Friedhofsgeschichten

„Tochter, Kobold, Motte? Wir besuchen jetzt Uropa.“

K: „Abba Opa is doch bei den Steaanen!“

„Na, wir besuchen seine Urne.“

K: „Seine Uane?“

M: „Gah?“

„Ja, die ist doch hier begraben!“

K: „Begaaaben?“

„Begraben. In der Erde.“

M: „Gah?“

K: „In der Eade? Abba Opa is doch bei den Steaanen!!“

„Jetzt kaufen wir hier erst mal Blumen. Ich nehm eine Nelke!“

K: „Oh, ich will abba auch eine Welke!“

M: „Gah!“

Während wir den Weg über den Friedhof gingen, wurde mein Herz so schwer. Die Kinder führten mich mit ihrer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die kein Weglaufen möglich machten.

Meine Tochter trug das Rosengesteck und ihre eigene Blume, der Kobold hüpfte herum und fuchtelte dermaßen oft mit seiner rosa Nelke herum, dass zum Schluss nur noch der Stengel blieb und die Erdbeermotte biss in unregelmäßigen Abständen herzhaft ein Stück aus ihrer Blume heraus.

Ich dachte, der Weg wäre wichtig. Noch einmal zurückkommen, mit Abstand. Sich trauen. Was ich fand, war das Nichts. Es hätte dort leerer nicht sein können. Kein Opa, keine großartige Erkenntnis, kein Gefühlskino.

Nichts.

Er liegt dort nicht.

Er ist nicht da unten, er ist nicht tot.

Abschied

Gestern Abend habe ich das erste Mal nach seinem Tod Bilder der letzen Jahre von meinem Opa angesehen. Hier im Wohnzimmer an der Bilderwand hängen zwar auch einige, aber da es sich um mehrere hundert Bilder handelt, kann man die mit Opa auch ganz gut übersehen.

Gestern habe ich mich bewusst gestellt.

Vor 7 Jahren, wie er meine erstgeborene Tochter vorsichtig in seinen riesigen Pranken hielt, immer Angst hatte, ihr weh zu tun. Er hielt die Hände wie eine Schale, das Neugeborene darin gut behütet, das kleine Köpfchen lugte noch hervor, der Rest lag in seinen Händen. Meine Tochter war da erst wenige Tage alt.

Verunsichert sah er mich immer wieder an, dieser große starke Fels, der durch ein flaumweiches neues Menschlein ganz schön ins Schlingern geriet. Mir wurde erst Jahre später bewusst, dass er meinen Vater in diesem Alter nie auf dem Arm hatte. In den Nachwehen des Krieges gab es andere Dinge zu tun. Auch mich hatte er als Neugeborenes nicht auf dem Arm. Erst bei meiner Tochter schloss sich etwas.

Vor 6 Jahren war er zu Besuch und meine gerade einjährige Tochter wurde von ihm heimlich mit Vanillepudding gefüttert, weil diese Pampe, die sie sonst bekam, ja nichts wäre, wovon so ein Kind satt werden könnte. Wir haben uns damals ziemlich in die Haare bekommen, weil ich sehr strikt meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Er warf mir an den Kopf, dass sein Sohn im Alter von zwei Wochen bereits Bratkartoffeln gegessen und das auch prima überlebt hätte. Ich fuhr ihn an, dass das aber nicht das Maß aller Dinge sei und es nun immerhin über 50 Jahre später wäre. Er hatte das nicht verstanden und lenkte trotzdem ein.

Vor 5 Jahren bei seinem Besuch hatte meine Tochter erste Worte und ihren eigenen Kopf entdeckt und nuschelte ganz herzallerliebst ein zartes „Uaopapa?“ mit einem Augenaufschlag, wenn sie etwas von ihm wollte. Auf den Bildern ist er sehr kräftig, gut gelaunt. Ich sehe meine schwache Oma dagegen, der es gerade zu dieser Zeit überhaupt nicht gut ging und ich erinnere mich, dass mir das Sorgen machte.
Er mir überhaupt nicht.

