Abschied

Wie mutlos der Blick manchmal sein kann, wenn er nicht in die Ferne gerichtet wird.
Drei Kinder bereichern mein Leben, ein viertes wird bald geboren werden. Und dann…
Dann… hier versagen die Worte. Die Gedanken beginnen, sich im Kreis zu drehen.

Es ist mein Abschied. Mein ganz persönlicher Abschied.

Nicht wie damals, vor Ewigkeiten, als die Diagnose „Unfruchtbarkeit“ im Raum stand und ich wie gelähmt vor Schock und Fassungslosigkeit gerade mal Anfang 20 weiter nach vorne blicken konnte. Ein Leben ohne Kinder wollte ich mir nicht vorstellen und die Kraft war stark und mein Wille ungebrochen. Sechs Jahre dauerte es, bis ich meine Tochter im Arm hielt. Sechs lange harte Jahre voller Tränen, verschlungener Wege und Grausamkeiten. Der Preis war hoch, aber ich zahlte ihn gerne. Dann folgten Dinge, die für einige Jahrzehnte gereicht hätten.

Im Grunde kam es gar nicht so plötzlich, doch wenn man eines Tages aufwacht und erkennt, dass man 7 Jahre lang belogen und betrogen wurde, dann ist das viel. Sehr viel. Zukunftsplanung, Absicherung, Sicherheiten, Glaube, Hoffnung, all das stürzte an nur zwei Tagen in sich zusammen. Komplett. Ich hatte ein knapp einjähriges Kind, dessen Anblick mich irgendwie weitermachen ließ. Augen zu, weitergehen, irgendwie.

Eineinhalb Jahre habe ich gekämpft. Um eine Ehe, die nie existierte, um Vertrauen, das immer schon auf wackeligen Beinen stand, aber vorhanden war, um Hoffnung.

Ich habe verloren. Aufgegeben, irgendwann.
Ich erinnere mich an den Abend, als er und ich uns gegenüberstanden und er mir fremder war als jemals zuvor. Ich erinnere mich an die Wut, an diesen unermesslichen Hass. Und wie ich ihn geohrfeigt habe. Ich erinnere mich daran, wie er zurückschlug. Mit der Faust ins Gesicht. Und wie meine Tochter im Nebenzimmer schlief und ich mich fragte, was ich tun sollte, wenn es nun wieder weitergehen würde. Auch diese Lektion habe ich über die Jahre gelernt.

Irgendwo in dem ganzen Durcheinander zwischen Gerichtsvollzieher, Lügen, meiner Altersvorsorge, die verschwunden war, Kindererziehung, Selbständigkeit und Gewalt kam es zur Trennung. Getrennte Bereiche in diesem Haus, das ich so sehr geliebt habe. Liebe. Immer noch. Meins. Mein eigenes kleines Ding. Mein kleiner Garten, mein Rückzug. Endlose Stunden, die ich dort verbrachte habe und Heilung durch Zuflucht erfuhr. Ich bin dort zur Ruhe gekommen und nun war es ein Ort, der alles war, aber kein Rückzug mehr. An Liebe glaubte ich schon lange nicht mehr. Monate später traf ich den potentiellen Vater meines zweiten Kindes. Ich hatte einen groben Masterplan, alleine mit zwei Kindern durchs Leben zu gehen und mir nach der Scheidung mein Leben so aufzubauen, wie ich das irgendwann einmal erträumt hatte.

Zwei Kinder. Ich brauchte nur noch einen Samenspender für das Zweite.

