Einer muss, egal wie es ihm geht.
Einer muss!
Einer muss.
Einer muss…

Poi

Tag 4 mit den Pois.

Ich gebe zu, in meiner grenzenlosen Arroganz als jemand, der sowohl jonglieren als auch Klavier spielen kann, also durchaus darin geübt ist, mit zwei verschiedenen Extremitäten unterschiedliche Dinge zu tun, attestierte ich mir nach dem Konsum einiger TikTok Videos selbstbewusst die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse, direkt mit FeuerPois anzufangen. Leider hatte ich da schon die „extraweichen“ Übungspois bestellt und ergab mich notgedrungen in mein Schicksal, mit minderwertigem (aber immerhin leuchtendem) Übungsgerät starten zu müssen.

Ja.

[So extraweich ist so ein Übungspoi übrigens gar nicht, wenn man ihn mit voller Geschwindigkeit in die Fresse bekommt.]

So klein

Ich kenne es doch schon. Das innere Zittern. Den Schmerz. Die Ungewissheit. Die Übelkeit. Den Zweifel, noch mehr ertragen zu können. Und dann die Gewissheit, noch mehr ertragen zu müssen. Die Sehnsucht, einfach nur geliebt zu werden. Die Wahrheit wert zu sein. Vielleicht sogar Wahrhaftigkeit. Nur einmal in diesem Leben. Nur für einen einzigen Menschen. Mir ist schlecht. Ich übergebe mich ein weiteres Mal. Es ist wieder 2005, 2006, 2009, 2013, 2014, 2016, 2022, 23, 24, 25, 26, es ist heute, es ist damals, es ist jeden Tag und jede Nacht, es ist jede Erinnerung und jeder Schmerz, alles gleichzeitig, immer, überall. Ich spüre, wie noch mehr Mageninhalt nach draußen will und ich ergebe mich dem Schmerz, dem Todeskampf, der Übelkeit. Dieser krampfende Ball im Magen, der versucht, mich auf das vorzubereiten, was die nächste Begegnung bereithält.

Zittern. Ich kenne das. Überall zu kalt, wo keine Wärme mehr sein kann. Heißes Bad, heiße Dusche, ab ins Bett, Heizung an, es hilft nicht, mir ist zu kalt. Wenn das Herz kalt wird, kann die Seele nicht mehr warm werden. Es gelingt nicht mehr, zu oft war ich an diesem Punkt, habe auf den nächsten Einschlag gewartet. Die nächste Wahrheit, die nächste Offenbarung, die nächste Erinnerung, die nächste Verteidigung, den nächsten Angriff, ich sei ohnehin immer nur zu viel, will Menschenunmögliches, bin zu gierig, zu absolut, zu viel, immer nur zu viel, zu viel, zu viel, zu lebendig, zu stark, zu …. ja was eigentlich? Ich?

Das tote Pferd

Das Nachtragen zieht sich. Etwas über 900 Blogeinträge sind es inzwischen und ich möchte gar nicht nachsehen, wie viele noch fehlen, die dichten Jahre kommen erst noch.

Ich sehe beim Übertrag dieselben Texte, die ich auch heute schreibe. Ekel tropft auf die Tastatur. Verachtung ebenfalls. Nachsicht feudelt etwas fahrig darüber und wischt vieles davon mit dem Tuch der Erkenntnis weg. Aber so richtig sauber wird sie nicht mehr.

Ich kann nicht behaupten, die Vorzeichen wären nicht dort gewesen. Ich lese sie schließlich. Schwarz auf Weiß. Na gut, so ein depressionsblaues Dunkelanthrazit auf Weiß, wir wollen korrekt bleiben, ich hab die Farben ja selber ausgewählt. Was fehlte, war entweder die Weisheit oder die Lebenserfahrung oder die Abwesenheit von Hoffnung, wer weiß das schon. Ich habe nur wenig Mitleid mit dem närrischen Menschenkind, das in seiner kindlichen Vorstellung von Liebe und Ewigkeit immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt ist, bis das Hirn erschüttert und die Haut abgeplatzt war. Vielleicht gestehe ich eine gewisse geistige Umnachtung zu, die dieser Lebensphase inmitten von Kindererziehung und Hormonen vor allem dem großen WeiterWeiter unterworfen wurde, nicht so sehr dem eigenen Anspruch an Glück. Oder Sichtbarkeit. Oder so etwas albernem wie … Respekt?

Der Sarkasmus schützt nicht vor dem Schmerz. Dem, der heute zerreißt, was damals schon unerträglich war.

Sich in der wichtigsten Frage seines Lebens womöglich grundlegend geirrt zu haben.