Kann ich dich alleine zur Welt bringen, wenn die Beaufsichtigung deiner Geschwister durch die Tagesmutter tatsächlich platzt?
Ohne jedwede Unterstützung durch einen Menschen meines Vertrauens?
Können wir beide diesen Weg alleine gehen?
Gut gehen, unverwundet?
Stunden werden es sein, die ich mich in dich fallen lassen muss, in unseren Weg, unsere Wahl, unsere Entscheidung.
Ist es das, mein kleiner Wanderer? Ist das unser Weg?
barfuß über Scherben
Seelenqual
Der Mann und ich, wir kommen aus zwei unterschiedlichen Richtungen. So klar, wie mir immer war, dass unsere Wege sich kreuzen würden und wir danach in Begleitung des Anderen in die andere Welt eintauchen würden, so seltsam fühlt es sich mitunter an.
Gewalt, Brutalität, Folter, Missbrauch, Mord, Skrupellosigkeit, das alles wandert mit jedem Schritt, den ich gehe, weiter in die Ferne. Sehen werde ich es immer können. Aber das ist in Ordnung so. Der Mann bewegt sich aus der anderen Richtung in meine Welt.
Wenn er auch nur einen Bruchteil dessen empfindet, das ich beim Anblick und beim Gefühl von Liebe und Vertrauen und Optimismus empfinde, dann ist er erschlagen von diesen Eindrücken.
Und nun geht er einem Weg, auf dem er innerhalb seiner Ausbildung auch das Töten lernen muss. Um sich – sofern er will – dagegen zu entscheiden.
Nur etwas, das man kennt, kann man verhindern.
Mein Training war da etwas kompromissloser. Ich habe Lebewesen gequält, getötet, verletzt. Lange Jahre. Es war normal, mein Vater verlangte es zunächst von mir gegen meinen Willen, später habe ich es getan, weil es in meiner Natur lag. Niemand interessierte sich für Moral. Es war wie es war. Im Grunde habe ich nur wiederholt, was mit mir gemacht wurde. Es war so vertraut. Und damit richtig.
Und so wirklich, so richtig mit allen Konsequenzen im Herzen, habe ich erst begriffen, als ich selbst Mutter wurde.
Meine Wandlung setzte vorher schon ein, aber nur im Kopf.
Im Herzen löste sich eine der schwarzen Fesseln, als ich mit einem neugeborenen Mädchen auf dem Arm vor meinen Eltern stand und diese mich fragten, bei welchen Gelegenheiten sie meine Tochter auf welche Art und Weise schlagen sollten.
Etwas in mir starb in diesem Moment.
Etwas anderes in mir, das ich längst begraben wähnte, regte sich leise und vorsichtig.
Hoffnung. Mein Herz setzte aus, lange.
Als es wieder anfing zu klopfen, drückte ich meine Tochter fest an mich und hob das Kinn.
„Dieses Kind wird nicht geschlagen werden.“
Ich erinnere mich an die Verblüffung in ihren Gesichtern.
An die Fassungslosigkeit.
Und an meinen ersten Zugang zu dem Kind in mir. Wie es aufhorchte. Sich traute, die Augen zu öffnen, ein Stück nur.
Wie weitreichend dieser Moment sein würde, war mir damals noch nicht klar.
Aber ich begriff.
Etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte, das aber da war.
Liebe.
Ist das schon alles?
„Ich kann nicht mehr“ hört sich ja immer so pathetisch an. Abgesehen davon, dass es einem eh keiner glaubt. Ist ja auch schlicht zuviel verlangt. Weiter geht es immer, musste jeder schon machen, den anderen geht es eh viel schlimmer und überhaupt und sowieso. Außerdem will man sich wenn, dann überhaupt wichtig machen.
Ich erinnere mich an Szenen vor 5 Jahren, als der Kobold Tag und Nacht schrie. Ununterbrochen.
Ich erinnere mich daran, wie ich tränenüberströmt und zitternd vor ihm stand und darüber nachdachte, ob er wohl aufhört, wenn ich ihn schlage.
