Besessen [werden vs. sein]

Es ist die Lebensunfähigkeit, die mir zu schaffen macht.

Statt des Todes ein Leben gewählt zu haben, in dem Funktionieren Pflicht ist. So sehr ich versuche, meine „Ich muss..“ durch „Ich will…“s zu ersetzen, so sehr erschöpfen mich diese Tage, in denen mir nichts gelingen will. Bleibt nur überleben und atmen und nicht verrückt werden. Immer begleitet von dem Teufel auf der Schulter, der die „Stell dich nicht so an, andere haben es viel schwerer als du…“ Parolen in mein Ohr brüllt.

Stell dich nicht so an, krieg deinen Arsch hoch, stell dich nicht so an, sei nicht so eine Mimose, du bist so schwach, so wertlos, so unfähig, so zum Kotzen. Wie kann jemand, der so privilegiert ist, nur so faul sein? Ja. Ich nicke zu jedem einzelnen Punkt, weiß ich doch, dass ich die Gedanken nicht aufhalten, nur ertragen kann. Es ist okay. Ich hab mir das nicht ausgesucht, möchte ich weinen, aber da ist sie wieder, die Opferrolle. Du bist kein Opfer, steh endlich auf, irgendwann muss auch mal gut sein. Stell.dich.nicht.so.an. Stell dich nicht so an Stell dich nicht so an stell dich nichtsoanstelldichnichtsoanstelldichnichtsoanstelldichnichtsoan

Erschöpft.

Ich habe diesen Satz so oft in meinem Leben gehört, immer wieder, in jeder nur denkbaren Situation und die Erschöpfung sitzt tief. Vielleicht habe ich mich tatsächlich einfach immer nur angestellt.

Kann nicht mehr.

Traditionsbruch

Niemand darf wissen, wieviel Papa trinkt.
Niemand darf wissen, dass er dann Auto fährt.
Niemand darf wissen, was dein Opa gemacht hat.
War ja auch nicht oft und er hat dich ja auch nicht vergewaltigt oder so.
Niemand darf wissen, dass wir diese Tabletten nehmen, du willst doch nicht, dass die Leute reden, oder?
Niemand darf wissen, was wir hier tun.
Niemand darf erfahren, was du weißt schon wer getan hat.
Niemand darf wissen…
Hörst du…
Leises Flüstern, todbringende Geheimnisse.
Ich habe mein Schweigen als Kind nie gebrochen.
Ich war ein guter Geheimnisträger … Gefangener einer Tradition, die nur dem Leid und dem Hass und dem Tod verpflichtet war.

Ich versuche, meinen Kindern zu vermitteln, dass sich Geheimnisse IMMER gut anfühlen müssen, sonst müssen sie nicht bewahrt werden.
Ich glaube fest daran, dass dies eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt ist, um nicht Gefangener seines eigenen Wertesystems zu werden.
Ein Geheimnis, das belastet, darf keines mehr sein.
Man darf es freilassen, ohne Verrat zu begehen.
Man darf ein Versprechen brechen, bevor man selber daran zerbricht.
Sie müssen mir nichts versprechen.
Ich unterbreche sie mitten im Satz, weil ich diese Verpflichtung nicht von ihnen hören will.
Sie sind nur sich selber Rechenschaft schuldig.
Im Gegenzug verlange ich auch keine Versprechen.
Wenn man etwas versprechen muss, ist es nichts wert.
Es ist in den allermeisten Fällen der letzte oder gar wiederholte Versuch, jemanden von etwas zu überzeugen, an das man selber nicht glaubt.

Von einem Kind ein Versprechen abzuringen, dass es in der Zukunft (!) etwas tun oder nicht tun wird, ist geradezu wahnsinnig und aberwitzig.
Die Gesellschaft akzeptiert seltsamerweise lieber nach jedem Streit, dass man sich verspricht, dies und jenes „nie wieder“ zu tun, als ehrlich zu sagen: natürlich kann das noch mal vorkommen.
Geheimnisse und Versprechen fallen in dieselbe Kategorie. Idiotie.

