Alles klar?

Das Tochterkind fährt bald für einige Tage weit weg. Und freut sich sehr darüber. Da ich von ihr nur rudimentär über Einzelheiten informiert werde,
[Oah, Mama. Wir fahren hin. Spaß. Wir fahren wieder zurück. Wird super. Freuen uns alle sehr.]
gab es einen Elternzettel.

Darauf steht für den ersten Tag folgendes:

•          Kennenlernen der Teamer
•          Adventure-Training-Rules besprechen
•          Warming up
•          Adventure Task: Teambalance
•          Trainer-Feedback
•          Freizeit
•          Mohawk-Walk
•          Performance Check mit Jury-Trainer-Feedback
•          Adenture Task: Bogenschießen
•          Trainer-Feedback
•          Fazit
•          Zeit für Reflexion

Ich starre auf den Zettel. Die Tochter taxiert mich misstrauisch mit Blicken. Ich runzle ratlos die Stirn und sehe sie an.
„Bogenschießen hört sich doch super an!“

Sie verdreht die Augen.

[Was zur Hölle tun die da???]

Verständnisprobleme

Die Motte versucht ihren großen Bruder zum Tragen von lila Fußballschuhen zu überreden, weil sie die so hübsch findet.

Der Kobold druckst ein bisschen herum und formuliert dann aber sehr deutlich: „Motte, ich will die Schuhe aber nicht anziehen, weil ich es nicht mag, wenn mich die anderen Jungs wegen der Farbe ärgern.“

Die Motte schaut verdutzt und antwortet dann in beruhigendem Tonfall: „Kobold, du kannst die ruhig anziehen. Ich hab doch auch Schuhe mit lila und die Jungs haben mich noch nie deswegen geärgert, echt nicht!“

Wechselschritt [Tanzfiguren]

Rohe Eier.

„Ich fühle mich nicht gut“, flüstert sie.

„Ich bleibe in deiner Nähe“, flüstere ich zurück.

Stacheln, überschäumende Liebe, Ablehnung, Zuneigung.

Das letzte Jahrzehnt Erziehung war nicht umsonst, wenn sie mich traurig ansieht und leise sagt: „Ich liebe dich. Aber ich mag dich manchmal nicht so gerne.“

„Ja.“, nicke ich. „Ich liebe dich auch. Es ist okay.“

Herzschmerz, Sehnsucht, Loslassen, Wegschieben.

Absurditäten

Beim Wegbringen der Motte im Kindergarten sieht eine andere Mutter irritiert meinen großen Sohn an.

„Warum hast du deinen Sohn dabei? Ist heut keine Schule?“

– „Doch. Aber er ist krank und ich lasse ihn nicht alleine zuhause.“

Sie runzelt die Stirn und sagt zu meinem Sohn: „Dann pass mal auf, dass dich kein Lehrer sieht…“

Ich blinzle irritiert und überlege eine passende Antwort, die auch nur ansatzweise meine Empörung widerspiegelt, ohne pampig zu sein, da nimmt mir mein Sohn diese Aufgabe zwischen zwei Hustenanfällen schon ab:

„Ich bin krank. Nicht auf der Flucht.“

[mein Kobold ♥]

Rollenbilder

„Ich bin die schöne wunderbare Prinzessin mit langen Haaren und bin hier in meinem Feenschloss gefangen!“, wedelt die Motte mit ihren neuesten Playmobilerrungenschaften herum.

„Du bist der gefährliche Ninja und rettest mich!“, fährt sie mit einem verzückten Quietschen in der Stimme fort.

Der Kobold verdreht die Augen. „Boah, Motte. Das kannst du doch ECHT selber. Da brauchst du doch niemanden für. Verhau halt einfach alle und dann bist du frei.“

[den Sinn für Romantik muss er von seinem Vater geerbt haben]

Sehnsucht

Sein Name bedeutet Wolfswelpe und obwohl er das schon lange nicht mehr ist, fällt doch als erstes seine Statur ins Auge.

Hager, sehnig, muskulös, durchtrainiert, zäh.

Das Achterpack Muskeln seines Bauches tritt im Normalfall schon sehr hervor, doch sehen kann es außer mir und dem Arzt keiner, seine Hautmutation verbietet jedes Sonnenlicht.

Und so bleibt er nur der große sehnige dünne Junge, zu dem mir so viele gutmeinende  Menschen sagen, er könne ruhig ein paar Kilos mehr vertragen.

