Dünne Nerven

Man sollte meinen, mit der Zeit schleicht sich ein gewisser Gewöhnungseffekt in Todesdingen ein, aber so ist es nicht.

Und so ziehen und zerren und zehren die sich immer wiederholenden Gespräche mit den Kindern über Tod und Sterben und den Wert von Leben an meinen Nervenenden, so dass ich am liebsten ein Kopfkissen über den Kopf ziehen würde, um nichts mehr hören zu müssen.
Ich kann den Wert eines Lebens nicht beziffern. Weder den einer lebenden Ameise noch eines lebenden Babys oder Greises.

Heute Nacht das beeindruckende Gefühl einer reißenden Fruchtblase geträumt und plötzlich war es fünf Jahre früher, als ich mit zwei kleinen Kindern im Wohnzimmer stand, die Hand auf dem nur leicht runden Bauch und das Reißen sehr deutlich spüren konnte. Und mein erster instinktiver Impuls Freude war, bevor mir bewusst wurde, dass ich das Todesurteil meines Kindes gespürt hatte.

Und so lag ich da, schweißgebadet, meine Gedanken sammelnd, ob es nun Traum oder Wirklichkeit war, ob ich mich nun darauf einstellen muss, ein Kind zur Welt zu bringen oder mich umdrehen kann, um neben den seidig weichen, duftenden Haaren der Motte beruhigt weiterzuschlafen.

Erst ein Gang durch die Wohnung und ein Hineinspüren in den Bauch brachte Sicherheit und Gewissheit, dass alles so ist, wie es sein sollte. Mein Sohn bewegte sich unter meiner Berührung, sachte nur, aber immerhin so beständig und unaufgeregt, dass es mich nach einiger Zeit wieder in den Schlaf sinken ließ.

Seine Namen stehen seit einiger Zeit unumstößlich fest, ein Trost in düsteren Gedankengängen, dass es eines weniger sein wird, um das wir uns im Todesfall Gedanken machen müssten. Jetzt verabschiede ich mich von der Nacht und den Todesgedanken, das Licht und der Tag warten schon seit Stunden auf mich.

Spät dran heute, gefangen, gefesselt in der Dunkelheit…

3 Tage

Die Woche war so kurz wie erschöpfend bisher.

„Komm, wir kaufen eine Kerze. Eine ganz besondere. Nur für sie. Und die zünden wir einfach immer an, wenn wir an sie denken.“ Ich sah das Tochterkind leicht verstört an. Ich kann schlecht rund um die Uhr eine blöde Kerze brennen lassen. Stunden später erst wurde mir klar, dass sie und ich uns ganz grundlegend in der Verarbeitung des Todes unterscheiden. Ich habe das damals schon mit dem Mann festgestellt, dass es an eine sehr schmerzhafte Grenze führt, Trauerbewältigungsarten zu vergleichen. Er ging zur Arbeit, machte weiter, während ich mitten im Supermarkt beim Einkaufen weinend zusammenbrach und weder vor noch zurück konnte.
Bleibt immer die Frage, was man tun würde, würde man für einen kurzen Moment Gottes Macht in Händen halten. Würde man die Zeit zurückdrehen? Wo die Antwort so klar scheint, dass man nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden würde, kreisen meine Gedanken. Würde man? Würde man wirklich? Wäre das gut? Ich weigere mich, noch weiter darüber nachzudenken, weil es mich an eine Grenze meiner Demut führt, die zu durchbrechen bedeuten würde, restlos alles in Frage zu stellen.

Ich sehe mein hüpfendes lachendes Kind, das nur ab und an zur Ruhe kommt und wie aus heiterem Himmel den Namen seiner Freundin nennt, während ich das Tal der Erinnerungen durchschreite und mir bitter bewusst wird, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt.

Dass die Narben aber nicht weniger schmerzen.

Regenbogen

Hallo Tod, murmle ich müde in Gedanken, während ich mich heute Morgen aus dem Bett quäle. Warum ist der eigentlich immer da? Und war er früher nicht da oder habe ich ihn nur nicht gesehen? Ich muss irrwitzigerweise an die Thestrale aus Harry Potter denken und überlege, ob man den Tod vielleicht nur als ständigen Begleiter sehen kann, wenn man einmal in seinem Leben an einem Punkt war, an dem man ihm in die Augen sehen musste.
Ich weiß es nicht. Vielleicht will man ihn auch einfach nur vorher nicht wahrnehmen.
Er hat für mich in vielerlei Hinsicht seinen Schrecken verloren. Ich versuche nicht mehr, ihn aus meinem Leben zu prügeln und das erleichtert.
Es ist nicht schön, ihn dabei zu haben, aber es ist okay. Wozu gegen die Existenz des Todes kämpfen, wenn man diese Energie ins Leben stecken kann?