Die darauffolgenden zwei Jahre habe ich ihn überhaupt nicht gesehen. So viel ist passiert in diesen Jahren, wir bewegten und alle sehr voneinander weg.
Vor zwei Jahren hat er schließlich den Kobold das erste Mal gesehen. Dieses ständig schreiende und brüllende Kind, das keine fremden Menschen mag, kletterte aufs Sofa und hoppste meinem Opa in die Arme, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen.

Bilder von Oma und Opa, wie sie einträchtig nebeneinander auf dem Spielplatz mit uns sitzen, kräftig, gesund, gut gelaunt. Niemand dachte an den Tod. Da war viel zu viel Leben. Mein Opa plante weiter Operationen zur Verbesserung seines Allgemeinzustandes. Hier noch ein neues Knie, da noch eine kleine Erneuerung, er hatte schließlich noch viel vor.

Letztes Jahr fing es mit den kleinen Wehwehchen an. Die Motte wurde geboren und wir waren alle sehr beschäftigt.
Dieses Jahr dann dieses Gefühl.

Der völlig überstürzte Aufbruch von uns in das Heim, in das er aus dem Krankenhaus gekommen ist, weil er sich plötzlich überhaupt nicht mehr selbst versorgen konnte. Dieses Gefühl.

Die Aussage von Ärzten und Pflegern, es sei alles in Ordnung. Alles im Rahmen, alles prima. So schnell stirbt es sich nicht. Aber dieses Gefühl.

Die Erleichterung bei der Ankunft, ihn zu sehen. Diese hellen Augen, die mal so blau waren und mich sanft ansahen, ohne dass ich verstand. Die großen Hände, die die kleinen Füße der Erdbeermotte zart berührten. Die Finger, so beweglich einst, die steif und voller Schmerzen waren. Mein Opa. Mein Mut, ihn nach 10 Jahren das erste Mal wieder zu umarmen und das Gefühl, dieses warme, helle, leuchtende Gefühl, dass sich ein Kreis schließt.

Dass es gut ist.

Es gibt ein Foto, das ich gar nicht bewusst nur von ihm gemacht habe. Wir saßen im Heim alle vor dem Fernseher, den mein Mann für ihn eingestellt hat. Er wollte so gerne fernsehen, hatte aber keine Ahnung, wie man das Gerät richtig einstellt. Also hat der große Mann das gemacht. Opa saß in seinem Sessel, mein Mann mit der Motte auf dem Schoß daneben, die mit ihrem Fuß immer gegen die kitzelnde Hand meines Opas stupste. Daneben auf einem Stuhl der gespannte Kobold und das Tochterkind, die dachten, sie würden durch göttliche Fügung gleich in den Genuss von SpongeBob kommen und fasziniert auf das grauwuselnde Bild blickten.

Ich wollte nur diese Situation mit der Kamera festhalten, keiner sah in meine Richtung und ich drückte auf den Auslöser. Später, viel später sah ich mir dieses Bild wieder an und mir schoss das Adrenalin in die Adern.

Mein Opa sieht mich auf diesem Bild mit seinen fast weißen Augen direkt an. Nicht zufällig.

Wissend.
Ein wenig müde, aber sehr liebevoll lächelnd.
Dankbar.

Zum Abschied.

Es ist das letzte Foto von ihm.

Erdbeermotte

Das Mottenkind läuft seit eineinhalb Monaten. Bei uns gilt die Regel: wer laufen kann, wird weder geschoben noch getragen.

Als wir gestern Richtung Wald liefen, ist mir erstaunt klar geworden, wie unterschiedlich die Kinder diese Anfangslaufzeit bewältigen.

In diesem Laufstadium war es beim großen Tochterkind so, dass sie stramm marschiert ist. Am liebsten an der Hand, immer geradeaus. Die freie Hand zeigte begeistert auf die Umgebung mit einem begeisterten „da!“. Ab und an sind wir stehen geblieben und haben etwas bestaunt und sind dann weitergegangen.

Wir sind gewandert, haben Spaziergänge gemacht, ach, was war das wundervoll.

Ich war fasziniert, wie toll das ist, mit Kind durch die Gegend zu laufen.