Es entspricht ihm nur nicht. Das ist nicht er.

Nach 24 Stunden Dauererbrechen und Durchfall treten alle Knochen hervor und die Beine zittern, wenn er aufstehen soll. Das ist die Kehrseite. Da ist keine Reserve, nichts zuzusetzen, kein zehren, nichts.

Was seine Geschwister gut wegstecken, bringt ihn an die Grenze.

Immerhin ist seit einem Jahr dort kein Herzfehler mehr, den man zusätzlich im Auge behalten müsste, doch trotzdem ist er das Kind, bei dem mein Sorgenbereich am nachhaltigsten angesprochen wird. Immer noch und immer wieder.

Dabei ist er so selten krank.

Nie verletzt, immer fit und unglaublich kraftvoll und energiegeladen.

Alles an ihm war besonders, seine Entwicklungsverzögerung so prägend für uns als Eltern, seine Besonderheiten so speziell, dass ich oft Angst habe, ihn wieder zu nah an mich heranzuziehen, wenn ich nicht achtsam die Trennung zwischen ihm und mir aufrechterhalte.

Loslassen, das auch Wegschieben sein muss. Herzschmerz.

Räuber mit Sandalen

„Mami, Mami!“, brüllt der Kobold heute durch den Garten.

Ich wage einen Blick durch die Gartenküchentür nach draußen und bemühe mich, nicht loszuschreien.

Der Sohn hat das gelbe Springseil der Motte dazu benutzt, sie zu fesseln und hinter sich herzuziehen. Blätter und Äste haben sich in ihren langen Haaren verfangen und überall klebt Dreck an ihr.

In der Hand hält der Kobold einen dicken Knüppel, den er bedrohlich über ihrem Kopf schwingt.

Ich bin ja schon was länger Mutter und atme erstmal, da das Mottenkind weder schreit noch weint.

„Ja, Kobold?“

„Wir spielen ein neues Spiel! Das spielen wir auch immer in der Schule! Weißt du, wie das heißt?“

„Nein, wie denn?“

„Räuber und Sandalen!“

Ich bemühe mich, nicht laut loszukichern und verbessere: „Du meinst Räuber und Gendarm, Spätzchen.“

„Räuber und was?“

„Räuber und Gendarm, Kobold, so heißt das. „Gendarm“ kommt aus dem französischen und bedeutet…“

„Nein. Mami.“ Er blickt mich augenrollend an. Entnervt beginnt er mit seiner Erklärung: „Das heißt „Räuber und Sandalen“. Und das geht so: Es gibt Räuber und Polizisten. Die Polizisten müssen die Räuber fangen. Ich bin ein Polizist und Motte ist ein Räuber. Ich hab sie jetzt gefangen und bringe sie ins Gesindehaus. Das ist das Gefängnis.“

„Hmhm.“, mache ich. „Und die Sandalen?“

„Was?“

„Na, wenn es Räuber und Sandalen heißt, was haben die Sandalen damit zu tun?“

„Oarrr, Mami. Glaubst du, die tragen jetzt Winterstiefel? Ist doch so warm. Darum Sandalen.“

[Ah.]

Freundebücher [grünes Gras, andere Seite…]

Ich durfte mir gestern Abend nach langer Zeit mal wieder das Freundebuch des Tochterkindes durchlesen und als wir heute morgen beim Frühstückmachen alleine in der Küche sitzen, nutze ich die Gelegenheit für ein ernsthaftes Gespräch.

„Tochterkind, deine Freundinnen und Freunde geben bei „großes Vorbild“ alle „meine Mutter“ an!“

Ich sehe sie an und hebe die Augenbrauen.

„DU hast geschrieben, du hast kein großes Vorbild! Was sollen denn jetzt die anderen Mütter von mir denken??“

Ich lehne mich theatralisch zurück und tupfe eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel.

„Oar. Mama!“

„Die wollen am Ende alle nicht mehr mit mir spielen! Du musst bei sowas IMMER schreiben: Meine Mutter. Oder besser noch: meine wundervolle Mutter, die mich unter Schmerzen geboren und liebevoll aufgezo…..“ Sie unterbricht mich.

„Mami….“ Sie verdreht die Augen. „Ich will aber nicht so werden wie du. Es reicht völlig, wenn du so bist, wie du bist! Außerdem war das ein Kaiserschnitt.“

Ich reiße schockiert die Augen auf.