Beides – Leben und Tod existiert immer nebeneinander. „Warum bist du nicht in der Schule?“, fragt unser Kinderkardiologe meine große Tochter liebevoll und ich atme tief ein. Kann ich sie alleine lassen damit?
Ich neige nicht dazu, für meine Kinder zu antworten, aber in diesem Moment möchte ich meine Flügel über sie ausbreiten und die Welt ausschließen.

„Ich mag heute nicht.“, antwortet sie leise, hält aber seinem Blick stand. „Meine Freundin ist gestorben.“

Er blickt mich erschrocken an und ich sehe ihn an. Der Tod verändert die Menschen, sobald man ihn nur beim Namen nennt. Es ist eine unglaubliche Macht, die er besitzt und die die meisten Menschen in ihren Bann zieht. Ich bin müde.
Das Tochterkind kuschelt sich an das Baby in meinem Bauch und erzählt ihm leise Dinge, während das Herz meiner Motte mal wieder eingehend untersucht wird und der Kardiologe mit ihr plänkelt.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde, herzlich, bis zum nächsten Mal. Es regnet.

Auf dem Rückweg beschließe ich, noch mit meinen Töchtern spazieren zu gehen. Wir nehmen unsere Regenschirme, kaufen uns ein Eis in der Eisdiele und treten in den strömenden Regen.
Ich denke an die Familie, die mit einem Sarg und einem toten Kind in ein 2000km entferntes Land fliegt, um es nach Hause zu bringen und fühle, wie die Hilflosigkeit mich übermannt.
Unwillkürlich fange ich an, leise Somewhere over the Rainbow zu singen und sehe in die lachenden Gesichter meiner Töchter, die durch den Regen tanzen und springen.

Ich denke an die Menschen, die mir im Herzen verbunden sind und drehe mich um.
Über dem Fluss leuchtet ein intensiv gefärbter Regenbogen.

Ich lächle. 

Tobias

Ich liebe dich.

Noch immer genauso und auch ganz anders als vor sechs Jahren.

Als wir unter diesem Sternenhimmel standen und uns das erste Mal gesehen und wenig später das erste Mal geküsst haben, da war ich dir schon mit allem verfallen, was ich habe.
Vor sechs Jahren kam ich mit einem zweieinhalbjährigen schüchternen Mädchen zu dir, das keinen Vater kannte. Du hast dich nicht irriteren lassen, als sie anfing, dich Papa zu nennen. Du warst seit dieser Zeit jeden Tag ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie vertraut dir, sie liebt dich. Unser Band, das so eng und fest war, ist durch die Beziehung zu dir nicht verschwunden, wohl aber elastischer geworden. Du hast hart gekämpft, bis ich dir Verantwortung für sie zugestanden habe und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Für mich und für sie.

Vor fünf Jahren und 10 Tagen wurde der Kobold in deine Hände geboren. Ich sehe dich, wenn ich ihn ansehe – und ich sehe uns. Ich liebe dieses Wesen, das ich in dieser unsicheren und auch oft schmerzhaften Zeit ausgetragen habe. Ich liebe seine Vorliebe für rosa und lila und dass er Kleider anzieht und Prinzessin werden will und ich liebe dein sanftes Lächeln, wenn er in seinem Feen-Ballettanzug leise singend an uns vorbeischwebt. Dass er auch nach fünf Jahren noch immer Nacht für Nacht zwischen uns liegt – liegen darf. Wohl behütet neben und auch gerne auf dir. Und ich weiß, dass du oft deswegen fluchst, dass aber nie zur Debatte steht, ihn anders anzunehmen als er eben ist. Unser Kobold.

Vor vier Jahren hatten wir bereits ein Baby verloren, das du auch auf deinen Händen hieltest. Du hattest mich monatelang getragen, gezogen und auch geschubst, wenn ich nicht mehr weiterleben wollte oder konnte. Ich danke dir dafür, dass du mich wieder ins Leben zurückgeholt hast auch wenn es so verdammt weh getan hat.

