Ratespiele

Das Jugendamt teilte uns letzte Woche mit, dass wir ab heute Abend zwei Gastkinder haben. Für eine Zeit x. Wissen sie selber nicht. Es können 3 Tage sein, es können auch 2 Wochen werden. Der Kindergarten meldet nach Gesprächen mit der Mutter, wir bekommen die Kinder irgendwann diese Woche. Vielleicht ist eines dann frisch operiert. Die Mutter sagt: sie weiß es noch nicht, wann sie bereit ist. Drei Treffen sind geplatzt, mein letzter Stand ist der von gestern Nachmittag, dass es wohl nicht heute wird.

Vielleicht aber doch. Vielleicht auch erst morgen. Oder übermorgen.

Ich übe mich in Langmut.

Chemie

Es passt. Immer noch. Trotz einjähriger Pause.

Gerade haben die beiden eigenmächtig die Eltern des Besuchskindes angerufen und die Besuchszeit um 2 Stunden nach hinten verlängert.

Und nun sitzen da zwei lange schlaksige Mädchen gemeinsam mit einer Katze in 6 Metern Höhe im Kirschbaum und sind so vertraut, wie ich mir das für mein Kind und eine Freundin immer gewünscht habe.

Danke.

Wir werden alle sterben.

Sie war die ganze Grundschule hindurch die beste Freundin des Tochterkindes.

Das erste Mal traf ich sie auf der Party zum 6. Geburtstag meiner Tochter in der ersten Klasse. Große traurige Augen, die von unten zu mir hinaufsahen und alles Leid dieser Welt zu verkünden schienen. Das erste, das sie zu mir sagte, war nicht „Hallo“ oder irgendetwas, es war: „Ich habe letztens geträumt, dass ich zu Tode gewürgt werde. Das ist kein schöner Tod.“

Äh.

Ich war mittelmäßig irritiert, gewöhnte mich aber im Laufe der Jahre an sie. Dunkle Haare, große blaue Augen, immer hängende Mundwinkel und ein Wesen wie Wednesday Addams in ihren besten Momenten. Nachdem sie nicht mit auf das Gymnasium durfte und in einer Ganztagsschule untergebracht wurde, verlor sich der Kontakt, bis wir sie gestern im Supermarkt trafen, als sie versuchte, ihren großen Bruder von hinten zu Fall zu bringen.

Heute ist sie hier.

Ich war gerade dabei, das Kinozimmer zu streichen, als sie mit dem Tochterkind eintrat und ihr Gesicht sich aufhellte. Man kann auch freundlich die Mundwinkel nach unten ziehen, wie ich bemerkt habe.

„Schwarz wie der Tod und rot wie Blut. Hallo.“

Sie war gerade drei Wochen am Meer bei schönstem Sonnenschein und ihre Haut ist so weiß wie ein Bettlaken. Ich habe seit ihrer Ankunft aus dem Zimmer der Tochter, aus dem bei Besuch immer reichlich lautes Gekicher und Gekreische ertönt, exakt nichts gehört. Gerade kam sie die Treppe runter und bog Richtung Badezimmer ab. Nicht, ohne innezuhalten und mich lange starr zu fixieren.

Ich fragte leicht amüsiert: „Na, lebt ihr noch?“ und merke mit dem ersten Wort auch schon, dass die Frage falsch ist.

Sie stand dort und antwortete leise, langsam und nachdenklich: „Ja. Noch. Aber wir werden alle sterben. Irgendwann. Einige früher, einige später.“

[So ein Herzchen.]

Verhältnismäßigkeit

Das Mottenkind kam leider heute gleichzeitig mit dem Kind an, das voller Stolz erzählte, dass es für den gestern rausgefallenen Zahn ein Barbieschiff bekommen hätte. Und dass der nächste schon wackeln würde und sie dann einen Kindercomputer bekäme. Und beim Zahn danach würde sie sich wieder was bei der Zahnfee „bestellen“.

Leider leider hat das Mottenkind aktuell einen Wackelzahn und bekam große Augen.

„Boah, Mami! DAS machen wir auch! Das hört sich super an! Ich reiß den Zahn heute raus und dann bestelle ich mir auch was bei der Zahnfee!“ [Was hat die blöde Elfe? Einen Versandhandel??]

