Schweiß, kalt.

Es ist immer nur dieser eine Moment in Endlosschleife, in dem man erkennt, dass sie gar nicht vorhaben, dich zu töten.

Wenn dir – hilflos angebunden, bewegungsunfähig, blutend, verzweifelt, schon lange nicht mehr weinend, mit aller Konsequenz bewusst wird, dass sie dich nicht erlösen werden, sondern dich am Leben lassen werden um dir diese Dinge antun zu können so lange sie wollen … wenn der Geist diesen einen klaren Gedanken in eiskaltem Entsetzen als den Letzten zulässt, bevor er die Seele in zwei Hälften spaltet, um am Leben zu bleiben.

Immer und immer wieder…
Wenn die Seele aufhört zu schreien.

Ausharren

Ich habe früher ständig (>6 pro Jahr) Mittelohrentzündungen gepaart mit vereiterten Mandeln gehabt und musste das allein und ohne Schmerzmittel aussitzen.

Mehrere Tage und besonders Nächte lang bis mein Körper den Kampf gewonnen hatte. Mein Jammern, Weinen oder Schreien wollte niemand hören und das wurde auch so kommuniziert.

Ich stand oft als Kind nachts um zwei, drei, vier Uhr in der Küche – jedes Schlucken tat mir weh, jede Bewegung schoss direkt ins Innenohr – und habe mir eine warme Milch auf dem Herd gemacht. Oder einen Kakao. Allein, leise, immer darauf bedacht, meine Mutter oder meinen Vater nicht zu wecken.

Diese starken Mittelohrentzündungen gehören zu den schlimmsten Schmerzerinnerungen meiner Kindheit, auch heute sind Ohrenschmerzen noch ganz oben auf meiner „fiese-Schmerzen“-Skala.

Und so leide ich doppelt mit, wenn eines der Kinder nun gerade Ohrenschmerzen hat. Aktuell das Baby, das heute Morgen aushalten musste, bis das Schmerzmittel komplett wirkte. Mich zerreißt es dabei fast.

Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben, Schmerz einfach auszuhalten. Auch und vielleicht gerade bei Anderen.

Einem Kind Halt und Trost zu sein, ohne den Schmerz einfach von ihm nehmen zu können. Ausharren, ohne ungeduldig zu werden. Einfach Ja sagen zur Situation, zum Weinen, zum Schreien, zum Schmerz und mit ihm an der Hand da durch zu gehen, bis es besser wird.

Es wurde, Gott sei Dank.

[beim Schreiben kommen noch die Erinnerungen dazu, wie meine Mutter bei besonders viel Gejammer meinerseits lapidar sagte: na, wenn das SO schlimm ist, dann bringen wir dich zum Arzt und der sticht dir dann mit einer langen Nadel die Trommelfelle durch, dann kannst du eben nicht mehr hören – was ohne weitere Erklärung in meinem Gehirn mehrere Horrorszenarien auslöste, die dazu führten, dass ich unter enormen Schmerzen Besserung simulierte]

[Und selbst mit Kindern inzwischen auch recht objektiv sagen kann, was meine Mutter für ein sadistisches Arschloch ist/war.]

Trost

Meine Mutter konnte trösten. Wenn sie wollte. Wenn sie mich brauchte.

Aufopfernd ließ sie sich an meiner Seite nieder, flüsterte beruhigende Worte, lächelte, streichelte sanft meinen Arm, meinen Bauch, wenn ich wieder einmal Schmerzen hatte.

Immer wieder war da diese große Schutzkugel aus Wärme und Nähe und Liebe, in die ich mich in meiner Hoffnung auf Trost flüchtete, bis ihre Hand nach einigen Minuten das erste Mal meine Brüste berührte. Daran spielte. Bis sie die Hand zwischen meine Beine schob. Meine Geschlechtsteile anfasste. Meinen Po anfasste. Bis sie sich nahm, was sie wollte.

Und alles wurde zu Eis.

Erdulden – Trost, Nähe – zu dem Preis, den sie jedes Mal dafür verlangte – oder sich wehren.
Und die Beschimpfungen und Demütigungen zu ertragen, weil ich so abnormal war.
Weil ich sie nicht wollte.
Weil ich mich so anstellte.

Trost.

