Betrachtungsweisen

„Du findest dein Baby am tollsten und ich finde mein Baby am tollsten. Das ist okay. Das, was man liebt, findet man immer am Schönsten.“

Der Kobold zu seinem Kindergartenkollegen, der wie immer einen Wettbewerb daraus machen wollte, wer nun das hübschere kleiner-Bruder-Baby bekommen hat.

Hat sich umgedreht, ist mit seinem besten Freund spielen gegangen und hat den Jungen recht sprachlos in seinen destruktiven Gefühlen allein gelassen.

Bin stolz auf ihn. Sehr sehr.

Viereinhalb

Viereinhalb Monate Bragi, das ist: Im Bett zu liegen, sich den Schnuller selber in den Mund zu stecken, den Kuschelhund fest in eine Hand zu nehmen und dann mit viel Schwung in einer gewagten Todesrolle deluxe vom Babybett die 10 cm Höhenunterschied zum Ehebett drehend zu überwinden, aufgrund des Schwungs noch nachrollen, um dann wenige Sekunden später laut gackernd mitten auf dem Ehebett zu liegen, weil das Ganze doch für ziemlich viel Adrenalin im Gehirn sorgt.

Dann den Schnuller aus dem Mund ziehen, laut und empört meckernd mit Schnuller und Hund jemanden heranfuchteln, damit man wieder ins Bett gelegt wird um zur Wiederholung Nr. 293 ansetzen zu können…

Sinnlich

Es ist diese Stelle, diese eine … hinten im Nacken, an der der Bragi, wenn er gerade aufgewacht ist, nach einer Mischung aus Poffertjes und frischer Zuckerwatte riecht…

Beinahe…

Beinahe etwas ganz ganz Böses gesagt.
Beinahe nicht rechtzeitig meine Selbstbeherrschung zurückgewonnen.
Beinahe weich geworden.
Beinahe zu wütend geworden.
Beinahe aus der Haut gefahren.

Geschafft, abzuwarten.
Es brodelt, es wütet, es tobt in mir.
Ich werde nicht denselben Fehler machen wie meine Eltern.

Ich werde auch nicht das Gegenteil dessen tun, was meine Eltern gemacht haben.
Ich kann will und werde meinen eigenen Weg finden, damit umzugehen.
Und sie ist alt genug, auch man einen Moment alleine dazustehen.

Wer Mist macht, darf auch einen Moment darin sitzen bleiben.
Wütend, enttäuscht, traurig… bleibt die Frage, was sie davon sehen darf.

Arche Noah

Das kranke Kind darf Arche Noah als Musical kucken.

Männlein und Weiblein finden sich jeweils, indem sie fetzige romantische Balladen füreinander trällern.
Gott ist ein Stern, der pulsiert, wenn er spricht.

Noah singt nicht.
Die, die ertrinken müssen, singen auch nicht.
Ist vielleicht auch besser.

Noahs Frau ist eine ziemliche Ziege. Ich kenne den Schluss noch nicht, aber ich denke, er wird sie nicht mitnehmen.
Jetzt verhaut sie ihn gerade mit dem Besen, weil er mit Gott spricht…

[Ich würd sie dalassen…]

Geschwisterliebe

„Aber wenn er wach ist, pass ich auf ihn auf!“

„Nein, ich!“

„Nein!!! Ihr seid alle blöd! Ich bin sein einziger Bruder, ICH pass auf ihn auf!“

„NEIN!“

[weinerliches Kreischen bei 2/3 Kindern]

„Niemand wird hier gleich auf ihn aufpassen, weil ich ihn nämlich fressen werde, weil er so süß ist!“

[empörtes Kreischen bei 3/3 Kindern, inzwischen ist das Baby wieder wach und lacht selig.]

„Kommt, wir passen alle zusammen auf ihn auf, damit Mami ihn nicht einfach wegschmaust!“

„Genau!“

„Gute Idee! So machen wir es!“

Ich lieb sie einfach.

Lektionen

„Ich bin so sauer auf den Nikolaus, Mami.“, gehört zu den Sätzen, die ich am frühen Morgen eher nicht hören will.

Ich liebe es, dass diese Kinder hohe Ansprüche haben, ich liebe es, dass sie trotz Enttäuschungen auf dem Weg dahin sind, dem Leben das Maximum abzuverlangen, aber manchmal…

Sie zu enttäuschen und es auszuhalten gehört dazu.

Auch Demut muss gelehrt und erfahren werden.

Manchmal könnte ich allerdings gut drauf verzichten.

