Vom Tod berührt

Es gibt diese Menschen, wenige, kostbare, denen das Liebste aus ihrer Umarmung gerissen wurde, die in diesem unendlichen Herzschmerz vom Tod einsam zurückgelassen werden, von ihm berührt, geküsst, liebkost…
Küsse wie Brandmale, Berührungen wie Peitschenhiebe.
Und trotzdem stehen sie wieder auf und fangen an, ihre Stimme zu erheben. Sanft, leise, milde… voller Demut.

Ihre Worte haben mehr Kraft und Inhalt als man ermessen kann und sie stehen irgendwann vor der Wahl, sich in ihrem Schmerz zu vergraben, unter ihm begraben zu werden, ihrem Liebsten gleich… oder aufzustehen unter der schwersten Last dieser Welt. Und zu sprechen. Zu geben. Zu verkünden.
Eine Botschaft, die niemals mit dem Kopf sondern nur mit der Seele verstanden werden kann.

So unendlich kostbar, wenigstens ein wenig von einem dieser Menschen lesen zu dürfen, nur einen kleinen Einblick zu erhalten, nur einen Schimmer, der in dunklen Stunden so hell leuchtendes Licht ist.

Niemand kann tot sein, dessen Name voller Liebe in die Welt hinausgetragen wird.

Kind, armes

Eigentlich ist es keine große Sache, denke ich, als ich der Erzieherin zur Erinnerung noch einmal mitteile, dass mein Sohn auf gar keinen Fall wie die anderen Kinder sein Oberteil ausziehen darf, weil die Zellen der Haut seiner rechten Bauchhälfte nun mal kein Pigment enthalten und auch nicht bilden können.
Denn das hatte ich ja eigentlich zusammen mit den Daten für den Herzfehler schon auf die Formulare geschrieben.
Und ich erinnere mich mit Grausen an den total verblüfften Gesichtsausdruck der Erzieherin Anfang des Jahres, als sie mein Gespräch über Endokarditisprophylaxe mit einer anderen Mutter, die den gleichen Kardiologen besucht wie wir, mithörte und verstört fragte, ob mein Sohn herzkrank sei.
Nein, ist er nicht. Er hat nur ein Loch im Herzen, wo keins sein sollte. Das steht auf Ihrem Scheiß-Notfall-Blatt, das man dreimal im Jahr ausfüllen muss. Ich frage mich langsam, ob diese Notfallblätter direkt nach der Abgabe ins Altpapier kommen.
Ich erinnere mich an völlig sinn- und fruchtlose Gespräche, in denen ich inständig darum bitte, meinen Sohn bitte auf gar keinen Fall am Klettern oder Toben zu hindern oder ihn zu ermahnen, langsamer zu machen. Nur bei tiefen Wunden einfach sofort anrufen, damit unser Kinderarzt entscheiden kann: Antibiotika ja oder nein. Mehr nicht.
Und eigentlich will ich ja nur noch einmal kurz daran erinnern, dass der Kobold trotz Sonnencreme immer ein Unterhemd anbehält, damit die pigmentfreie Haut nicht sofort verbrennt.

Ich sehe in große verstörte Bambiaugen einer Frau, die gut und gerne 10 Jahre älter ist als ich und mehr als 20 Jahre Erzieherin ist. „Oh Gott, was hat das arme Kind denn noch alles…?“ Ich rechne fast damit, dass ihr Tränen in die Augen treten, warte auf dramatische Musik und sehe etwas irritiert zu meinem mopsfidelen Sohn, der bereits in seiner Gruppe seine beste Freundin begrüßt.
„Was meinen Sie?“ Ich blinzle.
„Die offenen Stellen auf der Haut… die schlimme Herzkrankheit… und nun auch noch sowas… Was ist denn das? Ist er sowas wie ein Albino?“
Ich schließe für zwei Nanosekunden die Augen und bete um Hirn, eine Keule, Geduld…, was auch immer zuerst verfügbar ist. Nein. Das Kind mit den blauen Augen und den hellbraunen Haaren ist definitiv kein Albino, gute Frau. Bitte einfach nur das Oberteil anlassen. Einfach nur das.
Sie versichert mir, das in seiner Akte zu vermerken (Notfall-Blatt? Hallo?) und beim Wasserspielen darauf zu achten, dass er nicht wie die anderen Kinder sein Oberteil auszieht.
Danke.
Ich scheuche meine Töchter Richtung Ausgang und sehe noch, wie Bambiauge und zwei weitere Erzieherinnen mit mitleidigem Blick auf meinen Sohn sehen, leicht den Kopf schütteln und sich seufzend mit jeweils einer Tasse Kaffee auf ihre Stühle sinken lassen.