Oder schüttle.
Oder fallen lasse.
Oder würge.
Oder ihm einfach ein Kissen aufs Gesicht drücke.
Ich hatte einen Mann, der nicht verstanden hat, dass ich ihm abends einfach so ein schreiendes Kind in den Arm drückte und allein sein wollte. Der noch wütend auf mich war, wenn ich ihn nach 10 Stunden ertragenem Dauergeschrei mit dem Kind allein ließ. Schließlich wars im Büro ja auch anstrengend. Ich hatte Angst, panische, nackte Angst, wenn dieses Kind nach seinen kurzen Schlafphasen wieder wach wurde. Ich hasste ihn, wenn er anfing zu brüllen.
Er war satt, trocken, ich hatte ihn auf dem Arm, hell, dunkel, schaukeln, Schnuller, Brust, Milch aus der Flasche, neue Windel, auf dem Bauch, auf dem Rücken, alles egal. Er schrie.
Er schrie mich um den Verstand.
Allein mein Wille hielt mich davon ab, ihn zu töten.
Nicht mein Instinkt, nicht Liebe, nicht mein Verstand, nicht mein Herz.
Nichts von alledem.
Nur mein Wille.
Das war der Moment, als ich das letzte Mal diesen Satz aus vollem Herzen sagte und jeden Buchstaben daran auch so meinte. Todernst. Im schlimmsten Sinne dieses Wortes.
Ich.kann.nicht.mehr. Im Grunde genommen verblasst alles andere gegen diese verstörende Erfahrung.
Ich hab das überlebt, obwohl mir nicht geholfen wurde.
Obwohl ich um Entlastung gebettelt habe, jeden Tag.
Immer weiter, immer geradeaus.
Schlussendlich ist man immer allein.
Und so ist jede Klage hinfällig.
Augenblicke
Manchmal sitzt man da, völlig gefangen im Dunkel der Vergangenheit und denkt über Vergewaltigungen nach, still, stumm, starr…
… und dann kommt ein Kind herein, hell, leuchtend, bunt… und lächelt.
Manchmal muss man dann blinzeln, um diese geistige Kehrtwende zu vollbringen.
Manchmal auch zwei- oder dreimal.
Tag, so.
Okay. Der Mann hat den Kuchen für morgen kaputt gemacht und mich abwechselnd vor Wut und vor Liebe zum Weinen gebracht.
Die Motte hat sich fast die Haare vom Kopf geflammt.
Ich habe Wehen.
Der Kobold weint und jammert.
Das Tochterkind hat ein paar Schräubchen lose.
Der Exmann kam erst über eine Stunde zu spät, hat hier Kuchen gegessen, Mittagessen bekommen, ist dann mit dem Tochterkind zur Feier des Tages zu McDonalds gefahren und hat sich dann heute Abend noch Geschenkverpackungsmaterial von uns für morgen ausgeborgt.
Morgen kann nur besser werden.
Echt jetzt.
Geduldspiele
„N. sagt, nur Leute, die was zu verbergen haben, wollen, dass man anklopft.“, baut sich das Tochterkind kleinlaut vor mir auf, als ich es kurzerhand plattbügelte, warum es einfach so ins Badezimmer stürmte, wenn es doch wüsste, dass ich mich darin fertig machen würde.
Vielen Dank, lieber Exmann. Vielen herzlichen Dank. Auch dafür.
Abschied
Wie mutlos der Blick manchmal sein kann, wenn er nicht in die Ferne gerichtet wird.
Drei Kinder bereichern mein Leben, ein viertes wird bald geboren werden. Und dann…
Dann… hier versagen die Worte. Die Gedanken beginnen, sich im Kreis zu drehen.
Es ist mein Abschied. Mein ganz persönlicher Abschied.