Besonders um 6 Uhr morgens.

Zwischen Traum und Trauma

Seit 26 Stunden wach, davor 2 Stunden geschlafen, seitdem erst Wehen, dann Presswehen, seitdem Nachwehen. Und was für welche.
Ich bin hier die Einzige mit Brüsten, von daher ist meine Rolle klar und nach nun 4 Stunden Dauerstillen („der trinkt heute nix mit dem ganzen Fruchtwasser in der Lunge!“) ist der kleine Tuk kurz eingenickt und ich warte aufs nächste Schreien. Um 6 Uhr hat der große Mann mit einigen Unterbrechungen immerhin 6 Stunden geschlafen und ich werde ins Bett fallen.
Einfach so.
Weil ich es mir verdient habe.
Nach 30 Stunden Marathon.

Angefangen hat alles mit einem Traum.
In diesem Traum kamen viele Sterne vor, viel Frieden, viel Reise, viel Verbundenheit.
Und ich wachte auf und lächelte.
Das war 2 Uhr nachts.
Gestern.
Dann machte es „Poff“ – wie in einem Donald Duck Comic – und das wars mit der Fruchtblase.
Fünf Handtücher später schlug ich dem großen Mann vor, wir schlafen einfach weiter.

Nicht so der kleine Mann in der Fruchtblase.
Wehe folgte auf Wehe, wurde stärker, schneller, heftiger.
Aber von drei vorhergehenden Geburten weiß ich ja – ich habe eine Wehenschwäche.
Egal, wie viele da sind – sie bringen nichts für die Geburt.
Also habe ich die Ruhe weg.
Wir bleiben so lange wie möglich zuhause, bis wir die Hebamme anrufen.
Um 6 Uhr, damit sie ausgeschlafen ist und wir mit dem Tropf im Krankenhaus anfangen können.
Wie jedesmal.
Denn eigene Wehen – kann ich ja nicht.
Ja.

Als der Mann dann gegen kurz nach 7 Uhr mit unserem Auto, in dem sich drei unausgeschlafene Kinder befanden, mit Tempo 80 über rote Ampeln mitten im Berufsverkehr durch die Innenstadt heizte, während ich harmlose Passanten aus dem geöffneten Seitenfenster anbrüllte, weil ich die Wehen nicht mehr veratmen sondern nur noch rausschreien konnte, war der Plan ja eigentlich noch, vorher einen kurzen Abstecher zur Tagesmutter zu machen, um die Kinder rauszuwerfen.
Denn: wir haben ja Zeit. Kurz vor der Kreuzung schreie ich mitten in einer Wehe den Mann also an, ja nicht abzubiegen, sondern zum Krankenhaus weiterzurasen und röhre nach wie vor wie ein brünftiger Hirsch aus dem Fenster und kneife die Beine zusammen. Ist irgendwie anders als sonst, denke ich noch so.
Am Krankenhaus angekommen herrscht der Mann die Kinder aus dem Auto, ich wanke Richtung Fahrstuhl, aus dem eine Schwester hektisch mit weitaufgerissenen Augen zwei wehrlose Rentner wieder herauszieht, nachdem sie mich, den Mann und die Kinder erblickt und uns kommentarlos hineinschiebt, einen Knopf drückt und sowas wie viel Glück wünscht.
Ich schwanke zwischen Schmerzkoma und einem fassungslosen: Ich habe doch eine Wehenschwäche.
Vor dem Kreißsaal meine Hebamme, die mich an den Händen fasst und ein bisschen komisch ansieht, neben mir Schwestern und Ärzte, die die Kinder vor den nächstbesten Fernseher führen und ein Mann, der die Tür zum Kreißsaal hinter uns schließt.

Tropf, denke ich noch, als die Hebamme bei der Untersuchung was von 9 cm murmelt.
Wehenschwäche, denke ich und verlange einen Zugang.
Dann kann die Geburt ja endlich anfangen.
Es ist kurz vor 8 Uhr.
„Ich kann da keinen Zugang legen“, murmelt die Hebamme, als ich zwischen zwei Wehen meine Hand hinstrecke.
Also Armbeuge, nachdem die erste Ader platzte.
Die Wehen kamen gefühlt alle 10 Sekunden und hielten 3 Minuten.
Der Mann hielt meinen Arm, die Hebamme versuchte im Laufen, mit der Nadel eine Ader zu treffen, während ich im Raum umherwankte, Wehen aus mir herausstöhnte und mal dringend auf Klo musste.
Wehentropf, denke ich noch.