Zwei Tage später bekomme ich dasselbe Notfallblatt in die Hand gedrückt, das ich schon an die 10 Mal ausgefüllt habe, versuche, nicht loszubrüllen, rotze mit meinem Stift  drei Worte drauf: Neurodermitits, Ventrikelseptumdefekt, Vitiligo und reiche es mit kühlem Blick zurück.
Bambi atmet hörbar ein und wieder aus und sagt: „Oh, das klingt aber sehr schlimm medizinisch. Das arme Kind.“

Ich bin im falschen Film.
Nur noch ein Jahr.

Das schaffe ich jetzt auch noch.

Zwei Jahre

Nächsten Monat jährt sich der Tag, an dem ich in diesem Zimmer kniete, neben einer weinenden 82jährigen, die ihren Sohn und ihre Schwiegertochter anflehte, bei ihr zu bleiben, zum zweiten Mal. Es ist der Tag, an dem ich meine Eltern das letzte Mal gesehen und gehört habe.

Rückblickend ist es einer der wichtigsten Tage meines Lebens. Der innere und äußere Abschied eine meiner besten Entscheidungen, wenngleich sich dies erst im Laufe der Zeit herausgestellt hat. Ich habe meine Mutter angesehen. Und was ich früher als Kind immer schlecht aushalten konnte, traf mich an diesem Tag mit diesem Blick vorbereitet. Sie ließ ihre Maske fallen und ich sah den ganzen ungefilterten Hass, den sie mir entgegenbrachte.

So viel war in den Tagen und Wochen zuvor geschehen, dass sie ihre normale Maske aus unverbindlicher Überheblichkeit nicht mehr oben halten konnte. Der Hass war immer schon da. Eine meiner frühesten Erinnerungen.

Mein Vater folgte ihr stumm, wie schon so häufig.

Das ist die letzte Erinnerung an meine Eltern. Brennender Hass und Verachtung auf der einen und stumme Ergebenheit und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite. Mein Vater war immer anders grausam. An diesem letzten Tag allerdings nicht. Er hat geweint, Stunden vorher. Das zweite Mal in meinem Leben, das ich seine Tränen sah. Vor Erleichterung über den Tod eines anderen Menschen. Ich frage mich, ob ich bei ihrem Tod auch irgendwann weinen werde, vor Erleichterung. Oder ob es einfach egal sein wird, weil die Wunden längst vernarbt sind.

Der schwärende Eiter brach immer nur im Kontakt mit ihnen hervor. Zwei Jahre sind eine lange Zeit zum Reinigen. Sie sind geschlossen, die Wunden. Und ich habe gelernt, dass auch Blutsbande gelöst werden können und müssen, wenn sie zu zerstörerisch sind.
Es geht mir gut. Und das ist mehr, als ich jemals erhofft hatte.

Manchmal erlaube ich dem Kind in mir einen wehmütigen Rückblick.
Trauer, Schmerz. Tränen um all das, was hätte sein können und anscheinend nicht sein durfte.
Und ich kann akzeptieren, dass ich meinen Eltern wünsche, dass sie ihr Glück und ihren Frieden gefunden haben.

Einfach, weil ich sie mal geliebt habe

Stumm

Mit jedem Buchstaben, jedem Wort, jedem Satz, den ich von und auch über  Henryk Goldszmit lese, inhaliere… verstumme ich weiter. Vielleicht, weil mir in vollen Ausmaß das erste Mal wirklich bewusst wird, welchen Verrat meine Eltern an mir begingen.

Vielleicht aber auch, weil ich erkenne, dass mein mühsam aufgebautes Konstrukt aus Moralvorstellung, Erziehung und Werten gegenüber meinen Kindern niemals das ersetzen wird, das ich als Kind nie erfahren habe.

Lottogewinn

Mein Zahnarzt, der es schafft, mir meine Angst zu nehmen, eine Zahnwurzelbehandlung durchführt, mit seiner Assistentin über die Bärenjagd in Sibirien plauscht, mit mir über das Wunder der Schwangerschaft spricht und nebenher meine zweijährige Motte auftaut, indem er voller offener Bewunderung ihre neuen Gummistiefel mit Marienkäfern bestaunt – ich würde ihn um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Es gibt ihn, den perfekten Zahnarzt.

Verlust der Intimität

Warum sollte man sich auf eine intensive Mensch-zu-Mensch-Kommunikation beschränken, wenn man auf einen Klick in seinem Blog gleich zwanzig Meinungen zu seinem Problem haben kann?
Der Verlust und vielleicht auch die Unlust, im privaten Gespräch oder Schriftverkehr mit einer oder mehreren einzelnen Personen in nahe und vielleicht sogar verstörende Interaktion zu treten, schützt letztendlich vor der Gefahr, sich selbst zu nahe zu kommen. Dies gilt für Blogs wie Foren gleichermaßen. Für letztere vielleicht sogar noch besonders, da man sich in vermeintlich geschützter Atmosphäre der Illusion hingeben kann, unter Freunden zu sein.

