Pause

Wenn jemand das Ausdrücken meiner Verletztheit, meinen verbalisierten Schmerz und meine Intensität als „Gemecker“ bezeichnet, dann sind bei mir relativ schnell die Schotten dicht. Und wenn jemand eine Pause davon braucht (wovon? Von der Unverschämtheit, dass ich meine Bedürfnisse kommuniziere, dass ich konstant benenne, wenn ich mich nicht sicher, nicht gesehen und nicht verbunden fühle und meinen Schmerz alleine trage?), dann bekommt er eine dauerhafte Pause von mir.

Ich bin als Kati light nicht mehr verfügbar.

Integrität

In Familien, in denen sexueller Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Folter und Misshandlungen vertuscht werden müssen, ist das Infragestellen der Wahrheit des Kindes ein elementarer Teil zum Schutz des Systems.

Kinder, die benennen, was ihnen geschieht, gefährden das familiäre Gleichgewicht. Der sicherste Weg, dieses Gleichgewicht zu schützen, ist aktives Infragestellen der Wahrheit: „Du lügst.“ „Nichts kann man dir glauben.“ „Fantasierst du wieder?“ oder „Ah, da ist wieder unsere Dramaqueen.“.

Das Ziel ist immer eindeutig: Das Auslöschen der Glaubwürdigkeit des Kindes.

Als ich mich endlich dem Vertrauenslehrer der Schule anvertrauen konnte, wurde hinter meinem Rücken eine wahre Lawine losgetreten. Und meine Eltern, gut angezogen, Repräsentation in Perfektion, reich, gebildet, einflussreich, hatten den Auftritt ihres Lebens. Denn man wisse ja schon lange, wie sehr ich mich in meine Fantasien flüchten würde. Persönlichkeitsstörung. Pathologische Lügnerin. Dramatik. Es sei ihnen sehr unangenehm, dass ich jetzt auch die Schule damit belästigen würde. Zeit verschwenden würde.

Sie haben sich für mich entschuldigt. Nachsichtig lächelnd.

Für ein Kind ist das existenziell. Ein Kind kann seine Eltern nicht einfach als ungerecht oder manipulativ einordnen, schon gar nicht, wenn es in einem solchen System geprägt wurde. Kinder sind emotional von ihren Eltern abhängig. Also beginnt etwas zutiefst Selbstzerstörerisches: Das Kind zweifelt an sich selbst. An seiner Wahrnehmung. An seiner Sprache. An dem, was Richtig und was Falsch ist. An seinem Recht, die Wahrheit auszusprechen.

Einige Betroffene entwickeln aus dieser Erfahrung im Laufe ihrer Traumaarbeit eine fast kompromisslose Form von Integrität.

Sie werden zu Menschen, die keine leichtfertigen Versprechen geben. Niemals. Die in engen Beziehungen lieber schweigen, als etwas Unwahres zu sagen. Die so schonungslos transparent und ehrlich sind, wie ein Mensch es nur sein kann. Die extrem verbindlich sind und zu all ihren Entscheidungen stehen, ohne Murren alle Konsequenzen tragen.

Weil ihr Wort nicht Kommunikation ist, sondern Identität.

Ehrlichkeit in dieser Form beinhaltet den verzweifelten Wunsch, in ihrer Makellosigkeit endlich zu verhindern, dass einem die Realität erneut abgesprochen werden kann.

Ich sammle bis heute Screenshots, Nachrichten, Daten, Briefe, Karten, Videos, Anmerkungen als Beweise. Archiviere innerlich Gespräche, führe Protokolle, Tagebücher. Hebe jeden Schnippsel menschlicher Kommunikation auf, um lückenlos alles nachweisen zu können.

Wer einem Menschen – insbesondere in der Kommunikation tiefer Gefühle – abspricht, glaubwürdig zu sein, greift dessen Fundament an.

Für Menschen aber, die ihr Leben lang systematisch emotional entwertet wurden und die prägenden Jahre ihres Lebens täglich darum kämpfen mussten, überhaupt als wahrnehmende und ernstzunehmende Individuen existieren zu dürfen, greifen solche Sätze zusätzlich tief in alte Wunden.

Und irgendwann entscheidet man sich, dass man sich in seinem Leben nicht mehr mit Menschen umgibt, die versuchen, die eigene Wahrnehmung anzugreifen.

Was ist das eigene Seelenheil wert?

Mir ist klar, wie luxuriös diese Frage auf den ersten Blick anmutet – kommen doch ausschließlich Menschen ohne existenzielle Sorgen in den Genuss, sie sich selber stellen zu dürfen.

Das ändert aber nichts an ihrer Dringlichkeit.

Letzten Endes ist das, was wir Seelenheil nennen, die Beschreibung unseres innersten Zustandes von Kohärenz.

Ich habe erst vor einigen Jahren die Definition des Wortes „Gesundheit“ erfahren. Als ich völlig außer Betrieb war und dachte, es würde reichen, einfach nur ein wenig an den Schmerzen herumzudoktern. Ich nahm Unmengen an Tabletten, um Symptome zu bekämpfen und Ursachen ignorieren zu dürfen. Kurz und knapp: Es hat nicht gut funktioniert.

