fusselige Fledermaus

Das fledermausbeohrte Katzenbaby wird langsam von unserer Katze akzeptiert.

Mit mürrischem Fauchen kommentiert sie zwar nach wie vor jede seiner Bewegungen, aber sie steht inzwischen nicht einmal mehr dafür auf. Selbst wenn er unmittelbar neben ihr einen Anfall bekommt. Das ist ein riesengroßer Fortschritt, der früher kommt als ich erwartet habe. Wenn er richtig austickt, verlässt sie sogar ihren Ruheplatz um zu sehen, was das bekloppte kleine Katzenkind nun schon wieder tut. Sie setzt sich dann in einigem Abstand hin und beobachtet, wie er wie von der Tarantel gestochen ein Zimmer auseinandernimmt, seinem Verfolgungswahn nachgibt oder mit völlig abgedrehten Geräuschen über den Teppich robbt.

Die Bindung zum Tochterkind funktioniert hervorragend.

Kommt sie aus der Schule wird aus dem Rabauken plötzlich ein hilflos fiependes kleines Bündel Fell, das dringend auf den Arm genommen werden muss und sich schmusend von Stuhl zu Bank zu Tisch tragen lässt. Während der Hausaufgaben sitzt er entweder stiftefangend zwischen Stiftbehältern und Schulbüchern oder er robbt sich milimeterweise unauffällig immer weiter auf Buch oder Heft, bis er schließlich direkt vor dem Tochterkind auf dem Rücken liegt und wieder hilflos maunzend verkündet, wie klein und vernachlässigt er doch ist.

Beide schlafen Arm in Arm oder er schläft auf dem Kopfkissen meiner Tochter während sie zur Seite rutscht, um „das Baby nicht zu stören“.

Ich merke, wie der Zauber von kleinen Katzen ungebrochen ist, in mir allerdings nicht mehr so viel Sehnsucht auslöst wie früher.

Ich ziehe den Flerken vor, ihre Macken und ihre Abweisungen, ihre Diven- und Launenhaftigkeit. Sie profitiert sehr vom Katzenkind, wird noch einmal zugänglicher – und wenn es nur ist, auf meinem Schreibtisch zu sitzen und mir ihr Leid bezüglich des Flohs zu klagen, der nun gerade auf ihrer Decke liegt.

Ich genieße das sehr.

Das Tochterkind hat auf ihrer Wandlung zum Schmetterling einen wahrhaft guten Gefährten gefunden.

Wenn sie diese Linie um sich zieht, die wir hier nicht übertreten können und dürfen, dann spaziert das fledermausohrige Baby direkt darüber hinweg, maunzt ein bisschen herum, lässt sich auf ihrem Schoß nieder, schnurrt und lässt sich zärtlich in den Schlaf kraulen.

Seelenbalsam.

Fehlgeleitet

Nachdem der Kobold ein derartiges Talent beim Fußball gezeigt hat, dass man mit Tränen in den Augen auf die Knie sinken möchte, weil es einfach so unglaublich bezaubernd ist, was er mit einem Fußball tun kann, wollte das Mottenkind nun auch mal.

Also durfte sie mit zum Probetraining.

Zuversichtlich ging ich davon aus, dass sich das Thema nach spätestens 10 Minuten von alleine erledigt hätte, weil es dort nämlich recht ruppig zugeht.

Im rosa Pullover mit wippenden Rattenschwänzen , grauer Hose, rosa Stulpen und Turnschuhen hüpfte sie ambitioniert über den Platz wie ein Känguru, das modisch in den 80ern stehengeblieben ist.

Ihre Vorgehensweise unterschied sich leider eklatant von der der anderen Spieler.

Leider auch vom Regelwerk.

Und so lag das Mottenkind im eigenen Strafraum motzig auf dem Ball wie ein kleiner Käfer, der sich auf einer Kirsche festklammert und weigerte sich, ihn wieder herzugeben.

Das führte spontan zu einem Elfmeter für die andere Mannschaft, den sie mit Enthusiasmus gerne selber schießen wollte.

Als man ihr erklärte, dass die Gegner den Elfmeter schießen dürfen, brach sie in Tränen aus und schlug vor, dass man doch noch mal darüber reden könne.

Beim Freistoß, den der Sohn (der in der selben Mannschaft spielte) ausführen durfte, stellte sie sich mit der gegnerischen Mannschaft auf und versuchte zu verhindern, dass der Kobold aufs Tor schießt. Der Kobold nahm sie zur Seite und erklärte, dass es gut sei, wenn der Ball auf der anderen Seite ins Tor ginge.

