Glaubensfrage

„Mamaaaa, wo wohnt Gott noch mal?“

Das kleinste Kind kräht mich noch halb verschlafen beim Frühstück an, weil es gerade über Weltall und Himmel und Wolken und Luft und Sonne und überhaupt sinniert hat. Dabei kam ihm irgendwie in den Sinn, dass es den Platz für Gott wohl vergessen haben muss.

Bevor ich noch irgendetwas sagen kann, keift ihn das große Zusatzkind mal wieder giftig an und belehrt ihn überheblich: „Es gibt keinen Gott!“

Ich seufze müde. Was hat man diesen Kindern nur angetan, dass sie anderen nicht ihre eigene Sicht der Dinge lassen können?

Das kleinste Kind zieht unbeeindruckt eine Augenbraue hoch.
Überartikuliert wendet es sich an die große Stiefschwester:

„Darum habe ich auch nicht dich gefragt,“, erklärt es langsam, als würde es es mit einer äußerst ärgerlichen Form von Begriffstutzigkeit zu tun haben, „sondern Mama.“

Ich entscheide mich, ihr abfälliges Seufzen und Augenrollen so früh am Morgen zu ignorieren.

„Gott ist überall, Butzemann. In mir, in dir, in allen Menschen, in jeder Blume, in jedem Tier, an jedem Ort. Im Weltall genauso wie hier auf der Erde.“

„Das ist so schön, Mami!“, freut sich der kleine Sohn und springt auf.

Ja. Das ist es.

Vom Lügen

Natürlich habe ich eigentlich keine Zeit. Und natürlich habe ich etwas anderes vor. Und natürlich liegt ihr Zuhause nicht auf meinem Weg. Nicht mal ein bisschen, nicht einmal fast.

Aber als ich die Tränen in ihren Augen sehe, ihre Hilflosigkeit, ihren Trotz, ihre Wut, ihre Trauer und die Unfähigkeit, eine gute Tat auch einfach als Geschenk anzunehmen, lüge ich. Es ist wie eine zweite Haut, ich kann das gut, auch wenn ich mich vor langen Jahren dagegen entschieden habe. „Wirklich?“, fragt sie mit erstickter Stimme und ich nicke lächelnd. Es ist mir egal.

Und so fahre ich Kilometer um Kilometer in eine Richtung, in die ich nicht fahren wollte, dränge die Gedanken um den kleinen Braunbären alleine Zuhause zur Seite und höre zu. Niemand sollte bei einem Nervenzusammenbruch alleine sein. Niemand mit Angst, niemand in Not. Schon gar nicht, wenn es um die existenzielle Angst geht, ein weiteres Kind zu verlieren.

„Der Tod hat doch schon eins!“, bricht es trotzig aus ihr heraus. Ich kann nichts sagen. Nur zuhören. Als wir schon längst vor ihrer Haustür stehen, sitzen wir noch eine weitere Stunde nebeneinander, in der sich die Worte, die Tränen und all der Schmerz aus ihr in meine Welt ergießen. „Danke“, flüstert sie leise, während sie ihre Maske wieder aufsetzt.

Das laute Knallen der Beifahrertür durchbricht meine Gedanken. Ich fahre los. In die Richtung, aus der ich gekommen bin. Vielleicht hat das Leben einen Plan.

Aber wer weiß das schon.

Versuchung. Härter.

Ich hätte mir heute Morgen in der Kälte wohl keine bessere Lektion wünschen können als diese. Und parallel zu diesen Worten sehe ich eine neue Nachricht blinken mit einer Forderung, wie sie unverschämter nicht sein könnte. Ich glaube, ich werde sie einen Moment lang einfach ignorieren.

Aus Respekt.
Vor mir selber.

mausgrau

Mit der Fassade fiel auch der Stress.

Kein peinlich genaues Achten auf Kleidung, MakeUp, Frisur, Uhrzeit… Völlig egal. Dann komme ich eben, wenn noch keiner da ist. Oder schon alle weg sind. Dann ist eben ein Fleck auf meinem Pullover und dann sind die Stiefel eben nicht geputzt. Dann winke ich eben nur zerstreut, wo ich mich vorher auf ein halbstündiges Gespräch vorbereitet habe. Und dann – so wie heute Mittag – lehne ich eine Bitte nach Verfassen und Ausformulieren einen umfangreichen Textes eben einfach ab.

Einfach so.

Mein momentaner Gesundheitszustand macht es mir leicht, diese Dinge auch ohne schlechtes Gewissen mit nicht mehr als einem bedauerndem Achselzucken einfach an mir vorbeizuwinken.

Das Verblassen in die Menge wird noch dauern, ich weiß das. Es ist leichter, als strahlender Stern am Himmel aufzugehen, als sang- und klanglos wieder im Nebel zu versinken. Das braucht Zeit, weil ich in den letzten Jahren dafür einfach zu viele Menschen im Herzen berührt habe. Und auch, wenn diese Zeit für mich vorüber ist, möchte ich doch keine Wunden hinterlassen. Dafür sind die Fortschritte zu kostbar, die diese Menschen gemacht haben.

