Katzen

Seit der orangefarbene Flusenperser verschwunden ist, ists einfach geworden hier. Einfach und einsam.

Ich muss nicht mehr täglich saugen, durch seine Angewohnheit, alle Räume abwechselnd als Katzenklo zu benutzen (mit 14 Jahren wird man exzentrisch), kam ich nicht aus dem Saubermachen und Wäsche waschen (und herzhaft fluchen) raus – auch das fällt nun weg.
Die große adoptierte Kampfkatze läuft dafür maunzend und kläglich miauend durch die Wohnung und ich merke, dass an einem Tag, an dem wir viel weg sind und erst abends wieder richtig ankommen, das Katzentier sehr einsam ist.
Auch die Kinder knabbern alle sehr daran, dass der Orangfarbene verschwand. Alles Mist.

Er fehlt als Kampfgefährte, als Kuscheltier und sogar auf eine ganz verquere Art und Weise als Aufreger am Morgen, wenn ich von der Kinderrunde nach Hause kam und laut schimpfend erst mal auf allen Vieren Böden wischen musste. Er hinterlässt eine Lücke. Eine große Lücke.
Eine zweite Katze ist keine Option. Nicht mit der Allergie des Mannes und mit der Unberechenbarkeit kätzischer Charaktere. Der Hund ist auch schon zwei Jahre tot, eine Katze bleibt nun noch.

Es wird tierleer hier, ein Leben, das ich so nie haben wollte.

Grenze [meine] – Mirlinda

Ich spüre, wie ich an meine Grenze komme.

Ich sehe seit gestern Nachmittag dieses Krankenbett vor mir, das so ausgerichtet ist, dass dieses neunjährige Mädchen den ganzen Tag entweder auf den immerlaufenden Fernseher oder eine weiße Wand sieht. Hinter ihr ist der große Wohnraum, die offene Küche, das offene Esszimmer und sie, inzwischen nicht mehr fähig sich umzudrehen, liegt nichtssehend nur hörend mit dem Gesicht zu weißer Wand und Fernseher.
Hier ist mein Urteil, wo keines gefällt werden darf. Nicht mein Leben, nicht meine Schuhe, nicht mein Weg.
Ich spüre bei ihrer Mutter, die ich so sehr liebgewonnen habe, dass sie ihr Möglichstes tut. Sie gibt alles von sich, jede verbleibende Sekunde bei ihrem Kind zu sein.
Und doch: da sind noch zwei kleine Geschwister, die hinter ihr spielen, Abendessen, Mittagessen, Frühstück, Familienleben, das hinter ihr stattfindet.
Und ich denke an diese wachen Augen, die jede meiner Bewegungen verfolgt haben. Ein wacher Geist in einem aufgebenden Körper.
Ich würde das Bett umdrehen. Ich würde den Fernseher nicht die ganze Zeit laufen lassen.
Würde ich? Würde ich nicht?

Ich spüre meine Grenze, so dicht, so kompromisslos und so unerwünscht von mir, die ich doch einfach nur dasein möchte, ohne Urteil.
Lange habe ich mich mit dem Mann gestern darüber auseinandergesetzt, unter Tränen. Geklagt habe ich, dass dort kein Kuscheltier im ganzen Raum ist, kein Spielzeug, keine Kuscheldecke, nichts. Nichts. Und ich sehe vor mir wieder, wie sie das Einhorn umklammerte, lächelte, wie diese nassen großen Kindertränen dabei aus ihrem Auge liefen, als sie es umfasste… und ich spüre meine Grenze und verfluche sie.

Macht sie mich überheblich? Wertend?

Ich will das nicht.

Elterngespräch

Das Kind ist wie erwartet das leistungsstärkste der Klasse. So wenig Sympathien ich der Lehrerin auf menschlicher Seite entgegenbringe, so sehr gehe ich mit ihrer Unterrichts- und Lernauffassung konform und auch mit der Art, wie sie der großen Tochter gegenübertritt.

Die Schlurigkeit und Bummelei des Kindes sowie seine Arroganz, Dinge nur einmal kurz zu überfliegen, damit sie im Gehirn bleiben, werden sich ihrer Meinung nach spätestens dann legen, wenn es merkt, dass das Tempo und die Anforderungen anziehen. Und so lassen wir sie das letzte Jahr nun einfach noch mal das sein, was sie ist.

Ein kleines Kind mit Spaß an Träumerei, einer lebhaften Fantasie und einem großen Gehirn, das die Schule zum Glück ohne weiteres nebenher bewältigt.

Besuch – Mirlinda

Der Tumor drückt inzwischen auf das Sprachzentrum. Keine Worte mehr möglich, keine Laute, nichts mehr.
Und umso kostbarer war das sehr angestrengte tiefe Seufzen, direkt aus ihrer Seele, gefolgt von einem winzigen Lächeln, das so viel Kraft gekostet haben muss, dass sie – das Einhorn, das meine Tochter ihr schenkte, fest umklammert – noch während unseres Besuchs wieder einschlief.

Kräftesammeln. Das Tochterkind ist stumm, nachdenklich. Nicht ängstlich, nur unsicher.
Ich bin erschöpft. Von meinem Ringen vorher, hinzufahren oder nicht und von dem Einlassen auf den Tod. Und von dem direkten seelischen Kontakt mit dieser wunderbaren Frau, die ihre Tochter auf ihrem letzten Weg so aufrecht begleitet.

Übermorgen wieder.

