Uropa, gut durch

„Uropa ist schon gestorben.“, erklärt die Motte der Frau, die wir beim Einkaufen getroffen haben. „Und als er tot war, haben wir ihn gebraten.“

Ich sehe entgeistert auf meine Tochter, als der Kobold sich einmischt. „Wir haben ihn doch nicht gebraten, Blümchen. Uropa wollte geBACKEN werden.“

Die ohnehin schon weit aufgerissenen Augen unseres Gegenübers weiten sich noch einmal mehr, als ich nach schier endlosen Sekunden endlich erkenne, wovon die Kinder reden.

„Kinners. Uropa ist nach seinem Tod verBRANNT worden.“

Aufatmen bei unserer Gesprächspartnerin, leicht irres inneres Gekicher bei mir und Schmollen bei den beiden Mittelkindern.

„Haben wir doch gesagt!“

Hmhmm.

Mit Zucker und halbem Gehirn

Mit Zucker und halbem Gehirn

Das Tochterkind ist krank mit hohem Fieber und der kleine Herr Honig ist wegen seiner Zähne unausstehlich und die mittleren Chaotenkinder demontieren die Wohnung, während ich zwischen warmem Tee reichen und das JoNaLu-Lied zum 872. Mal anmachen versuche nicht durchzudrehen.

Das Tochterkind liest Eragon und mit schreiendem Kleinkind ist es sehr schwierig, ihren begeisterten genuschelten 41,5 Grad Fieber Ausführungen zu folgen.

„Mama?“

„Hm?“

„Was heißt denn kandiert?“

Mir schreit das Baby ins Ohr und ich antworte auf die Frage, die ich zu hören glaubte, mit einem kurzen: „mit Zucker überzogen“.

„Ah.“, macht das Tochterkind und schweigt einen Moment.

„Die haben Säue mit Zucker überzogen?“

Ich versuche, das kreischende Baby davon abzuhalten, meinen Schreibtisch abzuräumen und eine Dose Liptonice über meiner Anwaltspost zu verteilen und mache nur „hmhmmm, ja…“.

„Mama.“

Ich sehe das hochrote Gesicht der Tochter, die seit gestern Abend weder gegessen noch sich bewegt hat und höre sie sagen: „Mama, die haben SÄUE mit Zucker überzogen?“

Ich bin irritiert.

„Wer hat Säue mit Zucker überzogen?“

„Na die hier, in Eragon.“

„Haben die Drachen das denn gegessen?“

„Was haben die Drachen gegessen?“

„Na, die Säue?“

„Welche Säue denn?“

„Du hast doch gerade gesagt, die haben Säue mit Zucker überzogen.“

„Nein, SÄULEN!“

„So ein Unsinn, Tochterkind, warum sollte man denn Säulen mit Zucker überziehen??“

„Ich hab doch gefragt, was das Wort bedeutet!“

„Was? Kandiert?“

„KANNELIERT, Mami!“

[Ah. Das ergab dann mehr Sinn]

Roar!

Der kleine Tuk kann fauchen.

Wie ein Löwe.

Haben ihm die Großen nun ausdauernd und erfolgreich beigebracht.

„Wie macht der Löwe, Herr Honig?“

Und der kleine Tuk legt den Kopf ein bisschen schief, holt tief Luft und macht ein lautes furchterregendes „ROAR!“

Soweit, so putzig.

Leider nutzt er diesen Ausdruck neben dem neu erworbenen „Woscha!“ (für Kuscheln und Schnuffeln) nun besonders für die Brüste anderer Frauen.

Ich bin sehr dankbar für die kalte Witterung, die viele Brustbesitzerinnen dazu bringt, den Ausschnitt nicht mehr ganz so offenherzig zu präsentieren, das gilt aber leider nicht für drinnen arbeitende Kassiereinnen zum Beispiel.

Und jedes Mal, als der kleine Tuk heute Morgen Verrenkungen machte, um seiner Lieblingskassiererin auf die Brüste hauen zu können und mit einem herzhaften „ROAR! WOSCHA!!“ und spitzem Zeigefinger auf ihren Ausschnitt zeigte und mich anmotzte, weil ich ihn nicht aus dem Wagen holte, musste ich an den Kobold denken, der eine ebenfalls sehr ausgeprägte Brustphase durchlebte – allerdings deutlich später, so dass er vor den entsprechenden Frauen stehenblieb, sie ansah und laut und deutlich sagte:

„SIE haben aber prächtige große Brüste!“

Mäh. [Gewalt erzeugt Gegengewalt]

Ich rede mit Engelszungen auf den Kobold ein, dass er sich doch bitte danke wehren soll, wenn er geschlagen wird und ein Nein nichts nützt.