Oft hat sie dabei leise in mein Ohr geflüstert, sanft, liebevoll: „Unter Folter und Qual ruft jeder nach seiner Mutter. Jeder ruft nach Mama. Auch du wirst in solch einer Situation nach Mama rufen. Nach mir.„

Ich habe nie geschrien.

Nicht nach ihr.

Schicksal

Weißt du Dad, seit ich denken kann, hat man hinter deinem Rücken gesprochen. Über dich. Wie furchtbar du bist. Du bist ein Tyrann. Ein Soziopath. Ein Irrer. Gewaltätig. Ein Alkoholiker. Erfolgreich. Ein Arschloch.
Und alle haben sie vor dir gebuckelt. Alle.

Niemand hat dir Widerworte gegeben. Ich hab mir oft Schläge und Demütigungen abgeholt, bis ich das begriffen habe. Irgendwann gab auch ich auf.
Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und du warst der Dinosaurier im Wohnzimmer, den niemand erwähnen durfte.

Ich hab dich geliebt. Abgöttisch.
Ich habe dich gehasst. Einmal durch die Hölle und zurück.
Heute… bleibt die Sehnsucht.

Und was ich nie werden wollte, bin ich heute.
Ich bin wie du.
Und nun muss mir gelingen, was dir nicht gelungen ist.

Junkie

Ich bin ein Waschmitteljunkie.

Ich liebe es, wenn frischgewaschene Wäsche nach Waschmittel, Weichspüler, Sonne, Wind oder Ähnlichem duftet. Ich kann die Katze bei aller Hassliebe so gut verstehen, wenn sie sich in einen Korb frischgewaschener Wäsche legt, denn das geht mir genauso.

Damals, zuhause, durfte nichts riechen. Und wenn ich nichts sage, dann meine ich auch nichts.
Haarshampoo, Duschgel, Seife, Waschmittel, Deo, Spülmittel, Menschen, Tiere – es durfte nichts riechen. Wenn es roch, dann stank es.

Das hat mein Vater oft und ausgiebig erwähnt.
Für ein 13jähriges Mädchen ist es ungemein schwierig, nach nichts riechen zu dürfen.

Die Wäsche wurde nur abgekocht bzw. mit irgendeiner Chemikalie gewaschen, die nicht roch. Shampoo haben wir alle ein gemeinsames benutzt, das für mich nach einer Mischung aus Schimmel und Muff roch. Körperteile wurden mit Handwaschpaste gewaschen, die diese Sandkörnchen enthält, mit denen man auch Schmieröl abbekommt.

Und in der Pubertät steht man dann trotzdem da und riecht nach – Mensch.

Mein Vater besitzt die gleiche feine Nase, mit der auch ich gestraft bin.

Und so wurde Leben immer mehr zum Spießrutenlauf, je älter ich wurde. Periode, Schweißausbrüche, Zusammensein mit anderen Menschen, die parfümiert, betrunken, bekifft… etc waren – all das wurde mit einem Nasenrümpfen und einer anschließenden verbalen Demütigung honoriert.

Ich war manchmal zu Besuch bei Freunden, deren Duftwelt mich förmlich erschlug. Hier ein Raumspray, dort eine Pflanze, eine Blume mit Blüte gar – Deo, Parfüm, Duschgel, ich schnupperte mich durch die Welt dieser Menschen und war oft völlig fertig von Sinneseindrücken.

Aber meine Liebe gehört nach wie vor dem Waschmittel.
Meine Oma wusch ihre Bettwäsche immer mit einem Waschmittel, das wie der Himmel roch. Kein Weichspüler, luftgetrocknet und dann gemangelt.

Manchmal konnte ich zwischen meiner Oma und meinem Opa liegen, links roch es nach Hattrick, rechts nach Kölnisch Wasser und das alles inmitten dieser immer frischen Bettwäsche.

Das ist Zuhause.

Ein Zuhause muss nach etwas riechen dürfen.

Atmen

Gibt so Morgende, an denen das innere Kind völlig aufgelöst nach einer Nacht voller Flashbacks herumflattert und nur noch schreit, dass es seine Mutter anrufen möchte – fragen, ob sie es noch lieb hat.

Schwer, aber inzwischen machbar, ruhig zu antworten, dass das nie der Fall war und auch nie sein wird. Und dass das schon okay so ist.