Irgendwann ist alles voller Blut, weil die Rahmenbedingungen nun mal eher suboptimal waren, ich bekomme noch ne halbe Binde um den Arm gewickelt, damit die Nadel nicht rausrutscht und soll zum CTG.

Gute Idee, denke ich.
Mal sehen, ob man die Wehen überhaupt aufzeichnen kann oder ob sie zu schwach sind.
Aber alles, was mir an den Bauch geklemmt wird, ist der Herztonkopf für das Baby.
Wehen, denke ich noch.
Da müssen wir doch was aufzeichnen, wenn wir gleich einleiten.
Ich schreie inzwischen ununterbrochen.

Der Mann kommt irgendwie durch die Wand aus Schmerz und teilt mir mit, dass die Tagesmutter am Krankenhaus ist und die Kinder abholt.
Er würde sie jetzt runterbringen und dann wiederkommen.
Wir haben ja Zeit, denke ich.
Und frage mich halb taub, ob ich das überlebe.
Wenn wir erst mal einleiten und die Wehen schlimmer werden.

Es ist 8 Uhr.

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, alles triggert, alles ist furchtbar, ich falle von einem Panikanfall in den nächsten, will Schmerzmittel und höre immer nur, es ist zu spät.
Ich brülle, ich kann nicht mehr, die Hebamme brüllt mich an, ich soll die Luft anhalten und pressen, ich brülle, ich bin noch nicht so weit, der Mann kommt zur Tür reingerannt, brüllt mich auch noch an und da platscht es schon aufs Bett.

08:06 Uhr.

Wehentropf, denke ich noch, als der Mann das Baby hochnimmt.
Und irgendwann lasse ich mir von ihm die Geschichte mal erzählen, wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist.
Nicht heute.
Vermutlich auch nicht morgen.
Aber irgendwann sicherlich.

Willkommen auf der Welt, mein närrischer kleiner Tuk.
Es ist so schön, dass es dich gibt.

Mit Liebe

Wir singen heute nicht für dich.
Weil.
Weil…
Weil mir vermutlich jede Note im Halse stecken bleiben würde.
Weil du nicht da bist.
Weil du gar nie bei uns warst, außer in diesen blutigen adrenalindurchtränkten und durchweinten Stunden. Einen Tag, eine Nacht haben wir dich bei uns gehabt.
An jenem Morgen vor 5 Jahren hatte ich einen Tag zuvor dein Herz beim Arzt schlagen sehen. Ich fühlte deine Berührungen, diese sachten ersten Flatterbewegungen im Bauch. Doch, da warst du. Du warst da.
Ersehnt, erhofft, geliebt.
Am Mittag war Erntedankgottesdienst im Kindergarten. Ich holte deine große Schwester ab und es war 14 Uhr, als wir begannen, mit unseren Händen den Kreis zu schließen, dort im sonnigen Hof an diesem wunderschönen Tag.
Und ich fühlte, das irgendetwas ganz und gar nicht okay war.
Ich nahm deine große Schwester und deinen großen Bruder, der damals noch so ein kleines Baby war, und fuhr nach Hause.
Eine Stunde später platzte die Fruchtblase und ich rief deinen Vater an.
Mit Wehen und zwei kleinen Kindern auf dem Schoß sang ich Kinderlieder gegen die Verzweiflung.
Gegen die Vernunft.
Gegen die Erkenntnis.
Du hast gewartet, bis dein Vater da war. Bis wir beide fassungslos auf dieses Wesen in unseren Händen starren konnten. Auf dich.
Der Rest des Tages versinkt in Wehen und Blut und Dunkelheit und Verzweiflung. Er gehört nicht hierher.
Auch wenn die darauffolgende Nacht das vielleicht größte stumme Versprechen zwischen deinem Vater und mir beinhaltete.
Der nächste Morgen begann neblig. Mit herbstlichen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg bahnten. Ich trug deinen Bruder im Tuch, ganz nah bei mir. Mein Körper schrie nach einem Baby und da war eines.
Wir machten uns auf den Weg zum Fluss, auf die Insel. Auf unsere Insel. Deine.
Ihr Anblick ist vielleicht das, was mir am meisten fehlen wird, wenn wir hier wegziehen.
Wir haben sonst nichts von dir.
Einen halb ausgefüllten Mutterpass.
Ein paar Ultraschallbilder.
Erinnerung an wenige Stunden.
Was wäre wenn… die Frage stellt sich nicht.

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