Und genau wie körperliche Gesundheit ist auch geistige Gesundheit nicht einfach nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern ein aktiver und bejahender Zustand innerer Stimmigkeit.

Wenn wir fortwährend gegen unsere ureigenen inneren Bedürfnisse, Werte und Grenzen leben, entsteht Dissonanz und damit ein Spannungszustand zwischen dem, was wir fühlen und wer wir sind und dem, wie wir handeln. Das kostet Energie, die nie zurückkommt. Energie, die sich im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten in Erschöpfung, Angst und Depression manifestiert.

Menschen zahlen lange einen sehr hohen Preis dafür, sich zugehörig oder geliebt zu fühlen. Im Laufe der Evolution war soziale Bindung überlebenswichtig. Wir wählen immer zuerst das, was bekannt ist statt Unbekanntes, das uns vielleicht gut tun würde, aber uns potentiell in Gefahr bringen könnte. Schutz war immer wichtiger als Selbstverlust.

Das eigene Seelenheil hat also einen Wert, aber auch einen individuellen Preis.
Wieviel es uns kostet, merken wir erst, wenn er dauerhaft unterschritten wird.
Die ersten Signale ignorieren wir noch frohen Mutes.

Ein komisches Bauchgefühl, eine kleine Verschiebung in der Wahrnehmung, leises Unbehagen, wir reden uns gerne und lange ein, dass wir uns Dinge einbilden, sie nicht so wichtig sind, Ausnahmen darstellen oder vielleicht etwas mit uns nicht stimmt…

Und alles, was man im Leben ignoriert, kommt leider so oft noch deutlicher als Lektion zurück, bis wir sie verstehen. So auch hier.

Irgendwann können wir die Augen nicht mehr vor dem verschließen, was uns seelisch krank gemacht hat und oft genug stehen wir dann vor der unangenehmen Entscheidung, etwas Vertrautes aufgeben zu müssen, um uns einen Rest von Würde zu erhalten.

Anhaltende Selbstverleugnung ist Stress.

Stress, den wir lange wegdrücken, bevor er in Form von Krankheit, Burnout oder Panikattacken so stark geworden ist, dass wir unserem Körper zuhören müssen, statt ihn weiter zu verleugnen.

Vielleicht lautet die Frage dann also nicht: Was ist mein Seelenheil wert? sondern vielmehr: Was kostet es mich, es zu ignorieren?

Irgendwann erreichen wir einen Punkt, an dem der Preis des Ausharrens höher wird als der Preis der Veränderung.

Erlernte Hilflosigkeit

Das neue Trauma meldet sich seit einigen Jahren verstärkt, wenn ich vor Problemen stehe. Aktuell skandiert es weinerlich laut Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, ich weiß nicht, was genau ich tun soll, ich weiß nicht, was das Richtige ist… Und diese Stimme ist so unfassbar nervtötend, wehleidig und gleichzeitig so überzeugend, dass ich versucht bin, einfach aufzugeben, ohne es überhaupt versucht zu haben.

Ich besitze genug Reflexion, um zu wissen, dass diese Stimme nicht mir gehört. Das bin nicht ich, das bin ich nur geworden.

Noch erschreckt sie mich.

Noch denke ich: Huch, das hört sich eigentlich nicht nach mir an. Aber der Widerstand wurde über die Jahre schwächer.

Ich vermute, dass man einem Menschen nur genug antun muss, dass auch der stärkste Wille irgendwann erlischt. Ich habe mich immer gefragt, wie ich meine Kindheit überlebt habe. Ich habe mit unzähligen Therapeuten und Psychiatern Theorien ausgearbeitet, warum und wie ich dieses Maß an Resilienz in einer Umgebung entwickeln konnte, die von Missbrauch, Gewalt und Folter geprägt war, aber letzten Endes ist Leben in all seinen Facetten eben einzigartig, genau wie die Wege, die wir einschlagen.

Mein Geist hat mich auf die denkbar effektivste Weise gerettet: Er hat mich zersplittern lassen. Ich war nie ein Ganzes und werde es auch nie sein. Ich empfinde das inzwischen nicht mehr als Makel, sondern es ist der ultimative Beweis dafür, dass und wie ich überlebt habe.

Ich habe meinen Frieden mit all dem gemacht, ich habe mir nicht ausgesucht, in einem Haus voller Abgründe und ohne Liebe bei meinen Eltern aufwachsen zu müssen.

Es ist, wie es ist.

Wenn ein Mensch wie ich jedoch irgendwann jemanden freiwillig wählt, ganz bewusst gegen jede Vernunft und Erfahrung entscheidet, dass da jemand ist, dem man vertraut, dann ist das für immer.

In jeder Konsequenz, zu 100 Prozent, mit Leib und Seele. Ich bin jemand, der als Gefährtin absolut loyal, treu, zuverlässig und bis zum Erbrechen ehrlich ist. Und das muss ich sein. Wenn ich mich öffne, liegt alles von mir bis zum Grund meiner Seele in den Händen des Menschen, für den ich jederzeit alles geben würde.