Das Problem als Prostituierte, das man anklicken und kommentieren kann, nicht um zu helfen, sondern um sich selbst darzustellen.
Denn natürlich beäugen die Anderen kritisch jedes Wort, wägen ab, beziehen Stellung und nutzen schlussendlich das Problem, sich unter dem Deckmantel von Freundschaft und Hilfsbereitschaft selbst zu erhöhen.
Blogosphäre weniger als soziales Netzwerk denn als Flucht vor sich selber.

Das Herz will nicht geschützt, es will offenbart werden.
Die dazugehörige Twitter-Timeline als Kammerflimmern.

Man kann ja immer mal sterben…

Lange Tage sind vergangen, seit die Kinder es wissen.
Das große Kind geht mit der ihm angeborenen Ruhe an die ganze Sache heran. Es gibt inzwischen Listen mit Dingen, die für das kleine Baby noch besorgt, genäht, gebastelt werden sollen. Durch und durch Kopfkind eben.

So nebenbei sah sie mich gestern an und fragte vorsichtig: „Kann es denn jetzt noch sterben, so wie damals…?“
Ich bin dankbar, dass sie von 5 nicht ausgetragenen Babys nur ein einziges mitbekommen hat. Das reicht. Das reicht wirklich für so kleine Menschen.

Ich muss nicht nach dem Schwangerschaftstest sofort zu meinen Kindern rennen und ihnen mitteilen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen. Sie gehen teilweise unbefangener mit dem Tod um als wir, machen weiter, können ihn als naturgegeben hinnehmen und leben einfach ihr Leben mit Streit, Tränen und Lachen weiter, während wir in der Trauer hängen… aber sie können es eben _nicht_ einfach so verarbeiten.
Es bleibt auch an ihnen hängen, kleben, verfolgt sie. Je nach Temperament, je nach Charakter ganz unterschiedlich, ganz anders, aber es bleibt. Der Tod hinterlässt seine Spuren in jedem von uns.

Und als Erwachsene haben wir entschieden, dass wir Schwangerschaften erst einmal für uns behalten. Eine Fehlgeburt zu erleben, bei der man einfach nur blutet, ist ein himmelweiter Unterschied zu einer, bei der man ein kleines Kind in der Hand halten kann. Und das ist noch mal ein riesengroßer Unterschied zu einer Geburt, bei der ein normal großes Kind tot geboren wird.

Und so teilen wir ihnen die Nachricht irgendwann dann mit, wenn das Kind nicht nur gefühlsmäßig begriffen werden kann sondern eben im Falle eines Todes auch tatsächlich da ist.

Man kann sich vortrefflich darüber streiten, was nun schlimmer ist, ich mag darüber kein Urteil fällen. Es ist einfach ein Unterschied.

„Ja, es kann noch sterben.“, antworte ich also schlicht und blicke in ihre braunen Augen. Sie wendet sich kurz ab, räumt ein wenig auf ihrem Schreibtisch herum. Blickt mich wieder an. „Das wäre doof.“, sagt sie.

Ja, nicke ich. Das wäre richtig doof.

Die beiden ungleichen und doch so gleichen Zwillinge im Geiste machen sich dieser Tage einen Spaß daraus, den anderen zu übertrumpfen, wenn es darum geht, was man mit dem Baby alles nicht machen darf, wenn es erst mal bei uns ist. Der Kobold war erst 2, als die Motte zu uns kam und so wird dies sein erstes richtiges Baby.

„Man darf es nicht einfach fallen lassen“, verkündet er wichtig. „Oda mit dem Zaubastaaaab haun!“, triumphiert die Motte, während sie ungerührt weiter mit selbigem auf den großen Bruder einschlägt und Abakackadabraaa murmelt.

„Oder man darf das Baby nicht mit Gummibärchen füttern! Dann bekommt es Bauchweh!“, kreischt der Kobold, reißt den Stab an sich und setzt sich auf seine kleine Schwester.

„Die sind NUUUUR für uns!“, übertönt die Motte ihn. „Und es darf nicht allein über die Straße gehen!“, fügt sie noch keuchend hinzu, während sie ihn wieder runterschubst.

„Stimmt. Dann ist es tot.“, sagt der Kobold.

Wir schweigen alle einen kurzen Moment.

„Aber man kann ja immer mal sterben“, sagt er leise.
„So wie Uropa. Der hatte einfach zu oft Geburtstag.“