Sie zeigte sich versöhnlich, bis einer ihrer Kindergartenfreunde den Ball hatte und ihr nicht abgeben wollte.

Sie zog ihn also am Trikot, schubste ihn auf den Rasen, trat ihm wütend brüllend vors Schienbein, wie sie das Minuten vorher bei anderen Spielern beobachtet hatte, hob den Ball hoch und rannte Richtung großer Bruder.

Ich schlug nach dem Training vor, dass wir vielleicht einfach noch mal einen anderen Sport ausprobieren, woraufhin sie antwortete, dass sie jetzt Fußball spielen würde! Das wäre toll! Da ginge sie jetzt immer hin!

Himmel hilf.

Stille Post

Der Kobold ist heute aufgrund eines Zwischenfalls in der Nähe dahintergekommen, dass sein Vater in Notfällen zum Krisenstab des Katastrophenschutzes gehört.

Innerhalb von Sekunden stieg der Mann vom normalen Papa mit langweiligem Bürojob zu einer glühenden Lichtgestalt auf und ich bemühte mich um einen Dämpfer, indem ich mit kurzen Worten erklärte, was das überhaupt bedeutet.

„Also, Kobold. Da ist eine Giftwolke… blablabla … Evakuierung … blablabla… die Menschen sind in Sicherheit in einer Turnhalle und dürfen auch da schlafen, wenn sie heute Nacht noch nicht zurück dürfen…blablabla … Feuerwehrleute … blablabla … und wenn so was Schlimmes passiert, dann geht Papa dahin und muss mit anderen Männern entscheiden, wer wann wohin muss und warum.“

„WOAAAAAAAAAAHHHH, eine GIFTwolke!!!!“

-.-

Das Tochterkind kommt nach Hause.

„Stell dir vor, Papa ist in einer GIFTWOLKE gefangen und muss nun mit der FEUERWEHR alle Menschen aus ihren Häusern holen, die übernachten heute in Turnhallen!“

-.-

(erzähle meinen Spruch ein weiteres Mal dem Tochterkind, das mit blassem Gesicht in der Tür stehen geblieben ist)

Wir holen das Mottenkind ab.

„Motte, stell dir vor! Papa hat eine GIFTWOLKE gemacht und nun müssen 40Tausend Feuerwehrleute die Turnhalle löschen. BIS heute NACHT!!!!!“

-.-

(erzähle dem Mottenkind ein drittes Mal kurz die Geschichte, warum der Mann heute vielleicht nicht mit zu ihrem Fußball kann)

Wir kommen nach Hause, die Nachbarin steht vor der Tür. Ich ahne schreckliches.

„Hallo Frau Nachbarin. Stell dir vor! Papa hat eine GIFTBOMBE gezündet und nun müssen 60 Millionen  Feuerwehrleute ihn aus der Turnhalle befreien! In Spezialanzügen! Und da bleibt er bis heute Nacht!“

-.-

Ich blicke in das entgeisterte Gesicht der Nachbarin und setze zu einer Erklärung an. Da fängt sie bereits an zu sprechen:

„Ich habe das gerade in den Nachrichten gehört. Ihr Mann war das?“

o.O

[Ich sag jetzt nichts mehr]

Aufklärung

„Jeden Monat darf bei dir eine Eizelle aus dem Eierstock hüpfen und über die Eileiterrutsche rutschen, stimmts, Mami?“

Ich lächle still in mich hinein.

Wir sitzen zu fünft am Mittagstisch und es ist eine meiner Lieblingsgeschichten vom Leben. Aufklärung ist kein Sachunterricht. Es ist keine Sache.

Es ist die Geschichte vom Leben.

Von der Liebe.

Der Sohn übernimmt: „Motte, du hast vergessen, dass die Eizelle doch ein halbes Rezept in der Hand hat, bevor sie rutscht.“

Ich nicke.

Eizellen sind haploid.

Es fehlt eine Information.

Wie beim Kuchenbacken, wenn ein Rezept in der Hälfte durchgerissen wurde.

„Und die Eizelle möchte immer so gerne einen Kuchen backen! Aber ihr fehlt ja die Hälfte vom Rezept! Und dann sitzt sie da so!“

Der Kobold fuchtelt aufgeregt mit seinen Armen.

