Schlamperei

Ich habe Aufkleber mit Patientendaten und Untersuchungsergebnissen einer fremden Frau in meinem Mutterpass kleben. Ich frage mich gerade, was diese Frau an vertraulichen Informationen von mir in ihrem Mutterpass kleben hat.

Sprachlos.

Respekt

Wenn jemand, von dem man dachte, er wäre noch gar nicht so weit, einfach eine Entscheidung trifft und diese dann auch durchsetzt – dann ist das so ein bisschen wie Ostern und Weihnachten zusammen.

Jammern und Opfer bleiben wäre wie so oft so viel einfacher.

Aufstehen, Nein sagen und dabei entspannt bleiben ist eine Kunst.

Die Höchste.

Vom BMI und anderen Lügen

Nachdem ich heute den Bericht aus der Praenataldiagnostik bekommen habe, musste ich mir erst ein Schmunzeln und dann ordentlich Wut verkneifen. Wenn man nicht mal in der Lage ist, eine (Gewichts-) Zahl richtig abzulesen, dann erhöht man nach der Berechnung mit dieser Zahl meinen BMI mal eben durch einen Zahlendreher um knappe 10 Punkte. 10 Punkte.

Gut, dass sie keine Anästhesistin geworden ist. Die Narkose hätte vermutlich gereicht, zwei Mammuts zu betäuben.
Und wenn man dann noch auf drei Seiten Bericht unter jedem einzelnen verfickten Punkt (mit einkringeln, sehr schön) schreibt, dass aufgrund dieses hohen BMIs eine genaue Aussage zum Thema Fehlbildungen und Herzfehler nicht möglich sei, dann zeugt das wirklich einfach nur von Inkompetenz.

Ich bin dann für heute wirklich fertig mit der Welt im Allgemeinen und mit Ärzten im Besonderen.

Spaß mit Arzthelferinnen

Eigentlich hatte ich ja heute Glück in der Zuteilung der Arzthelferin beim Frauenarzt. Eigentlich.

Denn der graue Haus- und Hofdrachen der Praxis hat nun mal so einige Wehwehchen und meckert darum nur vom Tresen aus, was sehr wohltuend ist, wenn man dort nicht verweilen sondern von Labor zu Toilette zu CTG zu Arztzimmer muss und dabei von der jungen sehr empathischen Arzthelferin begleitet wird, die einen Patienten tatsächlich neben der Karteikarte noch als Menschen wahrnimmt. Blutabnehmen, messen, wiegen, in einen Becher pinkeln, CTG, all das lief hervorragend, bis… ja bis sie zur Ärztin rein musste um zu assistieren und der Drache kam, mich vom CTG abzukabeln. „Sie liegen ja auf dem Rücken!!“ (Weit aufgerissene Augen, als hätte ich gerade einen Mitpatienten erschossen.)

– Ähm. Ja. So liege ich am besten. „Haben Sie jetzt etwa die GANZE DREIVIERTELSTUNDE so gelegen?????“ (Gefühlte 15 Fragezeichen und so ein wilder Ausdruck in den Augen.)
– Ja. Ich kann nicht anders liegen, ohne starke Schmerzen zu bekommen.
„Sie DÜRFEN in ihrem Zustand nicht auf dem Rücken liegen!!“
Ich seufze. Ich erkläre, dass ich beidseitig klemmenden Ischiasnerv habe und grundsätzlich auf dem Rücken liege. Seit 8 Monaten. Wie in jeder der bisher 9 Schwangerschaften.
„Das muss ich Frau Doktor mitteilen, die spricht mit Ihnen darüber. Sie DÜRFEN nicht so liegen.“

Ich seufze. Ich unterbreche sie. Ja, ich weiß das mit der Vene. Ja, ich bin aufgeklärt worden. Ja. Ja. Ja.  Ich frage mich, was aus der guten alten Anweisung geworden ist, dass man Schwangere nicht aufregen sollte, denn mein Puls ist trotz äußerer Ruhe inzwischen jenseits von Gut und Böse.

Rettung naht. Die nette Arzthelferin kommt ins Zimmer und will nachsehen, warum der Drache so brüllt. Und wird spontan selber angemeckert, dass sie mich auf dem Rücken hätte liegen lassen. Vene und so. Und mein Zustand. Ich lächle sie ein wenig gequält an, als sie einfach nur ruhig mitteilt, dass sie jetzt wieder übernehmen würde. (Beruf und Berufung, einmal mehr)

Nachdem ich mich an so ziemlich allen Körperteilen habe anfassen und begutachten lassen, darf ich nun jede Woche einmal zum Arzt. Ich habe absolute Vorzeigewerte, es ist alles in Ordnung, aber Risikoschwangerschaft. Ne? Ich wüsste ja. Müsste sein. Na klar. Ich weiß ja. Muss ja sein.

Noch maximal sechs Wochen und dann könnt ihr mich alle mal am Arsch lecken.

Ne? Wisst ja.