Es gibt eine Ausnahme: positive Geheimnisse. Wenn wir hier wochenlang rumkramen und tuscheln und geheimnisvoll tun, weil jemand Geburtstag hat. So schwer die Kinder sich damit tun, nicht damit herauszuplatzen (und es funktioniert bei weitem nicht häufig), genießen sie es doch. Das ist für mich eine ganz andere Baustelle.
Ich breche auch hier die Tradition, die ich kenne und als ich vor einiger Zeit mal wieder hastig eine Kiste mit vorbereiteten Überraschungen schloss, kam meine Tochter herein und beim Erfassen der Situation stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Mami? Ich LIEBE es, dass du so viele Geheimnisse vor uns hast. Und ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir eines entdecken!“

Zeit, die Wunden schließt.

Diagnosewahn

Das große Tochterkind sprach nicht.
Sie wurde ein Jahr alt, anderthalb Jahre alt… und sprach nicht. Nicht Mama, nicht Ja, nicht Nein, nichts.

Ich wusste, dass sie mich verstand.
Sie befolgte Anweisungen, antwortete mir in Zeichensprache, die sie aus meiner Hundeerziehung kannte und auch ansonsten waren wir so eng beieinander, dass das nicht weiter wild war.

Das interessierte den Arzt aber nicht oder war jenseits seines Verständnisses. Wie es beim ersten Kind so ist, vertraut man seinem Gefühl oft nicht so sehr wie den Leuten, die eigentlich Ahnung haben sollten und so landeten wir auf Anregen des Kinderarztes (Nicht mal „Mama“?? Oder „Nein“??? Oh mein Gott, da müssen wir was TUN, vielleicht ist sie taub!!) in der pädaudiologischen Klinik der nächsten Großstadt.
Pädaudiologie – ein Wort, das ich bis vor 9 Jahren noch nie in meinem Leben gehört hatte.

Mit der Unsicherheit einer jungen Erstlingsmutter fuhr ich mit dem kleinen Tochterkind in die sehr große Klinik und fühlte mich komplett verloren und verlassen.
Wir mussten nicht lange warten und das Tochterkind, das ohnehin sehr schüchtern war, drückte sich an mich.
Nachdem der erste Experte mit uns sprach und die ganze Zeit versuchte, das Tochterkind mit Zwang von mir wegzuholen, das den Kopf in meiner Armbeuge versteckte, fragte er, ob „das Kind“ schon mal auf Autismus getestet worden wäre.
Ich riss die Augen auf und sah ihm nach, wie er mürrisch murmelnd aus dem Raum ging.
Das Tochterkind sah auf und nahm die angebotenen Malsachen, um ein bisschen zu malen, jetzt wo keiner mehr da war.
Eine Frau im Kittel kam zu uns und setzte sich neben uns. Sagte aber nichts, wofür ich sehr dankbar war. Sie legte den Finger an die Lippen und bedeutete mir, still zu sein, während sie Kontakt knüpfte und Notizen machte.
Endlich ein vernünftiger Mensch, dachte ich, als Experte Nr.3 plötzlich hereinkam und verkündete, dass jetzt ein Test durchgeführt werden würde, bei dem ich nicht dabei sein dürfe.

Ich sagte, dass ich mit meiner Tochter darüber sprechen würde, ob sie dazu bereit wäre und dann würde ich diese Entscheidung treffen.
Er zog die Augenbrauen hoch und sagte: „Ich denke, das Kind spricht nicht.“ Ich antwortete pampig, dass meine Tochter aber durchaus hören und mich verstehen könne, woraufhin er antwortete, das würde er ja gleich testen.

Ich erklärte dem Tochterkind, was geschehen würde und sie legte die Hand aufs Herz und klopfte zweimal. Das war mein stilles Zeichen für meinen Hund, bei mir zu bleiben.
Ich antwortete, dass sie alleine gehen müsste.
Sie streckte die kleine Hand aus, tippte mich sachte an und zeigte mit der Handfläche schräg zu Boden. Dasselbe, was ich mit dem Hund machte, wenn er warten musste.
„Ja, ich bleibe hier und warte auf dich, Süße.“

