Versehrte Elternschaft

Gewöhnt man sich irgendwann an den Tod?

Ich hätte es jedenfalls nicht für möglich gehalten, jeden Morgen freudestrahlend Kindern hinterherzuwinken, Seite an Seite mit einer ganz wunderbaren Frau und dann ab dem Moment, in dem wir uns einander zuwenden, über ein totes Kind zu sprechen.

Es ist nicht mal seltsam, es … ist … einfach.

Wir sprechen über unsere insgesamt 7 Kinder.
Und eines davon ist nun mal leider tot.
Warum sollte es von unseren Gesprächen ausgenommen werden?

Es ist eine sehr herausfordernde Achtsamkeitsübung und ich erkenne, erahne in Bruchteilen, welche Last die Eltern tragen, denen ein Kind von der Seite gerissen wurde, das lange Zeit Bestandteil des Lebens war.

Es ist etwas ganz anderes, als ein Kind vor der Geburt zu verlieren. Nicht schlimmer, nicht besser. Anders. Ganz anders.

Unsere großen Töchter sind gleichalt.
Gewesen.
Ihre bleibt in diesem Alter stehen.
Meine wird älter. Zwei Geburtstage bereits.

Und ich fühle die Sehnsucht in den Fragen zu ihrem Alltag. Ihr Blick ermöglicht auch mir eine ganz andere Sichtweise auf meine Tochter. Ich sehe sie oft durch ihre Augen. Durch die Augen einer Mutter, die diesen Lebensabschnitt ihrer Tochter nie sehen wird. Die nicht erleben wird, wie aus dem Kind eine junge Frau wird.

Verdammt, auf ewig ein Kind zu bleiben.

Der Tod verrät gleich in zweierlei Hinsicht.

Nicht nur, dass er das Leben beendet, er beendet auch den Abnabelungsprozess. Den der Eltern vom Kind. Loslassen ist ein schmerzhafter und langer Prozess, der durch den Tod nicht beendet oder verkürzt werden kann.

Ein Kind erwachsen werden lassen, die Elternschaft ein Stück weit loszulassen… dazu braucht es vor allem eines: ein lebendes Kind.

Trauergeschwindigkeiten

Vielleicht reicht es, wenn es für einen einzigen Menschen einen Unterschied gemacht hat, ob man gelebt hat…

Als ich heute Morgen mit ihr dort stand, auf dem Parkplatz und bei ihrer Erzählung der letzten Minuten ihrer Tochter erst mir und dann wieder ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen und alles um uns herum versank, weil nur wir beide dort waren, da waren mir die Leute egal, die Flüstereien, die Blicke, die Fragen in den Augen der anderen Mütter…

Erst als ihr kleiner Sohn mehrfach entnervt fragte, ob sie jetzt mit heulen wieder fertig sei, und ihre Tochter ja schließlich tot sei und fertig, wurde ich unsanft in die Realität zurückgeholt. Meine beiden Kleinen hatten nur stumm zu uns geblickt und instinktiv bemerkt, dass jedes Wort unerwünscht gewesen wäre, doch ihrer hat da wohl eine andere Geschichte zu erzählen.

Sie lächelte nachsichtig und mir wurde klar, dass sie dieses Verhalten kennt. Wie mag das für ein Kind sein, wenn die Eltern um die große Schwester trauern? Welche Trauerintensität und welche Trauergeschwindigkeit hat ein kleines Kind, das noch so egozentrisch liebt und lebt, dass der Verlust des wesentlich älteren Geschwisterkindes keinen übermenschlich großen Einschnitt ins eigene Leben bedeutet?

Und schlussendlich – wie viel kann man seinem Kind nachsehen?
Wird man irgendwann wütend?
Voller Hass, weil das Andenken an ein Familienmitglied nicht so gewürdigt wird, wie man es selber brauchen würde?
Wie geht man damit um, wenn man aus den Reihen der eigenen Kinder Gleichgültigkeit für diesen Tod erfährt?
Wenn da kein Platz mehr ist für die eigene Trauer?
Und irgendwann, in einiger Zukunft auch kein Platz mehr für die Erinnerung?