Heute vor vier Jahren standen wir vor einem Standesbeamten, der dich fragte, ob du mich heiraten willst und du sagtest: Moment bitte… und bist weggegangen. Um unseren Kobold einzufangen, der gerade laufen lernte und mit Hilfe einer mannshohen Palme im Rollcontainer hinter dem armen verdutzten Mann her rollte und versuchte, aus dem Standesamt zu flüchten. Wir haben darum gebeten, den Zusatz „bis dass der Tod euch scheidet“ wegzulassen, weil er das nicht tun würde und wird.

Unser Ja ist kein Jaja.

Vor drei Jahren war ich hochschwanger mit unserer Motte, die vier Tage später zur Welt kommen sollte. Mitten in der Nacht, bei Sturm und Gewitter. Dieses Kind, das seinem Namen alle Ehre macht. Reißend wie ein Strom, unbändig wie eine Naturgewalt, wild wie ein Krieger und sanft wie eine schnurrende Katze. Sie lehrt uns das Leben noch einmal neu, wir vergöttern beide unsere Tochter und ich sehe in deinem Blick dieselbe Liebe, die auch ich empfinde. Drei Jahre nun begleiten wir sie schon und es ist wundervoll, wie verliebt du in sie bist. Du hast einen Narren an ihr gefressen und diese bedingungslose nachsichtige Vaterliebe ist ein unglaublich großes Geschenk für sie wie für mich.

Vor zwei Jahren und 8 Tagen standst du neben mir, als ich die Urne meines Großvaters trug. Auch vorher schon, als ich neben seinem toten Körper stand, ihn umarmt und gestreichelt habe. Als ich um Zeit alleine mit ihm gebeten habe. Du hast unsere Kinder an der Hand gehabt und warst einfach da. Im Aufbahrungsraum, auf dem Friedhof, vorher, hinterher, ganz allumfassend. Wir hatten Wochen vorher ein zweites Baby verloren und sollten einige Monate später ein weiteres Kind verlieren.

Doch vorher würden wir noch zwei Wochen lang unseren Hund beim Sterben begleiten. Jeden Tag sind wir auf den Berg gefahren, hast du ihn zum Schluss auf diese Wiese getragen, weil wir wollten, dass er in der freien Natur sterben darf. Lange hat er gekämpft, bis er schlussendlich auf deinem Arm starb.


Wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben in diesem Jahr nicht sehr viel geredet. Wir standen Seite an Seite, manchmal auch Rücken an Rücken, uns immer berührend, aber wir hatten keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als irgendwie weiter zu machen.


Vor einem Jahr fingen wir wieder an, Pläne zu machen. Leise, sachte. Vorsichtig, als wäre ein Übermaß an Enthusiasmus nicht angemessen und vielleicht wäre es das auch nicht gewesen. Als wir wieder anfingen, miteinander zu sprechen, stellten wir fest, dass wir so eng zusammengewachsen waren, dass viele Probleme gar nicht existent waren. Ich wurde schwanger. Und hatte eine Fehlgeburt.
Und dieses Mal gingen wir weiter.

Wir sprachen über ein Leben ohne weitere Kinder. Drei ist eine gute Zahl. Ist sie immer noch. Die Monate gingen ins Land, während derer die Sicherheit wuchs, dass es vielleicht einfach gut so ist, wie es ist. Der Abschied von unserem Traum war nicht leicht. Es tat weh und ich habe viele Tränen deswegen vergossen. Aber es war ein ruhiges Jahr und das tat uns gut.
Heute Abend endet das sechste Jahr.

Morgen beginnt das Siebte.
Ich trage unseren zweiten Sohn unter dem Herzen.

Unser siebtes Kind.
Ich liebe dich.

