Wir sitzen mit heruntergelassenen Fenstern nebeneinander im Auto und beobachten, wer alles ankommt. Ich habe etwas abseits im Schatten geparkt, jeder muss an uns vorbei und wir sehen alles.
Bauernhoftag.
Weil wir viel zu früh da sind hat sich das große Kind nach vorne neben mich gesetzt und regt an, dass wir die Scheiben im Auto auch vorne dunkel tönen lassen, damit man sie nicht sehen kann. Es kann nur aussteigen, wenn L., M., C. oder G. da sind. Die anderen sind alle komisch. Ich seufze so ein bisschen. Innerlich.
Wir sitzen also da und nach und nach kommen die anderen Väter und Mütter mit ihren Kindern an.
Da sind die Knutschmütter, die, die noch an den Kindern herumzuppeln, hier noch mal den Rucksack richten und dort noch mal das Shirt gerade ziehen und zum Schluss das Kind richtig feucht knutschen. Gerne auch mit Wangenkneifen.
„Das find ich super. Körperliche Zuwendung muss sein. Das ist total wichtig in der Eltern-Kind-Beziehung.“, sage ich.
Das Kind verzieht angeekelt das Gesicht. „Wag dich!“
Kumpelväter. Gleich mehrere. Man erkennt sie daran, dass sie jovial herumhampeln und versuchen, so etwas wie ein Spiegelbild der sie fast überragenden Jugendlichen zu sein. Sie gehen beim Laufen locker in die Knie, wippen hipp hin und her und klopfen viel auf Schultern oder reißen die Jungs betont pseudo-stürmisch an sich und knuffen sie mit der Faust. High Five zum Abschied und schon sind sie wieder weg.
„Das ist auch nicht schlecht!“, murmle ich. „Das wirkt doch sehr jugendlich.“
„Mama. Du bist über 30. Und kein Mann. Echt mal.“
Ich verdrehe die Augen und die Supermutti der Schule betritt die Bühne.
„Mama!“, warnt mich das Tochterkind.
„Was denn?“, mache ich unschuldig und lehne mich zurück. Jetzt wird es richtig spannend. Eislaufmami. Als ihr Sohn vor einigen Wochen mal einen Tag krank war, kam sie persönlich in die Schule (mit seinem Schulranzen) und holte die Lehrerin aus dem laufenden Unterricht, um sich Unterrichtsstoff und Hausaufgaben mitteilen zu lassen. Ganz großes Kino. Sie steigt zackig aus ihrem Stadt-Geländewagen und begrüßt erst einmal alle Anwesenden mit Namen und Handschlag. Der Sohn schält sich langsam vom Beifahrersitz und hebt beim nächstbesten Kind das Bein die Hand. Es wird abgeklatscht.
Ich hebe interessiert die Augenbrauen. „Uh.“
Mutti hat einen Stapel Zettel in der Hand, den sie geschäftig durchblättert. Parallel dazu zückt sie ihr iPhone und fummelt hochwichtig irgendwas daran herum. Sie dreht sich zu ihrem Sohn um.
„Rucksack?“ Der Sohn nickt. (er hat ihn auf dem Rücken und man hätte sich die Frage wirklich sparen können, aber das wäre auch nur halb so effektvoll gewesen.) In Bootcampmanier mustert sie ihn.
„Wasserflasche mit mindestens einem Liter Wasser?“ Sohn nickt.
„Essen?“ Nicken.
„Fotoapparat?“ Der Ton wird strenger. Und lauter. Er nickt.
Inzwischen starrt jeder auf die bizarre Szenerie.
„Schreibutensilien?“ Er nickt. Ich frage mich, wann er salutieren muss.
„Dann stell heute gute Fragen!“
Das Tochterkind zieht scharf die Luft ein, als sie die Hand hebt und tatsächlich sagt: „Mach mich stolz, Sohnemann!“.
Er klatscht ein bisschen unmotiviert ab und verzieht sich zu den anderen Jungs. Wenn ich ihn mögen würde, hätte ich direkt ein wenig Mitleid. Mami blickt beifallheischend in die Runde, schüttelt ihr blondiertes Haar und steigt in ihr Auto, das alle anderen Autos am Wegfahren hindert.
„Also ICH fand den Auftritt jetzt nicht SO schlecht.“, lehne ich mich zum Tochterkind hinüber.
Sie grinst. „Oh.mein.Gott. Bis heute Mittag, Mama.“ Sie rafft Rucksack und Hut zusammen, küsst Herrn Honig ausgiebig, ignoriert meine Bestrebungen, auch geküsst zu werden und schickt sich an, aus dem Auto zu krabbeln.
„HEY!“, ich sehe sie böse an. „Wenigstens die Nummer mit dem Abklatschen, ja? Das haben mehrere gemacht! Das ist wirklich cool. Das könnten wir doch auch…?“
Ich tue so, als würde ich aus dem Auto aussteigen wollen.
Sie bekommt leichte Panik in den Augen. „Mama! Bleibst du wohl sitzen! Bleib bitte uncool, ja?“
Ich schmolle. „Du bist so langweilig.“
Sie grinst. „Ja. Und du bitte auch.“
Ich seh ihr noch nach, wie sie zu „ihrer“ Gruppe Mädchen stößt, wo sie umarmt und herzlich begrüßt wird. Als ich an ihr vorbeifahre, hebt sie unauffällig die Hand ein wenig und winkt kurz. Lächelnd.
Ich liebe dieses Kind so sehr.