Der Kobold war anders. Wie ein Brummkreisel auf Speed rotierte er um mich herum. Hier eine Pfütze, dort ein Grashalm, da hinten ein Stein. Ich lief einen Meter, er lief zehn Meter. Hin, zurück, um mich herum, von mir weg.

Alles mit wehendem roten Haar und lautem Gekreische.

Ich war fasziniert, wie anstrengend es sein kann, einfach nur ein wenig zu laufen. Womöglich noch geradeaus.

Und die Motte? Wir laufen zehn Meter, sie bummelt einen.

Sie läuft mit einer Gemütsruhe, die mich vermuten lässt, dass sie auch ohne weiteres dabei einschlafen könnte.

Jede Ameise wird mit einem begeisterten „Gah!“ begrüßt und die Motte lässt sich auf den dicken Hintern plumpsen, um ebendieser Ameise erst einmal einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen.

Gestern war bemerkenswert, weil wir sie überhaupt nicht animieren konnten, mit uns mitzugehen. Einen halben Meter ist sie weitergelaufen, hat eine Pfütze entdeckt und sich mitten in ihr niedergelassen.

Sich glücklich seufzend direkt hineingelegt und in den Himmel gesehen. Die Nase in den Regen gestreckt, die Augen zusammengekniffen und laut losgelacht.

Und ich bin fasziniert, wie sehr mich dieses Kind das Leben genießen lehrt.

Emi

Heute ist so ein Tag.

Vor vier Jahren starb der Zwilling des Kobolds in meinem Bauch.
Noch einige Stunden und es ist genau drei Jahre her, dass wir mit zwei Kindern und Blutspur und totem Baby in der Tasche umherirrten.

Vor zwei Jahren sagte ich dem Mann, dass ich wieder schwanger bin.
Letztes Jahr passierte überhaupt gar nichts.

Heute Morgen habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht und heute Mittag lese ich das siebenjährige Tochterkind von der Straße auf und erfahre, dass es in seine erste Prügelei verwickelt war.

„Mama, ich hab nur zurückgeschlagen.“, sah es mich verunsichert an.

Und fügte Sekunden später kleinlaut hinzu: „Aber ziemlich feste.“

Gutes Kind.
Ich will Kämpfer, keine Opfer.

Von Halbtoten

Drei Kinder, ein großer hübscher Mann und ich fahren in den siebten Stock des Krankenhauses, in dem sich meine Großmutter gerade befindet.

Wir steuern zielstrebig den richtigen Flur an und gehen den Gang entlang. Zimmer 112, 113, 114, 115 – bis Zimmer 125 müssen wir kommen.
Zimmer 116, Zimmer 117 und ich höre hinter mir den Kobold laut krähen und mit seiner Blume herumfuchteln, die inzwischen schon zur Hälfte abgeknickt ist. Ich seufze. Innerlich. Das Tochterkind und die Erdbeermotte laufen mit ihren Blumen neben dem hübschen Mann her.

Zimmer 118.

Beim nächsten Zimmer ist die Tür halboffen.

Ich sehe Hausschuhe.

Alte Beine, auf dem Boden ausgestreckt.

Ich gehe einen Schritt weiter, das Blut gefriert in meinen Adern.

Eine halb runtergezogene Windel, starre Handgelenke, ein nackter Bauch und ich gehe noch einen Schritt weiter, trete ein und sehe hinter die Tür, die der Körper auf dem Boden halb geschlossen hält.

Ich sehe einen alten Mann. Das Genick seltsam verdreht, die Gliedmaßen steif, die Haut gelb glänzend.

Ich sehe das Bild meines Großvaters bei seiner Aufbahrung, das sich vor meine Augen schiebt und ich denke nur oh Gott, wie tot kann man sein.

Ich trete einen Schritt zurück und sehe eine Frau vorbeikommen. Ich fahre sie an: „Los, holen sie Hilfe!“

Sie wirft nur einen Blick hinter mich, wird bleich, murmelt ein OhGott und rennt los. Der Mann versucht in der Zwischenzeit, unsere Kinder weiterzuschieben, aber der Kobold hat schon gesehen.