Experte Nr.1 und Experte Nr.3 standen inzwischen in der Tür und starrten. Die Frau in weiß streckte die Hand aus und fragte meine Tochter, ob sie mitkommen würde.
Sie ergriff ihre Hand und ich betete, dass sie dort in guten Händen sein würde.
Eineinhalb Stunden später war ich ein Nervenbündel, als meine strahlende Tochter durch die Tür kam, begleitet von der Frau in weiß und vier (!) weiteren Ärzten.
Im folgenden halbstündigen Gespräch wurde mir eröffnet, dass man meine Tochter für hochbegabt halten würde und gerne weitere Tests mit ihr machen würde.
Hören würde sie sehr gut. Warum sie nicht sprechen würde, konnte niemand sagen, nur vermuten.
Ein weiterer Experte sollte hinzugezogen werden.
Ich fuhr ziemlich erschlagen nach Hause und erholte mich eine Woche, bis ich dem arrogantesten Menschen dieser Welt nach meinem Vater begegnen sollte.

Herr Professor Dr. Ingoranz befragte mich nach meiner Lebenssituation und urteilte nach 10 Minuten Gespräch, in denen ich auf verschiedene Arten gedemütigt und verurteilt wurde, dass meine Tochter ganz bestimmt nicht hochbegabt sei sondern ich eine überbehütende Glucke sei und dies auch eine Form der seelischen Misshandlung darstellen würde.

Bumms. Das saß.

Ich würde ihr keine Möglichkeiten geben, die Notwendigkeit des Sprechens zu erkennen und sie damit in ihrer Entwicklung behindern.
Ich stand auf und ging. Als ich zuhause war, kamen die Tränen und ich drückte dieses kleine Menschenbündel an mich und schwor ihr, sie zu so einem Mist nicht mehr mitzunehmen. Sie legte meine Hand auf ihren Brustkorb und ihre Hand auf mein Herz und schloss die Augen.

Ich musste daran denken, als ich das letzte Mal bei unserem jetzigen Kinderarzt war und von der Arzthelferin im Beisein des Arztes zu Herrn Honigs Verhalten befragt wurde. „Spricht er?“ – Nein. „Mama? Papa? Nein? Ja?“ – Nein. „Vielleicht nur ein oder zweimal? Mama zumindest?“ – Nein! „GAR nichts?“ – NEIN…

Unser Kinderarzt lachte herzlich auf, nahm ihr den Fragebogen aus der Hand und schmunzelte: „Er wird anfangen zu sprechen, wenn er etwas sagen will“.

Meine Tochter fing etwa einen Monat nach den Untersuchungen an, in Mehrwortsätzen zu sprechen. Ihr erstes Wort war „Girlitz“.

Den kannte sie nämlich aus ihrem Vogelkundebuch und genau so einer saß bei uns im Garten.

Lebenslauf

„Denk nur daran, wie das in deinem Lebenslauf aussieht.“

Wenn ich diesen Satz höre, möchte ich gerne schreien. Als würde man leben, um etwas möglichst wohlformuliertes auf ein nutzloses Blatt Papier schreiben zu können. Die mit Abstand aufregendste, wildeste und unbändigste Zeit meines Lebens würde wohl jeden Berufsberater ohnmächtig vom Stuhl kippen lassen. Ich hab hart gearbeitet, Unmengen an Geld verdient, Urlaub gemacht und das Geld weggefeiert. Freizeit gehabt. Gelebt. Genossen.

Das ist Freiheit.

Wenn das Geld alle war, hab ich mir meinem momentanen Interessensgebiet nach eine andere Arbeit gesucht, die gut bezahlt war, hab die Tausender gestapelt und wenn es genug war, hab ich gekündigt und es mir wieder gutgehen lassen. Herrje, man lebt nur einmal. Und nie, nie, nie wieder ist man so jung und so hungrig wie um die 20 herum.

Wen interessieren diese Jahre bis 30, bis im Normalfall eine klare Vorstellung davon vorhanden ist, was man auch längerfristig tun will? Oder dass man genau das eben ablehnt? Keine Sau. Und wenn es Leute gibt, die einen dafür aburteilen, muss man sich die Frage gefallen lassen, ob es das wert ist, das eigene Leben nach anderer Leute Maßstäbe zu leben.