Ich habe das in meinem Leben einmal riskiert.

Von jemandem verraten zu werden, den man selber gewählt hat, hat dann aber noch mal eine ganz andere Qualität.

30042026

Die Intensität der Schmerzen hat inzwischen ihr Maximum erreicht. Ich kann seit Monaten nichts mehr ohne starke Schmerzen tun, ich möchte mich einfach nur noch hinlegen und aufgeben. Ich muss zumindest für die Arthroseschmerzen dringend abnehmen. Gleichzeitig wate ich durch die wohl schwerste Depression meines Lebens und esse, um Trauer und Schmerz überhaupt zu überleben. Es ist ein Teufelskreis und es ist meiner. Hier zuhause bleibt einfach alles liegen, weil ich mich nur in Mikrofortschritten überhaupt bewege und die Tage voll sind mit Kinderbegleitung, Traumaarbeit und Weinen. Ich versuche das alles anzunehmen und auszuhalten, jeden Morgen wieder. Und über allem hängt die Frage, wieviel Sinn es überhaupt noch macht. Ich würde so gerne mal einen kleinen Moment davon abgeben. Mich anlehnen. Im Wissen, gesehen und gehalten zu werden. All das ist gerade so fern, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen.

Ich weiß das.

Ich habs ja verstanden.

Man hat es mir oft genug mitgeteilt.

Begehren

Es gibt eine Form von Begehren, die sich auf den ersten Blick wie Intimität anfühlt, aber bei näherer Betrachtungsweise etwas ganz anderes ist.

Wenn eine Frau ausschließlich dann begehrt wird, wenn sie die Fantasien ihres Partner zu erfüllen in der Lage ist, wird sie vom Individuum zur pornografisch-emotionalen Projektionsfläche. Und Projektionsflächen haben keine eigenen Bedürfnisse – zumindest nicht in dem Raum, der Intimität ermöglichen sollte.

Echtes Begehren meint und sagt: „Ich sehe dich. Ich will dich. So wie du bist.“ Intimität entsteht in der Hinwendung zum Gegenüber in seiner Gesamtheit. Mit allen Ecken, mit Trauma, mit persönlicher Geschichte, mit all seiner Eigenwilligkeit.

Fantasiegebunde Begierde ist das Gegenteil: „Ich sehe, wie du meinen Bedürfnissen dienen kannst.“

Was das in Beziehungen auslöst, ist ein Gefühl von Selbstobjektifizierung.

Der Körper ist kein Ort von Empfindung und Hingabe mehr, sondern wird zum Instrument, das funktionieren und dienen muss, um durch die Erfüllung der Bedürfnisse des Gegenübers zumindest ein Mindestmaß an Nähe herstellen zu können. Wenn der Wunsch nach Verbindung übermächtig wird und man weiß, dass echte Begegnung unmöglich ist, dann nimmt man die Form von Nähe, die erfordert, dass man sich anpasst. Muss man seine eigenen existenziellen Grundbedürfnisse nach menschlicher Nähe über Jahre oder Jahrzehnte hintenanstellen, entsteht eine stumme Leere dort, wo Fülle vorherrschen sollte.

Echte Intimität braucht das verbindliche Gefühl, gemeint zu sein. Nur hieraus entsteht die Sicherheit, die Sexualität benötigt, um in Intimität verwandelt zu werden. Wenn Begehren an Bedingungen geknüpft ist oder wird, bricht nicht nur diese Sicherheit weg, sondern über Zeit auch ein Stück Identität.

Sexualität ist der intimste Raum, in dem wir uns zeigen, wie wir wirklich sind.

Wird dieser Raum zur Bühne seiner Fantasie, in der sie nurmehr eine von ihm benötigte und festgelegte Rolle spielt, bleibt sie selbst der Zuschauer.

24.04.2026

Es ist hart, all das loszulassen, wovon ich mein Leben lang geträumt habe.

Nun loszulassen, nach all der investierten Lebenszeit und Energie, nach den viel zu lange festgehaltenen Hoffnungen und dem Irrglauben, ich müsse nur genug Geduld, genug Liebe, weniger Bedürfnisse, weniger Ansprüche, genug Nachsicht haben, noch einen Fehler mehr verzeihen, noch eine Lüge mehr ertragen, noch einen weiteren Verrat verarbeiten, noch eine weitere zweite, hundertste, letzte Chance geben, war meine eigene Entscheidung. Ich kann all den Schmerz nicht mehr ertragen, ich kann einfach nicht mehr.

Aber all das, was mir im Namen von „wollte ich nicht“, „wusste ich nicht“ und „konnte ich nicht“ angetan wurde und dazu geführt hat, nun schlussendlich so allumfassend loslassen zu müssen, weil mein Leben ohne Glauben, ohne Hoffnung und ohne Zukunftstraum einfach keinen Sinn mehr ergibt, war nicht meine Entscheidung.

Und das Trauma, das hier entstanden ist, einmal mehr, das werde ich wohl nicht mehr aufarbeiten können.