Man sieht die kuchenbackwütige Eizelle förmlich vor sich.

Die Motte nickt ernsthaft. „Ja, genau. Und sie möchte so gerne mit dem ganzen Rezept in die Gebärmutter, wo immer schon ein Nest für ein Baby gemacht wird. Da kann sie dann auch den Kuchen backen!“

Der Kobold übernimmt wieder. „Aber da ist ja niemand mit dem zweiten Teil. Denn Mama und Papa wollen ja keinen Babys mehr.“

Er blickt mich vorwurfsvoll an.  „Also ist die Eizelle ganz allein mit ihrem halben Zettel. Und wenn sie dann ein paar Tage gewartet hat und keiner kam, dann rutscht alles mit so ein bisschen Blut aus der Scheide raus.“

Er seufzt. „Das ist so traurig, Mami.“

Ich nicke ein wenig betroffen.

Die Motte trumpft auf. „Aber da wartet ja schon wieder die nächste Eizelle, Kobold! Die darf ja dann auch bald rutschen!“

„Ja aber Motte, für die Eizelle, die da ohne Kuchen rausgerutscht ist, ist das jetzt echt traurig.“

„Da hast du Recht, Kobold.“

Der Kobold ist zufrieden, dass wir ob des Schicksals der traurigen Eizelle alle ähnlich betroffen sind wie er und wendet sich mir zu: „Mami. Alle deine weiteren Eizellen werden nun so traurig sein. Willst du das wirklich?“

Er hebt kritisch eine Augenbraue.

[Ja, will ich.]

Zart

Ich könnte jetzt ausführlich viele Seiten von Katzen und Mädchen schreiben. Von Pubertät und Zärtlichkeitsbedürfnis. Von Toxoplasmose und Immunität bei Schwangerschaft. Ich kann von Tieren im Allgemeinen schreiben, von Katzenwelpen im Besonderen, von Eingewöhnung und von Kindern und Haustieren, von Verantwortung und Pflicht, von Fürsorge, aber das trifft es alles nicht.

Und so bleibt es still.

Es ist nur sehr schwer in Worte zu fassen, was hier momentan passiert.

Und wie dankbar – unendlich dankbar – ich bin, daran teilhaben zu dürfen.

Es sind zarte Bande, so dünn, so zerbrechlich…

Und ich darf zusehen.

Mitfühlen.

Anteil nehmen. Schweigen. Staunen. Weinen. Lieben. Loslassen.

Ent-binden

Wie seltsam es mir vorkommt, ihr Verhalten zu beurteilen, sie zu ermuntern, zu trösten, ihr zu helfen, sie zu motivieren, zu relativieren, zu erklären… Als hätten wir in den letzten Monaten Liebestanz eine unsichtbare Linie zwischen uns gezogen, die es unmöglich macht, die bisherige Nähe aufrecht zu erhalten.

Und während diese Linie gezogen wurde, waren wir uns so nah wie nur nach der Geburt. Körperlich, geistig, seelisch.

Mit Vollendung dieser Linie treten wir beide einen Schritt zurück und vergewissern uns, dass wir uns noch sehen können. Können wir.

Ich spüre, wie zart die Grenze ist. Habe in den letzten Tagen einmal unbewusst ihre Stabilität auf die Probe gestellt, als ich das große Kind für eine Nichtigkeit kritisiert habe.

Und habe sofort gemerkt, dass es sich falsch anfühlt. Während die Grenze einer Spinnenwebe gleich mich umfangen hielt, nachgab – meinen Worten nachgab – so kam ich doch nicht an sie heran.

Und fühlte das sehr genau.
Ich sah sie an und merkte, dass ich diese Linie leicht übertreten kann.
Nur ein Stück weiter, nur ein Wort mehr…
Ich zog mich zurück.

Ich rieche die Entfremdung, ich spüre sie, ich sehe sie.
Und staune schweigend.
Kann ihr noch Begleitung schenken, aber nicht mehr an ihr ziehen.
Nicht mehr Er-ziehen.

Sie weiß all das, was mir wichtig war, ihr mitzugeben.
Jetzt nur noch mitgehen.

Langsam. Ein Stück zurückfallen lassen. Vertrauen.

Süßigkeiten und Missbrauchsprävention

Es ist ein Thema, das immer wieder auf den Tisch [Haha.] kommt. Egal wo. Kinder und Süßigkeiten.