Das Tochterkind wird „berufsfördernd“ unterrichtet. Sie ist 10. Sie soll ungefähre Vorstellungen entwickeln, was sie tun will. Ihre Kompetenzen werden dahingehend untersucht, in welchem Berufsfeld sie arbeiten wird, um ihr Potential optimal nutzen zu können. Sie ist 10.

Die Motivation dieses Gymnasiums in allen Ehren. Der Rest – geschenkt. Die größeren Geschwister ihrer Freundinnen und Freunde stehen vor dem Problem, möglichst schon mit 16 wissen zu müssen, was sie die nächsten 50 Jahre ihres Lebens jeden Tag arbeiten sollen. Wie groß ist denn die Bürde, die wir unseren Kindern da auf die Schultern setzen?

Glücklich sein wäre ein Anfang. Sich um sich selber sorgen, sich kümmern, seine Belange kennen, seine Bedürfnisse erfüllen können. Das ist das Wichtigste. Einen offenen Geist haben. Und wenn das bedeutet, 20 Berufe auszuprobieren, bevor man sich für etwas ganz anderes entscheidet, dann ist das das Richtige. Das Einzige, zu dem ich sie ermuntern kann, ist, sich keine Möglichkeiten zu verbauen. Sie anzuleiten, ihr Potential zu entdecken und ihr die Freiheit zu geben, sowohl alles davon nutzen zu dürfen als auch nichts davon nutzen zu müssen.

Leben dürfen. In Freiheit.

Niedertracht

Ich habe mit ihr am Telefon gesprochen. Habe ihre Stimme gehört. Kalt. Dreieinhalb Jahre Pause und das Kind ruft an. Was sagt man da als Mutter? Ich weiß, was sie sagte.

Stolz darauf, das letzte Bisschen Würde behalten zu haben und auf ihre kalten Anschuldigungen und Beleidungen nicht eingegangen zu sein. Ruhig weitergesprochen zu haben.

„Es ist okay, wenn ich Angst habe.“, sagte ich laut zu mir selber, bevor ich ihre Nummer wählte.

Den Rest habe ich mit ihrer Anwältin geklärt, nachdem sie mich noch einmal als Lügnerin beschimpft hatte und dann auflegte.

Wir haben keine Unterlagen darüber, dass das Geschenk ein Geschenk war. War es nicht, sagt sie nun, sieben Jahre später.

Und die Rechtslage ist reichlich kompliziert. Aus Gründen. Nicht gedacht, dass ich meinen Exmann noch einmal vor einer Klage retten würde. Wahrheit, habe ich mir irgendwann einmal geschworen. Vertrauen fand ich auch mal gut. Wohin das führt, sehe ich ja jetzt.

Und so nehmen wir eben einen mittleren fünfstelligen Betrag auf, um dieses Geld auf das Konto meiner Eltern zu überweisen, die von kaum etwas so viel besitzen wie von Geld.

Naja, reich an Boshaftigkeit und Niedertracht sind sie auch noch.

Kraft für eine gerichtliche Auseinandersetzung mit Zeugen und Beweisen und Behauptungen, die Aussage gegen Aussage stehen, habe ich nicht. Ich hab sie einfach nicht mehr.

Ich möchte jetzt bitte nie wieder mit einem anderen Menschen in soziale Interaktion treten.

Zärtlicher Missbrauch

Missbrauch von Vertrauenspersonen ist immer Hochverrat.
Missbrauch von fremden Menschen nicht schlimmer, nicht besser, nur anders. Ich habe beides erlebt und nicht die Schläge, nicht die Gewalt, nicht die Drohungen und Demütigungen sind es, die mich in die Nacht verfolgen… nein.

Es ist die Zärtlichkeit.

Meine Mutter war nie körperlich brutal.
Sie war immer zärtlich. Vorsichtig. Hat mir versichert, dass das sein muss.
Im Tonfall, wie eine Mutter eben ihrer Tochter erklärt, dass etwas getan werden muss.
Ich weiß noch, wie sie liebevoll lächelte, wenn sie mich zwischen den Beinen streichelte. Ihre Bemerkungen machte.

