kleine Schritte

Heute ist einer der Tage, an denen ich mich frage, warum ich nicht den anderen Weg gegangen bin. Keine Familie, keine sozialen Kontakte, Betreuungsverhältnis, Arbeitsunfähigkeit, Rente.

Schon wenn ich es schreibe, spüre ich, dass das niemals mein Weg hätte sein können, weil ich trotz aller Dämonen und aller Nächte wie diese wieder eine war ihnen niemals zugestehen würde, mich auch nur ansatzweise offiziell beherrschen zu dürfen.

Ich KANN ein normales Leben führen, ich bezahle für Kinder und Mann und den Zwang, nach draußen gehen zu müssen einen enorm hohen Preis, doch für mich gibt es schlicht keine Alternative. Niemals. Jeder Tag ein neues Trauma, doch jeder weitere Tag, den ich aufstehe, mich berühren lasse, körperlich, geistig… ohne schreiend davon zu rennen gleichzeitig ein Triumph über die Panik, die Angst- und Beklemmungszustände, den Schmerz, die Trauer.

Wehmut

Was habe ich denn nur erwartet?
Offene Arme?
Die Beteuerung, mich zu lieben und ohne mich nicht leben zu können?
Meinen Schmerz zu verstehen, wenn ich ihn äußere und ihn nicht wieder wegzuerklären?

Ich Narziss.

Gefangene meiner eigenen Eitelkeit, gefesselt an die erfundenen Bilder meines in mich selbst verliebten Gehirns.

Mein größtes Laster ist wohl die Kopflosigkeit des Herzens, jene, die mir mehr Schwierigkeiten bereitet denn Vorteile bringt, weil die anderen einfach absteigen, wenn das Pferd tot ist, während ich noch obenaufsitze und den Gaul anschreie, gefälligst wieder aufzustehen – zu verliebt in die Idee, auf eben genau diesem Tier in den Sonnenuntergang zu reiten, Zeit und Wegstrecke verlierend, weil ich nur mich sehe.

Aber auch das prachtvollste Tier wird hässlich, wenn es in zu großer Hitze schlussendlich verrottet.

[Und während ich mich meinen rosafarbenen Kleinmädchenträumen hingebe, versetzen zwei kleine Worte dem Herzen den finalen Todesstoß. Idiot. Ich.]

Humpel ich eben allein in diesen beschissenen Sonnenuntergang.

Willkommen.

Sie ist mir die liebste Begleiterin meines Lebens.

Seidig dichte, verführerisch weiche tragende Melancholie, die mich in den Himmel hebt und seufzend in die Hölle hinabschauen lässt.
Geborgenheit für die Seele.
Glückselig trauernd.

Gedanken als leises Glucksen eines schweren Herzens.

vergangen [Anne]

Habe es gestern gelesen, durch Zufall nur.

Ich dachte, ich hätte alles gelöscht.
Jedes Wort, jedes Bild.

Und da war er, der Sicherungsordner, der mir einen Strich durch meinen Schlussstrich machte.
Dort war jedes Bild, jedes Wort, jede Emotion, die wir jemals austauschten.

Und ich begann zu lesen.

Zu sehen.
Zu spüren.
Zu verstehen.
Manchmal ist die Wahrheit so einfach.

Beinahe hätte ich gelacht, wenn ich nicht schon geweint hätte.

Wege

Manchmal ist die Last, die Verantwortung für all diese Leben zu tragen, fast untragbar.

Es ist nicht mal nur das Hier und Jetzt, es ist das Paket, das für die Zukunft geschnürt wird.

Die Erinnerungen, die sie weit über meinen Tod hinaus mit in ihr Leben nehmen werden, die Erfahrungen, die ich ihnen ermöglichen kann, will, darf, auf die sie in etlichen Jahrzehnten zurückblicken werden, die sie mit sich tragen und vielleicht weitergeben werden, die sie vorbereiten, sie bereichern, ihren Weg erleichtern können…

Manchmal möchte ich einfach nur einen Eimer mit Sand für meinen Kopf haben.

Traurigkeit

Wenn ich so lese, was ich lese, scheint es gar nicht so besonders gewesen zu sein, was wir miteinander erleben, fühlen, tun, lieben, sind… wenn andere Eindrücke diesem Wunder Platz machen müssen.

Einbildung meiner Fantasie. Nicht dass man noch die eigene emotionale Durchschnittshöhe verlassen muss.

Einsamkeit auf ganzer Linie. Alltag. Weiter.

