Egal wie tief ich in mich hineinlausche, ganz still, leise, bedacht, achtsam, es antwortet mir einzig Stille.
Lüge? Bleibt nur das Warum und das war ja ohnehin nie von Relevanz.
Egal wie tief ich in mich hineinlausche, ganz still, leise, bedacht, achtsam, es antwortet mir einzig Stille.
Lüge? Bleibt nur das Warum und das war ja ohnehin nie von Relevanz.
10 Jahre wird es dieses Jahr her sein, dass mir das erste Kind aus dem Körper geschnitten wurde. Es ist für mich persönlich die unnatürlichste Art von Gebären gewesen und ich weiß, wie viele falsche Entscheidungen innerhalb dieser drei Tage damals in Folge getroffen wurden.
Heute – heute weiß ich es.
Und ich lebe seit 10 Jahren mit einer tauben Bauchdecke, Schmerzen und den Erinnerungen daran.
Je öfter ich über das nachdenke, was momentan passiert, desto deutlicher habe ich das Gefühl, dass es Zeit ist, loszulassen.
In dieser Narbe sitzt noch so viel Groll, so viel Leid, Schmerz, Wut, Reue…
Es ist Zeit.
„Ich spiele lieber mit Kindern, die meine eigene Hautfarbe haben.“, rotzt sie mir entgegen und ich kann kaum anders, als sie entgeistert anzustarren.
Ich bin heute mit meinen drei sehr hellhäutigen Kindern und einem dunkelhäutigen Kind auf dem Spielplatz. Ich starre immer noch. Ich überlege, ob ich es ignorieren soll. Ich kann nicht.
„Warum?“, frage ich.
Sie denkt kurz nach. „Weil sie so sind wie ich. Ich bin lieber mit jemandem zusammen, der so aussieht wie ich.“
Ich bin ratlos. Ich kann sie so gut verstehen. Da ist kein Rassismus in ihrem Blick, keine Diskriminierung, nichts Politisches. Sie ist ein Kind. Natürlich sucht sie jemand Gleichen. Und doch… Gedanken toben in meinem Kopf. Wie würde ich reagieren, wenn eines meiner Kinder diese Gedanken genau so gegenüber Fremden äußern würden? Ich sehe gedankenverloren auf die dunkle Haut unseres Besuchskindes.
Zwei Paar Schuhe, merke ich, aber merken es die anderen auch? Oder wären meine Kinder dann die weißen Rassisten?
Sie sieht mich an. Sie erzählt von Y., einer Freundin, die bei ihr wohnt. „Sie ist eine von uns.“, sagt sie und zupft an ihrer Haut.
Ich habe mich so sehr auf sie konzentriert, dass ich die Motte kurz aus dem Blick verlor. Sie steht ratlos neben uns und blickt traurig.
„Motte?“, frage ich.
Sie sieht unser Besuchskind an. „Ich find es so doof, dass du mich nicht magst, weil ich helle Haut habe. Ich kann doch nichts dafür.“
Sie schnieft. Sie hatte heute einen harten Tag und das ist so ziemlich das letzte, das ich ihr für heute gewünscht hätte. Das Besuchskind zuckt die Schultern: „Dunkle Haut ist eben einfach besser.“
Sagt es unbeschwert, nimmt die Motte an die Hand und springt mit ihr davon. Ich sehe, dass das in ihr arbeitet. Aber sie wird es fünf Minuten später vergessen haben.
Ich nicht.
Mir hängt es immer noch nach. Sehr.
Ich habe niemals danke gesagt, obwohl ich vor dem Kollaps diese alles umfassende Dankbarkeit so oft gefühlt habe, dass es mir fast die Seele zerriss.
Niemand nach dir. Niemand.
Danke.
Ich spüre das Splittern.
Ich kann es hören, ich kann es fühlen.
Und mir wird klar, dass nun mein eigener Schutz an oberster Stelle steht.
Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen.
Eigentlich wollte ich wesentlich später losfahren.
Eigentlich…
Als wir ankamen, ging sie gerade.
Und es durchzuckte mich abwechselnd heiß und kalt.
Für einen völlig bescheuerten kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich wohl verstecken sollte. Lange ist es her.
Ich ging auf sie zu und umarmte sie.
„Wie geht es dir?“
– „Gut“, log sie.
Und ich hätte mich ohrfeigen können für diese absurde Frage. Wie soll es ihr schon gehen? Ich Idiot. Lange Sekunden war ich hin und hergerissen zwischen der Möglichkeit, sie einfach gehen zu lassen und ihr ein herzliches Lebwohl zu wünschen oder die Mauer wieder einzureißen. Einmal mehr. Einmal schmerzhafter.
Der kleine Sohn thronte auf dem Arm und ich fragte mich, wie schmerzhaft es sein muss für sie. Ausgetragen, als ihre Tochter im Sterben lag.