„Mann hinnefalln?“

Ich stehe dort und fühle mich betäubt. Hilflos. Ich sage „Hallo!“ und denke gleichzeitig „tot“. Ich bin völlig neben der Spur und denke nicht einmal daran, seinen Puls zu fühlen, weil ich denke, dass dieser Mann sowieso tot ist. Er sieht einfach zu sehr wie mein Großvater aus.

Ich habe da keine Glanzleistung vollbracht. Im Gegenteil.
Ich habe nichts getan um zu helfen und das nagt sehr an mir.
Ich stand da nur wie gelähmt und habe den Mann nicht mal berührt.
Nicht mal versucht, etwas zu tun.

Nur mit ihm gesprochen und versucht, den wattigen Nebel zu durchdringen, der mein Gehirn umgab.
Ich habe mir angemaßt, etwas zu wissen, das ich nicht wissen konnte.

Als die Pfleger kamen, trat ich zurück und hörte von einem Pfleger: „nicht schon wieder“ und dachte nur: „wie oft ist der Mann denn wohl schon gestorben?“.

Alle behielten die Ruhe und ich, die immer so stolz war, in Krisensituationen ruhig zu bleiben,  habe es nicht geschafft, zu mir zu kommen. Ich stand neben mir. Das tote Gesicht meines Großvaters immer vor mir. Der alte Mann auf dem Fußboden, völlig verdreht, so tot.

Er ist nicht tot.

Sagen die Pfleger.

Er hätte wohl schon öfter diese Bewusstlosigkeitsanfälle gehabt.

Ich starre vor mich hin und frage fast völlig geistesgestört: „aber er war doch tot“ und die Stationsschwester lächelt ein wenig verunsichert und bestätigt erneut, dass er lebt.

Ich fange von meinem Großvater an, völlig untypisch für mich.
Ja, lächelt die Frau jetzt verständnisvoll, so eine Bewusstlosigkeit wirkt manchmal sehr erschreckend.

Ich weiß nicht, ob es mich lähmte, dass ich in einem Krankenhaus war und der Meinung war, es müsste doch eigentlich jemand da sein, der sich kümmern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich anders hätte verhalten können, wenn ich allein gewesen wäre. Wenn ich in dem Wissen, keine Hilfe holen zu können, gezwungen gewesen wäre, mich richtig zu kümmern.

Ich weiß es einfach nicht.

Ich hoffe, daraus zu lernen und gleichzeitig, dass ich so bald keine Gelegenheit dazu bekomme, den nächsten Halbtoten betreuen zu müssen, über den ich stolpere.

Liebes Leben, lieber Gott. Das war nicht komisch.
Ich kann auf diese Dinge gut verzichten.

Uroma

War das jetzt nur die Vorbereitung?

Ganz ehrlich, hast du mich durch dieses beschissene Jahr geschickt, damit ich dann JETZT auf das Finale vorbereitet bin? Ich dachte, das wäre es jetzt endlich??? Manchmal mag ich dich nicht. Überhaupt nicht.

Den Ärzten bleibt nichts anderes übrig, als sie ins Krankenhaus zu schicken. Sie ist 82, sie hat ihren Mann vor wenigen Monaten verloren, ihr Sohn hat sie abgewiesen. Sie altert doch nur.

Warum nun schon wieder das Krankenhaus?
Ja, sie isst nicht mehr, ja, sie trinkt zu wenig.
Ja, die Blutwerte werden schlechter.
Meine Güte,sie nimmt seit Jahrzehnten Medikamente und ist 82.
Und dann dieses Jahr.
Was erwarten die Ärzte denn?
Was soll den jetzt noch therapiert werden?
Nach dem letzten Krankenhausaufenthalt vor einigen Wochen ging es ihr schlechter als vorher. Das Krankenhaus ist der denkbar schlechteste Ort für jeden Menschen, dem es eigentlich nur an Fürsorge und Gesellschaft fehlt.