Ich sehe mein Kind an, das unser Prozedere mit ausgefallenen Zähnen sehr wohl sehr gut kennt und sage kurz und knapp: „Nein.“

Die Augen werden groß und die Körperhaltung verrät den Beginn eines ausgewachsenen Wutanfalls, bei dem ich sehr schlecht wegkommen werde. Ich wappne mich innerlich, sehe sie aufmerksam an und setze mich. Es kommt das volle Programm mit hassen, nie-darf-ichs, immer-verbietest-dus und unfairs und gemeins.

Das Ganze in orkanartiger Lautstärke und mit erboster Körperhaltung, Fäusten, die in die Seite gestemmt werden und theatralischen Kullertränen (sie muss mit zunehmendem Alter allerdings öfter die Augen zusammenkneifen, damit das klappt).
Ich sehe ihr stumm in die Augen, höre zu und warte.
Eine Erzieherin hatte sich in der Zwischenzeit neben mich gesetzt und aus dem Gruppenraum steckten 4 Kinder ihren Kopf aus der Tür und starrten die Motte fassungslos an.
Das Publikum tat das Seine und brachte die Motte nach einiger Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sie richtete sich würdevoll zu ihrer ganzen Größe auf, zog ihr Herzchen-T-Shirt zurecht, warf die Haare nach hinten und kam zu mir.
„Dann.eben.nicht.“, verkündete sie motzig.
Ich nickte zustimmend und verabschiedete mich. „Ich liebe dich.“

Sie drehte sich sich auf dem Weg in den Gruppenraum noch einmal um, hob das Kinn und reckte es trotzig nach vorne. „Ja. Ich liebe dich auch.“

Ich sehe die Mutter noch einmal, als ich in der Küche das Mittagessen in den Kühlschrank bringe.

„Da hat aber jemand einen großen Wutanfall bekommen, hm?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und antworte: „Naja, sie war ja auch sehr wütend. Das ist okay.“

Sie grinst mich schief an und sagt entschuldigend: „Wir haben D. gesagt, sie bekommt was beim ersten Zahn. Und jetzt will sie aber bei jedem Zahn etwas haben. Und immer so große Sachen. Und sie hört gar nicht zu. Deswegen können wir jetzt auch nichts mehr daran ändern.“

Achso. Nein. Natürlich nicht.

Magie [Liebe]

Dieser Tag verläuft seit neuneinhalb Stunden absolut katastrophal.
Nichts verläuft wie geplant, nichts funktioniert wie es soll, keiner macht, was ich sage
Und doch …  als der Großvater und der Vater meiner Kinder draußen lachend nebeneinander im strömenden Regen stehen und den Grill unter dem kaputten großen Sonnenschirm bewachen während vier Kinder um sie herum durch den Regen tollen, da stehe ich still und dankbar unter der großen Buche und sehe diese beiden so gleichen Männer an, die sich vor 8 Jahren das letzte Mal gesehen haben und seit einigen Wochen so viel nachholen.

Ich erhasche einen kurzen Blick auf meinen eigenen Mann in 30, 40 Jahren und mir gefällt, was ich sehe. Sehr.
Ich sehe die Unsicherheiten auf beiden Seiten. Die fragenden Blicke. Die Sehnsucht. Die Männlichkeit. Zärtlichkeit. Jedes Mal. Immer wieder.
Mein Herz quillt über vor Dankbarkeit, diese Momente miterleben zu dürfen. Und meine Gedanken wandern kurz zu der Frau, die meinen Mann geboren hat.

So abscheulich sie auch war, ich wünsche ihr, dass sie irgendwo da draußen ihren Frieden gefunden hat. Als ich ihm auch dieses Mal wieder etwas zu essen mitgebe, sieht er mir lächelnd in die Augen und fragt leise: „Ich bewahr die Schüssel wieder auf bis zum nächsten Mal, ja?“

Ich lächle und nicke.

Beim Abschied ergreife ich seine Hand und kann der Ähnlichkeit zu meinem Mann kaum widerstehen.

Seine Bewegungen … seine Körperhaltung … sind mir so vertraut.

Ich ziehe ihn sanft an mich heran und lege meine Wange an seine.

