Entscheidungen. Verantwortung.

Falsche Entscheidungen.
Ich habe in den letzten Stunden eine ganze Reihe davon getroffen.

Ich habe gegen eine ganze Reihe von ausgesprochenen und unausgesprochenen sozialen Regeln verstoßen, habe mich über die Entscheidung eines anderen erwachsenen mündigen Menschen hinweggesetzt und habe eigenmächtig etwas entschieden, was mir weder zusteht noch in meinen Verantwortungsbereich fällt.

Das kann man jetzt auch nicht irgendwie schönreden.

Der Zweijährige, der mit Tränen in den Augen erleichtert in meine Arme flüchtete und dort die nächsten zwanzig Minuten blieb und den Kopf an meiner Brust verbarg und vollauf mit atmen und Tränen zurückdrängen beschäftigt war, war es wert.

Falsch war es trotzdem.
Wie erreiche ich die Distanz, die notwendig ist?
Wie kann ich eine Gefühlsebene erreichen, die es mir ermöglicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen?
Wie kann ich … wie kann man sein Herz so weitreichend schützen, dass man ein Kleinkind nicht retten will, weil das der völlig falsche Weg ist um das zu erreichen, was man langfristig will?
Wie kann man zusehen… wenn man weiß, es dient vielleicht der Zukunft, dieses Unrecht mitanzusehen, damit die andere Seite später die Möglichkeit hat, sich weiterzuentwickeln?

Muss man einem anderen Menschen die freie Wahl lassen… unter allen Umständen…? Falsch handeln dürfen, auch wenn dabei ein Kind betroffen ist? Kann nicht hinsehen, es nicht handlungsunfähig ertragen. Kann nicht wegsehen.

Seelenpein.

Seelische Grausamkeiten

Ich komme ja aus der Profiecke, was seelische Grausamkeiten angeht, die Eltern ihren Kindern antun können.

Aber ich sitze doch einigermaßen fassungslos mit dem Kobold und seinem Freund am Mittagstisch und höre mir die Geschichte an, wie der Vater des Freundes die Familienkatze ins Auto packte und mit seinem Sohn zum Wald fuhr, wo er die Katze aussetzte, weil sie ihn „nervte“ und er sie nicht mehr ertragen konnte. Und ich sehe in diese großen blauen Augen, die das Erzählte nicht bewerten, die nicht einordnen können, was dieser Vater da getan hat. Die nur ein wenig traurig blicken, aber dieses Verhalten als gegeben hinnehmen.

Und ich entscheide mich, ebenfalls nicht zu bewerten.
Er wird irgendwann selber urteilen.
Nicht nur darüber.

Ich erzähle, dass es der Katze bestimmt gut geht, so im schönen Wald mit all den Mäusen, den ganzen Tag draußen und mit einem kuscheligen Plätzchen für die Nächte.

Er sieht mich treuherzig an, ein wenig wehmütig – ich weiß durch seine Erzählungen, wie sehr er sich ein Tier wünscht und wie sehr es genießt, hier den Kater der großen Tochter zu kuscheln – und er nickt.

Herzschmerz.

Nachhall

Das Ekelgefühl ist nicht gewichen.
Die Nacht war ohnehin bescheiden und in den wenigen Schlafphasen wurde ich von Flashbacks überrollt, die mir den Atem raubten.
Nein, das war nicht gut.
Das war überhaupt nicht gut.

Ich habe beim Helfenwollen die wichtigste Grenze überschritten.
Meine.

Ich hätte ihn dort sitzen lassen sollen und ich hätte Vertrauen haben sollen, dass ich vielleicht nicht nötig bin in dieser Situation, zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht war das die Lektion.

Der Alkoholgeruch, die geweiteten Pupillen, das Testosteron, der Geruch nach Brutalität und Sadismus gekoppelt an ein absolutes Opferverhalten… ich dachte, ich könnte damit umgehen, weil er mir körperlich so weit unterlegen war. Mein Mann in Rufweite, Tageslicht.

Ich konnte nicht. Und ich bezahle seit gestern teuer dafür.

Die verbalen Grenzüberschreitungen in Form von sexuellen Anzüglichkeiten, vermeintlichen Komplimenten und die mir mitgeteilten Gewaltphantasien waren nicht weniger schlimm als der Kuss, aber geistig war ich gut geschildet, körperlich habe ich einfach nicht mit einer Grenzverletzung gerechnet. Nicht mit so einer.

Ich hatte eher vermutet, dass er versuchen würde, mich zu beklauen, aber nicht, mich zu küssen.

Der Ekel bleibt und so werde ich heute versuchen, doppelt achtsam mit mir zu sein.

Absurdistan

Ich wurde heute von einem betrunkenen und unter starken Drogen stehenden Mann ohne Konsens auf die Wange geküsst, weil ich ihm eine halbe Stunde lang zuhörte, nachdem ich ihn weinend am Straßenrand fand, weil er direkt vorher zusammengeschlagen wurde, weil er mit einer Dreizehnjährigen schlafen wollte.