Und meistens ernte ich sehr ungläubige Blicke, wenn ich tatsächlich einmal ausführlicher antworte, wie es hier gehandhabt wird. Wir haben drei normalgewichtige Kinder und ein untergewichtiges Kind. Alle dürfen – wenn Süßigkeiten für sie da sind – davon essen soviel und vor allem wann sie wollen. Wenn wir Nachtisch beim Essen haben, dann kommt dieser Nachtisch mit dem normalen Essen zusammen auf den Tisch und sie dürfen diesen Nachtisch auch gerne als erstes essen.
Auch ausschließlich. Wir reglementieren das nicht und kommentieren es auch nicht.
Alle Kinder essen, wenn sie hungrig sind.
Was, dürfen sie selber entscheiden.
Wenn wir Mahlzeiten zusammen einnehmen, sitzen wir gemeinsam am Tisch.
Nicht unbedingt, um alle zu essen, sondern um zusammen zu sein.

Der Supergau vieler Eltern scheint die Vorstellung zu sein, dass Kinder sich nur noch von Süßigkeiten ernähren würden. Und genau das passiert ja dann auch, wenn man ihnen nach jahrelanger Essensdiktatur uneingeschränkten Zugriff gewährt. Sie müssen dann nämlich so viel wie möglich davon fressen, bevor man es ihnen wieder verbietet. Und dann sagen genau diese Eltern: Siehste. Funktioniert nicht. Die werden dann dick und essen nichts anderes mehr.

Was hier passiert: Die leckere Schüssel mit Schokoladenpudding wird zum Beispiel vom Sohn immer als erstes herangezogen, um genüsslich den Löffel hineinzutauchen, während wir anderen meistens zuerst nach dem warmen Essen greifen. Wenn er damit fertig ist, schiebt er die noch halbvolle Schüssel Schokopudding beiseite und greift nach Kartoffeln/Gemüse/Fleisch.
Das Mottenkind mischt meistens. Schokolade und Kartoffeln, eine Nudel, ein Gummibärchen. Erst Gemüsesuppe, dann doch einen Erdbeere, dann lieber Ketchup pur…
Das Tochterkind mag es klassisch. Warmes Essen, daneben maximal etwas Obst, Nachtisch als letztes.
Herr Honig bekommt eine etwas größere Auswahl an Nahrungsmitteln, da die Kommunikation noch fehlt. Mal fliegt der Apfel durch die Küche, mal die Banane, mal der Joghurt, mal das Brot, mal die Schokolade (nie allerdings die Kartoffeln) Er hat immer sehr klare Vorstellungen davon, was ihm nun gerade guttut.

Wir benutzen den Begriff satt nur selten. Wir sind mit einer Art von Essen „fertig“, wenn wir noch etwas anderes essen wollen. Das kann der Teller mit Gemüse sein, wenn man noch was Süßes haben will, das kann aber auch der Nachtisch sein, mit dem man erst mal „fertig“ ist, wenn man noch etwas Suppe haben will.

Ich habe mal von der Regelung gehört, dass Eltern die Menge des Nachtischs davon abhängig machen, wieviel „ordentliches“ Mittagessen gegessen wird. Heißt für das Kind: Je mehr Nudeln/Gemüse/Soße ich esse, desto mehr Pudding bekomme ich. Wie man da ein gutes Gefühl für Essen und Bedürfnisse entwickeln soll, ist mir schleierhaft. Ich habe einmal erlebt, dass ein sehr übergewichtiges Kind direkt vor dem Essen fragte, ob es einen Apfel haben dürfte. Die Mutter sah sie entsetzt an, sagte „NEIN! Du isst jetzt fünf Minuten vor dem Essen KEINEN Apfel mehr. Es gibt gleich Schweinebraten und Kartoffeln!“. Als ihre Tochter wieder außer Hörweite war, wandte sie sich mir zu und beklagte: „Die denkt NUR ans Essen. Kein Wunder, dass wir solche Probleme mit ihrem Gewicht haben.“

Wenn die Kinder mich  fragen, ob sie eine Packung Schokolade/Gummizeug/Pops/Sonstiges haben können, kaufe ich das genauso selbstverständlich wie die ständig geforderten Erdbeeren/Blaubeeren/Weintrauben. Wenn sie sich darauf einigen, dass geteilt wird, tun sie das, indem sie gleichgroße Portionen zuhause in Schüsseln verteilen. Wenn einer nicht teilen will, bekommt er eine eigene Packung, die für alle anderen tabu ist. Das ist eine Grundregel, die nicht gebrochen werden darf und gilt sowohl für Erdbeeren als auch für Gummibärchen. Wir genießen unser Essen und das geht nun einmal nicht, wenn wir es gegeneinander verteidigen müssen.