Und das ist Verrat in zweierlei Hinsicht. Es ist nicht die Gewalt, die triggert. Auch, zwar, aber so ganz anders und gut unter Kontrolle. Inzwischen. Nein, es ist die Zärtlichkeit.

Werde ich grob angefasst, dann fahren meine Schutzprogramme hoch und gut ist. Auch, wenn der Mann aus Versehen eine Bemerkung macht, von der er nicht ahnen kann, dass sie Erinnerungen hochholt.

Etwas anderes ist es, wenn er mich zärtlich berührt.
Lächelt.
Sanft und liebevoll ist.
In den allermeisten Fällen kommt sofort der Ekel hoch.
Zarte Berührungen sind etwas, das ich immer noch nicht ertragen kann.

Die Kinder sind auch so.

Und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht schreiend wegzulaufen oder schlimmer, sie dafür zu maßregeln. Kopfarbeit. Disziplin. Jede Sekunde. Immer alles unter Kontrolle halten.

Mein ganzer Instinkt sagt LAUF und Herz, Bauch und Kopf sind sich einig, dass Zärtlichkeit eigentlich etwas Gutes ist.

Das ist das perfide an zärtlichem Missbrauch.

Es sendet so grundverkehrte Signale an ein Kind, dass ein Einordnen und Aufarbeiten so gut wie unmöglich ist.

Und auch im Alltag, in den Nachrichten ist immer klar: Missbrauch ist etwas böses. Und das Böse ist immer brutal, hart, gemein, voller Gewalt und meistens laut und drohend.

Wir wollen nichts von zärtlichen Vergewaltigern hören.
Das passt für uns nicht, das wollen wir nicht.
Und so muss ich mich zusammenreißen, wenn mein Mann mit den Kindern herumalbert, sie streichelt und mit ihnen kuschelt.
Wie man das mit Kindern eben so macht.
Ich kenne das nur aus dem Fernsehen. Und jetzt vom Mann.
Und jedesmal, je ruhiger und zärtlicher die Situation ist, desto panischer werde ich.

Ich spüre den Angstschweiß, ich merke, wie der Hass und der Ekel hochkochen und es mir den Atem nimmt, wie ich jedes Bisschen Disziplin, das ich besitze, darauf verwenden muss, nicht in eine völlig harmlose Situation zu platzen und Mann und Kinder zu verstören.

Meine Herausforderung.

Die Kinder wissen, dass ich es nicht mag, vorsichtig gestreichelt zu werden. Schon am Arm holt das dermaßen viel hoch, dass ich früh dazu übergegangen bin, zu erklären, dass ich extrem kitzelig bin. Damit können sie leben und ich auch. Das muss reichen.

Jede andere Form von körperlichem Kontakt geht, nur diese Zartheit…

Ein Klavier, ein Klavier…

Ich war 15, als ich mir Klavierstunden wünschte. Es sollte ein weiteres Instrument zu meinen bereits vohandenen werden und ich entschied mich für das Klavier.

Meine Eltern waren in materieller Hinsicht selten knauserig. Ich bekam, was ich wollte, und Geld haben sie im Gegensatz zu Liebe immer großzügig verteilt. Nun war es aber so, dass das Klavier tatsächlich recht teuer war.

Ich erstellte einen Sparplan, tat Möglichkeiten auf, arbeiten zu gehen und mir einen Teil des Geldes selber zusammenzusparen.

Warum das nicht gut war, weiß ich nicht.

Eines Tages kam meine Mutter freudestrahlend zu mir und verkündete, sie wisse, wie ich schnell zu meinem Klavier kommen könne. Mein Großvater, zu dem ich jeden Kontakt abgebrochen hatte und mit dem nur noch meine Mutter ab und an telefonierte, wäre sicherlich bereit, sein Geld dafür zu geben, weil er doch ein schlechtes Gewissen hätte. Wegen der Sache von damals, als ich seinen Penis… und so…

Blut rauschte in meinen Ohren, während meine Mutter Feuer und Flamme für ihre wunderbare großartige Idee war und sich vor Eifer beinahe überschlug. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Ich weiß es einfach nicht mehr. Ich weiß noch, dass wenig später mein Klavier gekauft wurde.

