Spaß

„Es ist hilfreich, wenn man Spaß an einer Sache wie einer Party hat…“ Der Satz des Mannes von gestern hängt nach.

Ich bin verkrampft. Ich bin unlustig. Ich bin entnervt. Ich bin perfektionistisch. Und das Schlimme ist: Ich glaube, ich will gar keinen Spaß daran haben. Spaß ist für die Anderen, die Oberflächlichen, die Naiven.

So falsch dieser Satz ist, so wahr fühlt er sich an. Gelebte Dunkelheit.

Von Grundsätzen

Prinzipiell… ja prinzipiell kann man als Paar mit Kindern alles ganz genauso machen wie man das als verliebtes Nicht-Eltern-Paar oder als Singles gemacht hat. Kinder kann man ja überall hin mitnehmen.

Ob man das wirklich muss, ist die zweite Frage.

Anders

Hey Baby. Noch zwei Wochen, ja? Ich hab dein Bett weder entworfen noch geplant noch angefangen, es zu bauen. Immerhin, die Wand ist seit letzter Woche gestrichen.
Da ist noch so ne Party für deine ganz große Schwester, während derer du am besten auch noch drin bleibst. Und dann haben wir keine Betreuung für deine Geschwister während der Geburt mehr, aber da arbeiten wir dran.
Oder wir machen das eben zu Zweit. Du. Und ich. Und die Hebamme fürs Protokoll. Aber eben alleine. Es gibt 4 Tage um den ET herum, da kann nämlich auch die Notfalllösung in Form einer Fremdbetreuung nicht. Da kannst du also auch nicht kommen, wenn dein Vater dabei sein soll. Also nach der Party, wenn das Bett fertig ist. Und vor dem Urlaub dieser Frau, die ich noch nicht kenne. Oder hinterher. Das wäre dann so ab dem 5. Oktober.
Und das, obwohl du mir jeden Tag ein höllisches Gefühl bescherst, dass es in wenigen Stunden losgeht. So ein ganz allumfassendes Körpergefühl, dass die Geburt ansteht. Ich weiß nicht, obs an den besonderen Umständen liegt oder ob du tatsächlich früher kommen willst. Alle deine Geschwister waren über dem Termin. Aber eben auch immer näher dran.
Das Tochterkind war 16 Tage zu spät. Dein großer Bruder 6 Tage, glaube ich. Und deine wilde Schwester nur 2 Tage. Naja. Eineinhalb.
Aber am Entbindungstermin ist auch eher schlecht.
Da feiern wir den 5. Geburtstag deiner toten Schwester und der Tag soll ihrer bleiben. Weißt schon. Also vorher.
Aber da ist ja noch die Party. Und das Bett. Vielleicht also doch erst im Oktober?

Ich lade mal den Akkuschrauber auf.

So von Muttermund zu Muttermund.

Die Mutti aus dem Kindergarten erwartet ihren dritten Sohn. Die beiden ersten Söhne freuen sich schon auf ihr Opfer, dann müssen sie nicht immer die anderen Kinder aus dem Kindergarten verhauen. Zufälligerweise ist die gute Frau in derselben Woche wie ich schwanger, teilt das auch gerne allen und jedem mit und blickt heute so auf meinen Bauch.

„Na…“, fängt sie an. Das kann ich ja schon mal gut ab.

Mit Menschen, mit denen ich sonst nur freundliche Begrüßungsformeln tausche, mit diesem bedeutungsschwangeren Blick bedacht zu werden. „Naaaaa….“, fängt sie also an: „Du bist ja auch bald soweit, woll? Meins holen sie vermutlich diese Woche. 3 cm Muttermund. Ich bin schon offen. Ganz weich.“

Ich starre entgeistert auf die kleine Frau vor mir, die mir gerade Details aus ihrem Scheidenleben mitteilt. „Und du so? Noch alles zu?“ Ich blinzle. Ich starre.
Ich sehe den neugierigen Blick der Motte, die misstrauisch meinen Beckenbereich mustert.
„Unseres fällt nicht einfach so raus, oder Mami?“

(Ich liebe dieses Kind)

Ich grinse die Motte an und schüttle den Kopf. „Nein. Unseres fällt nicht einfach so raus.“ Wünsche der Frau noch einen schönen Tag und alles Gute für die Geburt, falls wir uns nicht mehr sehen.