Was soll das?? Sie sitzt dort und wird gleich abgeholt und muss noch packen. Und wir kommen erst in drei Tagen hin. Meine Gedanken kreisen. Ich bin nicht vorbereitet. Und doch mussten der Mann und ich gestern nicht diskutieren. Wir haben uns  nur angesehen und genickt.

Was bleibt?

Ich habe diese Frau doch erst wiederbekommen, nach so vielen Jahren. Und jetzt? Jetzt im Zeitraffer? Die Kinder sind begeistert, auch wenn sie natürlich nicht abschätzen können, was es bedeutet. Das große Tochterkind plant schon, wie ihr Zimmer umgestellt wird, wenn die beiden Kleinen zu ihr kommen, weil Oma das andere Kinderzimmer bekommt.

Bleiben wir. Ich. Bin ich bereit?
Muss ich das überhaupt sein?

„Ich hab da was für euch rausgesucht, damit ihr das auch wirklich bekommt.“, sagte sie und ich merke, spüre, wie sie sich und ihre Dinge ordnet.

Ich möchte schreien, weinen, sie schütteln.
Nein, ich bin nicht bereit.

Überhaupt nicht.
Aber wir werden diesen Weg mit ihr gemeinsam gehen.

Es ist wie es ist.

Liebe.

vertraut

Seit gestern Abend grüble ich, warum mir der Name des Krankenhauses, in das meine Oma heute kommt, nur so seltsam vertraut ist.

Die Großstadt, in der sie lebt, hat viele Krankenhäuser und diesmal ist es eben jenes. Und ich denke auf dem Namen herum und mein Gehirn knotet sich noch ein wenig fester zusammen.

Eben lese ich die Adresse und es blinkt plötzlich vor meinen Augen.

Der Knoten hat sich gelöst.

Es ist das Krankenhaus, in dem mein Großvater starb.

Der Peter

Es ist 1998.

„Fickenblasenanalundwaskannichfürdichtun?“
Ich blinzelte. Starrte das Telefon an und legte vor lauter Schreck gleich wieder auf. Sah nochmal in die Zeitungsanzeige und tippte die dort stehende Nummer erneut.

„IchbinJasminundwillvondirgeficktwerdenundwerbistdu?“
Ich schüttelte den Kopf und ließ wieder fast den Hörer fallen. Zum dritten Mal las ich die Telefonnummer in der Anzeige, sprach die einzelnen Zahlen laut vor mich hin und tippte.

„AlleswasduwillstichbinJasminundwaskannichfürdichtun?“
Mein Gehirn verknotete sich so ein bisschen und ich vergaß, aufzulegen.
„Hallo???“

„Oh, äh, Entschuldigung, ich hab mich wohl verwählt.“

„Rufste auf die Anzeige an??“
*umpf*
„Äh. Ja. Aber dort steht, Sie suchen eine Sekretärin.“
„Ah, der Peter ist schon ein Lustiger. Wart, ich reich dich weiter!“
Bevor ich anmerken konnte, dass ich eigentlich gar nicht weitergereicht werden wollte, meldete sich schon eine tiefe Männerstimme.
„Oh?“
„Oh“ ist nun nicht gerade die Art, von der ich erwarte, dass ein potentieller Arbeitgeber sich am Telefon meldet, aber irgendwie kam ich aus der Sache nicht richtig raus.
Ich sagte mein Verslein auf, wie ich heiße, dass ich die Anzeige gelesen hätte und Berufserfahrung als Sekretärin vorweisen könne und mich nun vorstellen wollte.
„Japp.“
„Äh… Japp im Sinne von?“
„Ja, kommste her!“
Ich atmete und sammelte mich. Die letzten beiden Stellen, die ich hatte, waren eine Stelle als Sekretärin, bei der ich im Kostüm und mit Dutt schon fast aufreizend gekleidet war und bei der der Tonfall ein sehr steifer war und eine Stelle als persönlicher Chauffeur eines Geschäftsmannes und gleichzeitig dekorative Begleitung auf geschäftlichen Anlässen. Auch hier ein sehr formeller Umgangston.