Mit seinem Geld.
Seine Tausender.
Ich wurde ausgezahlt.

Die kleine Fünfjährige, die ihrem Großvater morgens zu Diensten war, wurde 10 Jahre später endlich für ihre Hurendienste bezahlt.

Und alle waren glücklich. Mein Vater, dass er kein Geld ausgeben musste, meine Mutter, weil sie auf diese großartige Idee gekommen war, mein Großvater, weil er endlich kein schlechtes Gewissen mehr haben musste und ich, weil ich ja ein Klavier bekommen hatte.

Ich wollte doch schließlich ein Klavier haben, oder?
Ich lernte Klavier spielen. Privatunterricht, jeden Tag stundenlanges Üben.
Heute… fast 20 Jahre später habe ich es rausgeräumt.
Ich spiele schon so lange mit diesem Gedanken und es ist eins der letzten Dinge, die mich an meine Vergangenheit erinnern.

Alles andere…
Ich habe es rausgeräumt.
Es steht draußen und wartet.

Ich kann keine Entscheidung treffen, aber ich glaube, das habe ich irgendwie schon.
Ich fühle mich besser.
Ich rede mir ein, dass es kein Gewicht mehr haben dürfte, aber ich fühle mich besser.
Und ich will, dass es draußen bleibt.
Ich weiß nicht, wie ich es dem Mann erklären soll, den Kindern… ein Klavier wirft man nicht einfach weg…

Ich sperre mich dagegen, nicht mehr spielen zu können, es wird mir fehlen.
Aber das Gefühl…

Albern, sagt der Kopf.
Endlich, sagt das Herz.

Von Mördern und Jägern

Im Grunde war es gleich offensichtlich. Natürlich kam er aus dem Krieg und natürlich hat er dort Dinge erlebt, die ihn hart werden ließen. Wobei ich manchmal, wenn er mich vergewaltigte, auch dachte, dass dieser Krieg vielleicht nur seine wahre Natur hervorgeholt hat. Natürlich war er grobschlächtig und natürlich hat er Witze über die Menschen gemacht, die er getötet hat. Vielleicht hat mich das damals auf eine ganz furchtbare Art und Weise sogar erregt. Vielleicht. Wer das Monster zähmt, hat den stärksten Beschützer…

Und doch lief es mir jedesmal eiskalt den Rücken herunter, wenn er seine Waffe zog.
Es war nicht Wut, nicht Hass, nicht lodernd, nicht warm, es war kalt.
Eiskalt.
Kalte Berechung.
Er nahm diese Waffe nur in die Hand um zu töten.
Nicht, um am Leben zu bleiben, nicht um sich zu verteidigen, einzig um zu töten.

Ich habe ihn oft schießen sehen.
Es ging nicht um sauberen Tod.
Es ging um Leid.
Und ich sah die Pappmenschen, die wahllos von Schüssen zerfetzt wurden.
Nicht, weil er nicht zielen konnte. Sondern weil ihm das Andere zu viel Spaß brachte.

Und ich schwor, seine Waffe niemals aus den Augen zu lassen.
Wenn er mich schlug, misshandelte, niedermachte, ich wusste immer, wo seine Waffe war.

Bis auf diese eine Nacht.

Er war fertig mit mir und ich dachte, ich hätte Ruhe für diesen Tag, für diese Nacht. Es war nicht das erste Mal, dass ich in die Mündung einer Pistole sah. Doch ich war zu weit weg.

„Nah.“, hörte ich meinen Vater flüstern.

Wenn du mit einer Waffe bedroht wirst, ist deine einzige Chance die Nähe zur Pistole.

Ich stand zu weit weg.

Und so sah ich in seine blauen Augen, die mich kalt anblickten. Ich hatte ihn angegriffen. Ich hatte ihn verletzt. Tief. Doch da war kein Schmerz. Da war nur Kälte.

„Schieß.“ Arrogant tropften die Worte von meinem süffisanten Lächeln herunter.

