Gegenseitigkeit

Ich nähere mich dem Punkt, an dem ich Beziehung nicht mehr als Verpflichtung sehe, dem anderen generell alles von mir zur Verfügung zu stellen.

Denn wenn ich mal ehrlich bin, resultiert ein Gutteil meiner Ent-Täuschungen daraus, dass die Illusion verschwindet, dass mein Gegenüber mir etwas geben kann, was ich will oder brauche, er dazu aber einfach entweder nicht willens oder in der Lage ist – fürs Auskommen macht das zunächst erst mal keinen Unterschied.

Wenn ich aber immer nur weiter investiere, reguliere, organisiere, initiiiere ohne etwas Gleichwertiges zurückzuerhalten, findet Begegnung irgendwann kein Echo mehr.

Fehlende Resonanz macht auf Dauer mürbe.

Schaffe ich es hingegen, die Ebene zu definieren, auf der der andere mir begegnen kann oder möchte, kann ich einen Raum durch Gegenseitigkeit schaffen. Das bedeutet zwar für mich unter Umständen weniger Tiefe, aber eben auch weniger Ent-Täuschung, wenn ich den Anspruch in Form von Erwartung schon längst definiert habe.

Jemandem so zu begegnen, wie er es vorgibt, lässt nur wenig Raum für überhöhte Ansprüche und mehr Energie für Investition in Beziehungen, in denen mein Gegenüber ähnlich tief in den zwischenmenschlichen Resonanzraum eintauchen möchte wie ich.

Der Blick in den Abgrund

Es ist vermutlich über die Jahre hinweg leicht, sich einzureden, alles sei in Ordnung, solange der Partner keine schmerzhaften Konsequenzen zieht. Wenn immer nur gebeten, geredet, erklärt und schlussendlich dann doch wieder co-reguliert wird, damit nicht Harmonie der Preis dessen wird, was man lange als fast unbotmäßige Forderung erklärt bekam.

Liegt die Enttäuschung meines Gegenübers also in meiner Verantwortung, wenn ich mir zum ersten Mal erlaube, die Maske fallen zu lassen? Wenn ich mich selbst und meine gar nicht so unbotmäßigen Bedürfnisse ernst genug nehme, um verhindern zu wollen, dass ich noch weiter in meine Bestandteile zerfalle? Wenn ich mir selber glaube, dass ich Mangel leide? Emotional verhungere? Inzwischen so viel Angst habe, in nächster Notlage wieder allein gelassen zu werden, dass alle alten Mechanismen wieder wie Wärter vor meinen Toren stehen, bereit, das letzte Feld Verletzlichkeit zu schützen, das ich mir noch erhalten konnte?

Nein. Ich glaube nicht.

Man erntet, was man sät. Sich über Jahrzehnte der Weiterentwicklung zu verweigern, weil man so bequem und sanft gebettet im Schoß eines anderen Menschen liegt, der nachhaltig und konsequent kommuniziert hat, dass er daran zugrunde geht, war eine Entscheidung.

Kipppunkt

Ich kenne diesen Moment. Ich kenne das Gefühl, das mich erfasst, wenn ich einen Kipppunkt überschritten habe. Das Adrenalin, die Erleichterung, die Trauer, die Wut, der alles verschlingende Schmerz und die treibende Kraft, sich jetzt in Bewegung zu setzen, weil das, was mich zurückgehalten hat, nur noch an so dünnen Fäden hängt, dass sie mich nicht mehr wirklich zurückhalten können.

Von außen mag das oft so aussehen, dass es leicht ist. Was niemand sieht, sind die Jahre Transformation in Agonie, die ich bereits im Stillen durchlitten habe. Die Arbeit, die ich bereits hinter mir habe, ohne mich zu bewegen. Die Jahre, in denen ich ausgeharrt habe, um keine überhastete Entscheidung zu treffen, meine schmerzhaftesten inneren Prozesse durchdenkend und durchlebend.

Und dann ist es kein Blitz der Erkenntnis, kein donnernder Paukenschlag, kein göttliches Licht. Es ist tiefes inneres Wissen, dass der Punkt erreicht ist, an dem sich nichts mehr ändert.  Es ist der Moment absoluter Trauer und absoluter Freiheit gleichermaßen, wenn ein Abschnitt des eigenen Lebens unwiderruflich zuende geht.

