Wert [Baby]

Der Einsatz ist hoch, alle verfügbare Liebe freizugeben und sich auch auf den größtmöglichen aller Schmerzzustände einzustellen.
Tod. Verlust eines geliebten Wesens.
Dieses Wesen, so klein, so stark, klammert sich an sein Leben, dass Mut und Hoffnung auf ein Leben mit ihm sich ihren Weg bahnen.

Ich habe nackte Angst, mich darauf einzulassen, diesen Schmerz noch einmal ertragen zu müssen, der mein Herz zerreißt, der keinen Halt findet, mich nur treibend und weinend in einem Schwebezustand zurücklässt. Auch die starke Schulter an meiner Seite bietet nur begrenzt Trost, benötigt sie doch selber auch meinen Schutz. Wie Ertrinkende klammerten wir uns aneinander, ich vermag im Nachhinein nicht mehr zu sagen, wer wen durch welche Zeit mehr getragen hat.

„Natürlich habe ich viele Fehler, hast du nicht genug Liebe…“

Dieser Satz erschütterte mich bis ins Mark. Wie arrogant war ich, von meiner sicheren Warte aus den größtmöglichen Schutz hinter der höchsten Mauer zu suchen, bis das Baby auch auf dieser Welt lebensfähig ist? Wie anmaßend von mir, mein Herz erst dann zu öffnen, wenn ich mich abgesichert habe. Habe mich herausgeredet, dass ich es nicht ertragen kann, noch einmal ein schlagendes Herz zu sehen und die Geburt eines Wesens, das gerade mal auf meine Handfläche passt. Mit dieser zarten durchsichtigen Haut, diesen kleinen Fingern und Zehen. Voll lebensfähig, gäbe es noch eine Chance.

Und tot.

Die Entscheidung für das Leben und für die Liebe kann immer nur eine Entscheidung ohne Bedingungen sein.

Erinnerungen

Die Wehmut lässt auf sich warten. Erinnerungen sind da, aber sie sind nicht wehmütig, nicht sehnsüchtig, nicht seufzend. Sie sind klar und rein.
Ich bereue nichts, möchte ich schreien und das ist wohl das Passendste zu jenem Tag vor vier Jahren.

Es war wie es war. Nicht perfekt, aber es war vollkommen.

Rund, mit allen Zweifeln, Schreien, mit aller Wut und Wucht, mit aller Liebe, mit jedem Stück Hingabe, mit dem Vertrauen, dem letzten Blick in die blauen Augen des Mannes, der nickte und sagte:

Ja. Ich sehe ihn.
Wir machen weiter.

Liebe.

Träume

Es ist eine besondere Zeit und ich frage mich, ob man nicht einfach das Schicksal entscheiden lassen sollte.

Wenn es sein soll… wird es geschehen.

Normalität

Normalität mit dem Kobold wird und ist schwer erkämpft. Und doch ist dieser harte und oftmals recht brutale Weg, der nun schon zu einem so großen Teil hinter uns liegt, genau der richtige. Es wird jeden Tag besser. Dinge passieren, die ich niemals für möglich gehalten habe. Und so war es in den letzten Wochen auch eine Zeit des Abschieds. Abschied von einer sehr intensiven, sehr schmerzhaften und besonderen Zeit mit einem sehr speziellen Kind. Wir nähern uns der Zielvorgabe “relativ normal” und das fühlt sich für den Kobold großartig an, ohne ihn in seiner Individualität zu beschneiden.

Die Attacken werden kürzer. Leiser. Weniger schlimm für alle. Ich hänge am Ende des Tages nur noch schlapp in einer Ecke und kann nicht mehr, aber das Aufstehen und Aufrappeln jeden Morgen lohnt sich.

Es wird heller.