Überleben

Mir wird immer klarer, wo ich die kleinen Kinder und den großen Mann nebeneinander stelle, dass gewisse Überlebensgrundzüge, die antrainiert werden können, sich mit zunehmendem Alter immer schlechter in ein Leben implementieren lassen.
Würde ich um halb 3 Uhr nachts aufstehen und wie mein Vater „Feuer, Feuer, Notfallübung, die Uhr läuft!“ brüllen, würden hier mehrere Dinge passieren. Meine große Tochter würde vermutlich in Tränen ausbrechen. Die Kleinen verwirrt sein und aufgrund der Uhrzeit vermutlich auch nach mehreren Minuten anfangen zu weinen.
Der Mann würde sich vermutlich an den Kopf fassen, mich entsetzt ansehen, die Kinder trösten, sie wieder ins Bett bringen und danach ein ernstes Wort mit mir wechseln.
Im Alter meiner großen Tochter hatte ich sämtliche mögliche Szenarien dazu im Kopf. „Wo ist das Feuer, welche Wege sind noch frei?“, hätte ich im Aufstehen noch zurückgebrüllt und meine vorbereiteten Sachen angezogen. Die für Feuer, nicht die für die Diebe-sind-im-Haus-Übung. Ich hätte meine Tasche mit meinen Dokumenten an meinen Körper geschnallt, hätte einen Lappen mit dem Wasser an meinem Bett befeuchtet, wäre auf alle Viere gegangen und hätte mich je nach Brandherd und -position zielsicher über die Galerie abgeseilt, hätte die Treppe genommen oder wäre direkt aus dem Fenster im 1. Stock aufs Dach geklettert und wäre vom Vordach aus dann in den Vorgarten gesprungen.
Dort hätte mich mein Vater erwartet, die Zeit gestoppt, mir mitgeteilt, dass ich noch besser werden müsste und mir einen Vortrag gehalten, welche Brandverletzungen oder Rauchvergiftungen mit welchen Symptomen ich jetzt hätte. Danach wäre ich wieder ins Bett gegangen und hätte all das kein bisschen seltsam gefunden.

Tatsächlich habe ich erst mit Mitte 20 festgestellt, dass es Menschen gibt, die diese Art von Kindererziehung und Training komisch finden. Und dass es Menschen gibt, die von ihren Eltern nicht aus fahrenden Booten geschubst, unter Wasser gedrückt oder in Kisten eingesperrt werden, damit sie lernen, mit diesen Situationen umzugehen.
Jetzt kommt der Teil, der nur schwer für mich zu durchdenken ist. Weil ich nur meine Normalität als Maßstab anlegen kann. Ich bin meinem Vater unglaublich dankbar für all diese Dinge. Ich hasse Hilflosigkeit. Ich verabscheue Lähmung und Stillstand.
Jetzt kommt die Frage nach der Wahl der Mittel. Hätte ein anderes Trainingsprogramm ähnliche Effekte gehabt? Wäre mit weniger Drill und mit weniger resoluten Mitteln derselbe Mensch aus mir geworden? Und wenn nicht, würde ich das bedauern?
Was bedeutet es für meine Kinder, nicht in jeder Situation mit den schrecklichsten Konsequenzen und Gefahren konfrontiert zu werden, die sich aus ihrem Handeln ergeben könnten?

Ich wähle oft ähnliche Situationen wie mein Vater. Meine Kinder müssen wissen, wie sie aus einem geschlossenen Auto kommen. Was sie tun, wenn es brennt. Wohin sie gehen müssen, wenn mir etwas passiert.
Ich bemühe mich, diese Dinge behutsam zu transportieren, aber schlussendlich stelle ich fest, dass das Abrufen von Notfallplänen in den allermeisten Fällen nur mit Drill zu erreichen sein scheint. Meine Tochter muss erst nachdenken, wie die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr, Handy meines Mannes, etc. lauten. Das ist Zeit, die sie im Ernstfall nicht hat.

Ich bemühe mich um Geduld. Ich weiß, dass es einen Weg dazwischen geben muss.

Ich sehe ihn einfach nur noch nicht.

Sehnsucht – Anne

Ich vermiss dich so.
So unendlich.
Deine Worte, deine Weisheit, deine Liebe.
Das verschmitze Lächeln. Den Wortwitz. Deine Launen. Deine Tiefe. Deine Oberflächlichkeit.
Dich. Manchmal bist du nicht mehr Teil meiner Gedanken für Tage, Wochen.
Und dann… dann haut es mich wieder hin.
Diese unendliche Sehnsucht nach dir, nach dem, was wir hatten.
So kurz nur, so intensiv.
So kompromisslos eng, so groß.
Allein der Versuch, dich vergessen zu wollen, wäre albern.
Vielleicht kann ich irgendwann an uns denken, ohne dass es mir die Seele zerreißt.
Vielleicht. Irgendwann.

Staffellauf

Bemerkenswert: Vor acht Jahren war ich selbständig und hatte Stress. Reichlich. Ich hatte ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen und ein Neugeborenes dabei.

Sprach ich von meinem beruflichen Stress, wie ich von Termin zu Termin hetzte und dass ich nachts arbeiten würde, damit ich unter Tag eben auch Mutter sein könnte, obwohl ich das Kind damals quasi alleinerziehend sowieso zu allem mitnehmen musste, erntete ich bewundernde Blicke und viele „Ah“s und „Oh“s und Neid und viele Aussagen wie: „Ich find das so toll, wie du das machst und das ist so bewundernswert und die Reisen und die vielen Termine und wow – für so ein Leben muss man geboren worden sein. Wahnsinn“

Sprach ich von meinem Stress als Mutter eines ersten Kindes, kam ein: „Naja, wolltest es ja so, hm?“

Seufzen

So dankbar, so demütig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es Schmerz brauchte, sich wahrhaft lebendig zu fühlen.

