Endgültig [Anne]

Das Wissen darum, dass jeder Schrei, jede Träne im Nichts landet, ohne Hoffnung, ohne Zuspruch, weicht der bittersüßen Erkenntnis, dass es dann kein großer Verlust sein kann, mein Leben.
Ein letzter Blick zurück ins Nichts. Kein Seil, kein Anker, keine Hand. Das solls dann gewesen sein. Das war es. Der nächste Schritt ist der in den Abgrund und ich winke ein leises Lebewohl nach hinten.

Es wird niemanden interessieren.

Freizeit

Wochenende, freier Tag. Keine Verpflichtungen, keine Arbeit, Vergnügen und Qualitätszeit. Paarzeit. Familienzeit.

Mal die Last der Verantwortung teilen oder sogar für einen Moment abgeben können.

Haha. Ich lach dann später.

Lückenbüßer, Anne

Einsam, allein, verlassen und mit dem Leben unzufrieden sucht man immer nach jemandem, der einfach da ist. Wenn der Partner das nicht bieten kann, wendet man sich nach außen. War ich nun einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Meine Wertigkeit und der Wert meiner Gesellschaft verblassen gegenüber dem allmächtigen Partner, der sich nun wieder zuwendet, nicht mehr angeekelt, sondern besitzergreifend, wollüstig wieder begierig, in Besitz zu nehmen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Immer potent, immer verfügbar, herrschsüchtig und dominant seinen Platz verteidigend. Gegen mich.

Und die Ironie sticht doppelt.

Fürze der Erkenntnis

Und so lasset alle Hoffnung fahren… Irgendwann zwischen der vierten und der fünften Stunde monotoner Arbeit habe ich aufgegeben, mir einzureden, ich sei irgendwann fertig. Oder dass der Tag käme, an dem ich nicht immer und immer wieder das Gleiche tun würde, wie ein Hamster im Laufrad der Vorhölle.

Und mit leerem Kopf nickt es sich leichter zum neuen Grundgedanken mein Leben.

Maßvoll, Maß voll

Das Problem liegt wohl nicht in der Tatsache, dass kein Mensch immer nur depressiv sein kann, so sehr ich mich darum bemühe, diese Gesetzmäßigkeit zu durchbrechen. Es liegt vielmehr darin, dass auch Seichtigkeit eine Farce ist. Schüttet man einen seelischen Ozean mit dem Sand der Koketterie mit der Leichtigkeit des Seins zu, ist der wahre Grund trotzdem nicht in Pfützentiefe.

Das wahre Ich ist tief.

So viel ich über das Wetter reden kann und Babyfotos bestaune und hier mal ein entzücktes weibliches Gequietsche von mir gebe – es ist Farce. Anerzogen, erlernt, aufgestülpt und nicht zuletzt auch gewählt. Weil eine Existenz in dieser Tiefe nur sehr hässlichen Wesen zugänglich ist. Es ist dunkel dort, der Druck ist enorm hoch und es führt zu gar unmenschlichen und unnatürlichen Auswüchsen.

In meinem Leben will ich den Sand manchmal hochschütten, um die trügerische Sicherheit gewinnen zu können, ein ganz normales Leben leben zu können. Aber das Ich, das wahre und innerste Ich ist ein hässliches unzumutbares Wesen, das nur wenige Menschen ertragen könnten. Dort unten ist nur die vertraute Fratze, die Essenz, der Kern.

Nicht mal nur Ich, irgendwie. Und doch nur.

Feuer

Das Gefühl, als hätte mir jemand Säure ins Gesicht gekippt, schwindet nicht. Die Haut ist roh und schmerzhaft und blutig und juckt, so dass ich sie am liebsten in Fetzen vom Fleisch reißen möchte, einfach nur um das Gefühl loszuwerden. Alles besser als dieser Zustand. Jede selber zugefügte Wunde, jeder Schnitt am Arm würde das Leben erleichtern, weg von dem alles verzehrenden Verlangen, mich aufzulösen und das Gesicht zu zerkratzen, zu zerschneiden, zu verbrennen.

Ein wenig Linderung nur.. nur ein wenig…

Vermissen

Nichts fasse ich an, ich werde nichts tun. Vielleicht morgen, so Gott mir einen Mann erspart, der am Abend nach der Arbeit alles wegräumt, weil er das Chaos nicht ertragen kann. Mein Chaos.

Meine wirren Gedanken zu Flucht und einem eigenen Leben und Affen und Klopapier und Fruchtzwergen auf dem Flurboden. Wer weiß es schon so genau, wo das Ich aufhört und das Außen anfängt.

Wohnraum als Metapher der inneren Ordnung. Aufräumen als Selbstgeißelung. Bis es blutet. Aber warum ist es wichtiger, sich um das Geschirr als um mich zu kümmern? Mich kann man im Gegensatz zur Wäsche auf dem Fußboden anscheinend in meiner Verzweiflung einfach liegenlassen. So sehr scheine ich in meinem Schmerz zumindest nicht den geregelten Tagesablauf zu stören.

Und ich lese Texte von genervten Müttern, die alle ihr Schicksal beklagen und sich Kinder- und Babyklappen herbeisehnen und ein Leben als Single und ohne Verpflichtung und nicke geistig ununterbrochen mein Hohelied der Verzweiflung, bis der unsägliche Teil kommt, in dem das Kind abends zuckersüß murmelt: Ich hab dich lieb, Mami.
Und alles ist wieder rosa.

Vielleicht ist das die wahre Lüge. Liebe und Zahnpastaschnuten reichen nicht. Nicht hier. Nicht für mich. Nicht mehr. Die Freiheit schreit lautstark nach Befriedigung und die pure Lust pulsiert durch mein Gehirn allein bei dem Gedanken, nicht zurückzublicken.
ur weitergehen. Lauf, Jane, lauf.

Rosa Zuckerwatte klebt nicht alles fest. Ich bin schon in der Phase mit dem Waschlappen und der Seife.

Ich will mein Baby zurück.