Einteilen müssen sie sich das selber. Wir kaufen nicht jeden Tag ein, wenn das Budget am Tag verbraucht ist, sage ich nein und das hat einen guten Grund, das wissen alle. Genörgelt wird nicht. Und ja, dann ist tatsächlich die Tafel Schokolade noch am selben Tag alle.

Und interessanterweise vergeht dann oft auch eine Woche oder zwei, bis das betreffende Kind das nächste Mal den Wunsch äußert, dass ich bitte vom Einkaufen etwas Süßes mitbringen soll.

Im Winter wird Reichhaltigeres gegessen, auch wenn anderes angeboten wird. Hochzeit für Kartoffeln, Eintopf, Nudeln, Käse und Schokolade. Im Sommer verschmähen sie alle diese Dinge und unser Obstverbrauch vervielfacht sich. Ich glaube, es gehört zu den destruktivsten Erziehungsansätzen, Kindern Essen zuzuteilen. Ihnen zu sagen, wann sie Hunger haben dürfen, wieviel Hunger sie haben dürfen und was sie essen dürfen.

Essen ist eins unserer Grundbedürfnisse.

Ein gesundes und intuitives Körpergefühl entwickelt man nur, wenn man sich auch tatsächlich frei von Zwang darauf konzentrieren darf, was einem guttut.

„Dein Körper gehört dir.“, predigen so viele Mütter in Bezug auf Gewaltprävention und zwingen ihre Kinder dann jeden Tag, etwas Ungewolltes in den Körper zu stecken, damit sie Nachtisch bekommen.

Missbrauchsprävention fängt bei der Selbstbestimmung beim Essen an.

Sichtweise

Das große Tochterkind hat seit einigen Jahren eine Brille. Das schlimmste, das ihr – als sie kleiner war – mal passiert ist: eine Schraube war locker. Und – uh! was war das für ein Drama. Die Brille wird täglich geputzt und wohlbehütet.
Das Mottenkind trägt seit letztem Jahr eine Brille und ich muss jeden Tag mit der Zange dran. Total windschief, Schrauben lose, Glas raus, Bügel verstellt. Ich weiß nicht genau, WAS sie mit dem Ding macht, aber wenn sie mittags aus dem Kindergarten kommt sieht die Brille aus als hätte man sie durch den Dreck gezogen, wäre drauf herumgehüpft, als hätten sich alle ihre Freunde der Reihe nach einmal erst mit dem Hintern draufsetzen dürfen und hinterher noch daraufgekniet. Erzieherinnen und Motte beteuern, dass die Brille die GANZE Zeit auf Mottenkinds Nase ist. Ich hege da Zweifel.
Beide Kinder tragen extra strapazierfähige Kinderbrillen, die sauteuer laut Hersteller unkaputtbar sind.

Am Freitag fiel dem Mottenkind beim Mittagessen im Kindergarten auf, dass ein Glas fehlt. Rausgefallen, kann ja mal passieren, erklärten mir die Erzieherinnen mit lässigem Gesichtsausdruck, als sie mir eine Art Metallskulptur überreichten. Ich starrte fassungslos auf das Metallevent mit einem Glas in meiner Hand. Das könnte mal die Brille meines Kindes gewesen sein. Meine Fassungslosigkeit wurde nicht geteilt. „Bisschen verbogen“.

Ich atmete hörbar ein und aus.
Der Mann, drei Kinder und ich suchten den Kindergarten-Garten und den gesamten Kindergarten nach dem Glas ab – nichts. Ich durchwühlte Spielzeugkisten und wandte meinen spezial-Motten-Trick an: „Motte? Nehmen wir mal an, der Brille ist aus Versehen was passiert. Das ist ja nicht schlimm, ne?“

„Hmhmm, Mami.“

„Und vielleicht kannst du mir ja erzählen, was da aus Versehen passiert ist.“

Ich lag bäuchlings quer unter einem Basteltisch, als sie anfing: „Ja. Also. Aus Versehen hab ich die Brille kurz abgesetzt. Und dann hab ich aus Versehen draufgehauen so fest ich konnte.“

Sie hält kurz inne.