„Du meinst…. ich…. aber… du könntest wenigstens eine kleine Fußnote ergänzen, wie sehr du mich für meine sanfte Art bewunderst, mein Lebenswerk würdigst, mich lobend erwähnen wirst, wenn du reich und berühmt bist… selbst wenn ich für viel Geld deine Babyfotos an Zeitungen verkaufe…“

Ich schluchze ein wenig in mein T-Shirt.

Sie dreht die Augen gen Himmel, seufzt und streicht mir grinsend übers Haar.

„Alles wird gut, Mami.“

[Gör.]

Morgenroutine

„Unterhose!“, brülle ich zum vierten Mal an diesem Morgen Richtung Sohn.

„Schule! Unterhosenpflicht!“, setze ich noch etwas lauter nach.

Die Migränetabletten wirken langsam. Aber immerhin wirken sie.

„Och Mami!!!“

Das Tochterkind will kuscheln. Ich schiebe langsam durch den Flur, eine anhängliche 10jährige an der Hüfte und wedle mit der Unterhose Richtung Kobold.

„Unterhose!“, meckere ich und zieh ihm das Ding auf den Kopf.

„Dann SCHWINGT er aber nicht mehr so schön!“, mault der Sohn zurück.

„Wer schwingt nicht mehr?“, kommt das zerzauste Mottenkind verschlafen aus dem Bett.

„Nichts.“, sage ich.

„Mein Superpenis!“, triumphiert der Sohn.

„Sein Geschlechtsteil.“, murmelt die Tochter pikiert.

Das Mottenkind ist noch nicht ganz wach. „Ich will AUCH einen Penis!“

„Du hast eine tolle Scheide und später hast du riesige Brüste, die du herumschwingen kannst!“, erklärt der Kobold anerkennend.

Gekicher an meiner Seite.

Ich verdrehe die Augen und versuche, das große Tochterkind von mir zu lösen.

„Ich muss die Frühstücksdosen fertig machen, Kind. Fang mal deine Ratte ein.“

„Duhu, Mami?“

„Hm?“, mache ich brummend, während ich uns Richtung Küche schiebe.

„Das Babykätzchen hat gerade ins Badezimmer gemacht.“

Ich schiebe sie entgeistert weg.

„Und das sagst du mir erst jetzt???“

„Ja, so ein bisschen Pipi und Durchfall. Ich hab ne Badematte draufgelegt.“

Ich reiße die Augen auf.

„Du hast WAS???“ Sie duckt sich so ein bisschen und ich starre sie völlig fassungslos an.

„AAAAAAAAAAHHHH, Mami, der schwingt mit seinem Penis nach mir!“, kreischt die Motte empört und ich werfe dem Kobold einen bösen Blick zu.

„Unterhose!“

Das Tochterkind ist inzwischen abgetaucht und ich sehe mir die Bescherung im Badezimmer an. Und putze.

„Ich bin noch so müüüüüüde!“, jammert der Kobold in Socken und Pullover hinter mir.

„Unterhose!“, fahre ich ihn an und setze das Baby in die Badewanne, um das Badezimmer weiterputzen zu können.

„Ahhhhhhh, Mami!! Ich muss ans Waschbecken!!!“

Das Mottenkind kommt mit falsch herum angezogenem Kleid ins Bad und will Zähneputzen.

„Jetzt nicht!“, sage ich und zeige auf den Badezimmerfußboden.

Sie dreht sich um und brüllt Richtung andere Kinder: „Mama sagt, wir müssen heute alle keine Zähne putzen!“

[Ich erleide meinen ersten Nervenzusammenbruch.]

Schule

Mein Glas Morgenkoffein steht auf einer Jahrestabelle des Bundesamtes für Statistik für Straßenverkehrsunfälle unter dem Einfluss berauschender Mittel unter besonderer Berücksichtigung des Anteils der Alkoholunfälle an allen Unfällen in Prozent.

Tochterkind. 5. Klasse.

Nachdem wir entartete Pornographie, Mobbing und Rassismus durchhaben, kommen nun Alkohol und Drogen.

Die Kinder sollen „selber mal nach Alkoholunfällen googeln“ und da geht bei mir das rote Tuch hoch. Herrgottnochmal, das kann doch nicht sein.

Statt sie mit positivem Wissen zum Brennen zu bringen, ihre Interessen zu wecken, ihre Begeisterung zu entfachen, ihre Leidenschaft anzustacheln, bremsen und stopfen wir sie mit Dingen, die ihnen passieren könnten.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Immer.