Nicht wie damals, vor Ewigkeiten, als die Diagnose „Unfruchtbarkeit“ im Raum stand und ich wie gelähmt vor Schock und Fassungslosigkeit gerade mal Anfang 20 weiter nach vorne blicken konnte. Ein Leben ohne Kinder wollte ich mir nicht vorstellen und die Kraft war stark und mein Wille ungebrochen. Sechs Jahre dauerte es, bis ich meine Tochter im Arm hielt. Sechs lange harte Jahre voller Tränen, verschlungener Wege und Grausamkeiten. Der Preis war hoch, aber ich zahlte ihn gerne. Dann folgten Dinge, die für einige Jahrzehnte gereicht hätten.
Im Grunde kam es gar nicht so plötzlich, doch wenn man eines Tages aufwacht und erkennt, dass man 7 Jahre lang belogen und betrogen wurde, dann ist das viel. Sehr viel. Zukunftsplanung, Absicherung, Sicherheiten, Glaube, Hoffnung, all das stürzte an nur zwei Tagen in sich zusammen. Komplett. Ich hatte ein knapp einjähriges Kind, dessen Anblick mich irgendwie weitermachen ließ. Augen zu, weitergehen, irgendwie.
Eineinhalb Jahre habe ich gekämpft. Um eine Ehe, die nie existierte, um Vertrauen, das immer schon auf wackeligen Beinen stand, aber vorhanden war, um Hoffnung.
Ich habe verloren. Aufgegeben, irgendwann.
Ich erinnere mich an den Abend, als er und ich uns gegenüberstanden und er mir fremder war als jemals zuvor. Ich erinnere mich an die Wut, an diesen unermesslichen Hass. Und wie ich ihn geohrfeigt habe. Ich erinnere mich daran, wie er zurückschlug. Mit der Faust ins Gesicht. Und wie meine Tochter im Nebenzimmer schlief und ich mich fragte, was ich tun sollte, wenn es nun wieder weitergehen würde. Auch diese Lektion habe ich über die Jahre gelernt.
Irgendwo in dem ganzen Durcheinander zwischen Gerichtsvollzieher, Lügen, meiner Altersvorsorge, die verschwunden war, Kindererziehung, Selbständigkeit und Gewalt kam es zur Trennung. Getrennte Bereiche in diesem Haus, das ich so sehr geliebt habe. Liebe. Immer noch. Meins. Mein eigenes kleines Ding. Mein kleiner Garten, mein Rückzug. Endlose Stunden, die ich dort verbrachte habe und Heilung durch Zuflucht erfuhr. Ich bin dort zur Ruhe gekommen und nun war es ein Ort, der alles war, aber kein Rückzug mehr. An Liebe glaubte ich schon lange nicht mehr. Monate später traf ich den potentiellen Vater meines zweiten Kindes. Ich hatte einen groben Masterplan, alleine mit zwei Kindern durchs Leben zu gehen und mir nach der Scheidung mein Leben so aufzubauen, wie ich das irgendwann einmal erträumt hatte.
Zwei Kinder. Ich brauchte nur noch einen Samenspender für das Zweite.
Sehnsucht – Anne
Ich vermiss dich so.
So unendlich.
Deine Worte, deine Weisheit, deine Liebe.
Das verschmitze Lächeln. Den Wortwitz. Deine Launen. Deine Tiefe. Deine Oberflächlichkeit.
Dich. Manchmal bist du nicht mehr Teil meiner Gedanken für Tage, Wochen.
Und dann… dann haut es mich wieder hin.
Diese unendliche Sehnsucht nach dir, nach dem, was wir hatten.
So kurz nur, so intensiv.
So kompromisslos eng, so groß.
Allein der Versuch, dich vergessen zu wollen, wäre albern.
Vielleicht kann ich irgendwann an uns denken, ohne dass es mir die Seele zerreißt.
Vielleicht. Irgendwann.
Blockiert
Ich hänge mich an Kleinigkeiten auf und lasse mich bremsen von Dingen, die nun mal so sind wie sie sind, wenn ich meinen eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werden will.
