Eiternd

Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.

Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.

Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.

Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…

Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…

Ich sehe das Licht nicht mehr.

Kausalketten

So dankbar, dass der Kobold endlich, nach endlosen Erklärungsversuchen, zu der Einsicht gelangt ist, dass die Größe der Brüste einer Frau nichts darüber aussagt, ob sie stillt, überhaupt ein Kind hat oder wieviel Milch sich darin befindet.
Vor Monaten kam er nach Gesprächen über das Baby aus einem mir unerfindlichen Grund zu der Erkenntnis, dass die Brust größer werden muss, wenn da auch noch Milch drin ist.
Fortan (und wir hatten sehr warme Frühlingsmonate hier) starrte er jeder Frau in den Ausschnitt und machte eine (sehr laute) Bemerkung über ihre Körbchengröße.

An der Kasse lief das dann so: ich bin mit Auspacken beschäftigt und der Kobold begutachtet die Frau vor uns, die ihre Sachen (vorneübergebeugt) in den Wagen packt. Dann kam wahlweise ein: „Mami, schauuuuu mal, die Frau hat aber SEHR große Brüste. Wo ist denn ihr Baby?“ Oder auch: „Mami, schau mal die Frau hat aber VIEL Milch!“
Die meisten Frauen nehmen das (relativ…) gelassen hin, wenn ich dann dem Kobold erkläre (haha, während er voller Faszination auf BRÜSTE starrt: „Mami, schau, wie schön die wackeln!“), wie es sich so verhält, aber ganz ehrlich? Es gibt schönere Arten, wie die eigenen Kinder auffallen…

Und weniger angenehm wird es dann im Umkehrfall: „Mami, schau mal, die Frau hat ein Baby. Aber wie wird das denn satt? Die Frau hat ja nur so kleine Brüste?“
Aber, ich wurde der Erklärungen nicht müde und wiederholte tapfer Mal um Mal, dass die meiste Milch erst gebildet wird, wenn das Baby trinkt und der Rest der Brust nur aus Fett- und Drüsengewebe besteht. Mal mehr, mal weniger.

Das schlug mir wenige Tage später schon aufs Butterende, als er einer Frau hinterherkuckte und laut bemerkte: „Die Frau hat aber sehr viel Fettgewebe an der Brust.“ Hargh.

Nun endlich, etwas Ruhe. Brüste werden nur noch fasziniert beäugt, aber nicht mehr sofort kommentiert. Meine Nerven befinden sich im Naherholungsurlaub, weil ich das Schlimmste dieser Phase durchstanden wähne, da kommt mir heute Morgen ein Gespräch mit einer Mutter dazwischen, das der Kobold belauscht, statt sich für den Waldtag fertig zu machen.

Es geht um Babynahrung. Sie sagt: „…und er bekommt jetzt fertige Milch aus der Flasche…“

Der Kobold blickt auf, ich ahne Schlimmes, versuche, ihn wieder zur Garderobe zu scheuchen, doch er lässt sich nicht irritieren.

Er blickt auf die Brüste meines Gegenübers und sagt voller Inbrunst: „Dein Baby kann aber trotzdem aus der Brust trinken. Auch wenn die so klein ist. Die ist doch prima!“

kleiner Schnitt

Okay, wenn mein Zahnarzt im Vorfeld von einem kleinen Schnitt im Mund meiner Tochter spricht, dann weiß ich für die Zukunft, dass sich das nicht unbedingt mit meiner Vorstellung eines kleinen Schnittes deckt.
Viel Blut, einige Spritzen und Gewebe später vernähte er den kleinen Schnitt dann mit mehreren Stichen und dickem schwarzen Faden.
Jetzt Schmerzmittel, viel Eis und breiige Nahrung.

Auch für das Kind.
Uff. Danke, nächster Tag.

Freitag ist der neue Montag

Seit zwei Stunden spielen die Kinder Playmobil.