Neomygdala

Ich merke es ja selber, dass ich angefangen habe, die wirklich wichtigen Texte mit dem Kopf zu schreiben. Das Gefühl ist verschüttet unter einem Berg von Ignoranz, Verrat und der immerwährenden Angst, verlassen zu werden, wenn es wirklich drauf ankommt. Wenn ich mich diesem Gefühl ergebe, dann gebe ich endgültig auf. Also flüchte ich von der Amygdala in den Neocortex.

Pure Ironie, wenn man bedenkt, dass Überleben eigentlich nur andersherum funktioniert, aber vielleicht ist das die nächste Stufe der Evolution im Allgemeinen: Nicht mehr fühlen, mehr denken. Wenn wir in einer Welt leben, in der wir alles erklären können, müssen wir nicht mehr verletzt sein. Es würde überhaupt keinen Sinn mehr machen.

Also zerre und trete ich meine Themen von den Tränen weg in den Intellekt und zwinge sie noch zappelnd zur Obduktion. Mit akademischer Präzision seziere ich das Gefühl in seine Bestandteile, bis es keinen Bestand mehr haben kann.

Zerfaserung zugunsten der Zweifel.

In dubio pro dubio, quasi.
Wer nicht mehr fühlt, kann lauter denken.

Reis mit Ratatouille

Ich merke sehr deutlich, dass sich jemand um mich kümmern muss. Und ich weiß, dass ich dieser Mensch bin. Und natürlich kann ich mich selbst versorgen, ich kann mich selbst regulieren, ich kann alles überleben, das habe ich nachhaltig und oft genug bewiesen. Aber dass ich es kann, bedeutet nicht zwingend, dass es nicht schmerzhaft ist, es immer wieder selbst tun zu müssen. Ich möchte gerade nicht stark, reflektiert, selbstwirksam oder kompetent sein. Und vor allem möchte ich keine anderen Menschen regulieren müssen. Ich möchte keine Entscheidungen treffen und ich möchte von anderen Menschen nicht ihre Unsicherheiten aufgebürdet bekommen, die ich managen muss, weil sie nicht in der Lage sind, die kleinsten Dinge zu regeln. Sie könnten ja was falsch machen. Vielleicht möchte ich einfach mal erleben, dass jemand wirklich und wahrhaftig fühlt: Dieser Mensch da, Kati, ist vollkommen am Ende. Ich verlange nichts. Ich nehme ihr im Gegenteil einfach etwas ab, ohne Grenzen zu verletzen oder zu überschreiten. Ich mache nun genau das, was ihr gut tut, so dass sie heilen und ruhen kann.

Ich bin müde. Ich weiß, dass das für mich gerade nicht existiert.

Ich bin nicht mal mehr wütend, ich bin einfach nur noch erschöpft und müde.

Es war einfach zu viel, zu lange.

Ich habe nichts mehr. Und vielleicht ist es heute meine größte Leistung, dass ich mir selber Reis und Ratatouille gekocht habe und es jetzt essen werde. Was Warmes im Bauch, das mich an heiße Sommernächte in Frankreich erinnert, an den Duft der Pinien, das Rauschen des Meeres und an eine Zeit, in der ich noch von meinem Leben geträumt habe.

Mein Nein ist ein Nein.

Mein Nein ist eine klare Grenze.

Kein Gesprächsangebot, keine Verhandlungsbasis, keine Aufforderung, die eigene Position noch überzeugender darzulegen.

Mein Nein ist ein Nein.

Wird ein Nein immer wieder so behandelt, als sei es lediglich der Beginn einer Diskussion, verändert sich etwas Grundlegendes in dem Menschen, der es immer wieder aussprechen muss.

Denn plötzlich reicht es nicht mehr, seine eigene Grenze zu kennen und klar zu benennen. Man muss sie begründen, verteidigen, erklären, legitimieren. Aus „Ich möchte nicht“ wird „Ich möchte nicht, weil…“ und hinter diesem weil beginnt eine schier unsägliche und unendliche Beweisführung darüber, warum das eigene Empfinden zählen darf.

Das Erschöpfende daran ist nicht eine einzelne Diskussion. Nicht mal 10. Oder 100 im Laufe der Jahre. Es sind die tausend kleinen alltäglichen Grenzverhandlungen. Jedes Nein kostet Kraft, weil es nicht einfach stehen bleiben darf. Für einen Menschen, der sich sehr schwer damit tut, sich überhaupt abzugrenzen, umso mehr. Jeder Rückzug braucht Erklärung. Jedes Unwohlsein muss nachvollziehbar gemacht werden. Und jede Erklärung, jede Diskussion eröffnet wieder ein akademisches Gespräch über ihre Schwachpunkte: Ist der Grund für mein Gegenüber ausreichend? Könnte man es auch anders sehen? Oder handhaben? Wäre ein Kompromiss möglich? Hast du bedacht, wie es mir damit geht?