Ringen

Dankbar für eine normale Aufgabe nehme ich den Auftrag des Mottenkindes an, ihr genauso eine Tasche zu nähen, wie der Kobold und das Tochterkind haben.
Doch die Gedanken kreisen. Sie wandern ein paar Straßen weiter, wo dieses Kind liegt. Und wieder zu mir zurück, zu meinen eigenen Ängsten, meinem Wollen und meinem Ringen mit dem gefühlten Nicht-Können.
Ich bekomme hier keine Bestätigung, keine Absicherung, dass mein Tun richtig ist. Sie ist dazu nicht in der Lage und mein Gefühl sagt Ja, wo der Kopf Trugbild schreit. Tue ich das Richtige? Ich weiß es nicht. Springe ich über meinen Schatten und gebe meinem Bauchgefühl nach und fahre wieder hin, bin da…? Oder verharre ich hier in Angst und Gedankengängen, die ebenso falsch wie richtig sein könnten?
Ein Kind liegt im Sterben und ich weiß einfach nicht, was das Richtige ist. Ich spüre die Hingabe der Mutter, wie sie in meinen Armen liegt, sich anlehnt, nur für einen Moment. Spüre die Dankbarkeit für die Zeit, in der wir sprechen. Dankbarkeit für meine Anwesenheit. Und ich spüre Liebe. Meine wie ihre gleichermaßen. Aber wo ist die Grenze? Wo ist gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht? Wo ist die Grenze in dieser Beziehung?

Hier greift keine Richtlinie, keine Norm, keine Erfahrung. Und ich schwebe unsicher in Gedanken hin und her, kann nichts greifen, das mir Sicherheit bieten könnte.

Zwei Stunden [Pränataldiagnostik]

Flach und bewegungslos auf dem Rücken, mit langsam absterbenden Beinen, ziehendem Ischias, einem Minimum an Atmung und voller Blase lag ich nun da. Unser Sohn war unkooperativ wie immer („das Kind dreht sich sehr ungünstig“, sagte Frau Dr.Dr.Chefärztin sehr vorwurfsvoll – als hätte ich pränatal da durch Erziehung schon irgendetwas ausrichten können…) und wenn die Diagnose 3 lebende Kinder mit Herzfehlern steht, dann will man ja auch beim vierten was finden, so scheint mir.

Zusätzlich ging ihr wohl quer runter, dass das vor drei Jahren geschallte Kind ohne Herzfehler in der Praenataldiagnostik nach der Geburt gleich zwei unterschiedliche davon aufwies und sie das irgendwie persönlich genommen hatte. „Das kann man auch nicht 1000%ig ausschließen“, fing sie pikiert an, als sie ihre eigenen Unterlagen durchsah und ich habe in Anbetracht der Stimmung dumme Witze über nichtkorrekte Nutzung von Prozentzahlen unterlassen, was ich mir nach einer Stunde stillliegen hoch anrechne.

„Ich kann so nicht arbeiten“, mopperte die gute Frau meinen ungeborenen Sohn an, als er sich mal wieder unter dem Druck des Ultraschallgerätes in die andere Ecke der Gebärmutter drehte. Die Motte kicherte leise und erntete dafür einen strengen Blick, der sie kurzzeitig verstummen und danach lautlos weiterkichern ließ.

„Was wollen Sie denn alles nicht wissen?“, platzte es plötzlich aus Frau Dr.Dr. heraus. Psychologisch betrachtet ein echter Killeranfang für so ein Beratungsgespräch (je ausgebildeter, desto ungeschulter im Umgang mit Menschen). 22. Woche und die Frau fragt mich, welche Entscheidung ich lieber nicht treffen will. So ein Blödsinn.
Auf meine Antwort, dass wir das Kind auf jeden Fall bekommen und für jede Vorbereitung in Form von Information im Falle einer Auffälligkeit dankbar sind, zog sie die Augen hoch und verstummte für 15 Minuten. „Nackenfalte im äußersten Normbereich.“

Hm, mache ich und versuche mein Kind durch Zeichensprache davon abzuhalten, den Nachfüllbehälter mit Ultraschallgel in meine Handtasche zu kippen.

„Also schon nicht ganz dünn.“

Ich hm-me wieder und nehme resigniert zur Kenntnis, dass die Motte den Behälter nun als Ganzes in meine Handtasche gesteckt hat.

„Ich würde da ergänzend bei Ihnen eine Fruchtwasserpunktion empfehlen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Nach 5 Fehlgeburten will diese Frau in meine Fruchtblase pieken, um festzustellen, was uns eh egal wäre?

„Nein.“, sage ich schlicht und warte darauf, dass sie weitermacht. Macht sie aber nicht.

„Ist Ihnen klar, was das bedeuten könnte?“

Hallo?