Zurückschlagen. Zurücktreten, weggehen.
Einen Lehrer informieren.
Soweit, so verkehrt.
Klappt nämlich nicht.

Und so schläft das Kind schon seit Wochen wieder im Schlafzimmer, ist geplagt von Alpträumen und Angstzuständen und Panikattacken gepaart mit einer ganz grundlegenden Weigerung, die Schule zu besuchen.

Also standen der Mann, der Kobold und ich bei der Klassenlehrerin.
Die … wenig … gesprächsbereit war.
Ja, da muss er dann halt mal nein sagen. (Ach)
Oder mal zu ihr kommen.
SIE hätte ja noch nie was gesehen. (hmhmmm)

Ich weiß, dass der beste Freund des Kobold auch sehr drangsaliert wird.
Aber auch davon hätte sie ja noch nie… und so.
Und überhaupt.

Da könne sie ja nichts für. (hat niemand behauptet. zu keinem Zeitpunkt)
Ja.
Das ist nun schon wieder ein bisschen her.
Und es wurde nicht besser.

Er wird von mehreren Jungs in eine Ecke am Hintereingang gezogen, die auch nicht einsehbar ist und dort bedroht, gewürgt, geschlagen, getreten, erpresst.

Ich rede und rede und rede und unterm Strich tut er nichts, um sich effizient zu verteidigen. Ich stelle in sehr schwachen Momenten sogar die Wahl der gewaltfreien Erziehung in Frage, denn ICH stand in dem Alter wenn überhaupt auf der anderen Seite und mich hätte tatsächlich niemand anzurühren gewagt, weil ich immer sehr hart zugeschlagen habe.

Andere Geschichte, aber irgendwie doch die gleiche Baustelle.
Habe ich ihn nun verhätschelt, dass er nicht mal gezielt zurücktreten kann?

Durch Zufall habe ich ihn heute am Hintereingang der Schule abgesetzt und er ging fröhlich auf den Schulhof, wo er sofort von einem Jungen abgefangen, an die Wand gedrückt, in die Genitalien getreten und ins Gesicht geschlagen wurde.

Ich schoss aus dem Auto und schaffte dank einem Sekundenbruchteil Vernunft gerade noch, der Motte zu befehlen, auf den Kleinen aufzupassen und ihn zu unterhalten, ich wäre gleich wieder da und ging drohend und extrem wütend Richtung Schulhof.

Egal, dass Erwachsene ihn nicht betreten dürfen, egal, dass da gerade ein kleines Kind Ziel meiner Wut war, nichts davon erreichte mich und damit meine Schutzmechanismen.
Der Junge sah mich und rannte zum Glück erst mal weg.
Ich sah die großen Augen des Kobolds, der total erschrocken zu mir aufsah und ich sah diese Träne kullern, als er schluckte und mit piepsiger Stimme sagte: „Geht schon, Mami.“

Das war der berühmte Tropfen…
Ich richtete mich auf, straffte die Schultern und sagte leise: „Nichts geht so, Kobold. Nichts.“
Ich spürte nur noch diesen Hass in mir.
So viel Vergangenheit, so viel Wut, so viel Hilflosigkeit.

Mehrere Kinder umringten uns und wichen langsam von mir weg.
Ich kenne die Alarmzeichen, wenn meine Disziplin schwindet.
Ich brachte nur ein mühsam beherrschtes „WO?“ raus und mehrere Arme zeigten auf den Spielplatzturm, auf dem ein lachender Junge sehen wollte, was nun passieren würde.

Das Lachen wurde dünner, je näher ich kam.

Als ich direkt vor dem Turm stand und zwei Meter nach oben sah, war es verschwunden.

Meine Stimme war inzwischen vor Wut etwa zwei Oktaven tiefer als in Normalform. „Du wirst da jetzt runterkommen. SOFORT!“
Er kam runter und ich sah das Zittern. Es war mir egal.
„WIE heißt du?“ Er sagte seinen Namen. Es war DER Name. Der, den der Kobold immer wieder nennt, wenn er beim Kuscheln vorsichtig erzählt, dass er wieder geschlagen wurde.

Es wurde rot vor meinen Augen.
„Du.wirst.meinen.Sohn.NIE.wieder.anfassen.HAST du das verstanden?“
Tränen schossen in seine Augen und er nickte.
Ich war so wütend, so unfassbar wütend, dass mich das kaum erreichte.
Alles in mir schrie nach Gewalt und alles in mir kämpfte um Beherrschung.

