Sterne [Tobias]

Es ist schon seltsam. Da trage ich unser siebtes gemeinsames Kind unter dem Herzen und bereite mich mit jeder Faser meines Körpers auf die Geburt vor, eine Geburt mit dir gemeinsam.
Ich weiß, dass unser Leben sich im Moment ganz grundlegend ändert, dass du dich ganz grundlegend änderst. Und das ist so richtig wie beängstigend. Als ich damals unser erstes Kind unter dem Herzen trug und du noch so anders warst als heute, hätte ich mir diese Worte hier vermutlich nicht träumen lassen.

Wir sind gemeinsam in über sechs Jahren einen unglaublich weiten Weg gegangen. Ich sehe den Mann von gestern, den von heute und auch den von morgen. Lange schon.
Und so sicher wie ich mir bin, dass du der letzte Mann meines Lebens sein wirst, so sicher wie ich mir bin, dich auf ewig zu lieben, so unsicher bin ich mir, ob dein Weg tatsächlich immer parallel zu meinem verlaufen wird.  Oder ob du dich in absehbarer Zeit für etwas entscheiden wirst, das dir vielleicht im Moment so unmöglich wie unvorstellbar vorkommt.

Deinen Weg alleine weiterzugehen. Ich werde dich nicht aufhalten.

Genau wie unseren Kindern ist das höchste Gut, das ich dir in Liebe geben kann, deine Freiheit. Flügel, wenn die Wurzeln tief genug verankert sind. Ich merke, wie ich mich lange Zeit schon innerlich auf ein Leben allein mit den Kindern vorbereite. Ohne sagen zu können, wann dieser Zeitpunkt kommen wird. Oder ob er kommen wird.

Es ist gebären, alles dies. Erkenntnis, dass wir mit jeder Geburt nicht nur Leben schenken, sondern es auch gleichzeitig dem Tod übereignen.

So verzweifelt, manchmal. So dankbar, dass es dich gibt.

Dass ich auch im Falle eines Abschieds dieses Stück Weg mit dir gehen durfte.

Heilen durfte.

Dass ein Wort von einer Definition zu einer Bedeutung wurde.

Liebe.

Seufzen

So dankbar, so demütig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es Schmerz brauchte, sich wahrhaft lebendig zu fühlen.

Missen möchte ich sie nicht, jene Zeiten meines Lebens, meine Narben trage ich stolz, aber nicht zur Schau.

Es fehlt die Sehnsucht zurück. Bereue nichts.

Dankbar, weitergegangen zu sein.

Es ist gut so wie es ist. Alles hat seine Zeit.

Würgereiz vs. Empathie

Ich schraube Tochterkinds Zimmer auseinander, um ihre versprochene Überraschung allmählich mal zusammenzubauen, da meldet sich das Mottenkind kurz ab, um ein Stück Käse zu essen.

Kommt kurze Zeit später mit einer halben Scheibe Käse zurück und überreicht sie mir mit liebreizendem Lächeln: „Hier Mami, für dich!“

Da das Mottenkind im Moment krank und dünnhäutig ist, lächle ich, bedanke mich herzlich und beiße heroisch ein Stück ab, obwohl Käse zur Zeit nicht meinen kulinarischen Wunschträumen entspricht.

Wie ich da so vor mich hinkaue, legt sie den Kopf schief und sagt:

„Ich mochte das nicht mehr. Erst ist es runtergefällt und dann ist auch noch die Katze drübergeläuft.“

Hargh. Danke, liebes Kind.

Angstpunkte

Ich beginne, meine Mutter zu verstehen. Saß heute Nachmittag über eineinhalb Stunden mit dem Mann im Bett und begann, zu verstehen. Dieses eng verwobene Geflecht aus Angst, Macht, Demütigungen, Missbrauch und Gewalt. Ich kann Dinge benennen, ich kann sie inzwischen ans Licht zerren, ohne dass sie zappeln und sich mit Bildern wehren, die mich dazu veranlassen, sie freizugeben und wieder in die Dunkelheit zu entlassen, von wo aus sie ihre Spielchen treiben können. Das ist für mich ein großer Fortschritt.
Ich betrachte für den Moment nur meine Mutter. Sie ist es, die mich Nacht für Nacht heimsucht und die die Bilder aus Erinnerungssequenzen und Alpträumen immer lauter auferstehen lässt.
Ich kenne diesen Zustand aus den Schwangerschaften und doch ist diesmal etwas anders. Es ruft. Nicht verlockend, dunkel. Sondern es ruft, mich mit ihm zu beschäftigen.

Es mitzunehmen ans Tageslicht, in meine Beziehung, in meinen Alltag. Um zu verstehen. Vielleicht. Endlich. Vielleicht nur ein bisschen.

Es drängt mich so sehr, meine Mutter endlich freigeben zu können. Sie entlassen zu können aus meinem Leben, aus meinen Träumen, meinen Ängsten, meiner Wut, meinem Hass, meiner Liebe… Da ist immer noch das Kind in mir, das schreit. Sehnt. Vieles ist klarer. Vieles darf ich hochholen, vieles betrachten.
Bei der Sexualität sperrt es sich. Vielleicht darf ich das gar nicht so sehr erzwingen, vielleicht kommt es automatisch. Versuche ich, an diese Bilder zu kommen, sie auszuhalten, überkommt mich nach wie vor nur der Ekel. Jede höhere intellektuelle Ebene ausgeschaltet, der Bauch nur noch ein Klumpen aus gellenden Schreien.
Nun ist mein Leben mit Sexualität angereichert, durchzogen und der Umgang damit kein leichter. Immer ist meine Mutter auch dort. Immer steht sie in der Ecke. Die Mauern sind mächtig und sie lassen mich nicht hinüberblicken.

