Lieber Exmann.
Geteiltes Sorgerecht bedeutet im Übrigen nicht, dass ich alle Entscheidungen treffe, damit du dann Einzelne davon kritisieren kannst. Nicht wirklich.
Und wenn du zu einer Privatschule nur zu sagen hast, ob das Tochterkind dann nach 13 Jahren seinen Namen tanzen kann und dass deine siebzigjährige Mami und dein fünfundsiebzigjähriger Papi diese Schulform aber doof finden, dann halt doch lieber einfach gleich die Fresse und informier dich, bevor du dich mit deinen über 40 Jahren immer und immer wieder lächerlich machst. Ich weiß, es ist viel verlangt, jedes Gespräch mit mir nicht gleich mit deinen Eltern durchzukauen, die es ihrerseits nicht geschafft haben, zwei Kinder zu auch nur annähernd wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen.
Ich habe auch nicht gesagt, ich bin dagegen, das Tochterkind auf das von dir favorisierte Gymnasium zu schicken, überhaupt nicht. Ich sagte: Ich überlege, was für ihre geistige und seelische Entwicklung das Beste ist. Wie jeden gottverdammten Tag übrigens seit ihrer Geburt, seit ich das Kind alleine großziehe. Obwohl wir verheiratet waren. Ich weiß ja, du bist sehr beschäftigt.
Im ersten Jahr ihres Lebens musstest du meine Firmenkonten leerräumen, unser Privatvermögen dazu nutzen, deine Drogensucht und Spielereien zu finanzieren.
Im zweiten Jahr, als ich mich bemühte, die Scherben unserer Existenz zu kleben, hast du mich weiter betrogen und belogen und bist in eine eigene Wohnung gezogen, um deine Karriere voranzubringen. Wochenendvater, sagtest du, reicht völlig. Leider warst du auch an den Wochenenden nicht da.
Im dritten Jahr ihres Lebens – nunja. Hab ich mich von dir getrennt.
Im ihrem vierten Jahr musstest du sehr viel arbeiten und mir vorhalten, dass ich mich von dir getrennt habe, du musstest viele Anwälte beschäftigen, die gegen mich prozessieren sollten. Das war sehr anstrengend mit den ganzen Briefwechseln, da konntest du dich auch nicht um sie kümmern.
Im fünften bis neunten Jahr hast du sie pro Jahr zwischen zwei und viermal besucht. Das war eine große Leistung. Und nicht immer mussten wir sie zu dir fahren.
Neinnein. Du hast teilweise hier geschlafen, dich bekochen und bemuttern lassen und wir haben Verantwortung für euch beide getragen, wenn du nicht gerade draußen warst, rauchen oder mal eben nochmal zu McDonalds fahren. In den kurzen Stunden dazwischen hast du auf dem Bett des Tochterkinds gelegen und ihr beim Spielen zugesehen. Manchmal bist du auch eingeschlafen. Dann hat das Kind leise die Tür zugemacht, gesagt, dass du schläfst und Ruhe brauchst und mit uns gespielt.
Zum Essen haben wir dich dann geweckt.
Ja. So ist das bis heute.
Und auch wenn ich weiß, dass du irgendwann im Laufe deines Lebens deinen Verstand an irgendeiner Bushaltestelle verloren hast – es ist nicht leicht, dich als gleichberechtigten Sorgeberechtigten für das Tochterkind zu behandeln. Manchmal ist es mir sogar so gut wie unmöglich. Gestern zum Beispiel, als du mit dem Mund voller Torte an meinem Küchentisch gesessen hast und auf meine Antwort, dass das Tochterkind eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen wird, gefragt hast, wo sie denn eigentlich die dummen Kinder hinschicken. Das war großes Kino. Wirklich. Ich weiß, dass du generell nicht so auf deine Wortwahl achten kannst. Ist ja bei Durchfall auch nicht immer leicht, den Schließmuskel zu kontrollieren.
Und so darfst du gerne fluchen, Schimpfwörter benutzen, dem Kind Horrorgeschichten erzählen, Erwachsenenthemen anschneiden, die mit drei Kindern am Tisch absolut tabu sind, all dies. Und in deiner grenzenlosen Einfältigkeit darfst du dich dann sogar darüber mokieren, dass das Kind in den Sommerferien einmal das Wort „cool“ benutzt hat.
Dient ja alles der Charakterbildung.
Also unserer, nicht deiner.
Wo nichts ist, kann ja auch nichts geformt werden.