Wissen

Sollte es diesmal wieder so einfach sein, einen Namen zu finden?
Mit demselben unumstößlichen Wissen wie damals bei der Motte hat unser Sohn nun schon seinen ersten Vornamen.
Genauso ausgefallen und mit derselben bestimmten lächelnden Sicherheit.
Ja. Das ist er.

Begegnungen [A. und H.]

Es sind Begegnungen wie jene gestern, die mich fast an meiner Arroganz verzweifeln lassen. Es sind nette Menschen, die Beiden. Jene Eltern des Jungen, den der Kobold auch sehr nett findet. Über eine Stunde haben wir gesprochen und ich frage mich, ob ich mir genug Mühe gegeben habe, etwas in ihnen zu finden, das mich ehrlich interessiert.
Sie gehören zu der typischen Sorte Mensch, die freigiebig mit Informationen persönlicher Natur ist, jenseits jeder Scham und geleitet von Sensationslust und selbstverliebtem Geltungsbedarf. Sie hören sich beide gerne reden, fragen nichts. Und so war auch das Verhältnis im Gespräch. Sich sonnend in meinen, unseren Fragen, selbstverliebt, geltungssüchtig…
Ich habe meine Maske aufgelassen. Aus Feigheit? Aus Arroganz? Aus Vernunft? Es erschließt sich mir manchmal nicht.
Vielleicht waren sie einfach auch nur unwichtig. Auf nette Weise völlig unwichtig.
Ich knabbere daran, Begegnungen dieser Art nicht mehr abgewinnen zu können.
Was weiß ich schon, was diese Menschen bewegt…

10-Tages-Pensum

Kinderarzt Kind2 (Hören, Sehen, Impfen, Schreiben)
Kinderarzt Kind3 (Hören, Sehen, Malen, dumme Spiele)
Kardiologe Kind2 (wiegen, messen, 30 Sonden, Panikanfälle und Glitsche am Brustkorb)
Kardiologe Kind3 (wiegen, messen, 30 Sonden, Glitsche überall)
Hebamme (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, tasten, horchen, reden)
Frauenarzt (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, Blutabnehmen, untersuchen)
Krankenhaus Pränataldiagnostik (wiegen, messen, eine Stunde bewegungslos auf dem Rücken liegen und danach eventuell mit dem Kardiologen aus Punkt 3 und 4 über ein 4. Kind mit Herzfehler sprechen, aber hey, nicht in einen Becher pinkeln)
Geburtstag Kind2 (Panik, Party, Kuchen und Geschenke)
Party Kind2 (ein Halleluja dafür, dass die Nachbarn unter uns letzte Woche ausgezogen sind)
Geburtstag Kind3 (zwei Luftballons, eine Torte und eine Barbie, mehr braucht es nicht)
Elternsprechtag Schule Kind1 (haha. Ich versuche, niemanden zu verletzen)
Elternsprechtag KiGa Kind2 (siehe vorheriger Punkt)
Elternnachmittag KiGa Kind2 (ja, ein Nachmittag mit drei Kindern, von denen eines mir heißen Kaffee – den ich nicht mag – über den Schoß schüttet, weil das ein „Muttertagsnachmittag mit Kaffeetrinken“ ist, ist unglaublich entspannend und sehr im Sinne eines Muttertagsgeschenks)

Und dabei dauermüde.
Schwangerschaften sind einfach nichts für mich.
20. Woche.
Halbzeit.

Neun

Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich diese Zahl in meinem Mutterpass lese. Schwangerschaft: 9

Geburten: 3

Jeder Tag, der vergeht, bringt mich näher an mein Ziel. Geplant war früher so vieles. So jung und so unbeschwert. 5 gemeinsame Kinder wollten wir haben. Auf jeden Fall. Und wir waren ja noch jung. Und dann, dann kam alles anders. Leben kann man nicht planen. Den Tod auch nicht. Und doch muss man ihn einplanen, ob man will oder nicht.
5 Kinder. Kein Problem, dachte ich. Die Schwangerschaften waren alle nicht schön, sehr schwierig und grenzwertig für mich, aber man muss eben auch in Vorleistung treten, wenn es darum geht, Träume zu verwirklichen.
Dass das Leben andere Pläne für uns bereithalten sollte, davon wollte ich nichts wissen.
Ich habe in den vergangenen Jahren auf die harte Tour gelernt, was Dankbarkeit heißt. Dankbarkeit für ausgetragene Schwangerschaften. Für lebende Kinder. Für das Leben mit Kindern.
Jeder Tag, der vergeht, den ich mein neuntes Baby spüre, tief in meinem Bauch, unter meinem Herzen, so groß schon und doch noch so winzig, macht mich demütiger. Wir sind auf eine Totgeburt vorbereitet. Seltsam, das, mit lebendem Baby im Bauch. Und doch hat das Leben uns gelehrt, auch den Tod in unsere Vorbereitungen mit einzubeziehen.

Ich wünsche mir nicht Gesundheit, nicht Unversehrtheit, nicht mal Leben, wenngleich die Hoffnung stark ist. Aber zu wünschen, zu rechnen, erscheint mir vermessen.
Tief im Herzen weiß ich, dass dies meine letzte Schwangerschaft sein wird.

Der Körper, das Herz und die Seele haben viel ertragen, die letzten Jahre. Gelitten, geweint.
Diesen unseren Traum von damals, als wir noch planten und träumten, kann ich gehen lassen.
Hoch war der Preis, den wir gezahlt haben. Und dann wieder doch nicht. Unendlich die Liebe, die wir dabei erfahren haben. Unerschöpflich groß die Kraft, die wir einander gegeben haben.

Und doch.

Ein Kind wird mein Körper noch gebären. So oder so.

Und es wird gut sein.