Ich kenne diesen Schutz, ich weiß, er hat mir geholfen zu überleben. Und doch…

Da ist eine Antwort. Jetzt. Ich muss nur noch die Frage finden.

Bittere Ironie – 28.09.2006/2011

Als ich Anfang des Jahres das erste Mal beim Frauenarzt saß und wie man das so macht den ersten Tag der letzten Periode, Zykluslänge und sonstige Daten übermittelte, da hatte ich schon so einen blöden Knoten im Magen.
Als die Ärztin als Entbindungstermin den Todestag unseres kleinen Mädchens beschwingt in den Mutterpass schrieb und mich anlächelte, da kämpfte ich gegen viel.
Erinnerungen, Tränen, den inneren Aufschrei, die Bilder.

Ich sagte nichts.

Es ist nur ein Datum.

Es ist nicht nur ein Datum.

Dieser Tag rückt näher, es ist der fünfte Geburtstag und der fünfte Todestag. Dieses kleine zarte Wesen in unserer Hand. Es würde mir wie Verrat vorkommen, wenn unser Sohn an diesem Tag geboren werden würde. Aber im Grunde… wäre es das wirklich?

Es sperrt in mir, diesen Tag zu teilen. Die anderen Fehlgeburten taten weh. So weh. Und doch ist es ein Unterschied, ob man nur blutet, früh, oder… Wehen, Blasensprung, Geburt eines kleinen Wesens, das so klein und perfekt und zart und vollständig war… Die kleinen Finger, die Füße… Es ist ein Unterschied, auch wenn ich hart gegen mich selber sein will, weil ich ihn mache.

Dieser Tag und der darauffolgende haben sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. In unser Gedächtnis, denn auch unsere Beziehung war danach nicht mehr dieselbe. Konnte es nicht mehr sein. Und an diesen zwei Tagen ist einfach kein Platz mehr.

Ich will das nicht teilen, wenn es doch alles ist, was uns bleibt.

Kleiner Kollaps

Es ist zu heiß. Dabei ist es nicht mal heiß. Nur schwül und drückend und bah und ich will Regen und Kühle und dass alles so ist wie noch letzte Woche. (und Panama – Panama riecht nach Bananen…)

Es kommt mir vor, als ob alle Menschen außer mir bewegliche anmutige Gazellen wären und ich bin der Riesenpottwal an Land. Mit Asthma.

Mein Bauchumfang sprengt so ziemlich alles und der Mann sagt mir auf Spaziergängen (auf denen mich Schnecken überholen) so Dinge wie: Das ist ein süßes kleines Schwangerschaftsbäuchlein.

Ich sehe an mir runter, an diesem Fass von Bauch, das angeblich nur Gebärmutter, Fruchtwasser und ein winziges Baby enthält und kann nur ahnen, wo meine Füße sind, die vermutlich so von Wasser angeschwollen sind, dass ich in der Wüste damit 3 Wochen überleben könnte – wie ein Kamel, nur ohne Höcker. Dafür mit Wöcheln.

Der Mann ist beim Training – noch so ein Stachel – und bewegt sich… (obwohl ich persönlich jeden Gegner einfach plattwalzen würde, Energie hin oder her)… während ich mich selbst geißele und Videos von durchtrainierten Frauen ansehe, die auch noch singen können. Oder nicht singen können, dafür aber hammermäßig lange Beine auf Stühle stellen und dabei zum Niederknien aussehen.

Ich denke an meine Wöchel und daran, wie lange ich sitzen könnte, bevor der Stuhl unter mir einfach zusammenbrechen würde. Vermutlich würde der Mann dann etwas über die minderwertige Qualität von Stühlen im Allgemeinen von sich geben und mich damit noch wütender machen.

Ich atme nicht mehr, ich schnaufe. Ich hasse schnaufende Menschen. Ich habe 15 Kilo abgenommen, weil ich jeden Tag kotzen muss und schnaufe, als hätte ich im letzten halben Jahr zwei Zentner Gewicht zugelegt. Ich finde das unfair. Und doof.

In meiner Phantasie sind schwangere Frauen losgelöste ätherische Wesen, die mit offenen Haaren in Sommerkleidchen über Wiesen schweben und geradezu überirdisch schön von innen heraus strahlen.

Ich stampfe dann mal hinter ihnen her und kotze die Wiese voll.

Man will ja immer das…

Ich wette, sobald das Baby da ist und mein Körper wieder mir allein gehört, habe ich keine – aber auch wirklich gar keine – Ambitionen mehr, aus einem Flugzeug zu springen, den Dschungel zu durchkämpfen oder einen Ozean zu durchschwimmen.

Von der terminlich gerade leider nicht in meinen Kalender passenden Kampfpilotenausbildung mal ganz zu schweigen, die mir aktuell heute Morgen heiße Tränen in die Augen trieb, weil ich mit einem Babybauch und kleinen Kindern an ein Leben gefesselt bin, das in Stimmungsschwankungen aussieht wie ein kleines Kerkerloch bei Wasser und Brot.

Ich hasse diese Scheißhormone.