Ich wünschte, ich hätte den Mut und die Kraft, die Verzweiflung, die in mir tobt, in Worte zu fassen. Ich wünschte… Ich spüre, dass wir Zeit bräuchten. Es ist das Einzige, das wir nicht bekommen werden.
Das Kind wird am Samstag geholt.
Das Kind…
Wann habe ich angefangen, so über dich zu denken?
Ich wünschte, wir hätten Zeit.
Ich wünschte, ich könnte mich von dir verabschieden.
Ich wünschte, du könntest deinen Zeitpunkt selber wählen.
Ich wünschte, ich dürfte dich selbstbestimmt gebären.
Ich wünschte…
Ich wollte dich zur Welt bringen. Du und ich. Ich und Du.
Deine Geburt sollte nichts werden, das ich einfach nur hinter mich bringen will.
Kein Ausflug in die blutrote Schwärze meiner tiefsten Albträume, sondern ein Weg ins Licht.
Ich hoffe, dass du mir das irgendwann verzeihst.
Ich hoffe, dass ich mir diesen Weg irgendwann verzeihen werde.
vom Leben und Sterben
Mit Liebe
Wir singen heute nicht für dich.
Weil.
Weil…
Weil mir vermutlich jede Note im Halse stecken bleiben würde.
Weil du nicht da bist.
Weil du gar nie bei uns warst, außer in diesen blutigen adrenalindurchtränkten und durchweinten Stunden. Einen Tag, eine Nacht haben wir dich bei uns gehabt.
An jenem Morgen vor 5 Jahren hatte ich einen Tag zuvor dein Herz beim Arzt schlagen sehen. Ich fühlte deine Berührungen, diese sachten ersten Flatterbewegungen im Bauch. Doch, da warst du. Du warst da.
Ersehnt, erhofft, geliebt.
Am Mittag war Erntedankgottesdienst im Kindergarten. Ich holte deine große Schwester ab und es war 14 Uhr, als wir begannen, mit unseren Händen den Kreis zu schließen, dort im sonnigen Hof an diesem wunderschönen Tag.
Und ich fühlte, das irgendetwas ganz und gar nicht okay war.
Ich nahm deine große Schwester und deinen großen Bruder, der damals noch so ein kleines Baby war, und fuhr nach Hause.
Eine Stunde später platzte die Fruchtblase und ich rief deinen Vater an.
Mit Wehen und zwei kleinen Kindern auf dem Schoß sang ich Kinderlieder gegen die Verzweiflung.
Gegen die Vernunft.
Gegen die Erkenntnis.
Du hast gewartet, bis dein Vater da war. Bis wir beide fassungslos auf dieses Wesen in unseren Händen starren konnten. Auf dich.
Der Rest des Tages versinkt in Wehen und Blut und Dunkelheit und Verzweiflung. Er gehört nicht hierher.
Auch wenn die darauffolgende Nacht das vielleicht größte stumme Versprechen zwischen deinem Vater und mir beinhaltete.
Der nächste Morgen begann neblig. Mit herbstlichen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg bahnten. Ich trug deinen Bruder im Tuch, ganz nah bei mir. Mein Körper schrie nach einem Baby und da war eines.
Wir machten uns auf den Weg zum Fluss, auf die Insel. Auf unsere Insel. Deine.
Ihr Anblick ist vielleicht das, was mir am meisten fehlen wird, wenn wir hier wegziehen.
Wir haben sonst nichts von dir.
Einen halb ausgefüllten Mutterpass.
Ein paar Ultraschallbilder.
Erinnerung an wenige Stunden.
Was wäre wenn… die Frage stellt sich nicht.
Es gibt keine Antworten.
Geliebter närrischer kleiner Tuk,
schon vor 8 Monaten war mir klar, dass du anders sein würdest. Dass deine Wege anders verlaufen würden als wir das bislang aus unserem Leben mit Kindern kennen. Deine Namenssuche war keine. Es gibt keine Alternativen. Nur den einen, deinen Namen.
Einen für den Körper, einen für den Geist, einen für die Seele.
Deinen dritten Namen wirst du dir mit deinen zwei Geschwistern teilen, die ersten beiden entsprechen deinem Wesen. Drei Kinder, die denselben dritten Namen tragen… auch wieder so eine Sache…
Es ist gut, wie es sein wird. Du lehrst mich das Fallenlassen. Das Aushalten. Austragen. Demut, auf ganzer Linie. Nie habe ich weniger gefordert vom Leben als bei dir. Nicht einmal das Leben selber. Wir haben kein Sicherheitsnetz, keine Alternative, keinen Plan B.
Und nun haben wir nicht einmal mehr Plan A.
Wir haben nur uns. Wir sind fünf Menschen, die dich lieben. Nur wir.
Wir werden dich schon irgendwie auf diese Welt bringen.
Überleben
Mir wird immer klarer, wo ich die kleinen Kinder und den großen Mann nebeneinander stelle, dass gewisse Überlebensgrundzüge, die antrainiert werden können, sich mit zunehmendem Alter immer schlechter in ein Leben implementieren lassen.
