Grenze [meine] – Mirlinda

Ich spüre, wie ich an meine Grenze komme.

Ich sehe seit gestern Nachmittag dieses Krankenbett vor mir, das so ausgerichtet ist, dass dieses neunjährige Mädchen den ganzen Tag entweder auf den immerlaufenden Fernseher oder eine weiße Wand sieht. Hinter ihr ist der große Wohnraum, die offene Küche, das offene Esszimmer und sie, inzwischen nicht mehr fähig sich umzudrehen, liegt nichtssehend nur hörend mit dem Gesicht zu weißer Wand und Fernseher.
Hier ist mein Urteil, wo keines gefällt werden darf. Nicht mein Leben, nicht meine Schuhe, nicht mein Weg.
Ich spüre bei ihrer Mutter, die ich so sehr liebgewonnen habe, dass sie ihr Möglichstes tut. Sie gibt alles von sich, jede verbleibende Sekunde bei ihrem Kind zu sein.
Und doch: da sind noch zwei kleine Geschwister, die hinter ihr spielen, Abendessen, Mittagessen, Frühstück, Familienleben, das hinter ihr stattfindet.
Und ich denke an diese wachen Augen, die jede meiner Bewegungen verfolgt haben. Ein wacher Geist in einem aufgebenden Körper.
Ich würde das Bett umdrehen. Ich würde den Fernseher nicht die ganze Zeit laufen lassen.
Würde ich? Würde ich nicht?

Ich spüre meine Grenze, so dicht, so kompromisslos und so unerwünscht von mir, die ich doch einfach nur dasein möchte, ohne Urteil.
Lange habe ich mich mit dem Mann gestern darüber auseinandergesetzt, unter Tränen. Geklagt habe ich, dass dort kein Kuscheltier im ganzen Raum ist, kein Spielzeug, keine Kuscheldecke, nichts. Nichts. Und ich sehe vor mir wieder, wie sie das Einhorn umklammerte, lächelte, wie diese nassen großen Kindertränen dabei aus ihrem Auge liefen, als sie es umfasste… und ich spüre meine Grenze und verfluche sie.

Macht sie mich überheblich? Wertend?

Ich will das nicht.

Besuch – Mirlinda

Der Tumor drückt inzwischen auf das Sprachzentrum. Keine Worte mehr möglich, keine Laute, nichts mehr.
Und umso kostbarer war das sehr angestrengte tiefe Seufzen, direkt aus ihrer Seele, gefolgt von einem winzigen Lächeln, das so viel Kraft gekostet haben muss, dass sie – das Einhorn, das meine Tochter ihr schenkte, fest umklammert – noch während unseres Besuchs wieder einschlief.

Kräftesammeln. Das Tochterkind ist stumm, nachdenklich. Nicht ängstlich, nur unsicher.
Ich bin erschöpft. Von meinem Ringen vorher, hinzufahren oder nicht und von dem Einlassen auf den Tod. Und von dem direkten seelischen Kontakt mit dieser wunderbaren Frau, die ihre Tochter auf ihrem letzten Weg so aufrecht begleitet.

Übermorgen wieder.

Neun

Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich diese Zahl in meinem Mutterpass lese. Schwangerschaft: 9

Geburten: 3

Jeder Tag, der vergeht, bringt mich näher an mein Ziel. Geplant war früher so vieles. So jung und so unbeschwert. 5 gemeinsame Kinder wollten wir haben. Auf jeden Fall. Und wir waren ja noch jung. Und dann, dann kam alles anders. Leben kann man nicht planen. Den Tod auch nicht. Und doch muss man ihn einplanen, ob man will oder nicht.
5 Kinder. Kein Problem, dachte ich. Die Schwangerschaften waren alle nicht schön, sehr schwierig und grenzwertig für mich, aber man muss eben auch in Vorleistung treten, wenn es darum geht, Träume zu verwirklichen.
Dass das Leben andere Pläne für uns bereithalten sollte, davon wollte ich nichts wissen.
Ich habe in den vergangenen Jahren auf die harte Tour gelernt, was Dankbarkeit heißt. Dankbarkeit für ausgetragene Schwangerschaften. Für lebende Kinder. Für das Leben mit Kindern.
Jeder Tag, der vergeht, den ich mein neuntes Baby spüre, tief in meinem Bauch, unter meinem Herzen, so groß schon und doch noch so winzig, macht mich demütiger. Wir sind auf eine Totgeburt vorbereitet. Seltsam, das, mit lebendem Baby im Bauch. Und doch hat das Leben uns gelehrt, auch den Tod in unsere Vorbereitungen mit einzubeziehen.

Ich wünsche mir nicht Gesundheit, nicht Unversehrtheit, nicht mal Leben, wenngleich die Hoffnung stark ist. Aber zu wünschen, zu rechnen, erscheint mir vermessen.
Tief im Herzen weiß ich, dass dies meine letzte Schwangerschaft sein wird.

Der Körper, das Herz und die Seele haben viel ertragen, die letzten Jahre. Gelitten, geweint.
Diesen unseren Traum von damals, als wir noch planten und träumten, kann ich gehen lassen.
Hoch war der Preis, den wir gezahlt haben. Und dann wieder doch nicht. Unendlich die Liebe, die wir dabei erfahren haben. Unerschöpflich groß die Kraft, die wir einander gegeben haben.

Und doch.

Ein Kind wird mein Körper noch gebären. So oder so.

Und es wird gut sein.