Traumwelten

Der Traum von Opa kommt mir nicht vor wie der Beginn einer langen erfüllenden großartigen mystischen Dieseits-Jenseits-Beziehung. Es fühlt sich eher nach einem Abschied an.

Seit ich gestern nachmittag erwachte und völlig gelähmt in mich hineinlauschte, ob er da irgendwo ist, ob etwas in mir klingt, wo ich so lange gesucht, gehofft, gelauscht, geschrieen, beschimpft, gewütet, verzweifelt habe… ist das Gefühl beinahe übermächtig, dass es das nun war.

Mein erster Impuls war, seine Nummernschilder von der Wand zu nehmen. Ich brauche sie jetzt nicht mehr als Erinnerung, war das Gefühl. Heute starre ich ständig das Schloss an, das an der Garage hing, seit ich denken kann. Ich weiß gar nicht, wo es liegt, aber ich sehe es heute ständig.

Das wars?, möchte ich ihn anfahren und ich weiß irgendwie, es wird keine Antwort mehr kommen. Ich habe doch jetzt über drei Jahre gewartet und jeden Tag… und dann soll jetzt alles vorbei sein?

Soll ich nun aufgeben?

Aber, es fühlt sich gar nicht wie aufgeben an. Es fühlt sich … abgeschlossen an, seit gestern. Gut. Rund.

Aber … das war es nun?

Schweiß, kalt.

Es ist immer nur dieser eine Moment in Endlosschleife, in dem man erkennt, dass sie gar nicht vorhaben, dich zu töten.

Wenn dir – hilflos angebunden, bewegungsunfähig, blutend, verzweifelt, schon lange nicht mehr weinend, mit aller Konsequenz bewusst wird, dass sie dich nicht erlösen werden, sondern dich am Leben lassen werden um dir diese Dinge antun zu können so lange sie wollen … wenn der Geist diesen einen klaren Gedanken in eiskaltem Entsetzen als den Letzten zulässt, bevor er die Seele in zwei Hälften spaltet, um am Leben zu bleiben.

Immer und immer wieder…
Wenn die Seele aufhört zu schreien.

Ausharren

Ich habe früher ständig (>6 pro Jahr) Mittelohrentzündungen gepaart mit vereiterten Mandeln gehabt und musste das allein und ohne Schmerzmittel aussitzen.

Mehrere Tage und besonders Nächte lang bis mein Körper den Kampf gewonnen hatte. Mein Jammern, Weinen oder Schreien wollte niemand hören und das wurde auch so kommuniziert.

Ich stand oft als Kind nachts um zwei, drei, vier Uhr in der Küche – jedes Schlucken tat mir weh, jede Bewegung schoss direkt ins Innenohr – und habe mir eine warme Milch auf dem Herd gemacht. Oder einen Kakao. Allein, leise, immer darauf bedacht, meine Mutter oder meinen Vater nicht zu wecken.

Diese starken Mittelohrentzündungen gehören zu den schlimmsten Schmerzerinnerungen meiner Kindheit, auch heute sind Ohrenschmerzen noch ganz oben auf meiner „fiese-Schmerzen“-Skala.

Und so leide ich doppelt mit, wenn eines der Kinder nun gerade Ohrenschmerzen hat. Aktuell das Baby, das heute Morgen aushalten musste, bis das Schmerzmittel komplett wirkte. Mich zerreißt es dabei fast.

Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben, Schmerz einfach auszuhalten. Auch und vielleicht gerade bei Anderen.

Einem Kind Halt und Trost zu sein, ohne den Schmerz einfach von ihm nehmen zu können. Ausharren, ohne ungeduldig zu werden. Einfach Ja sagen zur Situation, zum Weinen, zum Schreien, zum Schmerz und mit ihm an der Hand da durch zu gehen, bis es besser wird.

Es wurde, Gott sei Dank.

[beim Schreiben kommen noch die Erinnerungen dazu, wie meine Mutter bei besonders viel Gejammer meinerseits lapidar sagte: na, wenn das SO schlimm ist, dann bringen wir dich zum Arzt und der sticht dir dann mit einer langen Nadel die Trommelfelle durch, dann kannst du eben nicht mehr hören – was ohne weitere Erklärung in meinem Gehirn mehrere Horrorszenarien auslöste, die dazu führten, dass ich unter enormen Schmerzen Besserung simulierte]

[Und selbst mit Kindern inzwischen auch recht objektiv sagen kann, was meine Mutter für ein sadistisches Arschloch ist/war.]