„Du wirst jetzt mitkommen. Wir werden jetzt deine Klassenlehrerin über dein Verhalten informieren. Den Schuldirektor. Und deine Eltern.“, herrschte ich ihn an.

Das Zittern wurde stärker. Der Kobold und sein bester Freund, der sich inzwischen zu uns gesellt hatte, hielten sich an den Händen, als ich mit meinem kleinen Gefolge den Schulhof überquerte, um eine Aufsicht zu suchen.

Ich fand eine.

„Eltern dürfen um diese Zeit nicht…“

– „Doch.“

Sie verstummte. Ich schilderte mein Anliegen und strafte bei der Gelegenheit auch gleich den Kobold ab. Wer den Mund nicht aufmacht und sich keine Hilfe sucht, der ändert auch nichts.
Durch meinen zugegeben recht wortgewaltigen und lauten Auftritt scharte sich eine Menge Kinder um uns.
Ich hielt eine flammende Rede über Gewalt und Unrecht und da meldete sich ein kleines Mädchen plötzlich zu Wort.

Und erzählte von Schlägen und Drohungen gegen sie und ihre Freundin.
Die Augen der Aufsicht wurden größer und ihre Haltung langsam kleiner.
Der schüchterne beste Freund vom Kobold erklärte, dass auch er gewürgt worden wäre. Von diesem Jungen.

Die nächsten Wortmeldungen kamen.

Ich hatte meine Selbstbeherrschung fast wieder. „Ich schlage vor, Sie holen jetzt die Klassenlehrerin oder den Direktor.“

Sie nickte.

Aus den folgenden Gesprächen der Lehrer mit den Kindern auf Augenhöhe zog ich mich nach einigen Minuten zurück und habe nun Anlass zu der Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern wird.

Ob nun aus Vernunft und Verantwortung der Aufsichts- und Lehrpersonen oder aus Angst davor, dass ich mit weiteren Eltern wiederkommen werde, ist mir fast egal.

Das Gute gewinnt nie.

Aber es kann beim Kämpfen immerhin den Kopf oben halten.

Hausaufgaben

Wo das große Kind einen Gehirn wie ein Fotoapparat zu haben scheint und die Denkleistung jedes Maximallevel sprengt, führen der Kobold und ich erbitterte Grubenkämpfe bei den Hausaufgaben.

Ich kenne das nicht und war dementsprechend unvorbereitet.

Ich will nicht wissen, was heute die Nachbarn dachten, als ich haareraufend meinen armen Sohn in der Küche anbrüllte:

„DREI TAFELN SCHOKOLADE HAST DU SCHON!! DU WILLST ABER 5 TAFELN SCHOKOLADE HABEN! WIEVIELE TAFELN BRAUCHST DU NOCH???“

„Äh, sieben!“

„WAAAAAAAAAAHHHH; DU HAST 3 TAFELN!! DREI!! SCHAU!! DREI!!!!“

Ich fuchtelte inzwischen mit drei Fingern vor seiner Nase rum und hüpfte wie ein Rumpelstilzchen vor ihm auf und ab:

„DREI!! SCHAU! UND DU WILLST FÜNF HABEN! FÜNF!!!! SCHAU!!!“

Und zerrte mit der freien Hand zwei weitere Finger der ersten Hand nach oben. Und klappte sie wieder runter. Und wieder hoch. „KOBOLD!!!!“

„Ah, jetzt hab ichs verstanden Mami. Ich brauche noch 9 Tafeln!“

„AAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHH. FÜNF!!! DU WILLST 5 HABEN!! FÜNF!!! FÜNF!!!!“

„Können wir was anderes nehmen? Ich kann doch sonst nur an Schokolade denken!“

„KOBOLD!!!“

„Mami, das ist echt kein Spaß mit den Hausaufgaben.“

[Grmbflfmargh]

Gehirnaktivität

Der Kobold bittet das Baby grinsend, ihm seine Schuhe aus dem Flur zu holen, weil er selber keine Lust hätte, woraufhin der kleine Tuk in den Flur watschelt und kurz darauf mit einem Schuh wiederkommt.

Der Kobold starrt ihn fassungslos an und stammelt ehrfürchtig:

„Mama… ich glaube … ich glaube … sein Gehirn versteht uns jetzt….“

Das ist für unsere Sicherheit

Die Polizei kontrolliert wieder im Schulviertel, ob alle Kinder in den Autos angeschnallt sind.