Herzensdinge

Tränenreiche Morgende zur Zeit.

Ich sehe hinter die aufgemalte Maske aus Make Up und vernichte sie.
Tag für Tag.
Ich kann nicht aus meiner Haut und will es auch gar nicht.
Ich sehe, wie sie ihren Schutzschild vor sich herträgt.

Aus schnell zunehmender Körpermasse, ablehnender Haltung und einem festgemeißelten Grinsen, mit dem sie jedem signalisiert, dass alles in Ordnung ist, alles prima, das Leben geht weiter, nach vorne blicken, nicht in der Vergangenheit leben….

Bis all die vorbeinickenden Mitmenschen verschwunden sind und ich in ihre Augen sehe. Ich verliere mich fast in diesem Goldton und sobald die ersten Tränen kommen, noch bevor ich ein Wort sage, überzieht Gänsehaut meinen Körper.

Ich kann es fühlen.
Ich kann sie fühlen.
Und sie mich auch.
Wie zwei Sterne kreiseln wir umeinander, immer wieder wie magisch voneinander angezogen, immer wieder aufeinander zu, voneinander weg… bis wir uns das erste Mal in die Augen sehen.

Fassaden, die brechen. Meine. Und ihre.
Jeden Morgen, jeden neuen Tag.

„Sie ist nicht weg.“, sage ich heute Morgen. „Ich nehme sie mit in mein weiteres Leben. Meine Tochter wird sie weitertragen. Jeder aus ihrer Klasse.“
Mein Sohn, der sich daran erinnert, wie wir ihr an ihrem Sterbebett standen. Begegnungen verändern uns. Und wir nehmen ein Stück jedes Menschen, dem wir wirklich und wahrhaftig begegnet sind, mit uns und tragen es weiter. Wir haben wieder Einladungskarten geschrieben.

Die zweite Feier, auf der sie nicht sein kann. Ich denke an das Jahr davor zurück, wie sie mit frischer Kopfnarbe und ohne Haare, aufgedunsen von den Medikamenten, hier mit uns feierte. Und es war so normal. Die Kinder kannten sie alle, kannten die Diagnosen, wussten, was ein Hirntumor ist. Und wir spielten, wie man mit Kindern nur spielen kann.

Der Tod spielte mit und es war uns egal.

6 Monate später bereitete sie sich aufs Sterben vor.
Es ist so ein Geschenk, dass wir sie begleiten durften.

Über all die Jahre.

Pack

Da werden Kinder geschubst, Wege versperrt, Schüler weggedrängt und geschoben, da wird gedrängelt, gemeckert und ständig geflüstert; wer asoziales menschliches Verhalten in seiner reinsten Form erleben will, der macht einfach einmal eine Einschulung mit.

Keine Lust mehr auf dieses Leben auf diesem Planeten. Arschlöcher.

kleine Schritte

Heute ist einer der Tage, an denen ich mich frage, warum ich nicht den anderen Weg gegangen bin. Keine Familie, keine sozialen Kontakte, Betreuungsverhältnis, Arbeitsunfähigkeit, Rente.

Schon wenn ich es schreibe, spüre ich, dass das niemals mein Weg hätte sein können, weil ich trotz aller Dämonen und aller Nächte wie diese wieder eine war ihnen niemals zugestehen würde, mich auch nur ansatzweise offiziell beherrschen zu dürfen.

Ich KANN ein normales Leben führen, ich bezahle für Kinder und Mann und den Zwang, nach draußen gehen zu müssen einen enorm hohen Preis, doch für mich gibt es schlicht keine Alternative. Niemals. Jeder Tag ein neues Trauma, doch jeder weitere Tag, den ich aufstehe, mich berühren lasse, körperlich, geistig… ohne schreiend davon zu rennen gleichzeitig ein Triumph über die Panik, die Angst- und Beklemmungszustände, den Schmerz, die Trauer.

Wege

Manchmal ist die Last, die Verantwortung für all diese Leben zu tragen, fast untragbar.

Es ist nicht mal nur das Hier und Jetzt, es ist das Paket, das für die Zukunft geschnürt wird.