Und nun konnte ich mit „Japp, kommste her“ nur schlecht umgehen.
Um welche Arbeit es sich denn genau handeln würde, fragte ich also und bekam die erfrischend ehrliche Antwort: „Ich hab nen Puff und hier ist Chaos. Ich brauch Hilfe.“
Ich war jung und wollte ja unbedingt die Welt kennenlernen…

Und so verabredete ich mich für den Abend mit „dem Peter“ im September in Bremen. Meine Lieblingskneipe.

„Der Peter“ war so sehr Klischee, dass ich ihn erst einmal konsequent ignoriert habe, weil ich dachte, das kann es nicht sein.
Tarnhose, enganliegendes Muskelshirt, Goldketten, dicke Uhr und gegelte Haare. Muskelberge, die darauf schließen ließen, dass auch viel Gehirn mit wegtrainiert wurde.

Atmen schien mit den vielen Muskeln ein echtes Problem zu sein.
Solariumhaut und blitzeweiße Zähne. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Der Peter war es dann aber wohl doch und so ging ich hin und stellte mich vor.
Mit Vor- und Nachnamen und nettem Sprüchlein.
„Ich bin der Peter.“
Äh. Ja.
„Peter…?“

„Genau. Der Peter. Einfach nur der Peter.“

Ich setzte mich und legte meine Unterlagen auf den Tisch an die Seite. Der Peter blitzte mich mit seinen weißen Beißerchen an und strahlte.
„Was hastn da mitgebracht?“
„Bewerbungsunterlagen. Lebenslauf, Referenzen.“
„Achduscheiße.“
Oh. Die Reaktion war neu.
„Den Scheiß lassen wir weg. Ich muss dich mögen und dann kannste deine Bewerbungsscheiße dem nächsten Sesselpupser in den Arsch schieben. Und wenn ich dich nicht mag, dann mag ich dich nicht. Dann wird das auch mit der Unterlagenscheiße nix. Sach ich mal so.“

OhGott.

Ich blickte ein wenig fassungslos vor mich hin und fragte mich, wie ich aus der Situation wieder rauskam.

„Ey, Schnecke! Kaffee, aber Hopphopp!“

Ich zuckte zusammen und machte ungefähr so große Augen wie die Kellnerin, die angesprochen war. Das nächste, das ich bemerkte, war, dass ich mit Alkohol gerechnet hatte. Er bestellte aber Kaffee.

Der Peter grinste mich strahlendweiß an und fing an zu erzählen.
Ja, er hätte da so eine Idee gehabt und mit Nutten kann man nun mal viel Geld machen und das wär auch total toll und so und die Mädels sind total lieb und wenn man mal über eine drübersteigen wollte, wär das auch kein Problem, die „sind da nicht so“.
Ich überlegte derweil, wie ich am schnellsten nach Hause käme.
Ich lächelte unverbindlich und sagte, das wäre nicht so ganz das, was ich mir vorgestellt hätte und just in dem Moment klingelte dem Peter sein Handy.

„Jetzt heul doch nicht! Wenn er zu groß ist, ist er zu groß! Haste Gleitgel probiert? Was? Ja. Ja, nee, wenns nicht passt, passt es nicht. Hat er schon bezahlt? Will er nun alles zurück? War er denn schon so ein bisschen drin in der Muschi??“

Ich schloss die Augen und mir war sehr deutlich bewusst, dass die gesamte Kneipe sehr ruhig geworden war. Ich versuchte zu atmen und mich zu beruhigen und gleichzeitig nicht laut loszulachen. Ich wollte ja unbedingt mehr Abenteuer vom Leben. Hatte ich nicht erst vor einigen Wochen, als das Geld vom letzten Job alle war, darum gebeten, mal was Verrücktes machen zu können?

Der Peter war inzwischen sehr rot angelaufen und fuchtelte noch so ein bisschen mit seinen dicken kurzen Armen.
„Ja, was können denn wir dafür, wenn der so einen Pferdeschwanz hat? Geschäft ist Geschäft!“

Ich kicherte. Sehr unprofessionell, sehr kindisch. Aber mir war so.
Der Peter sprang auf und bedeutete mir zu folgen. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und lief hinter ihm her. Auf dem Weg am Tresen vorbei steckte er der Kellnerin, die schon böse kuckte, einen Hunderter in den Ausschnitt und sagte: „Puppe, freundlicher!“

Ich lief hinter dem Peter her, bis wir draußen waren. Er beendete sein Telefonat und sah mich ratlos an.