Schuhladen

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, flötete die emsige Verkäuferin, die an mir vorbeischwebte.

Ich grinste diabolisch.

„Ja. Eine Verkäuferin für jedes Kind und Schuhgröße bitte. In jeder Schuhgröße Gummistiefel, Hausschuhe, Hallenturnschuhe, Ballettschuhe, Halbschuhe. Ich hab drei Kinder dabei und sie sind alle gut gelaunt. Noch. Schuhgröße 33/34 bitte nur in rosa und lila, kein Schnickschnack, auf gar keinen Fall Hannah Montana, Schnürschuhe vor Klettverschluss, dicker Fuß, hoher Spann.
Schuhgröße 31 bitte nur in männlichem Dunkelblau oder schwarz, gerne mit Totenköpfen, bevorzugt mit Spinnen, Schlangen oder SpongeBob, Klettverschluss, schmaler dünner Fuß.
Größe 27/28 ohne Farbvorlieben aber keine Totenköpfe, Klettverschluss, normaler Fuß.
Und ICH brauche Turnschuhe für die Entbindung.“

„Oh. Ähm. Ich… hole ein paar Kolleginnen.“

Zusammen

Den Mann von unterwegs mit drei Kindern im Auto im Büro anrufen, weil an einer Ampel ein sehr netter Mann darauf aufmerksam gemacht hat, dass der eine hintere Reifen eiert.
Vorfahren, auf dem Parkplatz stehenbleiben und zusehen, wie der Mann in Bürokleidung mal eben das Auto untersucht, den Reifen wechselt und alles wieder in Ordnung bringt.
Es ist so ein ganz grundlegendes Sicherheits-Wohlgefühl, dass ich eben nicht alles tun muss was ich könnte.

Nicht einsam. Gemeinsam.
Auch nach so vielen Jahren immer noch erstaunlich.

Staffellauf

Bemerkenswert: Vor acht Jahren war ich selbständig und hatte Stress. Reichlich. Ich hatte ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen und ein Neugeborenes dabei.

Sprach ich von meinem beruflichen Stress, wie ich von Termin zu Termin hetzte und dass ich nachts arbeiten würde, damit ich unter Tag eben auch Mutter sein könnte, obwohl ich das Kind damals quasi alleinerziehend sowieso zu allem mitnehmen musste, erntete ich bewundernde Blicke und viele „Ah“s und „Oh“s und Neid und viele Aussagen wie: „Ich find das so toll, wie du das machst und das ist so bewundernswert und die Reisen und die vielen Termine und wow – für so ein Leben muss man geboren worden sein. Wahnsinn“

Sprach ich von meinem Stress als Mutter eines ersten Kindes, kam ein: „Naja, wolltest es ja so, hm?“

Motte

Meine über alles geliebte, wunderbare Motte!

Damals, vor so langen Jahren, da durchzuckte mich plötzlich die Erkenntnis.
Hochschwanger, nach all diesen Dingen, die unser – mein Leben – so maßgeblich verändert haben, trug ich dich jeden Tag ein Stück weiter gegen die Angst.

„Das Baby ist tot.“, sagte ich Wochen vorher zu deinem Vater, fest davon überzeugt, dass dort kein Leben mehr wachsen würde. Ich bereitete mich vor. Und ich lehnte dich ab. Frisch war die Wunde nach der Geburt deiner toten Schwester schon lange nicht mehr. Und doch konnte, wollte ich dich einfach nicht annehmen. Deine Schwangerschaft war nicht geplant. Ich wollte keine Kinder mehr. Ich war nicht bereit. Wollte dich nicht sehen. Nicht stillen. Weinte meine Tränen stumm.
Dein Vater kündigte langen Urlaub nach der Geburt an, würde er dich doch alleine versorgen müssen. Ich sah meinen Dienst mit der Geburt als beendet an. Wollte nicht noch ein Kind lieben müssen, um es dann gehen zu lassen.

Und dann kamen die Träume. Von dir.
Eine hochgewachsene Amazone mit dickem wehenden rotblonden Haar, die laut schreiend und vor Lebensenergie förmlich berstend in den Kampf zog. Die Träume kamen immer wieder. Immer deutlicher. Immer weiter bedrängten sie mich, bis ich mich überwand, sie anzusehen.
Wach. Mit offenem Geist. Jede Nacht lag ich wach, spürte dich in meinem Bauch, spürte meine Ablehnung gegen jedes Gefühl, das du in meinem Herzen auslöstest.
Und ich sah dich.

„Ich weiß, wie sie heißt.“, sagte ich zu deinem Vater. Und ich war mir sicher. Es gab keinen Platz für Zweifel. Wo wir uns normalerweise verschiedene Namen vorschlugen, beratschlagten, diskutierten, war diesmal kein Raum. Nur Sicherheit, dass dies dein Name sein würde.

Es ist der Name eines ganzen schottischen Kriegerclans und es ist der einzige Name, der deinem Wesen gerecht werden kann.