Ich versuche, mit Fieber und Kreislauf einigermaßen den Durchblick zu behalten, wenn wir Bauern sind und die Ernte einbringen, der Bauer des Kobolds zum Arbeiten aber unbedingt auf einem 50cm-Drachen sitzen muss, der regelmäßig die ganze Ernte abflammt, was wiederum das Mottenkind zu empörten und sehr lauten – ich habe meine Kopfschmerzen vergessen – Protestschreien veranlasst.

Ich raff mich dann mal auf und bringe jetzt doch noch ein Kind davon in den Kindergarten.

[Ich nehm den Drachen mit. – Okay. – Echt jetzt, Mami?]
[Vielleicht geht er dort ja verloren…]

retadierendes Moment

Das Gespräch lief eigentlich so lange ausgezeichnet, bis die Erzieherin meines Sohnes mit einem erleichterten Lächeln zur Sprache brachte, wie froh sie sei, dass mein Sohn sich den Hänseleien der anderen Kinder ergeben hätte und „nicht mehr diese albernen Mädchensachen“ anziehen würde. Ich hätte sie gerne gefragt, wo denn ihr Diskriminierungstäschchen mit Vorurteilen stehen würde, damit ich ihr einmal gepflegt hineinkotzen könnte.

Stattdessen folgte eine Unterhaltung über das gesellschaftliche Problem positiver wie negativer Männerdiskriminierung (mein Anliegen) und eine Grundsatzdiskussion über die Farbe lila (ihr Anliegen) und deren modische Geschlechtszugehörigkeit. (best of: „Ich finde es ja SO toll, dass Ihr Sohn gerne und liebevoll mit Puppen spielt, bin dann aber auch immer ein bisschen froh, wenn er wieder mit den anderen Jungs (die, die nur blau und grün tragen) fangen spielt und in die Bäume klettert“)

Ich bin dann mal weg, ein bisschen vor mich hinwürgen.

Schutz

Manchmal wünschte ich, ich könnte euch jeden Wunsch von den Augen ablesen und erfüllen. Manchmal wünschte ich, ich könnte einen Teil meiner Unsterblichkeit geben, euch zu schützen. Euch unverwundbar zu machen gegen all das Leid und die Schmerzen und Qualen, die da noch kommen werden in eurer Zukunft.
Manchmal denke ich, es ist egal, was nach meinem Tod kommt.
Manchmal habe ich das Gefühl zu lügen, wenn ich mich stark und unsterblich mache euch gegenüber, weil auch ich nur schwach und sterblich bin.
Manchmal weiß ich, dass ihr daraus Kraft schöpft. Manchmal macht es euch unsicher. Manchmal stark.
Manchmal braucht ihr die Sicherheit, manchmal fordert ihr sie, manchmal muss ich sie euch verwehren, damit ihr an Stärke und Glauben an euch selbst gewinnt.
Manchmal muss ich euch verletzen, um euch zu schützen.
Manchmal muss es weh tun, wenn es weitergehen soll.
Manchmal verzweifle ich an mir selber.
Manchmal wünschte ich, ich wüsste, was das heißt… Liebe.

3 Tage

Die Woche war so kurz wie erschöpfend bisher.

„Komm, wir kaufen eine Kerze. Eine ganz besondere. Nur für sie. Und die zünden wir einfach immer an, wenn wir an sie denken.“ Ich sah das Tochterkind leicht verstört an. Ich kann schlecht rund um die Uhr eine blöde Kerze brennen lassen. Stunden später erst wurde mir klar, dass sie und ich uns ganz grundlegend in der Verarbeitung des Todes unterscheiden. Ich habe das damals schon mit dem Mann festgestellt, dass es an eine sehr schmerzhafte Grenze führt, Trauerbewältigungsarten zu vergleichen. Er ging zur Arbeit, machte weiter, während ich mitten im Supermarkt beim Einkaufen weinend zusammenbrach und weder vor noch zurück konnte.
Bleibt immer die Frage, was man tun würde, würde man für einen kurzen Moment Gottes Macht in Händen halten. Würde man die Zeit zurückdrehen? Wo die Antwort so klar scheint, dass man nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden würde, kreisen meine Gedanken. Würde man? Würde man wirklich? Wäre das gut? Ich weigere mich, noch weiter darüber nachzudenken, weil es mich an eine Grenze meiner Demut führt, die zu durchbrechen bedeuten würde, restlos alles in Frage zu stellen.

