Poi

Tag 4 mit den Pois.

Ich gebe zu, in meiner grenzenlosen Arroganz als jemand, der sowohl jonglieren als auch Klavier spielen kann, also durchaus darin geübt ist, mit zwei verschiedenen Extremitäten unterschiedliche Dinge zu tun, attestierte ich mir nach dem Konsum einiger TikTok Videos selbstbewusst die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse, direkt mit FeuerPois anzufangen. Leider hatte ich da schon die „extraweichen“ Übungspois bestellt und ergab mich notgedrungen in mein Schicksal, mit minderwertigem (aber immerhin leuchtendem) Übungsgerät starten zu müssen.

Ja.

[So extraweich ist so ein Übungspoi übrigens gar nicht, wenn man ihn mit voller Geschwindigkeit in die Fresse bekommt.]

So klein

Ich kenne es doch schon. Das innere Zittern. Den Schmerz. Die Ungewissheit. Die Übelkeit. Den Zweifel, noch mehr ertragen zu können. Und dann die Gewissheit, noch mehr ertragen zu müssen. Die Sehnsucht, einfach nur geliebt zu werden. Die Wahrheit wert zu sein. Vielleicht sogar Wahrhaftigkeit. Nur einmal in diesem Leben. Nur für einen einzigen Menschen. Mir ist schlecht. Ich übergebe mich ein weiteres Mal. Es ist wieder 2005, 2006, 2009, 2013, 2014, 2016, 2022, 23, 24, 25, 26, es ist heute, es ist damals, es ist jeden Tag und jede Nacht, es ist jede Erinnerung und jeder Schmerz, alles gleichzeitig, immer, überall. Ich spüre, wie noch mehr Mageninhalt nach draußen will und ich ergebe mich dem Schmerz, dem Todeskampf, der Übelkeit. Dieser krampfende Ball im Magen, der versucht, mich auf das vorzubereiten, was die nächste Begegnung bereithält.

Zittern. Ich kenne das. Überall zu kalt, wo keine Wärme mehr sein kann. Heißes Bad, heiße Dusche, ab ins Bett, Heizung an, es hilft nicht, mir ist zu kalt. Wenn das Herz kalt wird, kann die Seele nicht mehr warm werden. Es gelingt nicht mehr, zu oft war ich an diesem Punkt, habe auf den nächsten Einschlag gewartet. Die nächste Wahrheit, die nächste Offenbarung, die nächste Erinnerung, die nächste Verteidigung, den nächsten Angriff, ich sei ohnehin immer nur zu viel, will Menschenunmögliches, bin zu gierig, zu absolut, zu viel, immer nur zu viel, zu viel, zu viel, zu lebendig, zu stark, zu …. ja was eigentlich? Ich?

Das tote Pferd

Das Nachtragen zieht sich. Etwas über 900 Blogeinträge sind es inzwischen und ich möchte gar nicht nachsehen, wie viele noch fehlen, die dichten Jahre kommen erst noch.

Ich sehe beim Übertrag dieselben Texte, die ich auch heute schreibe. Ekel tropft auf die Tastatur. Verachtung ebenfalls. Nachsicht feudelt etwas fahrig darüber und wischt vieles davon mit dem Tuch der Erkenntnis weg. Aber so richtig sauber wird sie nicht mehr.

Ich kann nicht behaupten, die Vorzeichen wären nicht dort gewesen. Ich lese sie schließlich. Schwarz auf Weiß. Na gut, so ein depressionsblaues Dunkelanthrazit auf Weiß, wir wollen korrekt bleiben, ich hab die Farben ja selber ausgewählt. Was fehlte, war entweder die Weisheit oder die Lebenserfahrung oder die Abwesenheit von Hoffnung, wer weiß das schon. Ich habe nur wenig Mitleid mit dem närrischen Menschenkind, das in seiner kindlichen Vorstellung von Liebe und Ewigkeit immer wieder gegen dieselbe Wand gerannt ist, bis das Hirn erschüttert und die Haut abgeplatzt war. Vielleicht gestehe ich eine gewisse geistige Umnachtung zu, die dieser Lebensphase inmitten von Kindererziehung und Hormonen vor allem dem großen WeiterWeiter unterworfen wurde, nicht so sehr dem eigenen Anspruch an Glück. Oder Sichtbarkeit. Oder so etwas albernem wie … Respekt?

Der Sarkasmus schützt nicht vor dem Schmerz. Dem, der heute zerreißt, was damals schon unerträglich war.

Sich in der wichtigsten Frage seines Lebens womöglich grundlegend geirrt zu haben.

Etikettierung

Manchmal erfordert es weniger inneren Widerstand, sich den Stempel des Versagens auf die Stirn zu stempeln als sich der unbequemen Tatsache zu stellen, dass man in jeder Sekunde seines Lebens Handlungsmacht besitzt und diese dann auch anzunehmen, statt in der selbstherrlichen Vermaledeiung seines Charakters zu verharren und alle aktiven Handlungsentscheidungen zugunsten des passivem Ergebens in das eigene Schicksal beiseite zu schieben.