Die Grenze selbst verschwindet dabei fast automatisch in der Diskussion über ihre Berechtigung.

Für mich als grenzsetzende Person entsteht ein wahrhaft paradoxer Zustand: Ich habe theoretisch das Recht, Nein zu sagen, weiß aber, dass dieses Nein mich danach kostet. Mein Gegenüber muss diese Grenze nicht mal brechen, um sie zu missachten. Es genügt, sie so lange durch nagende Gespräche darüber zu bearbeiten, bis ihre Aufrechterhaltung anstrengender wird als ihre Aufgabe. Damit wird aus Kommunikation Erosion. Nicht durch Lautstärke, Drohung oder Zwang, sondern durch permanente Beharrlichkeit und Infragestellung. Mein Nein wird gehört, aber nicht als Endpunkt.

Der Körper lernt diese Dynamik schneller als der Verstand. Irgendwann löst jede harmlose Nachfrage Anspannung aus. Ein harmloses „Warum“ trägt die Last von Jahrzehnten Infragestellung meiner Grenzen. Meine Reaktion gilt dann nicht mehr nur diesem Satz. Die gilt all den Grenzen, die ich zuvor schon zu Tode erklären oder verteidigen musste. All den Momenten, in denen mein Nein nicht genügte. All der Energie, die ich dafür aufbringen musste, mein eigenes Innenleben gegen den Zugriff eines anderen Menschen zu verteidigen. Das ist eine Form von psychischer Gewalt.

Darum werden Reaktionen irgendwann unverhältnismäßig. Scharf und schnippisch, wo man früher erklärt hätte. Wütend, wo man früher geduldig war. Müde, wo man früher Verständnis gehabt hätte. Man bricht Gespräche ab, zieht sich zurück, geht aus dem Raum, verweigert sich und jede weitere Begründung, weil es die letzte verfügbare Form von Selbstschutz ist, die einem noch bleibt, ohne anzugreifen. Und irgendwann bleibt nur noch Distanz, weil man sich selbst nur noch dort sicher erlebt, wo niemand versucht, die eigenen Grenzen zu verhandeln.

Erschöpfung

Ich will mir heute erlauben, einfach müde zu sein. Müde vom Leben. Müde vom Kämpfen. Und vor allem müde vom Erklären. Ich bin hier unmerklich dazu übergegangen, genau das zu tun, was im Alltag immer wieder von mir gefordert wird. Mich zu erklären, damit ich verstanden werde. Und ganz ehrlich? Ich bin müde davon. Ich will mich nicht mehr erklären. Ich will nicht mehr nur ausreichend genaue Worte für meinen Schmerz finden müssen, damit ich gesehen werde.

Ich will sagen können: Das tut mir weh. Und nicht hinterher eine Abhandlung darüber liefern müssen, warum es mir weh tun darf.

Ich will sagen können: Nein. Das will ich nicht. Und nicht meine Grenze nicht nur objektiv in ihrer Angemessenheit beweisen, sondern sie auch noch verteidigen müssen.

Ich will sagen können: Ich brauche das. Und nicht erklären müssen, warum ich das brauche, ob ich auch mit einem Kompromiss zufrieden bin oder mich darum zu kümmern, dass es jemand anderen verletzt, dass ich diese Bedürfnisse habe.

Ich will weinen dürfen und niemandem erklären müssen, dass ich getröstet werden will.

Ich habe so viele Worte in mir und doch erreicht keines davon sein Ziel. Meine Worte und meine Sprache haben sich grausam gegen mich gewandt. Es reicht nicht mehr zu sein, ich muss mich auch erklären, damit ich gültig werde.

Meine Empfindung braucht die Legitimation meines Gegenübers, damit sie validiert werden kann.

Und davon bin ich müde. Erschöpft. Ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mehr reden.

Um gesehen zu werden, sollte man sich intellektuell nicht perfekt erklären müssen. Und heute ist einfach alles zu viel. Heute tut einfach alles weh.

Resonanz

Ich bin nachdenklich. Ich habe mich intellektuell und psychologisch fundiert daran abgearbeitet. Jetzt kommt der schwierigere Teil: Ich muss aushalten, es auch zu fühlen.

