Das tote Pferd

Das Nachtragen zieht sich. Etwas über 900 Blogeinträge sind es inzwischen und ich möchte gar nicht nachsehen, wie viele noch fehlen, die dichten Jahre kommen erst noch.

Ich sehe beim Übertrag dieselben Texte, die ich auch heute schreibe. Ekel tropft auf die Tastatur. Verachtung ebenfalls. Nachsicht feudelt etwas fahrig darüber und wischt vieles davon mit dem Tuch der Erkenntnis weg. Aber so richtig sauber wird sie nicht mehr.

Ich kann nicht behaupten, die Vorzeichen wären nicht dort gewesen. Ich lese sie schließlich. Schwarz auf Weiß. Na gut, so ein depressionsblaues Dunkelanthrazit auf Weiß, wir wollen korrekt bleiben, ich hab die Farben ja selber ausgewählt. Was fehlte, war entweder die Weisheit oder die Lebenserfahrung oder die Abwesenheit von Hoffnung, wer weiß das schon. Ich habe nur wenig Mitleid mit dem närrischen Menschenkind, das in seiner kindlichen Vorstellung von Liebe und Ewigkeit immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt ist, bis das Hirn erschüttert und die Haut abgeplatzt war. Vielleicht gestehe ich eine gewisse geistige Umnachtung zu, die dieser Lebensphase inmitten von Kindererziehung und Hormonen vor allem dem großen WeiterWeiter unterworfen wurde, nicht so sehr dem eigenen Anspruch an Glück. Oder Sichtbarkeit. Oder so etwas albernem wie … Respekt?

Der Sarkasmus schützt nicht vor dem Schmerz. Dem, der heute zerreißt, was damals schon unerträglich war.

Sich in der wichtigsten Frage seines Lebens womöglich grundlegend geirrt zu haben.

Etikettierung

Manchmal erfordert es weniger inneren Widerstand, sich den Stempel des Versagens auf die Stirn zu stempeln als sich der unbequemen Tatsache zu stellen, dass man in jeder Sekunde seines Lebens Handlungsmacht besitzt und diese dann auch anzunehmen, statt in der selbstherrlichen Vermaledeiung seines Charakters zu verharren und alle aktiven Handlungsentscheidungen zugunsten des passivem Ergebens in das eigene Schicksal beiseite zu schieben.

So bin ich halt, was soll ich tun?

[Gebenedeit sei die Demut, den inneren Mechanismen immer noch die andere Wange hinzuhalten, wenn man schon längst hättest aufstehen und gehen können.]

Allein mit mir

Ich habe einen solchen Drang danach, mit mir allein zu sein. Einfach nur zu sein. Nur ich und das Universum all meiner Gedanken, Gefühle, Visionen, Erinnerungen. Ich lasse mich in der nachtschwarzen Kälte unterm Sternenhimmel warm von der Ewigkeit umfangen und bin.

Und dann stehe ich dort in der Stille der Nacht, atme den Wind und lass meine Seele weit werden.

Nichts bleibt, alles bewegt sich. Gedanken ziehen vorbei, kreisen, zögern, fließen, wirbeln. Emotionen wallen, schwappen, dunklelblau, tiefrot, hell, dunkel, strahlend weiß und klebrig schwarz, zerfasern, fluten mich mit Schmerz und Euphorie, alles, immer, gleichzeitig.

In mir kämpfen Fluchtimpuls und Faszination einen ungleichen Kampf, doch das alles hier bin ich. Gut und Böse, Ja und Nein, Leben und Sterben, Hingabe und Führung, Lust und Langeweile, Vergangenheit und Zukunft, Trauer und Freude, Bleiben und Gehen, Sein und Werden.

Satt.

Bersten

Ich zähle nicht mehr die gebrochenen Versprechen, ich zähle die Male, die sich die Wunde des Ungeliebtseins Millimeter um Millimeter weiter schließt. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist eine kompromisslose Rückkehr zu selbstwirksamer Stärke, die nicht am Verhalten eines anderen Menschen hängt, weil sie weiß, dass sie sich selbst genügt.

Und je weiter ich einen Pfad in diese Wildnis schlage, umso weiter wird der Riss in der steinernen Hülle in mir, die den Lavastrom aus Kreativität, Lust, Schaffensdrang und Lebendigkeit bändigt. Ich spüre, wie sie förmlich birst und diese grenzenlose Energie aus mir herausbricht.

Ich habe in diesem Jahr keine einzige Stunde im Garten gearbeitet. Zu schmerzhaft, dem Wachstum beizuwohnen, das ich in mir nur so mühsam unter Kontrolle halten kann, um nicht zu weit vorauszueilen. Um zu warten, dass ein Anderer bereit ist. Ich konnte es schlicht nicht ertragen, ich will das Entfalten von Lebendigkeit nicht bezeugen, wenn ich es in mir beschneiden muss.

Es ruft. Die Kreativität. Das Klavier. Der Garten. Das peitschende Verlangen, etwas Neues auszuprobieren, zu scheitern, zu triumphieren, den Schmerz des Versagens zu fühlen, sich der Lust zu ergeben, die jeder Sieg über sich selber durch den Körper laufen lässt.