Wir haben einen kurzen Exkurs über Kinder mit Trisomie 21 hinter uns gebracht, bei dem sie von Vorurteil zu Vorurteil hetzte und ich mich die ganze Zeit einfach nur fragte, in was für einen Zirkus ich da nun wieder geraten bin. Unzufrieden über meine Entscheidung setzte sie missmutig die Untersuchung fort, maulte hier und dort noch ein wenig herum und entließ mich schlussendlich mit dem Fazit, dass mein Kind so dermaßen unkooperativ gewesen sei, dass sie nichts Genaueres sagen könne. Herz soweit ohne Befund, aber da muss man noch mal sehen.

Hmhm, kenn ich schon. Findet sie etwas, muss ich zur Kontrolle, findet sie nichts, muss ich nochmal hin, damit sie vielleicht doch noch was findet.

Ich liebe Ärzte.

[Das Ultraschallgel hab ich dann unten bei der Anmeldung abgegeben]

neue Baustelle

Von den drei Hebammen, die in meiner Hebammenpraxis tätig waren, ist nur noch eine geblieben. Eine ging in Rente und die zweite ist nun doch lieber keine Hebamme mehr. Stattdessen blickte ich heute Morgen in die Gesichter zweier junger Frauen Mädchen, denen ich vieles zutraue, aber nicht, eine Geburt zu führen. Und es kam, wie es kommen musste. Ich saß vor einer dieser knapp 20jährigen und betete recht emotionslos für die Unterlagen meinen Werdegang runter.

„Und das ist jetzt die vierte Schwangerschaft?“, fragte sie kieksend mit einem Blick in meinen Mutterpass… Römische Zahlen wollen auch gelesen werden können und so antwortete ich nur trocken: Nein, die neunte.

Oh, haha, hihi, ja mit römischen Ziffern hätte es sie nicht so… hihi, haha … diese Art von Gekicher habe ich das letzte Mal in der Oberstufe gehört.
Bis die Worte durch das Kicherzentrum auch bis ins Gehirn vorgedrungen waren.
Mit großen Augen sah sie mich an, während ich bemüht war, das Geklapper ihrer blöden Ohrringe zu ignorieren.

„Die… neunte?? Du hast schon ACHT Kinder?“ Das kann ich ja gut ab.

Und so fiel die nächste Antwort dann auch etwas kühler aus. Nein. Ich habe drei Kinder.

Es ratterte. Und ratterte. Und sie wurde hochrot und blätterte hektisch in meinem Mutterpass, wo es ja netterweise auch groß und unterstrichen steht. 5xAbort. Rote Gesichtsfarbe wechselt zu kalkweiß und ich frage mich, ob die gute Frau überhaupt schon mal bei einer Geburt dabei war.

Das bessert sich auch nicht, als ich die Umstände,  Entbindungswochen und meine Entscheidung, Fehlgeburten ohne Ausschabungen zu begehen, kurz schildere. Als ich dann zur Frage komme, dass ich bei einem jetzigen Tod des Kindes gerne ebenfalls mit Hebammenbegleitung entweder  zuhause entbinden möchte oder je nach Lage zu einer ambulanten Totgeburt ins Krankenhaus gehen würde, habe ich die Befürchtung, sie kollabiert mir gleich auf diesem Stuhl. Sie nippt inzwischen an dem Tee, den sie eigentlich mir gebracht hatte, zittert und ich sehe die Tränen in ihren Augen, als ich Einzelheiten abklären möchte.

Ich entscheide, das Gespräch abzubrechen. So hat das keinen Sinn

Ich habe selten eine fehlerhaftere Besetzung in einem Beruf gesehen. Sie hatte zu keinem Zeitpunkt das Gespräch unter Kontrolle, ihre Reaktionen ebenfalls nicht und ich habe berechtigte Zweifel, dass sie mich ungefiltert unter der Geburt ertragen oder gar führen könnte.

Tja. Und nun?

Scheißdreck.

Das Leben neben dem Sterben – Mirlinda

Es geht ihr schlechter. Die Augen waren groß und traurig, ängstlich.
Die Stimmung war nicht friedlich, nicht ruhig, nicht ruhend…

Und so gingen der Mann und die beiden Kleinen sehr schnell wieder nach unten in den Hof, um nicht weiter zu stören und das große Tochterkind stand stumm. Minuten vergingen, in denen beide Kinder sich einfach nur ansahen. Bewegungslos. Es dauerte, bis sie eine Hand ausstreckte und ihre Freundin berührte, ganz sacht nur. Und leise anfing, zu erzählen.
Ich habe nicht viel gehört, ich saß mit der Mutter am Tisch, ihr gegenüber, und sah in diese lächelnden, weinenden Augen. Das Wort sterben fiel das erste Mal in unserer Bekanntschaft überhaupt.