Wunderbar, wie ich finde.
Auch gerne öfter.
Autos müssen rechts ran fahren, vier Polizisten kontrollieren per Blick in den Innneraum, ob die Kinder angeschnallt sind, die Autos dürfen weiterfahren. Ich werde rausgewunken, weil wir hinten komplett blickdichte Scheiben haben.

Ich lasse das Fenster runter. Ich lächle und wünsche einen guten Morgen und bin erfreut zu sehen, dass wir einen aus Kindergarten und Schule bekannten Polizisten erwischt haben, den die Kinder schon kennen.

„Darf ich hinten einmal aufmachen?“, fragt er und ich nicke.

Völlig verdrängend, dass der närrische kleine Tuk gerade fremdelt was das Zeug hält und die Tür genau auf seiner Seite aufgemacht wird.
Es kommt, wie es kommen muss, er brüllt los.

Laut.

Sehr laut.

Ich hechte aus dem Auto und der Polizist murmelt erschrocken, dass er dann mal auf die andere Seite geht. Ich nicke und versuche, den kleinen fusseligen Tuk zu beruhigen. Der Polizist öffnet die Schiebetür auf der anderen Seite und begrüßt die Kinder.

Der Kobold sitzt in der zweiten Sitzreihe schulfertig und kuckt misstrauisch auf den Mann.

„Bist du ein richtiger Polizist?“

Die gelbe Warnweste irritiert anscheinend.

„Ja.“, versichert dieser und wendet sich der Motte zu.

Die sitzt in vollem Prinzessinnenornat hinten auf der dritten Sitzbank.

Krone, Ohrringe, Ring, Täschchen, Zauberstab.

„Oh!“, macht der Polizist erfreut. „Du siehst ja schick aus. Eine echte Prinzessin heute Morgen! So eine schöne Krone!“

Die Motte zieht die Augenbrauen zusammen und erklärt ihm leicht mürrisch: „Die Krone ist nicht geklaut! Echt nicht!“

Ich kucke entgeistert nach hinten. Der Tuk schluchzt nur noch und ich will gerade etwas sagen, als der Kobold wichtig hinzufügt:

„Das Auto ist auch nicht geklaut!“

Ich verschlucke mich fast, als er nachsetzt: „Und wir sind auch nicht auf der Flucht! Wirklich nicht!“

Ich ahne, dass die vielen Diebes- und Polizistengeschichten mir gerade aufs Butterende schlagen.

„Mama ist auch nicht zu schnell gefahren!“ Er blickt mich fragend an. „Du bist noch nicht zu schnell gefahren, oder, Mamimausi? So wie letzte Woche, als wir zu Toys’r’us gefahren sind und du 140 gefahren bist, obwohl nur 130 erlaubt waren?“

Ich schwöre mir kurz innerlich, mit den Kindern nie wieder irgendwohin zu fahren, als er sich beschwichtigend an den Polizisten wendet: „Mami fährt wirklich nicht oft zu schnell. Nur manchmal, wenn wir jemanden verfolgen!“

Zufrieden, mir bei der Polizeikontrolle geholfen zu haben, lässt er sich wieder in seinen Sitz sinken.

Ich starre fassungslos zu dem Polizisten, der krampfhaft versucht, ein Grinsen zu unterdrücken, als die Motte ihrem Bruder zu Hilfe kommen möchte. „Oder wenn WIR verfolgt werden.“

Ich denke über Hausarrest nach.

„Und angeschnallt sind wir auch immer. Außer einmal, als Mami uns alle in den Kofferraum gesperrt hat und mit uns losgefahren ist!“

Ich erinnere mich dunkel, als ich beim Autosaugen tatsächlich noch 20 cm zurücksetzte und dafür die Sitze nicht mehr alle einbauen wollte, weil das Auto schon leer war. Meine Gesichtsfarbe hatte inzwischen wohl ein tiefes dunkelrot erreicht.

„Mami sperrt uns aber nicht oft ein!“ , fügt der Kobold wieder hilfreich hinzu.

Ich denke über Prügelstrafen nach.

„Muss Mami jetzt ins Gefängnis?“

Ich sehe die aufkommende Panik in seinem Gesicht.

Mein Babykobold.

Wie süß, er macht sich Sorgen um mich. Ich gebe ein beruhigendes „Natürlich muss ich nicht ins Gefängnis, Kobold.“ von mir, als er sich wieder dem Polizisten zuwendet.