Ich sehe mein hüpfendes lachendes Kind, das nur ab und an zur Ruhe kommt und wie aus heiterem Himmel den Namen seiner Freundin nennt, während ich das Tal der Erinnerungen durchschreite und mir bitter bewusst wird, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt.

Dass die Narben aber nicht weniger schmerzen.

Missverständnis

Das zweijährige Mottenkind versichert mir seit Stunden inständig, dass wir nun ruhig die Geschenke für seinen (eigenen) Geburtstag übermorgen einpacken könnten, es würde auch nix varaaaten, weil isja gehaim!
Irgendwas ist da bei den Erklärungen grundlegend schiefgelaufen.

Kinderkardiologie

Morgen Vormittag wieder. Und diesmal kommt das erste Mal beim Kobold ein Bewusstsein dafür hinzu, was dort eigentlich gemacht wird. Ich bete seit einer Woche unseren Tagesablauf für morgen herunter, so wie ich das mit jedem Termin machen muss, der den geregelten Alltag unseres Sohnes unterbricht, einfach weil… naja, weil er eben der Kobold ist. Nicht einfach, sehr speziell, aber eben unser Kobold.

„Aber Mami-Mausi? Was ist denn, wenn nicht alles in Ordnung ist?“

Ich stutze. In 9 Jahren Kinderkardiologie mit inzwischen 3 Kindern ist das eine Frage, mit der ich eigentlich hätte rechnen müssen, es aber nicht getan habe. Das große Kind ist niemals ängstlich in diese Untersuchungen gegangen, auch nicht, als alle drei Monate aufs Neue über seinen Kopf hinweg über Operationen entschieden wurde. Und so erwischt es mich doch einigermaßen kalt.
Was meinst du, Spätzchen?

„Na wenn was Schlimmes im Herzen ist.“

Es zieht in meinem Bauch. Ich sehe seinen besorgten Blick, sehe meinen Sohn, für den es immer so wichtig ist, alles unter Kontrolle zu haben, dass alles nach Plan gemacht wird und auch nicht einen Millimeter von der gewohnten Vorgehensweise abweicht. Ich kann ihm nicht sagen, dass nichts ist. Ich kann einfach nicht. Dazu ist der Herzfehler nicht irrelevant genug.
Dann sprechen wir erst mal mit Dr.Böhle, antworte ich. Und dann gehen wir erst mal wieder nach Hause.
Ich sehe die große Träne, die er hastig wegwischt. „Ich muss aber nicht alleine dableiben, oder?“
Ich schüttle den Kopf und ziehe diesen wunderbaren zarten Kobold an mich. Ganz klein wird er für einen Moment, ganz mein Baby von früher.
Du bleibst nicht alleine da. Und wenn wir irgendwohin müssen, dann komme ich immer mit dir mit.
Er schmiegt sich an mich, hält mich ganz fest umklammert, bis ich merke, dass seine Anspannung sich löst.
Die zweijährige Motte, die manchmal so viel größer ist als der große Bruder, steht leise daneben und flüstert ihm zu: „Und wenn der Arzt doof ist, dann hau ich ihm was auf die Glocke!“
Ich lächle leise in mich hinein, verzichte auf pädagogische Ansprachen und sehe zu, wie die beiden raufend im Flur verschwinden.
Diese Termine sind nun mal Teil unseres Lebens und es wäre müßig, sie sich wegzuwünschen, weil es nun mal dazugehört.

Aber manchmal… manchmal könnte ich gut darauf verzichten.