Mit Liebe

Wir singen heute nicht für dich.
Weil.
Weil…
Weil mir vermutlich jede Note im Halse stecken bleiben würde.
Weil du nicht da bist.
Weil du gar nie bei uns warst, außer in diesen blutigen adrenalindurchtränkten und durchweinten Stunden. Einen Tag, eine Nacht haben wir dich bei uns gehabt.
An jenem Morgen vor 5 Jahren hatte ich einen Tag zuvor dein Herz beim Arzt schlagen sehen. Ich fühlte deine Berührungen, diese sachten ersten Flatterbewegungen im Bauch. Doch, da warst du. Du warst da.
Ersehnt, erhofft, geliebt.
Am Mittag war Erntedankgottesdienst im Kindergarten. Ich holte deine große Schwester ab und es war 14 Uhr, als wir begannen, mit unseren Händen den Kreis zu schließen, dort im sonnigen Hof an diesem wunderschönen Tag.
Und ich fühlte, das irgendetwas ganz und gar nicht okay war.
Ich nahm deine große Schwester und deinen großen Bruder, der damals noch so ein kleines Baby war, und fuhr nach Hause.
Eine Stunde später platzte die Fruchtblase und ich rief deinen Vater an.
Mit Wehen und zwei kleinen Kindern auf dem Schoß sang ich Kinderlieder gegen die Verzweiflung.
Gegen die Vernunft.
Gegen die Erkenntnis.
Du hast gewartet, bis dein Vater da war. Bis wir beide fassungslos auf dieses Wesen in unseren Händen starren konnten. Auf dich.
Der Rest des Tages versinkt in Wehen und Blut und Dunkelheit und Verzweiflung. Er gehört nicht hierher.
Auch wenn die darauffolgende Nacht das vielleicht größte stumme Versprechen zwischen deinem Vater und mir beinhaltete.
Der nächste Morgen begann neblig. Mit herbstlichen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg bahnten. Ich trug deinen Bruder im Tuch, ganz nah bei mir. Mein Körper schrie nach einem Baby und da war eines.
Wir machten uns auf den Weg zum Fluss, auf die Insel. Auf unsere Insel. Deine.
Ihr Anblick ist vielleicht das, was mir am meisten fehlen wird, wenn wir hier wegziehen.
Wir haben sonst nichts von dir.
Einen halb ausgefüllten Mutterpass.
Ein paar Ultraschallbilder.
Erinnerung an wenige Stunden.
Was wäre wenn… die Frage stellt sich nicht.

Es gibt keine Antworten.

Sexualerziehung

Wenn der Mann ein Thema beginnt mit den Worten: „Du darfst jetzt nicht gleich panisch werden…“, dann kann es sich in unserer Beziehung eigentlich nur um ein einziges Thema handeln. Sexualerziehung der Kinder.
Mein erster Kontakt mit Sexualität war die Sexualität meiner Mutter. Dann die vielen Erektionen meines Großvaters. Dann kam lange nichts. Reichte auch völlig, so im Alter von 5, wenn ich ehrlich bin. Dann sollte ich irgendwann aufgeklärt werden (haha) und meine Mutter zitierte meinen nackten Vater ins Wohnzimmer, an dem ich die Funktion der Samenleiter erklärt bekommen sollte. Da war ich 7 oder 8, glaube ich. Mein Vater entzog sich dem, wofür ich nach wie vor sehr dankbar bin, also war die nächste Begegnung mit Sexualität neben meiner Mutter und ihren Bedürfnissen nach Zungenküssen ihre Pornosammlung. Und ihre Sexspielzeuge. Und ihre „Hilfsangebote“, mir Tampons einzuführen. Und das Begutachten meiner Unterwäsche nach dem Tragen. Und das Riechen daran. Ich schweife ab.