Missen möchte ich sie nicht, jene Zeiten meines Lebens, meine Narben trage ich stolz, aber nicht zur Schau.

Es fehlt die Sehnsucht zurück. Bereue nichts.

Dankbar, weitergegangen zu sein.

Es ist gut so wie es ist. Alles hat seine Zeit.

Angstpunkte

Ich beginne, meine Mutter zu verstehen. Saß heute Nachmittag über eineinhalb Stunden mit dem Mann im Bett und begann, zu verstehen. Dieses eng verwobene Geflecht aus Angst, Macht, Demütigungen, Missbrauch und Gewalt. Ich kann Dinge benennen, ich kann sie inzwischen ans Licht zerren, ohne dass sie zappeln und sich mit Bildern wehren, die mich dazu veranlassen, sie freizugeben und wieder in die Dunkelheit zu entlassen, von wo aus sie ihre Spielchen treiben können. Das ist für mich ein großer Fortschritt.
Ich betrachte für den Moment nur meine Mutter. Sie ist es, die mich Nacht für Nacht heimsucht und die die Bilder aus Erinnerungssequenzen und Alpträumen immer lauter auferstehen lässt.
Ich kenne diesen Zustand aus den Schwangerschaften und doch ist diesmal etwas anders. Es ruft. Nicht verlockend, dunkel. Sondern es ruft, mich mit ihm zu beschäftigen.

Es mitzunehmen ans Tageslicht, in meine Beziehung, in meinen Alltag. Um zu verstehen. Vielleicht. Endlich. Vielleicht nur ein bisschen.

Es drängt mich so sehr, meine Mutter endlich freigeben zu können. Sie entlassen zu können aus meinem Leben, aus meinen Träumen, meinen Ängsten, meiner Wut, meinem Hass, meiner Liebe… Da ist immer noch das Kind in mir, das schreit. Sehnt. Vieles ist klarer. Vieles darf ich hochholen, vieles betrachten.
Bei der Sexualität sperrt es sich. Vielleicht darf ich das gar nicht so sehr erzwingen, vielleicht kommt es automatisch. Versuche ich, an diese Bilder zu kommen, sie auszuhalten, überkommt mich nach wie vor nur der Ekel. Jede höhere intellektuelle Ebene ausgeschaltet, der Bauch nur noch ein Klumpen aus gellenden Schreien.
Nun ist mein Leben mit Sexualität angereichert, durchzogen und der Umgang damit kein leichter. Immer ist meine Mutter auch dort. Immer steht sie in der Ecke. Die Mauern sind mächtig und sie lassen mich nicht hinüberblicken.

Ich kenne diesen Schutz, ich weiß, er hat mir geholfen zu überleben. Und doch…

Da ist eine Antwort. Jetzt. Ich muss nur noch die Frage finden.

Bittere Ironie – 28.09.2006/2011

Als ich Anfang des Jahres das erste Mal beim Frauenarzt saß und wie man das so macht den ersten Tag der letzten Periode, Zykluslänge und sonstige Daten übermittelte, da hatte ich schon so einen blöden Knoten im Magen.
Als die Ärztin als Entbindungstermin den Todestag unseres kleinen Mädchens beschwingt in den Mutterpass schrieb und mich anlächelte, da kämpfte ich gegen viel.
Erinnerungen, Tränen, den inneren Aufschrei, die Bilder.

Ich sagte nichts.

Es ist nur ein Datum.

Es ist nicht nur ein Datum.

Dieser Tag rückt näher, es ist der fünfte Geburtstag und der fünfte Todestag. Dieses kleine zarte Wesen in unserer Hand. Es würde mir wie Verrat vorkommen, wenn unser Sohn an diesem Tag geboren werden würde. Aber im Grunde… wäre es das wirklich?

Es sperrt in mir, diesen Tag zu teilen. Die anderen Fehlgeburten taten weh. So weh. Und doch ist es ein Unterschied, ob man nur blutet, früh, oder… Wehen, Blasensprung, Geburt eines kleinen Wesens, das so klein und perfekt und zart und vollständig war… Die kleinen Finger, die Füße… Es ist ein Unterschied, auch wenn ich hart gegen mich selber sein will, weil ich ihn mache.