Würde ich um halb 3 Uhr nachts aufstehen und wie mein Vater „Feuer, Feuer, Notfallübung, die Uhr läuft!“ brüllen, würden hier mehrere Dinge passieren. Meine große Tochter würde vermutlich in Tränen ausbrechen. Die Kleinen verwirrt sein und aufgrund der Uhrzeit vermutlich auch nach mehreren Minuten anfangen zu weinen.
Der Mann würde sich vermutlich an den Kopf fassen, mich entsetzt ansehen, die Kinder trösten, sie wieder ins Bett bringen und danach ein ernstes Wort mit mir wechseln.
Im Alter meiner großen Tochter hatte ich sämtliche mögliche Szenarien dazu im Kopf. „Wo ist das Feuer, welche Wege sind noch frei?“, hätte ich im Aufstehen noch zurückgebrüllt und meine vorbereiteten Sachen angezogen. Die für Feuer, nicht die für die Diebe-sind-im-Haus-Übung. Ich hätte meine Tasche mit meinen Dokumenten an meinen Körper geschnallt, hätte einen Lappen mit dem Wasser an meinem Bett befeuchtet, wäre auf alle Viere gegangen und hätte mich je nach Brandherd und -position zielsicher über die Galerie abgeseilt, hätte die Treppe genommen oder wäre direkt aus dem Fenster im 1. Stock aufs Dach geklettert und wäre vom Vordach aus dann in den Vorgarten gesprungen.
Dort hätte mich mein Vater erwartet, die Zeit gestoppt, mir mitgeteilt, dass ich noch besser werden müsste und mir einen Vortrag gehalten, welche Brandverletzungen oder Rauchvergiftungen mit welchen Symptomen ich jetzt hätte. Danach wäre ich wieder ins Bett gegangen und hätte all das kein bisschen seltsam gefunden.
Tatsächlich habe ich erst mit Mitte 20 festgestellt, dass es Menschen gibt, die diese Art von Kindererziehung und Training komisch finden. Und dass es Menschen gibt, die von ihren Eltern nicht aus fahrenden Booten geschubst, unter Wasser gedrückt oder in Kisten eingesperrt werden, damit sie lernen, mit diesen Situationen umzugehen.
Jetzt kommt der Teil, der nur schwer für mich zu durchdenken ist. Weil ich nur meine Normalität als Maßstab anlegen kann. Ich bin meinem Vater unglaublich dankbar für all diese Dinge. Ich hasse Hilflosigkeit. Ich verabscheue Lähmung und Stillstand.
Jetzt kommt die Frage nach der Wahl der Mittel. Hätte ein anderes Trainingsprogramm ähnliche Effekte gehabt? Wäre mit weniger Drill und mit weniger resoluten Mitteln derselbe Mensch aus mir geworden? Und wenn nicht, würde ich das bedauern?
Was bedeutet es für meine Kinder, nicht in jeder Situation mit den schrecklichsten Konsequenzen und Gefahren konfrontiert zu werden, die sich aus ihrem Handeln ergeben könnten?
Ich wähle oft ähnliche Situationen wie mein Vater. Meine Kinder müssen wissen, wie sie aus einem geschlossenen Auto kommen. Was sie tun, wenn es brennt. Wohin sie gehen müssen, wenn mir etwas passiert.
Ich bemühe mich, diese Dinge behutsam zu transportieren, aber schlussendlich stelle ich fest, dass das Abrufen von Notfallplänen in den allermeisten Fällen nur mit Drill zu erreichen sein scheint. Meine Tochter muss erst nachdenken, wie die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr, Handy meines Mannes, etc. lauten. Das ist Zeit, die sie im Ernstfall nicht hat.
Ich bemühe mich um Geduld. Ich weiß, dass es einen Weg dazwischen geben muss.
Ich sehe ihn einfach nur noch nicht.
Motte
Meine über alles geliebte, wunderbare Motte!
Damals, vor so langen Jahren, da durchzuckte mich plötzlich die Erkenntnis.
Hochschwanger, nach all diesen Dingen, die unser – mein Leben – so maßgeblich verändert haben, trug ich dich jeden Tag ein Stück weiter gegen die Angst.
„Das Baby ist tot.“, sagte ich Wochen vorher zu deinem Vater, fest davon überzeugt, dass dort kein Leben mehr wachsen würde. Ich bereitete mich vor. Und ich lehnte dich ab. Frisch war die Wunde nach der Geburt deiner toten Schwester schon lange nicht mehr. Und doch konnte, wollte ich dich einfach nicht annehmen. Deine Schwangerschaft war nicht geplant. Ich wollte keine Kinder mehr. Ich war nicht bereit. Wollte dich nicht sehen. Nicht stillen. Weinte meine Tränen stumm.
Dein Vater kündigte langen Urlaub nach der Geburt an, würde er dich doch alleine versorgen müssen. Ich sah meinen Dienst mit der Geburt als beendet an. Wollte nicht noch ein Kind lieben müssen, um es dann gehen zu lassen.
