Zahnarzt

Mit vier Kindern beim weltbesten Zahnarzt.

Harte russische Worte, riesige Erscheinung, Pranken wie ein Bär, gewaltig. Eine Seele wie eine Blume. Nach dem Tochterkind muss der Kobold als Nr.2 auf den Stuhl (und verflucht wie immer bei solchen Sachen die Geburtenreihenfolge) und zittert so ein bisschen vor sich hin.

Entspannt sich aber sichtlich nach einigen Momenten, als der Zahnarzt so unfassbar beeindruckt von seiner Körpergröße, seinen tollen Zähnen, seinen super Schuhen, seinen selbstgebundenen Schnürsenkeln ist…

„Und? Hast du heute schon Zähne geputzt?“

Der Sohn nickt schüchtern.

„Klasse. Und putzt du auch regelmäßig Zähne?“

Der Sohn nickt wieder.

„Weißt du denn auch schon, warum man jeden Tag mindestens einmal Zähneputzen sollte?“

Der Sohn nickt und sagt mit leisem Stimmchen:

„Weil man sonst sowas von Ärger mit Mama bekommt.“

Ich täusche hinterm Behandlungsstuhl einen Hustenanfall vor und der Zahnarzt sieht mich liebevoll grinsend an.

„Das ist nicht die schlechteste Motivation.“

Diplomatie

„WARUM hast du denn jetzt geduscht, Mama? Du renovierst doch jetzt eh mein Zimmer und es ist total heiß und dann schwitzt du dabei und wirst dreckig und bekleckerst dich mit Farbe und…“

Sie wird still, als ich langsam die Augenbrauen hochziehe.

„Du …renovierst doch jetzt mein Zimmer weiter, oder? Ich mein ja nur… weil du vorhin sagtest…“

Ihre Stimme wird leiser.

„Du weißt doch, dass ich dich total liebe, oder Mami? Oder?“

Ich blinzle stoisch.

„Weißt du was? Ich geh einfach schon mal hoch in mein Zimmer während du dich jetzt in Ruhe fertig machst. Ich arbeite schon mal weiter. Ja? Ja? Ich geh jetzt einfach.“

Sie schwebt leise die Treppe hoch ich lache leise, als sie außer Sichtweite ist.

Da brüllt es von oben: „Ich weiß, dass du jetzt grinst!“

Rabenaas.

Kinder!

„Ich schlafe noch!“, brummle ich mürrisch Richtung Tür, in der ich den Umriss des großen Tochterkindes erahne.

„Mami schau mal, meine Haare!“

Ich sehe entgeistert  auf den huschenden Umriss, der vor meinem Bett anscheinend eine Drehung macht. Minus 7 Dioptrien auf beiden Augen sind schon ne Hausnummer im nicht-sehen-können und eigentlich wissen die Kinder das auch. Ich simuliere anbetende Faszination für Tochterkinds Haare und lasse mich zurück in die Kissen sinken. Das Baby neben mir schnurcht noch friedlich und ich scheuche das große Kind mit Handbewegungen aus dem Schlafzimmer.
Ich hasse Frühaufsteher.
Fünf Minuten noch, dann klingelt der Wecker wieder.
Ich bin fest entschlossen, diese Minuten auch zu nutzen.
Es sind die einzigen ruhigen Minuten des ganzen Tages, morgens um 6 Uhr, wenn der Mann aus dem Haus ist und die Kinder noch in ihren Höhlen sind.

„Mama…“, flüstert es neben meinem Ohr. Meine Nerven werden dünner. Das ist meine Zeit.

„Kind, wenn es nirgendwo brennt oder jemand stirbt oder blutet, dann RAUS!!“

Gekicher. Ich verkrieche mich unter der Decke.

„Mama… es ist so ein wunderschöner Tag! Die Sonne scheint, es ist nur noch zweimal Schu…“

„RAUS!“

„Boah, Mama, du bist so ein Morgenmuffel!“

Meine Nerven.

Verkehrte Welt

Die beiden morgens stets gut gelaunten fröhlichen Frühaufsteher-Mädchen schlafen am ersten Ferientag noch selig in ihren Zimmern während der jeden Morgen motzende laut brüllende Kobold, der Aufstehen als seine persönliche Hölle definiert hat, deutlich vor der normalen Schul-Aufstehzeit aufgestanden ist und nun lustig mit seinem kleinen Bruder neben mir sitzt und gute Laune versprüht.

Ich möchte bitte wieder ins Bett.

Zarte Bande

Wir sitzen mit heruntergelassenen Fenstern nebeneinander im Auto und beobachten, wer alles ankommt. Ich habe etwas abseits im Schatten geparkt, jeder muss an uns vorbei und wir sehen alles.

Bauernhoftag.