„Ich braucht echt Hilfe, du. Und ich find dich toll.“
Der lebenshungrige Teufel in meinem Kopf übernahm die Führung und ich hörte mich fragen: „Wieviel?“
„200 Kröten am Tag. Grundgehalt. Plus Provision.“

Mir wurden die Knie weich.

„7 Tage die Woche. von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts.“
„7 Tage??? 300.“
„250“
„Morgens erst ab 9 Uhr“
„Im Nuttenoutfit“
„Hosenanzug“
„Tief ausgeschnitten!“
„Nein“
„Enganliegend“
„Figurbetont höchstens“
„Heute Abend anfangen.“
„Morgen Mittag.“


„Okay.“

Uroma

„Mir geht es im Moment nicht ganz so gut.“

Aus dem Satz fast jeden Menschen ist das eine Aussage, die ich erst mal einfach so hinnehme und gegebenenfalls noch einmal mitfühlend nachfrage, wenn es mich interessiert.

Aus dem Mund meiner 82-jährigen Großmutter, die ein Leben lang alles klaglos hingenommen hat und selbst jetzt nach dem Tod ihres Mannes eine Haltung bewahrt hat, die sich mir nicht immer erschlossen hat, setzt mich das in höchste Alarmbereitschaft.

In unserer Familie hatten Gefühle nie Platz. Wenn Besuch kam, hat meine Mutter vorne rum schön getan und sich hintenrum das Maul zerrissen. Wann immer meine Großeltern zu Besuch waren, haben meine Eltern beide vom ersten Tag des Besuchs an starke Beruhigungsmittel genommen, um nicht auszurasten. Das kam erst hinterher, wenn ich wieder mit ihnen alleine war.

Kurzum: Familie, Besuch – das war nichts. Man freut sich nicht, wenn jemand zu Besuch kommt. Und ich habe das lange sehr unreflektiert übernommen.

Seit ich alleine wohne, haben meine Großeltern mich nie besucht. Sie waren damals immer noch bei meinen Eltern, mehr schafften sie nicht mehr. Meine Großmutter war nie in einer meiner Wohnungen. Alles zu anstrengend und vor allem zu viele Treppen.

Und jetzt spreche ich mit dieser Frau, die tief verwundet und seelisch verletzt ganz beiläufig fragt, ohne das aufgeregte Zittern in ihrer Stimme verbergen zu können: „Vielleicht könnte ich ja mal bei euch zu Besuch…? So für 4 Wochen, dass ich mal rauskomme…? Ich soll ja in Kur gehen, aber ich brauche eigentlich nur eines: Familie…“

Als mein Herz anfing, laut ja zu schreien, habe ich das einfach zugelassen und sie herzlich willkommen geheißen.

In letzter Zeit häufen sich die Ereignisse, die mir zeigen, dass im Moment das Leben selber die Führung übernehmen möchte.

Und die Verantwortung so weit abgeben zu können, dass es mir gelingt, einfach anzunehmen, einfach JA zu sagen, mich auch mal führen zu lassen, entlastet enorm.

Die vielen Fragen, die auf mich einstürmen, prallen an mir ab.

Das wird schon.

Ein Gefühl, das mir noch so fremd ist. So eigenartig fremd.

Zuversicht.

Zähne und mehr

Die neue Zahnpasta, die explizit damit beworben wird, Kinder vom Zahnpastaessen abzuhalten, weil sie nicht süß und trotzdem für Kinder geeignet ist, führte nun dazu, dass der Kobold bei jedem Zähneputzen seine Schwestern an die Hand nehmen will und lautstark Pieppieppiep-gutenAppetit brüllt.

Soviel zum Thema Geschmacksneutralität.

Zähneputzen muss Spaß machen, missioniert der Erziehungsratgeber.

Zahnpasta ist kein Grundnahrungsmittel, brüllt der gesunde Menschenverstand.