Ich habe mehreren Menschen ein ungewöhnlich persönliches Geschenk gemacht. Ich habe unfassbar viel Liebe, Zeit, Aneignung von Fähigkeiten und persönliche Tiefe investiert. Und auf  genau diese Bewegung meinerseits kam von diesen Menschen kein Echo zurück.

Ich darf das registieren und ich darf diesen Schmerz benennen.

Ich weiß, dass ich nichts Großes erwarte. Keine Überschwänglichkeit, kein großes Trara, keine ausformulierte Dankbarkeit, aber Resonanz. Irgendetwas.

Das können Worte sein, natürlich, aber jede überhaupt erst einmal vorhandene Reaktion kann diese Resonanz zeigen und damit Verbindung schaffen.

Denn letztendlich habe ich Verletzlichkeit gezeigt. Zuneigung, emotionale Offenbarung. Das ist nicht nur ein Geschenk, das ist auch Beziehungsangebot. Und nach eineinhalb Wochen wortlosem Schweigen muss ich nicht so tun, als wäre mir das egal.

Die falsche Selbstverständlichkeit

Es gibt Erkenntnisse, die lassen sich Zeit. Eine davon ist die für mich bislang unsichtbare Differenz zu anderen Menschen, die in der Annahme liegt, andere Menschen verfügten grundsätzlich über dieselben inneren geistigen Operationen wie ich selber – vielleicht unterschiedlich ausgeprägt oder unterschiedlich konsequent genutzt, aber prinzipiell vorhanden. Und was mir heute wie ein Brett vor dem Kopf erscheint, das ich jahrelang ostentativ vor mir hergetragen habe, zerbrach gestern splitternd in der Erkenntnis, dass zwei Menschen mit denselben Begriffen völlig unterschiedliche innere Vorgänge meinen können.

Für mich war Veränderung nie etwas, das geschieht. Worauf man wartet. Veränderung ist etwas, das ich tue. Reflexion bedeutet nicht nur, Vergangenes zu verstehen, sondern aus Verstandenem auch zukünftige Handlung abzuleiten. Ich beobachte mich, ich zerlege Situationen, suche den Moment, in dem mein Mechanismus übernommen hat, entwerfe Alternativszenarien, spiele alle nur denkbaren Begegnungen und Handlungsoptionen im Voraus geistig duch, bereite mich auf schwierige Situationen vor. Jeden Abend vorm Einschlafen, jeden Morgen beim Aufwachen. Ich scheitere, ich analysiere mein Scheitern, ich gehe erneut los. Nicht erst, wenn ich etwas kann, sondern gerade dann, wenn ich es noch nciht kann. Übung ist die einzige Brücke zwischen Nichtkönnen und Können.

Wenn diese Form aktiver Selbstmodifikation über Jahrzehnte zur selbstverständlichen geistigen Grundhaltung geworden ist, erscheint sie nicht mehr als besondere Fähigkeit. Sie erscheint mir inzwischen als Normalität, wenngleich ich mir durchaus bewusst bin, wie schwierig es ist, meinen tiefsitzendsten Mechanismen zu begegnen. Aber kneife ich? Nein. Deshalb löst der Satz „Ich kann nicht“ in mir so oft kein Mitgefühl aus, sondern Widerstand. Denn in meiner inneren Übersetzung gibt es diese Variante nicht. Es gibt ein „Ich kann das noch nicht gut“ und darauf folgt automatisch: Beobachten, denken, suchen, probieren, scheitern, anpassen, versuchen, usw.

Ein „Ich kann nicht“, das sich selbst zum Endpunkt erklärt, ist meinem Denken fremd.

Ich habe viel darüber nachgedacht. Vielleicht fasst es mich deswegen so hart an, weil es an einer meiner elementarsten Überlebensleistungen rüttelt. Ich konnte mir meine Ausgangsbedingungen nicht aussuchen. Ich habe Mechanismen, Verletzungen, Angst und automatisierte Reaktionen, die aus einer lieblosen Kindheit mit sexuellem Missbrauch durch meine Mutter und ihren Vater, aus systematischer Folter durch meinen eigenen Vater, Hunger, Durst, Gewalt, Vernachlässigung, und absolute Unvorhersehbarkeit in dem, was als nächstes passiert, Tag oder Nacht, resultiert. Ich habe nie Urvertrauen entwickelt, ich habe von meinen Eltern weder Liebe noch Zärtlichkeit noch Schutz erfahren, ich wurde die ersten 15 Jahre meines Lebens so behandelt und körperlich, seelisch und geistig terrorisiert und misshandelt. Ich bin dabei in tausend Stücke zersplittert und ich bin in meinem Innersten die Quintessenz eines weinenden kleinen Mädchens, das panisch in einer Ecke kauert und nur für einen kleinen Moment in Sicherheit liebgehabt werden will. Ich wollte nie irgendetwas anderes.