Also übe ich mich in Geduld und in sozialer Camouflage, bis ich wieder dort bin, wo ich mich wohlfühle.

Und das beinhaltet noch wesentlich mehr und größeren Abstand zu meinen Mitmenschen.

Verschenktes Potential

Es ist doch auch heute noch recht hart zu sehen, wieviel Zeit und Energie und Zukunftsplanung ich auf etwas aufgewandt habe, das einfach niemand haben wollte. Der Preis, etwas nicht einfach nur kostenlos hinterhergetragen zu bekommen sondern ein Minimum an Energie für etwas aufwenden zu müssen, war wohl zu hoch. Ich will nicht verbittert klingen, weil das bedeuten würde, weit über meine Grenzen gegangen zu sein und das bin ich nicht. Ich habe rechtzeitig die Reißleine für mich und mein Leben gezogen, wenngleich ich immer noch mit den Auswirkungen zu kämpfen habe. Und traurig. Das bin ich auch hierbei.

Und das darf ich auch sein.

Reduktion

Da blinken sie, die Nachrichten in sozialen Netzwerken, in meinem E-Mail-Postfach, auf meinem Handy. Ich bin seit zwei Tagen zuhause. 9 entgangene Anrufe, 4 Voice-Mails, 13 SMS, 17 private Nachrichten, unzählige E-Mails. Ich lasse sie warten. Was in den letzten Wochen durch den Zwang meines Körpers, kürzer treten zu müssen, begann, formt sich nach und nach zu einem klaren Gedanken, dass die Öffentlichkeit, die ich vor ziemlich genau 2 Jahren gewählt habe, nicht mehr mein Ort ist. Ich bin zu verwundet, zu roh, zu überdrüssig all dieser Schicksale. Ich brauche keine Einladungen, kein gemeinsames Frühstück, kein Kino mit anderen Frauen, kein Essengehen mit Männern, keine Gespräche mit Familien, keine Menschen, die sich selbst zu mir einladen wollen, keine ungebeten Gäste, die plötzlich vor meiner Burg stehen, keinen Smalltalk, keine Bitten um Ratschläge, kein Draußen mehr.

Es reicht für ein ganzes Leben. Es reicht.

Resignation

„Es sind nur Richtwerte, aber drei bis sechs Monate nach der Operation sollten Sie damit rechnen können, auch mal wieder einen schmerzfreien Tag zu haben… Wo genau sind Sie heute?“ Ich sehe in eisblaue Augen. Wissend, lächelnd. Eines jener Lächeln, das niemals den Mund erreicht, sondern das aus einem tiefen inneren Wissen gespeist wird, das man annehmen muss, um es erkennen zu können.

Ich räuspere mich. „Vier“, kommt es gepresst über meine Lippen.

„Wochen.“, füge ich widerwillig hinzu.

Morgen sind es vier Wochen.

Er zieht die Augenbrauen hoch, unmerklich. „Dafür haben Sie bemerkenswerte Fortschritte gemacht!“
Er lächelt aufmunternd, ich resigniert.

„Geduld, hm?“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage an ihn, aber er nickt trotzdem. Ich nehme einen Stapel Zettel in Empfang für mehr Schmerzmittel, mehr Physiotherapie, mehr wasweißich und verabschiede mich, jaja, bitte, danke, du mich auch.

Bis zum nächsten Mal.

Montag

Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, ich würde dort ohne Angst- und Panikattacke einfach auf diesem Stuhl sitzen und gelassen darauf warten, dass ich endlich einkaufen fahren kann, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt. „Es wird nicht weh tun. Aber ich mache alles, was Sie brauchen, um mir zu vertrauen.“ Diese Worte voller Zugewandtheit, die tief und rauh aus seiner Kehle kommen, lassen mich unwillkürlich an den Mann an meiner Seite denken und ich frage mich, wie dieser wohl in 20 Jahren aussehen wird. Ich ahne .. glaube zu wissen. Und mir gefällt, was ich vermute.

Ich lächle. Und nicke. „Ich vertraue Ihnen. Sie können anfangen.“ Er lächelt sein Bärenlächeln, das mich jedesmal wieder dahinschmelzen lässt und so viele Erinnerungen an meinen Großvater hochholt, der im selben Alter wie er gewesen sein muss, als ich gerade in die Pubertät kam.

Zwanzig Minuten später bin ich fertig und stehe ruhig auf. Mit trockenen Händen und ruhigem Geist. „Bis nächste Woche“ grüße ich zum Abschied und trete lächelnd auf die Straße. Ich spüre seine Blicke noch bevor ich ihn sehe.

Schlechtes Timing, denke ich und nicke ihm zu. Das Begehren in seinen Augen lässt sich nur schwer übersehen. „Hallo Schönheit“, sagt er leise und wirft mir eine Kusshand zu, während es mir kalt den Rücken herunterläuft.

Agonie

Was gestern noch so gut aussah, zeigt heute, eine Nacht später, sein wahres Gesicht. Jetzt werden alle verlieren.

Was soll ich den Kindern wünschen?

Vielleicht so wenig Kollateralschäden wie möglich.

Land unter.