Die Erinnerungen, die sie weit über meinen Tod hinaus mit in ihr Leben nehmen werden, die Erfahrungen, die ich ihnen ermöglichen kann, will, darf, auf die sie in etlichen Jahrzehnten zurückblicken werden, die sie mit sich tragen und vielleicht weitergeben werden, die sie vorbereiten, sie bereichern, ihren Weg erleichtern können…

Manchmal möchte ich einfach nur einen Eimer mit Sand für meinen Kopf haben.

Traumwelten

Der Traum von Opa kommt mir nicht vor wie der Beginn einer langen erfüllenden großartigen mystischen Dieseits-Jenseits-Beziehung. Es fühlt sich eher nach einem Abschied an.

Seit ich gestern nachmittag erwachte und völlig gelähmt in mich hineinlauschte, ob er da irgendwo ist, ob etwas in mir klingt, wo ich so lange gesucht, gehofft, gelauscht, geschrieen, beschimpft, gewütet, verzweifelt habe… ist das Gefühl beinahe übermächtig, dass es das nun war.

Mein erster Impuls war, seine Nummernschilder von der Wand zu nehmen. Ich brauche sie jetzt nicht mehr als Erinnerung, war das Gefühl. Heute starre ich ständig das Schloss an, das an der Garage hing, seit ich denken kann. Ich weiß gar nicht, wo es liegt, aber ich sehe es heute ständig.

Das wars?, möchte ich ihn anfahren und ich weiß irgendwie, es wird keine Antwort mehr kommen. Ich habe doch jetzt über drei Jahre gewartet und jeden Tag… und dann soll jetzt alles vorbei sein?

Soll ich nun aufgeben?

Aber, es fühlt sich gar nicht wie aufgeben an. Es fühlt sich … abgeschlossen an, seit gestern. Gut. Rund.

Aber … das war es nun?

Zwischen Traum und Trauma

Seit 26 Stunden wach, davor 2 Stunden geschlafen, seitdem erst Wehen, dann Presswehen, seitdem Nachwehen. Und was für welche.
Ich bin hier die Einzige mit Brüsten, von daher ist meine Rolle klar und nach nun 4 Stunden Dauerstillen („der trinkt heute nix mit dem ganzen Fruchtwasser in der Lunge!“) ist der kleine Tuk kurz eingenickt und ich warte aufs nächste Schreien. Um 6 Uhr hat der große Mann mit einigen Unterbrechungen immerhin 6 Stunden geschlafen und ich werde ins Bett fallen.
Einfach so.
Weil ich es mir verdient habe.
Nach 30 Stunden Marathon.

Angefangen hat alles mit einem Traum.
In diesem Traum kamen viele Sterne vor, viel Frieden, viel Reise, viel Verbundenheit.
Und ich wachte auf und lächelte.
Das war 2 Uhr nachts.
Gestern.
Dann machte es „Poff“ – wie in einem Donald Duck Comic – und das wars mit der Fruchtblase.
Fünf Handtücher später schlug ich dem großen Mann vor, wir schlafen einfach weiter.

Nicht so der kleine Mann in der Fruchtblase.
Wehe folgte auf Wehe, wurde stärker, schneller, heftiger.
Aber von drei vorhergehenden Geburten weiß ich ja – ich habe eine Wehenschwäche.
Egal, wie viele da sind – sie bringen nichts für die Geburt.
Also habe ich die Ruhe weg.
Wir bleiben so lange wie möglich zuhause, bis wir die Hebamme anrufen.
Um 6 Uhr, damit sie ausgeschlafen ist und wir mit dem Tropf im Krankenhaus anfangen können.
Wie jedesmal.
Denn eigene Wehen – kann ich ja nicht.
Ja.