Das sind die Kindheitserlebnisse, die meinen ersten Eindruck von Sexualität geprägt haben. In der vierten Klasse kam Sexualkunde dazu und die Tatsache, dass man einen Penis in eine Scheide stecken muss, um sich fortzupflanzen. Ich kannte bis dato nur die Lesbenpornos meiner Mutter. Und nun bin ich in der Situation, ein Kind mit dem Thema Sexualität vertraut machen zu müssen. Sexualkunde steht ganz groß auf der Einladung zum Elternabend nächste Woche und ich schwanke zwischen schreiend davonrennen und das Kind bis zu seinem 25. Lebensjahr in einen Wandschrank zu sperren.
Ich habe keine Unschuld erlebt. Keine Kindheit. Keinen kindlichen Umgang mit Sexualität. Ich weiß nicht, wie es ist, ohne Wissen an dieses Thema heranzugehen. Ich habe immer nur erwachsene Bedürfnisse befriedigt.
Ich bin dankbar, unendlich dankbar für die Begleitung eines Gefährten, der Sexualität als ganz selbstverständlichen Teil eines Menschen annehmen kann und auch selber lebt. Der unbefangen ist. Die Unschuld der Kinder bewahrt und trotzdem bereit ist, mit ihnen diesen Schritt zu gehen. Aufklärung. Mit Verstand und ganz viel Herz.
Ich spüre meine Grenze, so hart, verhärtet, laut, unerbittlich.
Und sie darf dort eigentlich nicht sein.

Ich wusste, dass die Zeit kommen würde und ich dachte, damals, vor 10 Jahren, dass ich dann bereit sein würde.

Ich bin es nicht.

Seelenqual

Der Mann und ich, wir kommen aus zwei unterschiedlichen Richtungen. So klar, wie mir immer war, dass unsere Wege sich kreuzen würden und wir danach in Begleitung des Anderen in die andere Welt eintauchen würden, so seltsam fühlt es sich mitunter an.

Gewalt, Brutalität, Folter, Missbrauch, Mord, Skrupellosigkeit, das alles wandert mit jedem Schritt, den ich gehe, weiter in die Ferne. Sehen werde ich es immer können. Aber das ist in Ordnung so. Der Mann bewegt sich aus der anderen Richtung in meine Welt.

Wenn er auch nur einen Bruchteil dessen empfindet, das ich beim Anblick und beim Gefühl von Liebe und Vertrauen und Optimismus empfinde, dann ist er erschlagen von diesen Eindrücken.
Und nun geht er einem Weg, auf dem er innerhalb seiner Ausbildung auch das Töten lernen muss. Um sich – sofern er will – dagegen zu entscheiden.

Nur etwas, das man kennt, kann man verhindern.

Mein Training war da etwas kompromissloser. Ich habe Lebewesen gequält, getötet, verletzt. Lange Jahre. Es war normal, mein Vater verlangte es zunächst von mir gegen meinen Willen, später habe ich es getan, weil es in meiner Natur lag. Niemand interessierte sich für Moral. Es war wie es war. Im Grunde habe ich nur wiederholt, was mit mir gemacht wurde. Es war so vertraut. Und damit richtig.

Und so wirklich, so richtig mit allen Konsequenzen im Herzen, habe ich erst begriffen, als ich selbst Mutter wurde.
Meine Wandlung setzte vorher schon ein, aber nur im Kopf.
Im Herzen löste sich eine der schwarzen Fesseln, als ich mit einem neugeborenen Mädchen auf dem Arm vor meinen Eltern stand und diese mich fragten, bei welchen Gelegenheiten sie meine Tochter auf welche Art und Weise schlagen sollten.

Etwas in mir starb in diesem Moment.
Etwas anderes in mir, das ich längst begraben wähnte, regte sich leise und vorsichtig.

Hoffnung. Mein Herz setzte aus, lange.
Als es wieder anfing zu klopfen, drückte ich meine Tochter fest an mich und hob das Kinn.

„Dieses Kind wird nicht geschlagen werden.“

Ich erinnere mich an die Verblüffung in ihren Gesichtern.
An die Fassungslosigkeit.
Und an meinen ersten Zugang zu dem Kind in mir. Wie es aufhorchte. Sich traute, die Augen zu öffnen, ein Stück nur.
Wie weitreichend dieser Moment sein würde, war mir damals noch nicht klar.

Aber ich begriff.
Etwas, das ich nicht in Worte fassen konnte, das aber da war.

Liebe.

Augenblicke

Manchmal sitzt man da, völlig gefangen im Dunkel der Vergangenheit und denkt über Vergewaltigungen nach, still, stumm, starr…
… und dann kommt ein Kind herein, hell, leuchtend, bunt… und lächelt.
Manchmal muss man dann blinzeln, um diese geistige Kehrtwende zu vollbringen.
Manchmal auch zwei- oder dreimal.