So kann man aber kein glückliches Leben führen. So kann man kein Erwachsener werden. So kann man nicht selbstwirksam sein.

Mein Leben besteht also seit Jahrzehnten aus der täglichen harten Scheißarbeit, meiner Vergangenheit und meinen Mechanismen keine Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer ich bin und sein werde. Selbstwirksamkeit war nie eine abstrakte philosophische Betrachtung, sondern existenzielle Notwendigkeit. „Ich kann das noch nicht“ bedeutete deswegen auch niemals: „Dann geschieht es jetzt wohl auch nicht“. Es bedeutete immer: „Hier ist deine Arbeit.“

Einem Menschen gegenüberzustehen, der tatsächlich anders agiert, erschüttert vermutlich deshalb mehr als nur mein Bild von ihm. Es erschüttert meine bislang unausgesprochene Überzeugung: Das Werkzeug, mit dem ich mein Leben bearbeite, liegt auch in seinem Werkzeugkasten, er muss nur hingreifen.

Und wenn ich zulasse, dass diese Grundannahme erschüttert wird und auf dem Prüfstand steht, dann muss ich zulassen, dass denkbar wird, dass sein „Ich kann nicht“ subjektiv wesentlich wahrer ist, als ich ihm zugestanden habe.

Wenn jemand reflektieren, analysieren und erkennen kann, daraus aber nicht die nächste Aktion ableiten kann, dann fehlt zwischen Einsicht und Veränderung genau die Brücke, deren Existenz ich bislang als vorhanden vorausgesetzt habe. Aber mein Gegenüber steht möglichgerweise tatsächlich vor seinem eigenen Verhalten und erlebt Hilflosigkeit. Nicht zwingend, weil Veränderung unmöglich wäre (denn das ist sie, das ist etwas, das ich bis zuletzt verteidigen werde), sondern weil ihm genau jene inneren Prozesse fehlen, mit denen man weitergehen kann.

Ich muss also anerkennen, dass jemand in diesem Augenblick tatsächlich nicht über dieselben Möglichkeiten der Selbststeuerung verfügt wie ich (und das stachelt auch beim Schreiben noch stark in mir hoch). Dass mein scheinbar selbstverständliches „Dann üb es!“ für mein Gegenüber bereits eine Kompetenz voraussetzt, die erst erworben werden müsste. Und noch weitergedacht: Menschen können erkennen und trotzdem nicht handeln. Sie können leiden und trotzdem verharren. Sie können Veränderung wollen und dennoch nicht wissen, wie man aus Wollen Praxis macht. Sie können sogar auf Veränderung warten und nicht begreifen, dass sie aus ihnen selbst entstehen muss.

Vielleicht liegt darin die schmerzhafte Härte dieser Erkenntnis. Solange ich noch davon überzeugt war, der andere verfüge über dieselben inneren Möglichkeiten wie ich, konnte ich wütend bleiben. Wut macht handlungsfähig. Sie sagt: Mach. Du kannst. Du musst es nur wollen. Darin steckt vor allem Hoffnung: Wer sich nur endlich genug anstrengt, kann alles verändern.

Die Anerkennung dessen, dass in anderen Menschen dort eine Begrenzung ihrer Möglichkeiten existiert, nimmt dieser Hoffnung alle Illusion. Denn dann steht dort kein Mensch mehr, der nur durch die richtige Form von Motivation zum Handeln gebracht werden muss. Dann steht dort ein Mensch, der diese Fähigkeiten erst entwickeln müsste, aber ob er sie entwickeln wird, wie lange das dauert, wie weit er damit kommt und ob er das überhaupt durchhält, entzieht sich völlig meiner Kontrolle.

Das erzeugt schlussendlich dann doch Mitgefühl, aber anders als früher. Ich verliere die Gewissheit, dass Entwicklung zwangsläufig stattfinden müsse, wenn Einsicht, Leidensdruck oder Liebe nur groß genug sind. Aber das muss sie wohl nicht. Und daraus resultiert auch folgende Selbsterkenntnis: Ich muss dein Nichtkönnen moralisch nicht länger in Nichtwollen übersetzen, um meine eigenen Grenzen legitimieren zu dürfen.