Sack Flöhe…

Das Kind hat einen Haschmich und treibt mich in den Wahnsinn. Heute, ausgerechnet heute, mit einer frisch genähten Gesichtswunde, die alle paar Minuten aufreißt und dann wieder tropft, hat sie ihre Vorliebe dafür gefunden, sich im Kreis zu drehen und nach zwei Umdrehungen vor lauter Schwindel umzukippen und irgendwo anzuschlagen. Vorzugsweise mit dem Gesicht.

Sie macht mich wahnsinnig. Wahnsinnig. Sie ist draußen heute Morgen so oft hingefallen wie in einer Woche sonst nicht. Von hier drinnen mal ganz zu schweigen. Ständig stößt sie sich, fällt hin, dreht sich, lacht ein wenig irre und macht weiter. Sie darf nicht nach draußen auf den Spielplatz, nicht toben, sich nicht überanstrengen, nicht rennen, will nicht zuhören, basteln oder malen, sondern lieber kopfüber vom Sofa Salti üben. Sie.macht.mich.wahnsinnig.

Dazu sabbelt sie ununterbrochen (was sie natürlich auch nicht soll) und hört sich durch die Gesichtsschwellung an wie ein Seemann nach fünf Tagen Kneipentour. Nur lauter.

Unser Kinderarzt heute Morgen: „Sauber genäht, sieht gut aus.“

Motte: „Schab ja auch total tapffa schtillehalten! Schbin schonne grosche Mausch!“ Jetzt: Autofahren, weitere Kinder einsammeln.

Dabei ist sie wenigstens fest angeschnallt.

Wundheilung

Generell bin ich ja begeistert von Wundheilung bei Kindern.
Und so sieht die am Sonntagabend vollständig durchtrennte Lippe des Mottenkindes im Grunde hervorragend aus.

Das Bisschen, was da noch an Gewebe raushängt und das Loch im Oberkiefer nun mal außen vorgelassen, ist die Lippe seit Montag nicht mehr aufgeplatzt, blutet nicht mehr und die Schwellung ist auch deutlich geringer geworden.

Das Kind, das strenge Auflagen zu erfüllen hat bezüglich Ruhe und Berührungen an den offenen Wunden schert sich einen Dreck um Anweisungen und macht einfach weiter wie bisher.
Und ganz der Uropa meckert sie ab und an, dass die Fäden so stören würden – ob wir das nicht eben selber machen könnten mit dem Rausziehen.

Bis Freitag warten wir nun noch, dann kann auf jeden Fall ein Teil der Fäden schon mal weg.Und irgendwann im Laufe der nächsten zwei Wochen wird sich dann wohl auch unser Strohhalmverbrauch wieder normalisieren.

[Pudding durch Strohhalm – geht]
[Tomatensauce mit winzig kleinen Spaghettikrümeln haben gerade einen Tobsuchtsanfall ausgelöst]

Montag…

Okay, bis zur Hälfte des Tages verbuche ich also eine weitere Talfahrt auf meiner ganz persönlichen Depressionsachterbahn, habe Kopfschmerzen und immer noch eine vereiterte Nasennebenhöhlenentzündung, habe mit dem Jugendamt, dem Amtsgericht und einer Anwaltskanzlei gesprochen, nach langer Zeit nenne ich wieder einen Anwalt mein eigen, habe mit dem Horrorhühnerhaufen des Kindergartens eine Grundsatzdiskussion über Impfen,  Schokolade, Geburtstage für 4jährige mit Schatzsuche mit geschriebenen Hinweisen, die keiner der Gäste lesen kann und unangeschnalltes Autofahren geführt und meine Hüfte ist nach wie vor ausgerenkt/verrenkt/ähnliches, während heute Morgen die Parkplatzsituation so war, dass jede Mutti zwei Parkplätze blockierte und ich somit vom nahegelegenen Supermarktparkplatz einen halben Kilometer mit besagter Hüfte und im siebten Monat schwanger den Berg hochhumpelte.

Zwanzig Minuten für eine Strecke. Ich liebäugle noch mit dem Marathon.

Damals, bei der Steißbeinwasauchimmer in der Schwangerschaft mit dem Kobold ließ man mich erst vier Stunden im Krankenhaus warten, während derer ich stehen musste, dann musste ich mich vor Schmerzen schreiend auf eine Krankenhausliege legen, während man mir sagte, dass man mich weder röntgen noch mir etwas gegen die Schmerzen geben würde. Schwangerschaft und so. Auf wiedersehen und sehen Sie doch zu, wie sie zurechtkommen.

Ich kam zurecht und deswegen erspare ich mir aus Effizienzgründen den Besuch dort, auch wenn ich gestern Nacht kurz davor war, den Krankenwagen zu rufen. Nur wofür?

Das Verhalten der meisten (Krankenhaus-)Ärzte ist der letzte Dreck, da diese zuallererst an ihre Haftpflichtversicherung denken. Und asozial noch dazu. Umgangsformen legt man zumindest im Krankenhaus wohl spätestens während des ersten Patientenkontaktes ab.

Heute dann nur noch eine kleine geschmeidige Frenektomie beim großen Kind (der Gefrierschrank ist RANDvoll mit Wassereis) und der Versuch, heute zumindest so lange aufzubleiben, bis die Kinder im Bett sind, um mit dem Mann den Streit von gestern Abend fortzusetzen.