„Sonst müssten sie eben Papa anrufen, damit er kommt und uns abholt. Die Kleinen dürfen ja noch nicht alleine nach Hause gehen und ich muss jetzt echt in die Schule.“

Echte Jungs

„Mamimausi…?“ piepst es leise von meiner Seite.

Hmm? mache ich und sehe schon die Sorgenfalten auf der Stirn des Kobolds.
Zwei Tage Schule liegen hinter ihm, zweimal Hausaufgaben, zweimal Stillsitzen, zweimal neue Welt und dann kam das Wochenende.

Und heute ist ein Montag.

„Mami, ich glaube… ich finde das mit der Schule doch nicht so schön…“

Ich nicke verständnisvoll und bleibe bei einem sanften aber bestimmten: „Das ist jetzt deine Arbeit. Hier wirst du jeden Tag hingehen. Du bist jetzt ein Schulkind.“

Er schweigt und trippelt noch so ein bisschen an meiner Seite herum.
Noch 5 Minuten bis zum Klingeln. Ich sehe aus den Augenwinkeln, dass die Frau neben uns ebenfalls große Probleme hat, ihren Erstklässler durchs Tor zu schieben. Die Eltern dürfen nicht mit auf den Schulhof, die Kinder müssen alleine durchs Tor.
Und während ich noch warte, schiebt sie bereits mit sanfter Gewalt ihren Sohn Richtung Pausenhof.

„Mami, schau mal, der Junge will auch nicht in die Schule, die Schule ist total dooo…. das ist ja Tyler!“

Der geschobene Junge spitzt die Ohren und sieht zu uns rüber.
Seine Mutter blickt mich an und ich lächle. Tyler ruft den Namen des Kobolds und stellt sich neben uns.
Die Jungs stecken die Köpfe zusammen und flüstern.
Nach kurzer Zeit sage ich: „Kobold, deine Klassenlehrerin kommt. Ihr müsst euch jetzt auch aufstellen!“
Beide Jungs sehen unsicher zu mir.
Mein Sohn tastet sachte nach Tylers Hand und dieser greift sofort zu und man kann nicht wirklich sagen, wer sich da an wem festhält.

„Machen echte Jungs das denn? Also sich an der Hand nehmen?“, flüstert Tyler.

Der Kobold sieht nachdenklich seinen Freund an.

„Also am Ende müssen wir uns eh an die Hand nehmen wenn wir reingehen. Und dann können wir ja schon mal anfangen. Und wir sind ja Jungs. Und total echte. Und wir haben ja auch keine Angst oder so. Das wär ja wieder was anderes. Ne?“

Tyler nickt bekräftigend. „Ja. Und wir gehen ja jetzt alleine da rein. Nicht wie Babys oder so.“

Der Kobold nickt ebenfalls.

„Komm, wir küssen unsere Mamas nochmal, damit die endlich gehen. Die sind ja immer so…“

Tyler nickt verständnisvoll. „Meine auch, ich küss sie auch nochmal.“

Ich verbeiße mir jedes Lachen, als ich fest gedrückt und geknutscht werde und sehe den beiden hinterher, wie sie da Hand in Hand in die große Schulwelt stolpern.

„Sind die süß oder sind die süß?“, flüstert Tylers Mutter mir zu, als wir wie Deppen nebeneinander stehen und stoisch winken, bis alle Kinder in der Schule verschwunden sind. Ich grinse und finde, dass mein Sohn es mit seinem Sitznachbarn ganz gut getroffen hat.

Lernkurve (antiproportional zu Nervenstärke)

Er ist 6 Jahre alt, er hat jetzt fünf Stunden lang Essen, Trinken, Fernsehen und Beschwichtigungsversuche verweigert, steigerte sich von „kannichnicht“ über „allestotaldoof“ bis hin zu „aaaarrrrghhhhhsaaaaaaaaaahhhhhhh“ und tränenreichen Wutanfällen mit fliegenden Spielzeugen und ist jetzt vor Erschöpfung eingeschlafen.

Mit vorbildlichen Schleifen an selbstgebundenen Schnürschuhen.

Kreuz die Arme
schlüpf unten vor
zieh ganz fest
und leg ein Ohr
den Ring drumrum zum Fenster raus
zieh die Ohren lang und jetzt ist’s aus.

Gegenwehr

„Ich will aber wie eine wilde Superheldin aussehen, Mama!“

– Auch wilde Superheldinnen tragen geflochtene Zöpfe!

„Das stimmt ja gar nicht! Du bist so gemein! Immer!!“

[Atmen.]