Weil wir viel zu früh da sind hat sich das große Kind nach vorne neben mich gesetzt und regt an, dass wir die Scheiben im Auto auch vorne dunkel tönen lassen, damit man sie nicht sehen kann. Es kann nur aussteigen, wenn L., M., C. oder G. da sind. Die anderen sind alle komisch. Ich seufze so ein bisschen. Innerlich.
Wir sitzen also da und nach und nach kommen die anderen Väter und Mütter mit ihren Kindern an.
Da sind die Knutschmütter, die, die noch an den Kindern herumzuppeln, hier noch mal den Rucksack richten und dort noch mal das Shirt gerade ziehen und zum Schluss das Kind richtig feucht knutschen. Gerne auch mit Wangenkneifen.

„Das find ich super. Körperliche Zuwendung muss sein. Das ist total wichtig in der Eltern-Kind-Beziehung.“, sage ich.

Das Kind verzieht angeekelt das Gesicht. „Wag dich!“

Kumpelväter. Gleich mehrere. Man erkennt sie daran, dass sie jovial herumhampeln und versuchen, so etwas wie ein Spiegelbild der sie fast überragenden Jugendlichen zu sein. Sie gehen beim Laufen locker in die Knie, wippen hipp hin und her und klopfen viel auf Schultern oder reißen die Jungs betont pseudo-stürmisch an sich und knuffen sie mit der Faust. High Five zum Abschied und schon sind sie wieder weg.

„Das ist auch nicht schlecht!“, murmle ich. „Das wirkt doch sehr jugendlich.“

„Mama. Du bist über 30. Und kein Mann. Echt mal.“

Ich verdrehe die Augen und die Supermutti der Schule betritt die Bühne.

„Mama!“, warnt mich das Tochterkind.

„Was denn?“, mache ich unschuldig und lehne mich zurück. Jetzt wird es richtig spannend. Eislaufmami. Als ihr Sohn vor einigen Wochen mal einen Tag krank war, kam sie persönlich in die Schule (mit seinem Schulranzen) und holte die Lehrerin aus dem laufenden Unterricht, um sich Unterrichtsstoff und Hausaufgaben mitteilen zu lassen. Ganz großes Kino. Sie steigt zackig aus ihrem Stadt-Geländewagen und begrüßt erst einmal alle Anwesenden mit Namen und Handschlag. Der Sohn schält sich langsam vom Beifahrersitz und hebt beim nächstbesten Kind das Bein die Hand. Es wird abgeklatscht.

Ich hebe interessiert die Augenbrauen. „Uh.“

Mutti hat einen Stapel Zettel in der Hand, den sie geschäftig durchblättert. Parallel dazu zückt sie ihr iPhone und fummelt hochwichtig irgendwas daran herum. Sie dreht sich zu ihrem Sohn um.

„Rucksack?“ Der Sohn nickt. (er hat ihn auf dem Rücken und man hätte sich die Frage wirklich sparen können, aber das wäre auch nur halb so effektvoll gewesen.) In Bootcampmanier mustert sie ihn.

„Wasserflasche mit mindestens einem Liter Wasser?“ Sohn nickt.
„Essen?“ Nicken.
„Fotoapparat?“ Der Ton wird strenger. Und lauter. Er nickt.
Inzwischen starrt jeder auf die bizarre Szenerie.
„Schreibutensilien?“ Er nickt. Ich frage mich, wann er salutieren muss.
„Dann stell heute gute Fragen!“

Das Tochterkind zieht scharf die Luft ein, als sie die Hand hebt und tatsächlich sagt: „Mach mich stolz, Sohnemann!“.

Er klatscht ein bisschen unmotiviert ab und verzieht sich zu den anderen Jungs. Wenn ich ihn mögen würde, hätte ich direkt ein wenig Mitleid. Mami blickt beifallheischend in die Runde, schüttelt ihr blondiertes Haar und steigt in ihr Auto, das alle anderen Autos am Wegfahren hindert.

„Also ICH fand den Auftritt jetzt nicht SO schlecht.“, lehne ich mich zum Tochterkind hinüber.

Sie grinst. „Oh.mein.Gott. Bis heute Mittag, Mama.“ Sie rafft Rucksack und Hut zusammen, küsst Herrn Honig ausgiebig, ignoriert meine Bestrebungen, auch geküsst zu werden und schickt sich an, aus dem Auto zu krabbeln.

„HEY!“, ich sehe sie böse an. „Wenigstens die Nummer mit dem Abklatschen, ja? Das haben mehrere gemacht! Das ist wirklich cool. Das könnten wir doch auch…?“

Ich tue so, als würde ich aus dem Auto aussteigen wollen.
Sie bekommt leichte Panik in den Augen. „Mama! Bleibst du wohl sitzen! Bleib bitte uncool, ja?“

Ich schmolle. „Du bist so langweilig.“

Sie grinst. „Ja. Und du bitte auch.“

Ich seh ihr noch nach, wie sie zu „ihrer“ Gruppe Mädchen stößt, wo sie umarmt und herzlich begrüßt wird. Als ich an ihr vorbeifahre, hebt sie unauffällig die Hand ein wenig und winkt kurz. Lächelnd.