Zwei Stunden [Pränataldiagnostik]

Flach und bewegungslos auf dem Rücken, mit langsam absterbenden Beinen, ziehendem Ischias, einem Minimum an Atmung und voller Blase lag ich nun da. Unser Sohn war unkooperativ wie immer („das Kind dreht sich sehr ungünstig“, sagte Frau Dr.Dr.Chefärztin sehr vorwurfsvoll – als hätte ich pränatal da durch Erziehung schon irgendetwas ausrichten können…) und wenn die Diagnose 3 lebende Kinder mit Herzfehlern steht, dann will man ja auch beim vierten was finden, so scheint mir.

Zusätzlich ging ihr wohl quer runter, dass das vor drei Jahren geschallte Kind ohne Herzfehler in der Praenataldiagnostik nach der Geburt gleich zwei unterschiedliche davon aufwies und sie das irgendwie persönlich genommen hatte. „Das kann man auch nicht 1000%ig ausschließen“, fing sie pikiert an, als sie ihre eigenen Unterlagen durchsah und ich habe in Anbetracht der Stimmung dumme Witze über nichtkorrekte Nutzung von Prozentzahlen unterlassen, was ich mir nach einer Stunde stillliegen hoch anrechne.

„Ich kann so nicht arbeiten“, mopperte die gute Frau meinen ungeborenen Sohn an, als er sich mal wieder unter dem Druck des Ultraschallgerätes in die andere Ecke der Gebärmutter drehte. Die Motte kicherte leise und erntete dafür einen strengen Blick, der sie kurzzeitig verstummen und danach lautlos weiterkichern ließ.

„Was wollen Sie denn alles nicht wissen?“, platzte es plötzlich aus Frau Dr.Dr. heraus. Psychologisch betrachtet ein echter Killeranfang für so ein Beratungsgespräch (je ausgebildeter, desto ungeschulter im Umgang mit Menschen). 22. Woche und die Frau fragt mich, welche Entscheidung ich lieber nicht treffen will. So ein Blödsinn.
Auf meine Antwort, dass wir das Kind auf jeden Fall bekommen und für jede Vorbereitung in Form von Information im Falle einer Auffälligkeit dankbar sind, zog sie die Augen hoch und verstummte für 15 Minuten. „Nackenfalte im äußersten Normbereich.“

Hm, mache ich und versuche mein Kind durch Zeichensprache davon abzuhalten, den Nachfüllbehälter mit Ultraschallgel in meine Handtasche zu kippen.

„Also schon nicht ganz dünn.“

Ich hm-me wieder und nehme resigniert zur Kenntnis, dass die Motte den Behälter nun als Ganzes in meine Handtasche gesteckt hat.

„Ich würde da ergänzend bei Ihnen eine Fruchtwasserpunktion empfehlen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Nach 5 Fehlgeburten will diese Frau in meine Fruchtblase pieken, um festzustellen, was uns eh egal wäre?

„Nein.“, sage ich schlicht und warte darauf, dass sie weitermacht. Macht sie aber nicht.

„Ist Ihnen klar, was das bedeuten könnte?“

Hallo?

Wir haben einen kurzen Exkurs über Kinder mit Trisomie 21 hinter uns gebracht, bei dem sie von Vorurteil zu Vorurteil hetzte und ich mich die ganze Zeit einfach nur fragte, in was für einen Zirkus ich da nun wieder geraten bin. Unzufrieden über meine Entscheidung setzte sie missmutig die Untersuchung fort, maulte hier und dort noch ein wenig herum und entließ mich schlussendlich mit dem Fazit, dass mein Kind so dermaßen unkooperativ gewesen sei, dass sie nichts Genaueres sagen könne. Herz soweit ohne Befund, aber da muss man noch mal sehen.

Hmhm, kenn ich schon. Findet sie etwas, muss ich zur Kontrolle, findet sie nichts, muss ich nochmal hin, damit sie vielleicht doch noch was findet.

Ich liebe Ärzte.

[Das Ultraschallgel hab ich dann unten bei der Anmeldung abgegeben]