Nachdenklich

Niemand, der böse ist, ist im Herzen wirklich glücklich, heißt es bei Jim Knopf.

Und auch der böse Drache zeigt am Ende nur Dankbarkeit darüber, endlich befreit worden zu sein.

„Jeder böse Drache träumt heimlich davon, besiegt zu werden. Nicht getötet, nur besiegt. Das macht es ihm möglich, sich vom Bösen loszusagen, in einen tiefen Schlaf zu fallen und nach dem Aufwachen ein Jahr später zu einem weisen Drachen zu werden.“

Allein bleibt er trotzdem.
Vielleicht gibt es für einige Wesen einfach keine Gefährten.

schwärend

Wenn ich einen Blogpost viermal lösche und wieder neu anfange, dann ist das Gefühl, einen Schlüssel in der Hand zu halten, fast übermächtig.

Ich weiß auch, welche Tür er aufschließen wird, allein ich bin mir nicht sicher, ob ich dahinter sehen kann.

So wund.

Betrachtungsweisen

Für manch einen wäre das sicherlich ein Traum von Familienleben, aber fünf Leute um kurz nach 6 Uhr um mich herum im Schlafzimmer, die sich liebevoll einen guten Morgen wünschen, sich herzen und drücken und knuddeln und sich um das Baby kümmern und gut gelaunt summen und singen… bei mir macht es da unweigerlich TILT im Gehirn.

Ich komme direkt aus den Untiefen meiner Traumebene, weiß oft nicht, in welchem Zeitrahmen ich mich befinde und wie dissoziiert ich gerade bin. Bis ich alles soweit sortiert habe, dass ich auch nur annähernd einen Zustand erreiche, in dem ich das alles geistig abfangen kann, dauert es.

Es ist immer verdammt harte Arbeit.

Und bis auf die Tatsache, dass ich reichlich Zucker und Koffein am Morgen brauche, kann ich das aushalten. Es ist ja auch keiner da, der es mir mal abnehmen könnte.

Aber ich kann. Ich kann es aushalten. Ich habe das im Griff. Das ist vielleicht das Schönste daran und etwas, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte, dass ich es erleben würde.

Ohne Gewalt, ohne Wut die Anwesenheit anderer Menschen direkt nach dem Schlaf aushalten können.

Mit einem Ja.

Atmen

Gibt so Morgende, an denen das innere Kind völlig aufgelöst nach einer Nacht voller Flashbacks herumflattert und nur noch schreit, dass es seine Mutter anrufen möchte – fragen, ob sie es noch lieb hat.

Schwer, aber inzwischen machbar, ruhig zu antworten, dass das nie der Fall war und auch nie sein wird. Und dass das schon okay so ist.

Sechs Leben

Die Tage ziehen so dahin, ins Jahr.
Fünf Monate sind es seid seiner Geburt, fünf Monate Inkontinenz, fünf Monate Schmerzen, fünf Monate Depression, fünf Monate Hoffnung, leise.

Muss irgendwann besser werden, der Körper trägt Spuren davon.
Die Seele auch.

Möchte die ganze Welt umarmen und dann wieder in die Luft bomben, weil es keinen Grund zur Hoffnung gibt.
Keine Gerechtigkeit.
Keine Liebe.

Rückschläge werfen uns aus der Bahn, wir schlingern so dahin, ohne Kurs.
Und manchmal erschlägt es mich, dass ich auch in diesem desolaten Zustand nach wie vor der Kapitän sein soll – Herr über dieses Schiff, der, der bis zuletzt stehen bleibt, auch wenn es sinkt. Erst alle anderen, dann ich. Ich bin nämlich nicht wichtig. Kann selbst dann weitermachen, wenn ich eigentlich nicht mehr kann, damit es für niemanden unbequem wird.

Und dann ist da auf der anderen Seite wieder jeden Tag so viel Glück. So viel Liebe. Dieses Lächeln, dieses eine, zahnlose, das mich mit der Welt versöhnt, komme was da wolle. Der Bragi, der mich weitermachen lässt.

Hilflosigkeit, die Zeit nicht einfach anhalten zu können, im Moment zu verharren und ihn bis in alle Ewigkeit zu konservieren, auch wenn das Stillstand bedeutete.
Vielleicht geht es zu schnell. Vielleicht zu langsam.

Irgendwo, auf halber Strecke muss ich mich selbst verloren haben.
Leider hat mich niemand aufgesammelt.

Wechselschritt

Ich weiß nicht, warum die Erinnerungen momentan so stark sind. Weiß nicht, woher ich so gestresst bin, dass die Haut wieder Blasen schlägt und ich nachts in Alpträumen zu versinken drohe.

Die katastrophal verlaufene Operation des Mannes im Januar mag Auslöser gewesen sein, aber ich dachte, ich würde konstruktiv aufarbeiten. Nicht wegsehen, nicht vergleichen, hinsehen, annehmen. Es fällt schwer, wenn man selber alleingelassen wird, wenn etwas Vergleichbares passiert und umgekehrt der Anspruch auf Exklusivität auf Intensität von Leid besteht.

Es gelingt mir geistig, mich zusammenzureißen, doch mein Körper und meine Verfassung sprechen eine andere Sprache. Kann den Mann nicht mehr annehmen, kann mich nicht mehr annehmen. Hadere mit meiner Vergangenheit. Erlebe in Sequenzen abwechselnd Missbrauch, Folter, Unfälle und normale Demütigungen/Misshandlungen und bin so hilflos wie ich es immer gehasst habe.

Kein Wächter da, der mich wegblenden könnte, alles ungefiltert beim Essenmachen mit vier Kindern am Tisch, die lachen und albern, während die Erinnerung mich schlagartig ins Dunkel reißt.
Will duschen gehen, mir die Haut vom Körper scheuern, weil überall ihre Finger zu spüren sind. Will aus der Haut fahren, mich verstecken, endlich den Tränen freien Lauf lassen, die nun schon so lange Jahre ungeweint sind.

Ich will mir nichts vormachen und es nicht dramatisieren. Es wird besser im Laufe der Jahrzehnte. Es wird erträglicher. Es rückt weiter weg, auch wenn das Gefühl im Moment der Gedankengefangennahme etwas anderes sagt.

Es ist doch schon so viel besser geworden.

Ich habe mich für dieses Leben mit einem Ja entschieden. Nicht immer laut und deutlich, nicht immer uneingeschränkt, aber schlussendlich bleibt es ein Ja.

Ja. Ich will.

Erschöpfung

Vielleicht ist es das, woran unsere Gesellschaft am meisten krankt:
Dass es einem erst schlecht gehen muss, damit man sich um ihn kümmert.

Dass man das Gefühl hat, körperlich schwer krank sein zu müssen, um diese Aufmerksamkeit einfordern zu dürfen, sich überhaupt erst zu wagen, zu verlangen, zu bitten, zu flehen, zu betteln, dass der Andere sich auch mal kümmert…

Wie einfach wäre es – und wie vermessen kommt es mir vor – zu sagen: Ich fühle mich ungeliebt. Ich möchte getragen werden. Umsorgt. Möchte ab und zu nein sagen dürfen und trotzdem geliebt sein…

Krieg der Gedanken

Ich bekomme weder die Bilder noch die Gedanken aus dem Kopf.
Endlosschleife aus Emotionen.

Habe das Gefühl, den Mann nicht mehr richtig ansehen zu können, weil alles überlagert wird von diesem einen Tag, dieser Stunde…
Unser Leben, seins, meins, unseres, unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr wie sie war.

Und das betretene Neuland liegt im Nebel.
Gestalten soll ich es.

So hilflos.