Und dann kamen die Träume. Von dir.
Eine hochgewachsene Amazone mit dickem wehenden rotblonden Haar, die laut schreiend und vor Lebensenergie förmlich berstend in den Kampf zog. Die Träume kamen immer wieder. Immer deutlicher. Immer weiter bedrängten sie mich, bis ich mich überwand, sie anzusehen.
Wach. Mit offenem Geist. Jede Nacht lag ich wach, spürte dich in meinem Bauch, spürte meine Ablehnung gegen jedes Gefühl, das du in meinem Herzen auslöstest.
Und ich sah dich.
„Ich weiß, wie sie heißt.“, sagte ich zu deinem Vater. Und ich war mir sicher. Es gab keinen Platz für Zweifel. Wo wir uns normalerweise verschiedene Namen vorschlugen, beratschlagten, diskutierten, war diesmal kein Raum. Nur Sicherheit, dass dies dein Name sein würde.
Es ist der Name eines ganzen schottischen Kriegerclans und es ist der einzige Name, der deinem Wesen gerecht werden kann.
Bittere Ironie – 28.09.2006/2011
Als ich Anfang des Jahres das erste Mal beim Frauenarzt saß und wie man das so macht den ersten Tag der letzten Periode, Zykluslänge und sonstige Daten übermittelte, da hatte ich schon so einen blöden Knoten im Magen.
Als die Ärztin als Entbindungstermin den Todestag unseres kleinen Mädchens beschwingt in den Mutterpass schrieb und mich anlächelte, da kämpfte ich gegen viel.
Erinnerungen, Tränen, den inneren Aufschrei, die Bilder.
Ich sagte nichts.
Es ist nur ein Datum.
Es ist nicht nur ein Datum.
Dieser Tag rückt näher, es ist der fünfte Geburtstag und der fünfte Todestag. Dieses kleine zarte Wesen in unserer Hand. Es würde mir wie Verrat vorkommen, wenn unser Sohn an diesem Tag geboren werden würde. Aber im Grunde… wäre es das wirklich?
Es sperrt in mir, diesen Tag zu teilen. Die anderen Fehlgeburten taten weh. So weh. Und doch ist es ein Unterschied, ob man nur blutet, früh, oder… Wehen, Blasensprung, Geburt eines kleinen Wesens, das so klein und perfekt und zart und vollständig war… Die kleinen Finger, die Füße… Es ist ein Unterschied, auch wenn ich hart gegen mich selber sein will, weil ich ihn mache.
Dieser Tag und der darauffolgende haben sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. In unser Gedächtnis, denn auch unsere Beziehung war danach nicht mehr dieselbe. Konnte es nicht mehr sein. Und an diesen zwei Tagen ist einfach kein Platz mehr.
Ich will das nicht teilen, wenn es doch alles ist, was uns bleibt.
Unter deinem Schutz, Gott, haben wir diesen Tag verbracht.
Wir danken dir für alles, was du uns hast gelingen lassen.
Wandle zum Guten, was durch unsere Hand verdorben ist.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die wir lieben, in der Nähe und in der Ferne: Bewahre sie und halte uns verbunden mit ihnen.
Wir bitten dich auch für die, die uns fremd sind oder feind: Räume weg, was uns trennt, und schenke uns Verständnis füreinander und Frieden.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die jetzt arbeiten, für alle, die unterwegs sind, für alle, die in den Krankenhäusern wachen: Sei bei ihnen in dieser Nacht.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die keinen Schlaf finden, für die Kranken und die Schwermütigen, die Verlassenen und die Umhergetriebenen, die nicht nach Hause finden: Nimm sie in deine Hut.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für die Sterbenden: Steh ihnen bei in ihrer letzten Stunde.
Leben und Tod sind in deiner Hand.
Herr, erbarme dich.
Bewahre uns, oh Herr, wenn wir wachen, behüte uns, wenn wir schlafen, auf dass wir wachen mit Christus und ruhen in Frieden.
Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.
Begleiter
Wenn man die Augen offen hält, sieht man ihn immer, den Tod.
Vielleicht liegt die Kunst darin, ihm zwischendurch einfach mal zuzulächeln.
Adriano Celentano
Es ist mir kaum möglich, etwas von ihm zu hören. Jeder Ton beschwört die Erinnerung an meinen Großvater herauf, der ihm so ähnlich sah.
Exakt dieselbe Stimme, die mir immer und immer wieder Max und Moritz vorgelesen hat, dieses tiefe heisere Grollen, das auch Tote wiederauferstehen lassen würde.
Dieselbe Männlichkeit und auch Gewalttätigkeit, unfassbarer Charme, Charisma… aber allem voran diese Stimme, die bis tief in den Bauch dringt und alle Nervenenden vibrieren lässt. Absolute Dominanz, absoluter Schutz. Liebe. Geborgenheit.
In Momenten wie diesen wird mir klar, warum mein Vater ihn dafür gehasst hat, nicht von ihm geliebt zu werden.
Eiternd
Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.
Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.
Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.
Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…
Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…
Ich sehe das Licht nicht mehr.