Und die lauten nun mal: Respekt vor dem biologischen Vater meiner Kinder. Trotz absoluter Sympathielosigkeit. Haha. Leider hat irgendwann vor einem knappen Jahrzehnt, als ich schon über 48 Stunden in katastrophalen Wehen lag, der damalige Ehemann Geburtstag. Und alles, worum er bat, war: Aber heute nicht mehr, ja? Ich brauch eh ne Pause, ich geh dann mal nach Hause.
Ruf mich an, wenn das Kind endlich rauskommt.
So ungefähr, ich mag dann Einzelheiten heute auch nicht mehr hochholen, weil es inzwischen wirklich irrelevant ist. Ich habe dann nach einer weiteren durchweinten Nacht mit Dauerwehen und dem absoluten Erschöpfungszustand meines Körpers den Ärzten das Okay für den Kaiserschnitt gegeben. Dass das alles in einer noch größeren Katastrophe münden würde, konnte ich damals nicht ahnen und trotzdem war es für den Moment damals die richtige Entscheidung. Was solls. Bedauern lösen andere Dinge aus.
Der Mann, der mich nach meinen Eltern so konsequent belogen und betrogen hat wie kein anderer, geht nun auf die 50 zu. Und hat auch nach so vielen Jahren immer noch einen Tag vor meiner Tochter Geburtstag. Und weil ich meinem Kind beibringe, dass Menschen, die sie liebt, umsorgt und respektvoll behandelt werden, werden wir an diesem Tag (wieder mal) Kuchen gebacken, Geschenke besorgt, geschmückt und Luftballons aufgeblasen haben. Hier, natürlich.
Und einen Tag später ist er natürlich auch da. Ist ja ihr Geburtstag.
Und ich gebe zu, dass es mir in meinem momentanen hormonellen Zustand deutlich schwerer fällt, das Richtige zu tun. Denn beteiligen möchte er sich ja auch nicht. Er möchte das größte Geschenk überreichen, alle anderen Geschenke abwerten, seins immer wieder hervorheben und sich den Rest des Tages an meinem Küchentisch aufhalten und sich durch Torte und Muffins fressen, das Mittagessen genießen und bloß nicht mit dem Tochterkind spielen, weil man sich dafür ja vom Essen wegbewegen müsste. Hatten wir alles schon, kennen wir.
Ich habe in meinem Leben oft erlebt, dass es sich nicht unbedingt gut anfühlen muss, das Richtige zu tun. Es muss nicht leicht fallen, Dinge zu leben, von denen man überzeugt ist.
Aber diesmal, dieses Jahr, so kurze Tage vor dem Entbindungstermin, da blockt wirklich alles in mir. Jede Faser meines Herzens, jeder Gedanke, alles schreit nein, nein, nein.
Ich weiß, ich muss das loslassen. Ich weiß, ich muss locker lassen. Und jedes ich sollte, ich muss, ich kann, ich weiß… sorgt für eine neue Blockade.
Ich bin nicht kraftlos, nicht mutlos, nicht mal erschöpft über mein normales Maß hinaus, allein, ich will nicht. Ich will das nicht. Ich will diesen Mann nicht hier haben, nicht in meiner Nähe, nicht in der Nähe meiner Kinder. Ich will nicht, dass er hier seinen Kuchen frisst, in meiner Küche herumsteht, seine dummen Witze macht, mein Leben mit seiner Anwesenheit besudelt.
Das hier ist mein ureigener Rückzugsort, den ich für meine Tochter öffne, wo ich diesen Mann ohne sie hochkant aus meinem Leben geworfen hätte, weil ich alles an ihm verabscheue.
Und im Moment geht es grad nicht konstruktiv.
Schwebend
Ich werde die Leitung der Geburt keinem Menschen übertragen, der sich weigert, die Dinge zu Ende zu durchdenken, so schmerzhaft es sein mag.
Ich brauche einen Geburtsbegleiter, der einen Masterplan hat.
Und einen Plan B und C, sollte es nötig werden.
Dazu gehört, alles durchdacht zu haben.
Gedanklich alles zugelassen, alles einmal durchgespielt zu haben.
Das traurige Gefühl in meinem Innern ballt sich zu einem Knoten.
Würgend, weinend.
Allein.