Vom Tod berührt

Es gibt diese Menschen, wenige, kostbare, denen das Liebste aus ihrer Umarmung gerissen wurde, die in diesem unendlichen Herzschmerz vom Tod einsam zurückgelassen werden, von ihm berührt, geküsst, liebkost…
Küsse wie Brandmale, Berührungen wie Peitschenhiebe.
Und trotzdem stehen sie wieder auf und fangen an, ihre Stimme zu erheben. Sanft, leise, milde… voller Demut.

Ihre Worte haben mehr Kraft und Inhalt als man ermessen kann und sie stehen irgendwann vor der Wahl, sich in ihrem Schmerz zu vergraben, unter ihm begraben zu werden, ihrem Liebsten gleich… oder aufzustehen unter der schwersten Last dieser Welt. Und zu sprechen. Zu geben. Zu verkünden.
Eine Botschaft, die niemals mit dem Kopf sondern nur mit der Seele verstanden werden kann.

So unendlich kostbar, wenigstens ein wenig von einem dieser Menschen lesen zu dürfen, nur einen kleinen Einblick zu erhalten, nur einen Schimmer, der in dunklen Stunden so hell leuchtendes Licht ist.

Niemand kann tot sein, dessen Name voller Liebe in die Welt hinausgetragen wird.

Man kann ja immer mal sterben…

Lange Tage sind vergangen, seit die Kinder es wissen.
Das große Kind geht mit der ihm angeborenen Ruhe an die ganze Sache heran. Es gibt inzwischen Listen mit Dingen, die für das kleine Baby noch besorgt, genäht, gebastelt werden sollen. Durch und durch Kopfkind eben.

So nebenbei sah sie mich gestern an und fragte vorsichtig: „Kann es denn jetzt noch sterben, so wie damals…?“
Ich bin dankbar, dass sie von 5 nicht ausgetragenen Babys nur ein einziges mitbekommen hat. Das reicht. Das reicht wirklich für so kleine Menschen.

Ich muss nicht nach dem Schwangerschaftstest sofort zu meinen Kindern rennen und ihnen mitteilen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen. Sie gehen teilweise unbefangener mit dem Tod um als wir, machen weiter, können ihn als naturgegeben hinnehmen und leben einfach ihr Leben mit Streit, Tränen und Lachen weiter, während wir in der Trauer hängen… aber sie können es eben _nicht_ einfach so verarbeiten.
Es bleibt auch an ihnen hängen, kleben, verfolgt sie. Je nach Temperament, je nach Charakter ganz unterschiedlich, ganz anders, aber es bleibt. Der Tod hinterlässt seine Spuren in jedem von uns.

Und als Erwachsene haben wir entschieden, dass wir Schwangerschaften erst einmal für uns behalten. Eine Fehlgeburt zu erleben, bei der man einfach nur blutet, ist ein himmelweiter Unterschied zu einer, bei der man ein kleines Kind in der Hand halten kann. Und das ist noch mal ein riesengroßer Unterschied zu einer Geburt, bei der ein normal großes Kind tot geboren wird.

Und so teilen wir ihnen die Nachricht irgendwann dann mit, wenn das Kind nicht nur gefühlsmäßig begriffen werden kann sondern eben im Falle eines Todes auch tatsächlich da ist.

Man kann sich vortrefflich darüber streiten, was nun schlimmer ist, ich mag darüber kein Urteil fällen. Es ist einfach ein Unterschied.

„Ja, es kann noch sterben.“, antworte ich also schlicht und blicke in ihre braunen Augen. Sie wendet sich kurz ab, räumt ein wenig auf ihrem Schreibtisch herum. Blickt mich wieder an. „Das wäre doof.“, sagt sie.

Ja, nicke ich. Das wäre richtig doof.

Die beiden ungleichen und doch so gleichen Zwillinge im Geiste machen sich dieser Tage einen Spaß daraus, den anderen zu übertrumpfen, wenn es darum geht, was man mit dem Baby alles nicht machen darf, wenn es erst mal bei uns ist. Der Kobold war erst 2, als die Motte zu uns kam und so wird dies sein erstes richtiges Baby.

„Man darf es nicht einfach fallen lassen“, verkündet er wichtig. „Oda mit dem Zaubastaaaab haun!“, triumphiert die Motte, während sie ungerührt weiter mit selbigem auf den großen Bruder einschlägt und Abakackadabraaa murmelt.

„Oder man darf das Baby nicht mit Gummibärchen füttern! Dann bekommt es Bauchweh!“, kreischt der Kobold, reißt den Stab an sich und setzt sich auf seine kleine Schwester.

„Die sind NUUUUR für uns!“, übertönt die Motte ihn. „Und es darf nicht allein über die Straße gehen!“, fügt sie noch keuchend hinzu, während sie ihn wieder runterschubst.

„Stimmt. Dann ist es tot.“, sagt der Kobold.

Wir schweigen alle einen kurzen Moment.

„Aber man kann ja immer mal sterben“, sagt er leise.
„So wie Uropa. Der hatte einfach zu oft Geburtstag.“

still

Auch ein totes Kind hat das Recht, in Liebe geboren zu werden.

Gehen wir dort vorbei, wo wir unser totes Baby der Natur übergeben haben, dann schwingt neben der Trauer immer auch unendliche Liebe.
Dankbarkeit, für die Möglichkeit, dass ich sie gebären durfte.

Dass wir sie betrachten und bestaunen und beweinen durften. Halten, streicheln.
Erst die Ehrfurcht vor der Geburt und die Glückseligkeit über das Geschenk, das die Geburt darstellt, ermöglicht es, auch die Trauer anzunehmen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, Glück über den Geburts- und Trauer über den Todestag gleichzeitig zu empfinden.

Und es ringt eine ganze Menge Kraft ab.
Mut wie Demut gleichermaßen.