Es gab nichts mehr zu verlieren.
Wir starrten uns lange an. Nachts, im Halbdunkel.
Da gab es nichts mehr zwischen uns.
Kein Tabu, das im Laufe der Zeit nicht gebrochen worden war.
Und endlose Augenblicke später ließ er die Waffe sinken.

Nie wieder sagt sich so leicht im Leben.
Meistens kommt es anders.

Und so kam es, dass der Mann, der sich selbst als harmlos und langweilig bezeichnen würde, schießen kann wie ein junger Gott.
Waffe, Gewehr, Bogen – in seinen Händen werden diese Waffen zu Verlängerungen seiner Selbst.

Und jedes Mal, wenn ich sehe, wie dieser große muskulöse Körper sich streckt, jeden Muskel und jede Sehne anspannt und eine Achtsamkeit in sein Gesicht tritt, die ihresgleichen sucht, dann denke ich an jene Nacht.

Größer könnte der Unterschied nicht sein.

Werte im Wandel

Vor 15 Jahren zählte ich die Hunderter, die ich am Tag verdient hatte und blickte mitleidig auf alle anderen hinab, die ein anderes Leben führten. Arme Wichte. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade war?

Heute liege ich im Bett neben einem glucksenden Baby, das mir seine Babyfüßchen entgegenstreckt, damit ich spielerisch hineinbeiße, damit es laut lachend erst von mir weg und dann wieder zu mir hinkrabbeln kann. Wie könnte man glücklicher sein als ich es gerade bin?

Und ich sehe die anderen, die ein anderes Leben führen und denke, dass wohl alles seine Berechtigung und auch alles seine Zeit hat.

Herzrasen

Es ist das erste Mal.

Ich träumte, ich träume und bewegte mich in einem endlosen Strom Menschen vorwärts. Immer voran in grauer Einheitsmasse, meine Kinder an der Hand, den Mann an meiner Seite mit dem Baby im Tragetuch. Immer weiter, nur nicht auffallen und diejenigen bedauernd ansehen, die versuchten, gegen den Strom zu schwimmen.

Es ist viel Grau hier. Dunkel.
Und niemand spricht es aus, doch der Weg hat als Ende nicht das Licht sondern den Tod.

Da tippt mir jemand auf die Schulter.
Ich erkenne ihn erst nicht.
Er ist zu jung, Ende 50 vielleicht.
Ich war damals 10 Jahre alt, als ich ihn das letzte Mal so sah.

Eine Lederjacke, wie immer.
Dieser Hut, wie immer. Braune Cordhosen, die ich so an ihm liebte. Hellgelbes Hemd.

Und irgendwie steht er im hellen Licht.
Ich starre ihn an und denke nach.
Es rattert langsam.

Als ich erkenne, wer da vor mir steht, öffne ich fassungslos den Mund.
Das kann nicht sein, träume ich. Ich habe doch so lange nicht von dir geträumt, denke ich. Warum nun?

Der Gedanke ist klar, ich weiß, wo ich bin und was das hier ist. Und ich richte meine Gedanken auf ihn. „Du musst dir etwas Schönes aussuchen und es genießen.“, sagt er in seinem polternden Bariton wie früher, wenn er mir Geld zusteckte. Oder wir was Leckeres geklaut haben.

Ich werfe mich in seinen Arm.

Es ist dieses Gefühl. Große kräftige lange Arme. Breiter Brustkorb, eine feste Umarmung die sich anfühlt, als würde er mich gleich mühelos hochheben und nie mehr runterlassen. Kratzige Gesichtshaut.

Und es ist dieser Geruch. Dieser eine.
Ich hebe mein tränenüberströmtes Gesicht kurz und zeige auf das Baby.

Er nickt und lächelt. „Ich habe es gesehen.“, sagt er.

Ich weine. Meine Gedanken formulieren ganz klar ein „Ich vermisse dich so.“

Und er antwortet: „Ich weiß.“ Er seufzt.

Ich träume, dass ich plötzlich aufwache. Er ist weg. Das Bild ist weg, das Gefühl ist weg. Nur der Gedanke ist noch da, wie bescheuert es ist, träumen zu müssen, dass man etwas träumt. Ich schlafe weiter. Traumlos.

Drei Jahre.
Zwölf Tage.
Ohne ihn.