Ich liebe dieses Kind so sehr.

Vor den Kopf gestoßen

Fünf Tage Klassenfahrt mit Gleichaltrigen und anscheinend völliger Narrenfreiheit haben einen Entwicklungsschub ausgelöst, der hier wohl mehrere Monate gebraucht hätte. Und so stehe ich seit drei Tagen vor diesem Wesen, das mir so vertraut scheint und so fremd ist. Mühsam nur meine eigenen Verwirrtheitsgefühle beherrschend, die mich mal 25 Jahre zurück katapultieren und mal in einer ungewissen Zukunft verharren lassen, die so … anders … zu sein schien.

Will sie nicht gängeln und doch ist die Nicht-Reaktion die Schwerste. Immer noch, immer wieder. Ich kann kaum nichts sagen, weil es mich so verrückt macht. Also beiße ich mir auf die Zunge. Immer und immer wieder, wissend, dass die Situation vorbei geht, dass Verwirrung über eine verwirrte Mutter immer noch besser ist als das Schwert, das Worte hervorholten und sie kleinhalten würde. Es fällt schwer.

Schwer, die Führung abzugeben. Ich wurde dafür nicht gemacht.
Das quietschende Stimmchen, das die Unsicherheit verrät und auch die Nähe zu den Tränen der eigenen Verwirrung hilft ein wenig. Heute zumindest. Eine normale Frage, die sofort das eben noch vor Selbst-Bewusstsein strotzende überhebliche Wesen zum Kleindkind schrumpfen lässt. Ratlosigkeit. Verwirrung. Wut.

Gratwanderungen.

Wilde Kerle

Es ist dem Kobold wirklich und wahrhaftig unangenehm, wenn die Motte jedem stolz erzählt, dass ihr großer Bruder ab dem Sommer beim Fußball endlich in der „Elfen-Jugend“ spielen würde.

Sie bekommt dann so rote Bäckchen und lächelt stolz und verliebt und verträumt vor sich hin – und man sieht richtig, wie vor ihrem inneren Auge flatternde zartgetönte ätherische Wesen in versunkenem Ballspiel über ein saftig grünes Spielfeld schweben – bis das peinlich berührte Gemotze des Kobolds sie erreicht:

„Boah! F-Jugend, Motte. Nicht Elfen-Jugend!!!“

Stille Post.

Der Sohn und sein Freund spielen StarWars. Selbstredend ohne dass einer von beiden jemals irgendetwas zum Thema gesehen oder gelesen hat. Sie spielen also auf Verdacht nach Hörensagen und werfen mit Fachbegriffen um sich, die sie nicht zuordnen können.

„Ich bin dein Jedimeister, Lukas!“, brüllt es durch den Garten.

Einer muss immer „Lukas“ sein, der andere muss „Dark Feder“ spielen.

Ich grinse stillschweigend vor mich hin und lasse sie spielen, bis ich abends am Zimmer der Motte, die mittags nicht mit den Jungs mitspielen durfte,  vorbeikomme und sie mit einem Schwert vor dem Kater stehen sehe, der sie interessiert ansieht.

Sie hebt das Schwert und keucht mit dunkler heiserer Stimme:

„Ich bin der Jägermeister, Lukas!“

Steine, die liegenbleiben

Habe heute lange mit dem Mann gesprochen, der das Herz meiner Tochter so sehr bewegt.
Er ist kein Vater.
Noch ist er nur ein junger Mann, er kann es nicht in all seiner Tragweite verstehen.
Und doch hielt er sich großartig.
Ich sah die Tränen der Rührung, die ihm in die Augen stiegen.

Sah meine wilde wunderbare kleineTochter, die hemmungslos weinend in seinen Armen lag. Schluchzend, schreiend, nicht wahrhaben wollend, dass seine Praktikantenzeit im Kindergarten zuende ist.

Ich wünschte… ich wünschte, ich könnte…
Ich kann nicht. Ich darf nicht.
Muss an ihrer Seite bleiben, während sie den Weg selber geht.
Herzschmerz.

Puzzleteil

Das große Kind fehlt.

Nur in solchen Momenten wird deutlich, wie sehr Familie als Gesamtkonstrukt funktioniert. Das Mottenkind, dem die große Schwester als Ausgleich zu ihrem Chaotencharakter fehlt. Der Kobold, der nicht mehr oben schlafen kann, weil es ohne die große Schwester im Zimmer nebenan viel dunkler und einsamer und unheimlicher im zweiten Stock ist.

Der närrische kleine Tuk, der heute Morgen ziemlich ratlos und mit einem leise gejammerten „Namau?“ die beiden Zimmer des Tochterkindes durchsuchte.

Mir fehlt das große Kind, wenn ich die drei „Kleinen“ zusammen spielen sehe und mein Muttergefühl spätestens beim Abendbrot mit freiem Stuhl mit aller Vehemenz einen Verlust meldet.