Ein ganz normaler Montag also. Da geht noch was. Ist ja erst 1 Uhr.
Jetzt erst mal wieder eine Handvoll Schmerzmittel und weiter im Laufrad.

kleiner Schnitt

Okay, wenn mein Zahnarzt im Vorfeld von einem kleinen Schnitt im Mund meiner Tochter spricht, dann weiß ich für die Zukunft, dass sich das nicht unbedingt mit meiner Vorstellung eines kleinen Schnittes deckt.
Viel Blut, einige Spritzen und Gewebe später vernähte er den kleinen Schnitt dann mit mehreren Stichen und dickem schwarzen Faden.
Jetzt Schmerzmittel, viel Eis und breiige Nahrung.

Auch für das Kind.
Uff. Danke, nächster Tag.

Disziplin

…ist, wenn man tapfer weiter den Reissalat mit gekochtem Huhn anrührt, während es durchs Küchenfenster der Nachbarn von unten nach karamelisiertem Gemüse und Schweinefleisch riecht, das mit dicker Panade in Butter vor sich hinköchelt.

Butter. Panade. Zucker. Meine Hormone sind kurz vor Amok.

Kinderkardiologie

Morgen Vormittag wieder. Und diesmal kommt das erste Mal beim Kobold ein Bewusstsein dafür hinzu, was dort eigentlich gemacht wird. Ich bete seit einer Woche unseren Tagesablauf für morgen herunter, so wie ich das mit jedem Termin machen muss, der den geregelten Alltag unseres Sohnes unterbricht, einfach weil… naja, weil er eben der Kobold ist. Nicht einfach, sehr speziell, aber eben unser Kobold.

„Aber Mami-Mausi? Was ist denn, wenn nicht alles in Ordnung ist?“

Ich stutze. In 9 Jahren Kinderkardiologie mit inzwischen 3 Kindern ist das eine Frage, mit der ich eigentlich hätte rechnen müssen, es aber nicht getan habe. Das große Kind ist niemals ängstlich in diese Untersuchungen gegangen, auch nicht, als alle drei Monate aufs Neue über seinen Kopf hinweg über Operationen entschieden wurde. Und so erwischt es mich doch einigermaßen kalt.
Was meinst du, Spätzchen?

„Na wenn was Schlimmes im Herzen ist.“

Es zieht in meinem Bauch. Ich sehe seinen besorgten Blick, sehe meinen Sohn, für den es immer so wichtig ist, alles unter Kontrolle zu haben, dass alles nach Plan gemacht wird und auch nicht einen Millimeter von der gewohnten Vorgehensweise abweicht. Ich kann ihm nicht sagen, dass nichts ist. Ich kann einfach nicht. Dazu ist der Herzfehler nicht irrelevant genug.
Dann sprechen wir erst mal mit Dr.Böhle, antworte ich. Und dann gehen wir erst mal wieder nach Hause.
Ich sehe die große Träne, die er hastig wegwischt. „Ich muss aber nicht alleine dableiben, oder?“
Ich schüttle den Kopf und ziehe diesen wunderbaren zarten Kobold an mich. Ganz klein wird er für einen Moment, ganz mein Baby von früher.
Du bleibst nicht alleine da. Und wenn wir irgendwohin müssen, dann komme ich immer mit dir mit.
Er schmiegt sich an mich, hält mich ganz fest umklammert, bis ich merke, dass seine Anspannung sich löst.
Die zweijährige Motte, die manchmal so viel größer ist als der große Bruder, steht leise daneben und flüstert ihm zu: „Und wenn der Arzt doof ist, dann hau ich ihm was auf die Glocke!“
Ich lächle leise in mich hinein, verzichte auf pädagogische Ansprachen und sehe zu, wie die beiden raufend im Flur verschwinden.
Diese Termine sind nun mal Teil unseres Lebens und es wäre müßig, sie sich wegzuwünschen, weil es nun mal dazugehört.

Aber manchmal… manchmal könnte ich gut darauf verzichten.

Angst

Ich hasse es, wenn die Menschen mich ansehen, fragend, und Angst haben, mit mir in einen Dialog zu treten.
Angst vor mir oder Angst vor dem, was sie in sich selber erkennen würden, wenn sie mit mir reden?

Zahnfleisch mit Zuckerguss

Ich habe an die 200 Muffins verziert und die Kinder gebeten, leiser Spaß zu haben.

Ich glaube, ich bin bereit für die Klapse.

Jetzt deftiger Eintopf nach 35 Löffeln „Ich-probier-nur-ein-bisschen-Teig“.

Planungsidiotie

Irgendwie muss mich der Teufel geritten haben, den gemütlichen Krankenhausvormittag heute nun ausgerechnet zwei Tage vor den Geburtstag meines Sohnes zu legen.

Ich nehme dann mal meine Häkelsachen mit, dann werden wenigstens die Murmelsäckchen fertig, wenn ich schon sonst nix tun kann.

Lauschend

Tochter- und Besuchskind spielen Barbie und wo hier normalerweise das höchste der Gefühle in Streitereien um die Diskussion um Barbies Abendgarderobe gipfelt, streiten Barbie und Ken sich gerade um das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder und die Aufteilung des Traumschiffs.
Ken scheint Erfahrung in diesen Dingen zu haben und schachert dermaßen professionell, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.
Emotionale Erpressung, offene Drohungen, finanzielle Sanktionen.

Als Frau in einem Scheidungsprozess hätte ich gerne so einen Anwalt.
Als Mutter würde ich dieses Mädchen gerne mal einfach so in den Arm nehmen.

Nachtrag: Barbie hat gerade ihre Hälfte Traumschiff gegen den Hund eingetauscht und weint gleich.

Ich fürchte, da ist heute Abend ein Gespräch fällig.