Ich bin noch da. Ich stehe. Nach all der Zeit.

Ich stehe noch.

Von der Liebe

Für mich ist Liebe die moralische Verpflichtung zu Wahrheit, Echtheit, Loyalität, Verantwortung, Treue und dem täglichen bewussten Entscheiden füreinander.

Ich messe Liebe daran, ob sie sich in Handlung verkörpert: In Schutz, Fürsorge, Initiative, Aufrichtigkeit, Begehren, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten auszuhalten.

Liebe darf schwer sein. Ich lebe Liebe als eine radikale Form innerer Beteiligung. Ich bin viel, ich bin intensiv und wenn ich liebe, dann mit ganzer Bindung, bedingungsloser Loyalität, absoluter Wahrheit und dem Anspruch, meinen Gefährten nicht nur zu begleiten, sondern ihm zur Seite zu stehen.

Ehe heißt auch Zumutung. Ich mute mich dir zu. Vollständig. Mit Schuld, Angst, Scham, Begehren, Verletzlichkeit und allen daraus folgenden Konsequenzen.

Das ist mein Maßstab.
Das fülle ich mit Leben.

Ich werde mich für nichts Geringeres mehr entscheiden.

666

Inzwischen 666 Blogeinträge nachgetragen und etwas geschmunzelt, als ich ohne Kenntnis des Zählerstandes heute Nacht um halb 3 mal wieder beschlossen habe, dass es für den Tag reicht.

Zäh tropfen die Gedanken durch das Sieb der Erinnerung.

Jeder Blogeintrag das Tor zu einer alten Welt, die durch Verarbeitung so taub wurde, dass sie eingebettet in den gnädigen Nebel der Vergangenheit in der Gegenwart schon längst nur noch leise puckert, nicht mehr pulsiert.

Und nun muss der Neocortex mit Unbehagen genau dort eintauchen, wo Hippocampus und Amygdala als ungleiche Zwillinge bewahrt haben, was sich heute längst nicht mehr so heiß anfühlt wie es damals in Worte geflossen ist.

Und doch bin ich da. Unvermögen, mich mir selbst zu entziehen. Ja, da bin ich. Da war ich. Ich sehe mich.

Ich sehe, wie gnadenlos ich die Arbeitshypothese verteidigt habe, ich sei zu viel, verlange zu viel, stelle mich an, sei zu empfindlich, müsse mich nur mehr anstrengen, besser funktionieren…
Und sehe auch so deutlich, in welch körperlicher und seelischer Agonie ich mich damals befand, auf weiter Flur einfach nur allein. Für Dinge dankbar seiend, die niemals etwas anderes als selbstverstänlich hätten sein dürfen.

Ich bin wütend für diese junge Frau. Auf diese junge Frau. Will sie schütteln, will sie tragen, will sie schützen, will ihr versichern, dass sie nie falsch war. Dass die Dinge über jedes Maß der Erträglichkeit hauptsächlich von ihr getragen, organisiert, orchestriert wurden.

Will ihr zurufen, innezuhalten. Will ihr zuflüstern, dass sie ihr Licht nicht kleiner machen muss. Will sie anbrüllen, sich nicht selbst zu verraten. Will ihr die Augen öffnen, will sie zwingen, anzusehen, was sie verleugnet hat und doch wusste.

Weine meine Tränen heute ohne Scham um all den Schmerz, den sie mal laut, mal leiser ertragen hat, aber immer ungehört. Möchte sie behutsam in Geborgenheit für einen Moment die Augen schließen lassen, um Kraft zu sammeln, die sie in den nächsten Jahren bitter nötig haben wird, ohne das nun wissen zu können.

Es wäre so einfach gewesen.

Und wäre ich dann noch, wer ich jetzt bin? Müßig.

Es ist wie es ist.

Schwach.

Einer muss da bleiben.
Einer muss Präsenz zeigen.
Einer muss weitermachen.
Einer muss Kraft aufbringen.
Einer muss über seine Grenzen gehen.
Einer muss für die Kinder da sein.
Einer muss sich selbst verraten.
Einer muss sich kümmern.
Einer muss es tragen.
Einer muss kochen.
Einer muss lächeln.
Einer muss reden.

Einer muss den Preis zahlen.

Der Neocortext

Ich merke, wie ich inzwischen schon weit vor Anblick der Eingabemaske nach Worten ringe, die nicht dem Verstand, sondern dem Gefühl entspringen.

Ich lese mich durch die vergangenen Jahre und Monate und merke, wie die Fähigkeit, die Amygdala sprechen zu lassen und allein die Worte im Neocortex zu formen, sich Tag um Tag zugunsten eines komplett anderen Schreibstils zurückzog und bewundere dieses wortreiche aber gefühlsarme Konstrukt aus Hypothese, These, Antithese und Thesaurus in all seiner farblosen Pracht ohne es zu ermutigen, sich häuslich in meinem Schreiben niederzulassen.

Wenn Schreiben nicht mehr Ausdrucksform ist sondern ein Plädoyer der Verteidigung wird, dient Schreiben nicht mehr dem Ich sondern dem Du.