Und ich spüre deutlich, dass sie sich vorbereitet. Ganz allumfassend.
Sie sieht und sie setzt einen Schritt vor den anderen.
Immer weiter, auch wenn sie starr vor Angst und Panik am liebsten umdrehen würde.
Allein, sie tut es nicht.

Ich sehe die grenzenlose Erschöpfung in ihrem Blick.
Und das Feuer, den Antrieb, diesen Weg mit ihrer Tochter weiterzugehen. Egal, wie groß das Loch sein mag, das dahinter auf sie wartet.

„Ich habe sie in meine Arme geboren. Nun wird sie auch in meinen Armen sterben.“
Mein Herz setzt einen, zwei Herzschläge aus und Gänsehaut überzieht meinen Körper.

Ja.

Ja, so muss es sein.

Bedingungslos. Mutter.

Erzähl mir von ihrer Geburt, bitte ich und sehe ihren erstaunten Blick. Für die nächste halbe Stunde weicht die Müdigkeit. Unser beider Lachen schallt durch den Raum, bei den lebhaft erzählten Erinnerungen an dieses besondere Kind und unsere gemeinsamen Erfahrungen an das unsichere, tastende Muttersein beim ersten Kind. „Ich hab es immer geahnt“, sagt sie plötzlich leise. „Immer hatte ich Angst, sie nicht ins Erwachsensein begleiten zu können. Nur bei ihr. Nicht bei den Kleinen.“ Ihr Blick ist aufrichtig, wach. Mitten aus dem Lachen kommen die Tränen wieder hinzu. Ihre Hand liegt in meiner, wir schweigen.

Als ich gehe, umarmen wir uns noch einmal lange. Die normalen gesellschaftlichen Hürden sind in diesen Räumen völlig außer Kraft gesetzt und auch meine Schutzwälle sind weit weit unten.

Es ist gut so wie es ist.

Sterben am Freitag – Mirlinda

„Ich werde den Kindern am Freitag sagen, dass sie jetzt sterben wird.“
Seit dem Gespräch mit der Klassenlehrerin der großen Tochter schnürt sich der große Kloß in meinem Magen mehr und mehr zusammen.
Es ist so… anmaßend. Abschließend. Es wird jetzt „noch ein letztes Mal“ was gebastelt und fotografiert und dann…? Kann man das Thema abhaken?
Es ist so widersprüchlich, jemanden, der noch lebt, vorzeitig dem Tod zu übergeben.

Das Tochterkind muss sich das nun heute Morgen anhören, wir haben gesprochen, aber nicht darüber, dass dieses Kind nun auf jeden Fall innerhalb kürzester Zeit sterben wird. Dass sie sterben kann, ja.
Aber dass sie nun in der Schule das Gefühl vermitteln, „das Ganze“, wie FrauKlassenlehrerin meinte, sei nun vorbei, das finde ich sehr grenzwertig (auch hier wieder, meine Grenze).
Denn ich weiß nicht, wann ihre Freundin stirbt. Das weiß nur einer und ich bin weit davon entfernt, so anmaßend zu sein, eine Prognose abgeben zu wollen.
Die Klassenlehrerin verhält sich wie viele Menschen, wenn der Tod Gesprächsthema ist. Sie wird leise, schaltet auf Betroffenheit um, weicht direkten Blicken aus und setzt ein trauriges Gesicht auf, das angemessen erscheinen soll und bemüht sich, das Thema zu beenden.
Allgemeinplätze werden aneinandergereiht, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Als könne man den Tod so davon abhalten, auf das eigene Leben, die eigene Familie aufmerksam zu werden…

Und ungefähr jetzt erzählt sie der gesamten Klasse also, dass dieses Kind noch ein letztes Mal was gebastelt bekommt und dann stirbt. Ende. Entzückend.
Und wir werden heute Nachmittag wieder in diese verdammt lebendigen Augen blicken und uns ein wenig schöne Zeit machen.

Das Tochterkind wird diesen Widerspruch aushalten müssen.