Dieser Tag und der darauffolgende haben sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. In unser Gedächtnis, denn auch unsere Beziehung war danach nicht mehr dieselbe. Konnte es nicht mehr sein. Und an diesen zwei Tagen ist einfach kein Platz mehr.

Ich will das nicht teilen, wenn es doch alles ist, was uns bleibt.

Adriano Celentano

Es ist mir kaum möglich, etwas von ihm zu hören. Jeder Ton beschwört die Erinnerung an meinen Großvater herauf, der ihm so ähnlich sah.

Exakt dieselbe Stimme, die mir immer und immer wieder Max und Moritz vorgelesen hat, dieses tiefe heisere Grollen, das auch Tote wiederauferstehen lassen würde.

Dieselbe Männlichkeit und auch Gewalttätigkeit, unfassbarer Charme, Charisma… aber allem voran diese Stimme, die bis tief in den Bauch dringt und alle Nervenenden vibrieren lässt. Absolute Dominanz, absoluter Schutz. Liebe. Geborgenheit.

In Momenten wie diesen wird mir klar, warum mein Vater ihn dafür gehasst hat, nicht von ihm geliebt zu werden.

Zynismus – Dad

Wie zynisch ich im Grunde meines Herzens doch geblieben bin. Ich verachte sie alle. Männer, Frauen, Kinder, Menschen.

Das Tier an sich kann wenigstens nichts für seine Egozentrik, alles andere wäre nicht naturgemäß, doch der Mensch mit seinem unglaublichen geistigen Potential, das ihn von allen anderen Tieren unterscheidet?

Warum ausgerechnet diese Intelligenz und dieses Potential dazu genutzt werden muss, wie ein niederes triebgesteuertes Tier nicht nur nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein sondern im Gegenteil sich auch noch darin äußert, auf sadistische Art und Weise andere Lebewesen zu demütigen, zu missbrauchen, zu foltern, zu töten, das erschließt sich mir nicht. Hat es noch nie und wird es auch nicht.

Bei allen Schlägen und Demütigungen und sonstigen Abartigkeiten, die mein Vater mir angetan hat, die Lektion, dass jeder Mensch an irgendeinem Punkt – für Geld, für Vorteil, für Anerkennung… – seine Moral verkauft, die sitzt tief. Ich habe es so oft gesehen. Ich habe die Gespräche belauscht, abends, wenngleich er auch tagsüber keinen besonderen Hehl aus seiner Ansicht machte.

Als ich älter wurde, haben wir oft abends auf der Terrasse gesessen. Mein Herz war nach wie vor weich, trotz all der Demütigungen… Dachte ich. Er trank, viel. Und er wurde manchmal härter, manchmal weicher. Manchmal hatten wir gute Gespräche über das Universum und manchmal fiel ihm eine Flasche Alkohol runter und ich war daran schuld und kroch spät abends im Frottee-Schlafanzug zu seinen Füßen herum und wischte alles wieder auf. Meistens war seine gute Laune dann dahin und ich ging nach Alkohol stinkend ins Bett.

Die anderen Abende… eröffneten mir eine neue Welt.
Heute erkenne ich, wie recht er doch hatte. Auch er hat seine Seele verkauft. Der Erinnerung, dem Alkohol, der Mauer, die seinen Schmerz eindämmt, indem er andere Menschen gequält hat. Ich glaube, dass es ihm ein Trost war, mich zu misshandeln. Dass es ihm geholfen hat, dieses Programm mit mir durchzuziehen, von dem er dachte, dass es mich hart und unverwundbar und unsterblich machen würde.

Ich denke, dass der innere Schmerz für ihn irgendwann so unerträglich war, dass er sich entschieden hat, die Liebe aus seinem Leben zu verbannen. An ihre Stelle traten Sadismus, Betäubung und Gewalt. Und er ist mit jedem anderen Menschen in dem Wissen umgegangen, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem jeder seine Ideale verraten würde.

Er hat immer Recht behalten.

Vielleicht muss ich ihm für diese Erkenntnis dankbar sein. Vielleicht sollte ich ihn dafür verfluchen, dass knapp zwei Jahrzehnte negative Erfahrung mit dem geistigen Potential von Menschen es mir sehr schwer machen, noch an irgendetwas zu glauben… Ich weiß es nicht.

Es ist ein Kampf. Jeden Tag aufs Neue.