So bin ich halt, was soll ich tun?

[Gebenedeit sei die Demut, den inneren Mechanismen immer noch die andere Wange hinzuhalten, wenn man schon längst hättest aufstehen und gehen können.]

Allein mit mir

Ich habe einen solchen Drang danach, mit mir allein zu sein. Einfach nur zu sein. Nur ich und das Universum all meiner Gedanken, Gefühle, Visionen, Erinnerungen. Ich lasse mich in der nachtschwarzen Kälte unterm Sternenhimmel warm von der Ewigkeit umfangen und bin.

Und dann stehe ich dort in der Stille der Nacht, atme den Wind und lass meine Seele weit werden.

Nichts bleibt, alles bewegt sich. Gedanken ziehen vorbei, kreisen, zögern, fließen, wirbeln. Emotionen wallen, schwappen, dunklelblau, tiefrot, hell, dunkel, strahlend weiß und klebrig schwarz, zerfasern, fluten mich mit Schmerz und Euphorie, alles, immer, gleichzeitig.

In mir kämpfen Fluchtimpuls und Faszination einen ungleichen Kampf, doch das alles hier bin ich. Gut und Böse, Ja und Nein, Leben und Sterben, Hingabe und Führung, Lust und Langeweile, Vergangenheit und Zukunft, Trauer und Freude, Bleiben und Gehen, Sein und Werden.

Satt.

USA

Mit der Kriegerin heute den Umschlag aus dem Stadtarchiv im Norden geöffnet und plötzlich mehrere Abzweigungen mütterlicherseits erschlossen. Da standen sie plötzlich alle – die Namen, mit denen ich meine Kindheit verbracht habe, die ich aber nie offiziell zuordnen konnte, weil Wilhelmine nun mal Tante Minna war, Joseph Onkel Joe aus Texas, Elise das Lieschen war, usw.

Ich weiß, dass 6 der 8 Geschwister meines Großvaters mütterlicherseits direkt nach dem Krieg gemeinsam nach New York übergesiedelt sind und bislang verlor sich dort jede Spur. Nun stehen dort alle Namen, die ihrer Ehepartner und MyHeritage pingt seitdem eigentlich ununterbrochen.

Das war ein erfolgreicher Tag.

Bersten

Ich zähle nicht mehr die gebrochenen Versprechen, ich zähle die Male, die sich die Wunde des Ungeliebtseins Millimeter um Millimeter weiter schließt. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist eine kompromisslose Rückkehr zu selbstwirksamer Stärke, die nicht am Verhalten eines anderen Menschen hängt, weil sie weiß, dass sie sich selbst genügt.

Und je weiter ich einen Pfad in diese Wildnis schlage, umso weiter wird der Riss in der steinernen Hülle in mir, die den Lavastrom aus Kreativität, Lust, Schaffensdrang und Lebendigkeit bändigt. Ich spüre, wie sie förmlich birst und diese grenzenlose Energie aus mir herausbricht.

Ich habe in diesem Jahr keine einzige Stunde im Garten gearbeitet. Zu schmerzhaft, dem Wachstum beizuwohnen, das ich in mir nur so mühsam unter Kontrolle halten kann, um nicht zu weit vorauszueilen. Um zu warten, dass ein Anderer bereit ist. Ich konnte es schlicht nicht ertragen, ich will das Entfalten von Lebendigkeit nicht bezeugen, wenn ich es in mir beschneiden muss.

Es ruft. Die Kreativität. Das Klavier. Der Garten. Das peitschende Verlangen, etwas Neues auszuprobieren, zu scheitern, zu triumphieren, den Schmerz des Versagens zu fühlen, sich der Lust zu ergeben, die jeder Sieg über sich selber durch den Körper laufen lässt.

Ich bin noch da. Ich stehe. Nach all der Zeit.

Ich stehe noch.

Von der Liebe

Für mich ist Liebe die moralische Verpflichtung zu Wahrheit, Echtheit, Loyalität, Verantwortung, Treue und dem täglichen bewussten Entscheiden füreinander.

Ich messe Liebe daran, ob sie sich in Handlung verkörpert: In Schutz, Fürsorge, Initiative, Aufrichtigkeit, Begehren, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten auszuhalten.

Liebe darf schwer sein. Ich lebe Liebe als eine radikale Form innerer Beteiligung. Ich bin viel, ich bin intensiv und wenn ich liebe, dann mit ganzer Bindung, bedingungsloser Loyalität, absoluter Wahrheit und dem Anspruch, meinen Gefährten nicht nur zu begleiten, sondern ihm zur Seite zu stehen.

Ehe heißt auch Zumutung. Ich mute mich dir zu. Vollständig. Mit Schuld, Angst, Scham, Begehren, Verletzlichkeit und allen daraus folgenden Konsequenzen.

Das ist mein Maßstab.
Das fülle ich mit Leben.

Ich werde mich für nichts Geringeres mehr entscheiden.