Paradoxa

Es ist mitunter so seltsam, dass man jemanden erst wegschicken muss, damit es möglich ist, ihm zu begegnen.
Manchmal muss man jemandem erst eine Mutter sein, damit er keine Mutter mehr braucht.
Manchmal muss man jemanden immer wieder hart zu Fall bringen, damit er lernt, weich zu fallen.
Sich von der Angst leiten zu lassen, jemanden zu verlieren, sorgt dafür, dass genau das geschehen wird. Erst in der Freiheit ist wahre Begegnung möglich.
Freiheit existiert nie ohne Erfahrung.
Ich werde einfach warten. Wir haben Zeit.

Ankommen

Erst zwei Tage sind vergangen und schon löst sie sich wieder, die Mauer um die Seele des Kindes. Ich erinnere mich an die ersten Jahre, in denen sie nach jedem Besuch bei ihm hohes Fieber bekam, eine Woche völlig außer Gefecht gesetzt war.

Und so wunderte ich mich heute, als heute Nachmittag die ersten Tränen flossen. Auf eine Rüge meinerseits hin. Es folgten viele weitere Tränen beim Singen heute Abend, als es nicht gelingen wollte, ihren Text meinen Klaviernoten anzupassen. „Ich kann das einfach nicht, Mami.“ Doch. Du kannst alles tun, was du willst. Tränen.

Sturzbäche von Tränen liefen beim Stern über Bethlehem über ihre Wangen und irgendwie, irgendwie hörte sich das heilend an. Strahlend, nachdem es geglückt war. Das blockende Kind von gestern ist wieder weg.

Ich hatte mich auf einen größeren Zeitraum eingestellt – ich weiß, dass sie sich schützen muss.
Dass es erst nach und nach alles hochkommt.
Das Heimweh, die Verzweiflung, allein gewesen zu sein.
Mitgekommen sind viele hässliche Redewendungen, die er benutzt.
Demütigende Witze auf Kosten anderer. Den Kopf hab ich heute Morgen schiefgelegt und sie stumm angesehen, als sie sich über ihre kleine Schwester lustig machte, statt ihr wie sonst zu Hilfe zu eilen. Und sie blickte mich an und ich sah den Schrecken in ihren Augen.

Und die Tränen, ungeweint noch. Jetzt kommen sie, die Tränen; die nächsten Tage werden noch harte Arbeit, Wehen, Geburt, überall.

Und Heilung. Bis zum nächsten Mal. Aber beim nächsten Mal ist sie wieder etwas stärker. Wieder gewachsen. Ich muss Vertrauen haben.

Abnabelung

So kommt es mir zumindest vor.
Und es ist nicht weiter verwunderlich, weil Verantwortung immer auch etwas mit Führung und Kontrolle zu tun hat und oberstes Ziel einer Führung nur lauten kann, das Anvertraute soweit zu stärken, dass es über sich hinauswächst und keiner Führung mehr bedarf bzw. sich selber überantwortet werden kann.
Und trotzdem – der Zeitpunkt ist weise gewählt – habe ich Angst. Angst vor Kontrollverlust, Fehlschlag, Fehlern, die ich so gerne abnehmen würde, aber erst ermöglichen muss, damit wahre Freiheit erfahren werden kann.
Alles großer Mist, manchmal.

Willensstark

Gestern meckerte die Motte laut und kräftig vor sich hin, weil ich die Hände voll hatte und ihr für den Moment nicht helfen konnte.

„Ich WILL aber da rauf!“

Meine Antwort lautete: Dann versuch es selber, ich kann dir im Moment nicht helfen. Sie scheiterte erst einmal.

Eine Frau stand daneben und fragte das Mottenkind: „ICH kann dir helfen, aber sag mal: willst du da rauf oder möchtest du gerne da rauf?“ Ich versagte mir das Schnappen nach Luft und betrachtete neugierig meine Tochter, die kurz über die Frage nachdachte.

Sie warf ihre Haare zurück, sah die Frau fest an und sagte laut und deutlich: „Ich WILL!“

♥

Bah

Immerhin, das Paracetamol puffert den Schmerz ein wenig. Bei der Menge vielleicht auch kein Wunder, ich bezahls wie immer mit Magenkrämpfen. Aber gut.
Dafür beim Nachhausefahren festgestellt, dass das Zahnfleisch an mehreren Stellen einfach angefangen hat zu bluten.
Krönender Abschluss für einen Montag.

Das hilft. Echt jetzt.

Wenn ich mit Wehen, Husten, Zahnschmerzen, Migräne, eingeklemmten Nerven, einer vereiterten Nasennebenhöhlenentzündung, vereiterten Mandeln und einer Mittelohrentzündung plus noch so ein paar Schwangerschaftswehwehchen bei der Hebamme sitze und sie mir allen Ernstes vorschlägt, doch mal einen Kamillentee zu trinken [Das hilft nämlich! Echt jetzt!], damit würde das alles weggehen und zusätzlich ein Aroma-Therapie-Duftbad vorschlägt [Das hilft! Echt jetzt!], dann möchte ich ihren kleinen hübschen viel zu jungen Kopf nehmen und ihn entweder in dem einen oder anderen versenken.
So lange, bis sie mit den Armen rudert, weil sie keine Luft mehr bekommt.

Das hilft auch. Echt jetzt.

Also mir zumindest.
[Aber Gewalt ist ja angeblich keine Lösung.]

Erschlagen

den Tränen nahe… So greifbar alles, und doch so weit weg.
Wie gerne würde ich an das Gute im Menschen glauben, an Gemeinsamkeiten, Freundschaften, Nächstenliebe, Mitgefühl, Verantwortung…

Aber im Grunde sind wir doch alle allein.

Unter deinem Schutz, Gott, haben wir diesen Tag verbracht.

Wir danken dir für alles, was du uns hast gelingen lassen.

Wandle zum Guten, was durch unsere Hand verdorben ist.

Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich für alle, die wir lieben, in der Nähe und in der Ferne: Bewahre sie und halte uns verbunden mit ihnen.

Wir bitten dich auch für die, die uns fremd sind oder feind: Räume weg, was uns trennt, und schenke uns Verständnis füreinander und Frieden.

Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich für alle, die jetzt arbeiten, für alle, die unterwegs sind, für alle, die in den Krankenhäusern wachen: Sei bei ihnen in dieser Nacht.

Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich für alle, die keinen Schlaf finden, für die Kranken und die Schwermütigen, die Verlassenen und die Umhergetriebenen, die nicht nach Hause finden: Nimm sie in deine Hut.

Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich für die Sterbenden: Steh ihnen bei in ihrer letzten Stunde.

Leben und Tod sind in deiner Hand.

Herr, erbarme dich.

Bewahre uns, oh Herr, wenn wir wachen, behüte uns, wenn wir schlafen, auf dass wir wachen mit Christus und ruhen in Frieden.

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.