„Mit einem Stein.“

Ich stöhnte verhalten und atmete ein paar Staubflusen ein und aus. Immer ruhig bleiben. Ein bisschen Lego lag unter der Heizung und ich schob es durch einen kleinen Sandhaufen.

„Und dann, Motte?“ – „Ja, also dann war sie aus Versehen ganz verbogen. Ich hab sie dann wieder aufgesetzt. Das wackelte aber nur ein bisschen! Und dann hab ich beim Mittagessen bemerkt, dass ein Glas fehlt.“ Ich schnaufte innerlich noch ein wenig empört vor mich hin bevor ich mich unter dem Tisch hervorquälte. Die Suche blieb erfolglos. Auch die Putzfrau fand nichts, wie wir gestern erfuhren und so machen wir uns heute auf den Weg zum Optiker und suchen zusätzlich zu dem neuen Glas vermutlich eine neue Brille aus.

Die Möglichkeit einer Reparatur bezweifle ich noch.

Haftung

Ich schätze, unsere gesamte Straße weiß nun, was mein Sohn getan hat.
Erst, als unsere sehr geschätzte Nachbarin hinter ihm herrannte und wütend bei uns klingelte und mir zubrüllte, er solle endlich ihr Auto in Ruhe lassen, dann, als ich nach einem „Gespräch“ mit meinem Sohn erfuhr, was er da getan hat (nicht zum ersten Mal) und ich dann wutschnaubend die Straße mit ihm im Schlepptau herunterstapfte, nicht ohne laut und wütend aufzuzählen, was er nie wieder in seinem Leben tun wird und schlussendlich durch den Streit mit einer sich einmischenden Nachbarin, die mir zurief, ich solle nicht so sauer sein (während ich stapfte und mit ihm schimpfte, ganz schlechtes Timing). Ich herrschte sie an, dass ich so sauer bin wie ich will, wenn mein Sohn an fremde Autos geht und stapfte weiter, gefolgt von einem äußerst kleinlauten Kobold. Nachdem wir mehrfach geklingelt hatten und niemand aufmachte, fing ich an zu rufen. Ich wusste ja, dass sie da war. Der Hund bellte, sie war Minuten vorher schließlich bei uns und sie hat es mit dem Herzen. Kurz befürchtete ich, dass es eskalieren würde, als sie schließlich öffnete, aber nachdem ich sagte, dass wir da wären, um uns zu entschuldigen und der Kobold ihr höchstpersönlich etwas sagen würde, der vor lauter stammeln und weinen kaum ein Wort herausbekam, sah ich die Nachsicht in ihrem Blick. Sie ist Mutter.
Ich weiß, dass wir hier in einer unmöglichen Gegend wohnen. Ich weiß, dass ihr oft das Auto zerkratzt wird, die Antenne abgebrochen… all diese Sachen. Und dann fängt mein Sohn mit diesem Mist an. Sie sagte ihm, es sei gut, dass er sich entschuldigen würde. Und dass er nichts an anderen Autos zu suchen hat. Dass sie nicht böse auf ihn ist, aber dass sein Verhalten total scheiße war. Klare Worte, die ankamen. Besser hätte es nicht laufen können. Auf meine Bitte, das nächste Mal bitte GLEICH zu uns zu kommen und uns zu informieren und nicht erst beim dritten Mal, sagte sie, sie dachte, es hätte keinen Sinn. Weil Kinder unter 8 Jahren gar nicht haftbar gemacht werden könnten und die Eltern bis zum 8 Lebensjahr eben auch nicht, wenn was passieren sollte. Ich bin da etwas vom Glauben abgefallen, denn wozu haben wir denn so hohe Haftpflichtversicherungen? Ich muss das nachlesen.
Jetzt Totenstille zuhause. Dem Kobold wurden bis auf weiteres alle Privilegien entzogen und so klein habe ich ihn glaube ich noch nie gesehen. Mein Herz tut weh.

Möchte mich dazusetzen, mich an ihn kuscheln und einfach nur heulen.

Sechs

Gestern auf dem Sportplatz das erste Mal zu sechst Fußball gespielt.
Und gedacht: Meine Güte, was sind wir viele Menschen. Bislang waren wir ein Paar mit drei Kindern und einem Baby. Ich hätte niemals gedacht, dass mit zunehmendem Alter und Größe der Kinder eine  unveränderte Anzahl plötzlich so viel größer erscheinen würde.