Lebensgeschichten aus der Hölle.

Begegnungen

Süß ist es, wenn ich nur mit dem kleinsten Kind unterwegs bin, dieses einen ausgewachsenen Trotzanfall mitten im Geschäft hinlegt und dann eine Frau mitleidig lächelnd zu mir kommt und mir folgendes sagt: „Lassen Sie sich von einer erfahrenen Zweikindmutter sagen, die versuchen es immer gerne, aber da muss man eben hart bleiben.“

Ich mache ein wenig hmhmhmmm, frage, wie alt ihre Kinder sind und sie antwortet mit: „Fünf und drei Jahre.Ich hab das also schon durch.“ Sie hebt ein wenig hochnäsig das Kinn. „Sie sollten vielleicht auch über ein Geschwisterchen für das Kleine nachdenken. Das übt unheimlich soziales Verhalten und so.“

Unbedarftheit finde ich mitunter niedlich, Dreistigkeit dann nicht mehr und so lächle ich unverbindlich, während ich mich umdrehe und wieder meinem Kind zuwende. Das liegt inzwischen auf dem Fußboden, hat die Hände vors Gesicht geschlagen und jault immer noch ein wenig leise vor sich hin, weil es keine Ski-Socken in Größe 45 anbeißen durfte.

„Sie müssen da wirklich konsequent sein!!“, tönt es von hinter mir.
Ich ziehe die Augenbraue hoch.
„Da müssen Sie auch mal sagen: NEIN, du stehst jetzt auf.“
Die Situation gewinnt zugegebenermaßen wieder an Komik.

„Versuchen Sie es doch gleich mal.“

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Nein. Er ist jetzt wütend und das ist okay.“

„Aus solchen Kindern werden irgendwann kleine Terroristen!“, fährt sie mich mürrisch an. „Glauben Sie mir! Meine beiden Kinder würden so etwas nicht tun! Es geht um Konsequenz!“ Sie wendet sich meinem Kind zu und ich bin sehr gespannt, was nun passiert.

„Hör mal! Du kannst hier nicht einfach so liegen! Steh mal wieder auf! Das macht man nicht!“

Herr Honig unterbricht kurz seinen Trotzanfall und sieht auf.
„Sei mal ein braves Kind!!“
Er sieht mich an. Ich grinse ihn an.

Er macht laut und deutlich in einem äußerst genervten Tonfall: „Orrrch!“, wedelt Richtung Frau mit der Hand, als würde er eine Fliege verscheuchen wollen, steht auf, kommt zu mir und zeigt mit dem Finger auf die Frau.

Er wiederholt: „Orrrch!“ und verdreht ein wenig die Augen.
Anklagend sieht er mich an. „Ja, ich weiß.“, sage ich und lächle.
Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.

Er nimmt mich bei der Hand und wir setzen unseren Einkauf fort.

Betrachtungsweisen

Es war einmal ein Mann, der mir immer sagte, ich sei zu schwer, um hochgehoben zu werden. Bis ein Mann kam, der mich einfach hochhob, spöttisch auf meinen Exmann sah und ihm mitteilte, dass es weniger um Gewicht als vielmehr um Kraft ginge.

Das saß und ich habe die Lektion nie vergessen.
Vieles heilte an diesem einen Tag, an dem mich einfach ein Mann hochhob. Viele Jahre Demütigungen durch Eltern und Exmann.

Ich musste an diesen Tag denken, als am Montag der beste Freund des Kobolds zu Besuch war. Er ist etwas kleiner als der Kobold und wiegt mehr als doppelt so viel. Der Kobold ist deutlich untergewichtig, der Freund deutlich übergewichtig.
Die beiden thematisieren das durchaus, allerdings positiv.
Der Kobold bewundert die Masse des Freundes, mit der so viel so schnell bewegt (und zerstört) werden kann und sein Freund die Wendigkeit und Flinkheit des Kobolds.

Am Montag schnappte ich mir beim Spiel draußen mit den Jungs den Kobold und warf ihn in die Luft, wir lachten und kasperten herum und plötzlich wurde der Freund ernst.

„Schade, dass ich zu dick dafür bin.“

Ich erstarrte innerlich.

Ich lächelte ihn aufmunternd an. „Wer sagt denn so etwas?“

„Meine Mama. Und mein Papa. Und die anderen halt. Ich bin einfach viel zu dick und schwer, um hochgehoben zu werden.“

Ich ließ den Kobold langsam sinken, grinste breit und ging auf ihn zu. Er sah mich ein wenig ängstlich an, zog die Augenbrauen hoch und nestelte nervös an seiner Brille. Ich sammelte all meine Kraft und fokussierte mich darauf, dass ich früher auch die Zentner-Säcke Zement ohne Probleme meinem Opa zugeworfen habe.