Als der Mann dann gegen kurz nach 7 Uhr mit unserem Auto, in dem sich drei unausgeschlafene Kinder befanden, mit Tempo 80 über rote Ampeln mitten im Berufsverkehr durch die Innenstadt heizte, während ich harmlose Passanten aus dem geöffneten Seitenfenster anbrüllte, weil ich die Wehen nicht mehr veratmen sondern nur noch rausschreien konnte, war der Plan ja eigentlich noch, vorher einen kurzen Abstecher zur Tagesmutter zu machen, um die Kinder rauszuwerfen.
Denn: wir haben ja Zeit. Kurz vor der Kreuzung schreie ich mitten in einer Wehe den Mann also an, ja nicht abzubiegen, sondern zum Krankenhaus weiterzurasen und röhre nach wie vor wie ein brünftiger Hirsch aus dem Fenster und kneife die Beine zusammen. Ist irgendwie anders als sonst, denke ich noch so.
Am Krankenhaus angekommen herrscht der Mann die Kinder aus dem Auto, ich wanke Richtung Fahrstuhl, aus dem eine Schwester hektisch mit weitaufgerissenen Augen zwei wehrlose Rentner wieder herauszieht, nachdem sie mich, den Mann und die Kinder erblickt und uns kommentarlos hineinschiebt, einen Knopf drückt und sowas wie viel Glück wünscht.
Ich schwanke zwischen Schmerzkoma und einem fassungslosen: Ich habe doch eine Wehenschwäche.
Vor dem Kreißsaal meine Hebamme, die mich an den Händen fasst und ein bisschen komisch ansieht, neben mir Schwestern und Ärzte, die die Kinder vor den nächstbesten Fernseher führen und ein Mann, der die Tür zum Kreißsaal hinter uns schließt.

Tropf, denke ich noch, als die Hebamme bei der Untersuchung was von 9 cm murmelt.
Wehenschwäche, denke ich und verlange einen Zugang.
Dann kann die Geburt ja endlich anfangen.
Es ist kurz vor 8 Uhr.
„Ich kann da keinen Zugang legen“, murmelt die Hebamme, als ich zwischen zwei Wehen meine Hand hinstrecke.
Also Armbeuge, nachdem die erste Ader platzte.
Die Wehen kamen gefühlt alle 10 Sekunden und hielten 3 Minuten.
Der Mann hielt meinen Arm, die Hebamme versuchte im Laufen, mit der Nadel eine Ader zu treffen, während ich im Raum umherwankte, Wehen aus mir herausstöhnte und mal dringend auf Klo musste.
Wehentropf, denke ich noch.

Irgendwann ist alles voller Blut, weil die Rahmenbedingungen nun mal eher suboptimal waren, ich bekomme noch ne halbe Binde um den Arm gewickelt, damit die Nadel nicht rausrutscht und soll zum CTG.

Gute Idee, denke ich.
Mal sehen, ob man die Wehen überhaupt aufzeichnen kann oder ob sie zu schwach sind.
Aber alles, was mir an den Bauch geklemmt wird, ist der Herztonkopf für das Baby.
Wehen, denke ich noch.
Da müssen wir doch was aufzeichnen, wenn wir gleich einleiten.
Ich schreie inzwischen ununterbrochen.

Der Mann kommt irgendwie durch die Wand aus Schmerz und teilt mir mit, dass die Tagesmutter am Krankenhaus ist und die Kinder abholt.
Er würde sie jetzt runterbringen und dann wiederkommen.
Wir haben ja Zeit, denke ich.
Und frage mich halb taub, ob ich das überlebe.
Wenn wir erst mal einleiten und die Wehen schlimmer werden.

Es ist 8 Uhr.

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, alles triggert, alles ist furchtbar, ich falle von einem Panikanfall in den nächsten, will Schmerzmittel und höre immer nur, es ist zu spät.
Ich brülle, ich kann nicht mehr, die Hebamme brüllt mich an, ich soll die Luft anhalten und pressen, ich brülle, ich bin noch nicht so weit, der Mann kommt zur Tür reingerannt, brüllt mich auch noch an und da platscht es schon aufs Bett.

08:06 Uhr.

Wehentropf, denke ich noch, als der Mann das Baby hochnimmt.
Und irgendwann lasse ich mir von ihm die Geschichte mal erzählen, wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist.
Nicht heute.
Vermutlich auch nicht morgen.
Aber irgendwann sicherlich.

Willkommen auf der Welt, mein närrischer kleiner Tuk.
Es ist so schön, dass es dich gibt.