Psycho

Wenn der Kinderarzt weitere Behandlung ablehnt und der Meinung ist, es wäre das Sinnvollste, der Kobold wird während eines einwöchigen stationären Aufenthaltes in einer Klinik am besten von einem 5köpfigen Ärzteteam begutachtet, dann reißt einem das schon mal den Boden unter den Füßen weg.

Manchmal hab ich keine Lust mehr.

Einfach nur keine Lust.

Kindergarten

Ich habe mal wieder mit der Lieblingserzieherin telefoniert und wir haben wieder mal keine Lösung gefunden. Die Kindergartenerziehersituation lässt keine Einzeleingewöhnung zu und der Kobold braucht aber genau das. Stabilität und eine einzige Bezugsperson.
Ich hole die nächsten Tage mal ein paar Unterlagen ab. Mal sehen, wie der Kobold sich benimmt, ob er in Panik verfällt, sich einigermaßen entspannen kann oder es sogar zu einem Kontakt kommt.
Ich hasse dieses Thema. Es liegt mir so schwer auf der Seele und ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich verzweifle fast daran.

Wie soll ich ihn schützen?
Wie lange darf ich das noch?

Ich kann das kaum ertragen.

Schutzwall

Ich weiß, wenn ich die Wälle wieder hochziehe und mich abhärte, wird das auch auf den Kobold wirken. Er muss momentan nicht hart sein, er darf ganz weich sein. Aber so kann ich ihn nicht in die Welt schicken.
Er braucht Grenzen. Enge Grenzen, die Stabilität und Sicherheit versprechen. Einen bis ins Kleinste durchgeplanten und geregelten Tagesablauf. Meine Härte, von der er zehren kann. Die auch auf ihn überspringt. Und so sehr mir das zuwider ist, so nötig scheint es zu sein. Ich will das nicht. Der größte Teil meiner Selbst möchte schreiend davon laufen, weil das nicht das ist, was ich will. Ich war doch so lange Jahre so. Und ich habe nicht das Gefühl, dass es schon Zeit für den Kobold ist. Vielleicht irre ich. Allein der Gedanke treibt mir Tränen in die Augen.

Aber vielleicht irre ich. Vielleicht sind wir an diesem ersten Punkt, an dem ich mich abgrenzen muss. An dem die Grenze nicht mehr weich und fließend sein darf zwischen uns. Sondern hart und abgrenzend. Ein Du und ein Ich. Kein Wir mehr.

Er ist mein besonderes Kind. Mein Kobold. Mein Baby. Ich will das nicht.

Papamotte

Der Mann muss arbeiten. Außer Haus. Das ist soweit gut und okay. Aber das Mottenkind ist krank. Richtig krank. Die ohnehin starke Fixierung auf den Papa vervielfacht sich in dieser Zeit.
Wacht sie morgens auf, sieht sie sich im Bett um, schluchzt auf und tapst verschlafen zur Haustür, um daran zu wackeln und “Papaaa” zu weinen. Es ist grausam für mich als Mutter, dass ich das nicht auffangen kann.

Es macht mich frustriert und wütend und hilflos. So hilflos.

Gestern war der große hübsche Mann morgens noch da, als die Motte aufwachte und es war, als hätte man ihr was ins Essen getan. Krank wie sie war, hoppste sie hier herum, quietschte hier entzückt und lachte da ein bisschen und freute sich. Ich dachte, ich seh nicht richtig.
Kaum war der Papa aus der Tür, hatte ich meine Maule-Motte wieder. Inklusive Herzschmerz, weil der Papa nicht da war. Ich kann das nur aushalten, nicht auffangen.

Heute also wieder Arztbesuch wegen stark verklebter Augen und Ohrenschmerzen. Der Mann und die Motte. Nicht ich. Sofern das alles klappt, nimmt er sich heute und morgen zwei der Krankheitstage, die ihm zustehen und kuriert die Motte aus.
Manchmal gehts nicht anders, auch wenn ich das gern allein schaffen würde. Dankbar, dass der große Mann mithilft.