Es kam drauf an und es war wichtig. Schmerz in den Armen hin oder her. Ich schnappte ihn und hob ihn hoch in die Luft. Ich hörte seine Stimme von damals, die liebevoll in mein Ohr flüsterte: Es geht nicht um dein Gewicht. Für mich bist du nicht zu schwer. Siehst du?

Ich knickte die Arme ein, warf ihn hoch und wurde mit dem schönsten Geräusch belohnt, das ein Siebenjähriger lachen kann. „Wer ist hier zu schwer, hm?“, lachte ich aus vollem Herzen und fing an, mich mit ihm zu drehen. Er schmiegte sich einen Moment an mich und fragte zaghaft: „Kannst du das vielleicht noch ein einziges Mal machen?“

Ich warf ihn noch dreimal hoch und setzte ihn dann wieder neben dem Kobold ab. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.

Der Kobold sah ihn nachdenklich an. „Vielleicht sind deine Mama und dein Papa einfach nicht stark genug. Das ist doch okay. Nur sie DENKEN dann, du bist zu schwer, weißt du?“

Er nickte ernst.

„Ja. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Da hast du Recht.“

Ich ließ die beiden draußen alleine und ging wieder ins Haus.

Nicht, ohne ein sehr demütiges „Danke.“ für diese Gelegenheit gen Himmel zu schicken.

Agonie

Ich merke immer mehr und immer deutlicher, dass dieses Vertrauensding nichts für mich ist. War es nie und ist es immer noch nicht. Ich bin oft und gründlich auf die Nase gefallen und im Moment ist meine Vorstellung von einer wie auch immer definierten Beziehung im Wandel. Vielleicht benötigt es gar nicht absolutes Vertrauen? Vielleicht benötigt es keine ultimative Nähe? Keine absolute Wahrheit? Keinen Anspruch? Vielleicht.

Es fällt mir so unendlich schwer, Lüge auszuhalten. Dem anderen zuzugestehen, dass meine moralischen Werte nicht die seinen sind. Nicht so sehr bei lockeren Bekanntschaften, aber sehr wohl bei engeren Beziehungen. Ich verlange von mir, den anderen so sein zu lassen, wie er nun mal ist. Mit Lüge oder ohne. Aber ohne, dass ich einen Anspruch auf Wahrheit hätte. Das wiederum macht mir echte Nähe unmöglich. Ich lasse mich nicht fallen bei jemandem, der mir ins Gesicht lügen kann.

Aber letzten Endes… ist nicht auch das nur Augenwischerei?

Gibt es Wahrheit denn überhaupt? Gibt es eine Beziehungsform, in der zwei gleichstarke und gleichwürdige Partner das Rückgrat haben, immer und in jeder Situation dem anderen die Wahrheit zuzumuten?

Ich kenne keine.

Vielleicht bin ich all die Jahre nur einer Illusion hinterhergejagt, die mich nun, da ich sie endlich erreicht und demaskiert habe, auslacht. Zu Recht. Ich lerne gerade sehr viel über Eltern-Kind-Beziehungen und Partner-Beziehungen und nichts von dem, was ich sehe, gefällt mir. Vielleicht war ich einfach immer nur der Idiot. Keine schöne Erkenntnis, aber das war und ist wohl alles, was ich bekommen kann. Verzeihen… Der Verzicht darauf, dass der andere sich so verhält, wie ich es gerne möchte.

Freigeben… Der Verzicht auf Besitz, auf Inbesitznahme, auf Druck, auf Eindringen in die Privatssphäre des anderen. Mit seinen Entscheidungen leben müssen oder gehen. Aushalten… Mittragen, mitgehen, auch wenn es mir nicht passt. Einfach ausharren und auf bessere Zeiten warten. Nicht aufgeben. Aus all dem soll etwas Positives entstehen?

Die Tage ermüden mich und die Nacht lockt so verheißungsvoll. Einmal alle Verantwortung abgeben, alle Verpflichtungen verleugnen und alle Versprechen vergessen. Einmal nur…

Hunger nach mehr.

Ich bin müde, mir ist kalt, ich habe Schmerzen. Ich möchte schlafen, einfach nur die Augen schließen und in einer besseren Situation aufwachen als in der, die ich verlassen habe.

Ich kann noch.
Aber ich will nicht mehr.
Stückweise Kapitulation vor der Wirklichkeit.
Sterben auf Raten.

Langsam

Vielleicht haben wir gar kein Anrecht auf die Wahrheit?

Und wie befreiend muss es sein, diese Erkenntnis auch zu leben?

Wenn ich doch keinerlei Ansprüche an einen anderen Menschen stellen muss, kann, darf… wie wunderbar frei und voller Liebe muss dann das Miteinander sein?