Und das werden wir nicht, wenn ich es irgendwie verhindern kann…

Ein neuer Weg

Kann ich dich alleine zur Welt bringen, wenn die Beaufsichtigung deiner Geschwister durch die Tagesmutter tatsächlich platzt?
Ohne jedwede Unterstützung durch einen Menschen meines Vertrauens?
Können wir beide diesen Weg alleine gehen?
Gut gehen, unverwundet?
Stunden werden es sein, die ich mich in dich fallen lassen muss, in unseren Weg, unsere Wahl, unsere Entscheidung.
Ist es das, mein kleiner Wanderer? Ist das unser Weg?

Geliebter närrischer kleiner Tuk,

schon vor 8 Monaten war mir klar, dass du anders sein würdest. Dass deine Wege anders verlaufen würden als wir das bislang aus unserem Leben mit Kindern kennen. Deine Namenssuche war keine. Es gibt keine Alternativen. Nur den einen, deinen Namen.
Einen für den Körper, einen für den Geist, einen für die Seele.
Deinen dritten Namen wirst du dir mit deinen zwei Geschwistern teilen, die ersten beiden entsprechen deinem Wesen. Drei Kinder, die denselben dritten Namen tragen… auch wieder so eine Sache…
Es ist gut, wie es sein wird. Du lehrst mich das Fallenlassen. Das Aushalten. Austragen. Demut, auf ganzer Linie. Nie habe ich weniger gefordert vom Leben als bei dir. Nicht einmal das Leben selber. Wir haben kein Sicherheitsnetz, keine Alternative, keinen Plan B.

Und nun haben wir nicht einmal mehr Plan A.  

Wir haben nur uns. Wir sind fünf Menschen, die dich lieben. Nur wir.

Wir werden dich schon irgendwie auf diese Welt bringen.

Hitzewallungen

Sich über Stunden hinweg wundern, warum man heute schlimme Schwitzattacken hat. Bei körperlicher Arbeit kaum noch Luft bekommen und sich fragen, was zur Hölle diese Hormone nun wieder vorhaben. Entdecken, dass diese Kinder die Heizung auf 30° gestellt haben.

Schreiben, um die Kinder nicht zu erwürgen.

Körperlichkeit

Ich habe ein großes Problem mit meinem Körper.
Das heißt, eigentlich habe ich gar kein Problem mit meinem Körper, nur mit meiner Eitelkeit.
Dabei bin ich nicht mal ein besonders eitler Mensch.
10 Jahre, 9 Schwangerschaften.
Gleich die erste Geburt endete mit einem Kaiserschnitt, der dem Unterbauch eine für mich extrem hässliche Form gab und dafür sorgte, dass ich bis heute nicht wirklich Gefühl vom Nabel abwärts habe.

Nach der xten Fehlgeburt kam eine extreme Gewichtszunahme, dann wieder Abnahme mit der Geburt der Motte. Dann drei Fehlgeburten in Folge, Tod eines geliebten Menschens, Abschied von den Eltern, private Probleme, bei denen ich mir auch ziemlich viel Panzer zugelegt habe.
Das Gewicht ging Ende letzten Jahres wieder zurück, als ich beschloss, dass drei Kinder reichen.
In der Neujahrsnacht standen der Mann und ich vor dem Bett mit den drei schlafenden Kindern und nickten aus vollem Herzen: Ja. Das wars. Und es ist gut so.
Nur 29 Tage später legte ich den Schwangerschaftstest auf die Fensterbank und weigerte mich, zuerst draufzusehen. Das tat der Mann. Der Rest… naja. Ein paar Tage noch, dann sind wir zu sechst. Und eine Operation wird dafür sorgen, dass das auch so bleibt.