„Ein Sohn“, lächelt sie. Und ich sehe, wie der Mund zuckt.
Ich hatte mich bereits entschieden. Risiko.
„Bald hast du alle ersten Male erlebt“, sage ich leise.
Ein Jahr ist es schon fast her, es ist so unglaublich. Und ich weiß, dass es gestern war für die Frau, die da vor mir steht und um Fassung ringt.
Die Mauer zeigt ihre Risse. Sie fällt, als sie anfängt zu erzählen.
Sie erzählt vom Sterbemoment.
Von dieser einen Sekunde, drei Atemzügen, ihrer Tochter, ihres Mannes und ihr selber.
Dreisam, Einsam, Gemeinsam.
Ein gutes Lebewohl.
Eines, das man keinem wünschen würde.
Und doch.
Es ist hellichter Tag, die Kinder toben um uns herum, es ist laut, sonnig, voller Leben und doch steht die Zeit still.
Wir sind wieder in dieser Blase, die uns jedesmal umgibt, wenn wir uns treffen. Es ist bemerkenswert, wie sehr sie mein Herz berührt.
Dieses Band…
Ich habe mich selber eingeladen. Ich komme mir immer noch vor wie ein Bulldozer.
Ein ruhiges gemeinsames Frühstück. Bei ihr, weil sie nicht rausgehen kann. Ich bringe Brötchen mit, wenn die Kleinen im Kindergarten sind. Ich schreibe einige Tage vorher eine SMS. Wenn sie nicht kann, soll sie es einfach kurz schreiben. Alle Rückzugsmöglichkeiten gegeben, aber eben doch irgendwie ein Bulldozer.
Ich konnte nicht anders.
Vielleicht tue ich das Falsche.
Vielleicht.
Es hat lange Jahre gebraucht, bis ich annehmen konnte, aus tiefem Vertrauen heraus, dass es tatsächlich genau das geben würde, das ich immer ins Reich der Utopie geschoben habe.
Und dann reicht so wenig, mir meine eigene Idiotie vor Augen zu führen.
Wenn die eigene Welt auf einmal Kopf steht.
Mir in aller Seelenruhe von seiner nächsten Frau zu erzählen und ob er mit ihr Kinder haben möchte, erfordert entweder sehr viel Mut oder sehr viel Ignoranz.
Oder einfach nur sehr viel weniger Glauben an uns als ich habe.
Meine Mutter konnte trösten. Wenn sie wollte. Wenn sie mich brauchte.
Aufopfernd ließ sie sich an meiner Seite nieder, flüsterte beruhigende Worte, lächelte, streichelte sanft meinen Arm, meinen Bauch, wenn ich wieder einmal Schmerzen hatte.
Immer wieder war da diese große Schutzkugel aus Wärme und Nähe und Liebe, in die ich mich in meiner Hoffnung auf Trost flüchtete, bis ihre Hand nach einigen Minuten das erste Mal meine Brüste berührte. Daran spielte. Bis sie die Hand zwischen meine Beine schob. Meine Geschlechtsteile anfasste. Meinen Po anfasste. Bis sie sich nahm, was sie wollte.
Und alles wurde zu Eis.
Erdulden – Trost, Nähe – zu dem Preis, den sie jedes Mal dafür verlangte – oder sich wehren.
Und die Beschimpfungen und Demütigungen zu ertragen, weil ich so abnormal war.
Weil ich sie nicht wollte.
Weil ich mich so anstellte.
Trost.
Oft hat sie dabei leise in mein Ohr geflüstert, sanft, liebevoll: „Unter Folter und Qual ruft jeder nach seiner Mutter. Jeder ruft nach Mama. Auch du wirst in solch einer Situation nach Mama rufen. Nach mir.„
Ich habe nie geschrien.
Nicht nach ihr.
Weißt du Dad, seit ich denken kann, hat man hinter deinem Rücken gesprochen. Über dich. Wie furchtbar du bist. Du bist ein Tyrann. Ein Soziopath. Ein Irrer. Gewaltätig. Ein Alkoholiker. Erfolgreich. Ein Arschloch.
Und alle haben sie vor dir gebuckelt. Alle.
Niemand hat dir Widerworte gegeben. Ich hab mir oft Schläge und Demütigungen abgeholt, bis ich das begriffen habe. Irgendwann gab auch ich auf.
Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und du warst der Dinosaurier im Wohnzimmer, den niemand erwähnen durfte.
Ich hab dich geliebt. Abgöttisch.
Ich habe dich gehasst. Einmal durch die Hölle und zurück.
Heute… bleibt die Sehnsucht.
Und was ich nie werden wollte, bin ich heute.
Ich bin wie du.
Und nun muss mir gelingen, was dir nicht gelungen ist.