So langsam schnuppere ich Freiheit und damit verbunden ist die Frage, wie mein Körper nun wohl aussehen wird, wenn er erst mal leer ist und für den Rest meines Lebens mir alleine gehören wird. Es ist tatsächlich die erste Schwangerschaft, in der ich mich das frage. Ich bin der Meinung, dass man dem Körper einer Frau – Bauch, Brüsten… ansehen darf, dass er Kinder ausgetragen und ernährt hat.
Aber diesmal…
Ich muss dieser Tage manchmal an früher denken. An meine Arbeit mit und an meinem Körper.
Und das ist so weit weg, dieser Körper von damals, dass ich ungläubig lachen muss, wenn ich an diese Zeit denke. So surreal. Ich weiß noch nicht, wie ich in einem Monat meinen Körper im Spiegel betrachten kann. Ob ich mich aussöhnen kann. Liebe, Respekt oder zumindest Wohlwollen aufbringe.
Es gab Zeiten, in denen habe ich meinem Körper alles abgetrotzt, was ich wollte. Er war mir immer zu Diensten, ist immer geheilt… bis zu diesen Fehlgeburten.

Bis er versagte und ich das erste Mal ein totes Kind auf der Hand hielt.
Vieles hasse ich an meinem Körper, weil es meine Mutter erregt hat.
Vieles verachte ich an ihm, weil es gestandene Männer zum betteln brachte.
Vieles liebe ich an ihm, weil mein Mann es anbetet.

Aber das sind die Sachen, die von außen prägen.
Innen… da werden er und ich bald alleine sein und einen Weg finden müssen.

Einen Neuen.

Hausbesichtigung

Nachdem wir also 300qm Wohnfläche über durch Schimmel, Exkremente und Ungeziefer gewatet sind, auf dem Dachboden beinahe eine Etage tiefer brachen und der Mann kurz vor einem Asthmaanfall nur noch über die Pflanzen witzelte, die durch das Gemäuer nach innen wuchsen, verließen wir das Haus (laufend modernisiert, gehobene Ausstattung!) durch den Keller. Dort besah das Tochterkind sich die drei Mülltonnen genauer und stellte fest:

„Aber Mama, schau mal – die Mülltonnen. Die sehen doch noch richtig gut aus.“ Ich sollte über einen Perspektivenwechsel nachdenken. Alles eine Frage des Standpunkts.

Immerhin. Wir haben keine Leiche gefunden.

Leben mit dem Kobold

Einladung Geburtstagsparty die X.te.

Und ich habe mich inzwischen damit abgefunden, seltsam angesehen zu werden, wenn ich mich bedanke und verkünde, dass wir gerne kommen, ein Geschenk überreichen möchten und der Kobold dann aber wieder mit nach Hause fährt. Ich gehe mit diesem Kind in vielerlei Hinsicht ganz eigene Schritte, die gar seltsam anmuten – mir zumindest – aber was hilft es denn, ein anderes Tempo vorzuschlagen als sein eigenes?
Die Vergleiche mit der großen Schwester und auch mit der kleinen Schwester sind so naheliegend wie unfair. Ich will das nicht.
Oft habe ich in der Vergangenheit – damals… – gedacht, ein schwieriges Kind braucht mehr Strenge, mehr Regeln, mehr Härte. Ich habe so sehr geirrt. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich denke an die Tritte in den Bauch gestern Abend und sein Geschrei und seine Verzweiflung und das Gebrüll und diese absolute Wut, die ich sonst nur von mir kenne.

Und lerne das aushalten. Einmal mehr.
Mitgehen.
Ertragen.
Halte das Geschenk, nach einem ausgehaltenen Anfall einfach angelächelt zu werden, erschöpft, ausgelaugt, aber voller Liebe und Hingabe, vorsichtig in meinen Händen.
Lerne noch, wann ich Fels und wann ich biegsam sein muss, gehe mit ihm mit auf seinem Weg.
Muss an die Bedeutung seines Namens denken… Wolfswelpe.

Mein besonderes Kind.