„Bis bald.“

Vom Suchen

Ich war mir so sicher, dass es sich fügen würde, dass die Erkenntnis über mich hereinbrechen würde wie eine Welle der Glückseligkeit, die mich mit warmem weichen Wasser umspülen würde.

Meine Gedanken sind und waren so oft im Schwarzen. Bei jenem Menschen, der meinen Herzschlag so sehr beschleunigte, dass ich mich lange selbst verraten habe. Ich machte mich bereit, weggetragen zu werden. Mich in die Geborgenheit und die Gemeinsamkeit und das Lachen zu kuscheln, das ich erwartete.  Und dort stand ich.

Fragend.
Stumm.

Mein Überlebensinstinkt schenkte mir schon in jungen Jahren den Fluch und die Gabe, in den Menschen lesen zu können. Kein Gefühl ungesehen, keine Lüge ungehört, kein Verrat unbemerkt. Und so stand ich und wartete auf das Echo. Ich sah und hörte nichts.

Kein Echo.
Keinen Nachhall.
Kein Flüstern.
Kein Gefühl.
Keine Regung.

Ich fühlte mich, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen.
Mich blind und taub in unbekanntem Gebiet ausgesetzt.
Meine Sinne tasteten und griffen ins Leere.
Wie amputiert.

Wie können andere Menschen so durchs Leben gehen?
Ich habe so lange Jahre mit Psychopathen zusammengelebt, dass mir kaum etwas fremd ist.
Dies schon.
Haltlos. Fassungslos.

Wie kann ein Mensch so gedämpft sein, dass Resonanz unmöglich wird?

Vom Zweifeln

Ich hatte Besuch.
Und wenn ich schreibe „Ich“, dann ist das mit Familie nun mal zwangsläufig ein „Wir“. Wir hatten Besuch.

Hier gehen viele Menschen ein und aus. Das ist aber nicht das, was ich als „Besuch“ beschreiben würde. Besuch ist: miteinander leben. Alltag zeigen, offenbaren, verletzlich zeigen.
Die Kinder haben viele Freunde. Vier Kinder haben viermal viele Freunde.
Und so trete ich zwangsläufig in für mich enorm viel soziale Interaktion.
Mit Eltern, mit Bekannten, mit Kindern, mit Trainern, Lehrern, Erziehern.
Ich selber bräuchte das nicht.
Ich will das nicht.

Ich habe meinen besten Freund geheiratet, der gleichzeitig mein Seelengefährte in die Ewigkeit ist. Ich brauche darüber hinaus nur sehr sehr wenig um glücklich zu sein. Besuch gehört nicht dazu.

Früher, in meiner Kindheit war Besuch meistens Besuch von Verwandten.
Meine beiden sehr psycho- und soziopathischen Eltern haben während jedes mehrere Tage andauernden Besuchszeitraums starke Beruhigungsmittel genommen.

Immer.
Ohne Ausnahme.

Besuch war also auf der einen Seite sehr schön, weil ich meine durchweg geliebte Verwandtschaft bei mir hatte und auf der anderen Seite auch meine einzige Chance auf eine Art normales Familienleben, weil aus sadistischen, sexuellen und gewaltätigen Elternpersonen plötzlich lächelnde gleichgültige Zombies auf Bromazepam wurden, die schlaff und glücklich in der Ecke hingen und zu allem nickten und selig brummten.
Besuch von Freunden meiner Eltern war meistens eine laute und gewaltätige Orgie von hackedichten Erwachsenen, die abends Spaß daran hatten, an mir herumzufummeln und gerne das Spiel meiner Eltern mitspielten, wer mich am tiefsten demütigen konnte.
Einmal hat ein riesiger Hund, der bestimmt 20kg schwerer war als ich, die ganze Zeit versucht, mich zu besteigen und während ich in relativer Todesangst auf dem Boden lag und versuchte, die Beine zusammenzuhalten, stiegen die Erwachsenen kichernd über uns rüber.

Er kackte mir dann in mein Kinderzimmer und ich war die halbe Nacht damit beschäftigt, die Scheiße irgendwie aus dem Teppich zu bekommen. Ich bin da also unter Umständen etwas vorbelastet, andere Menschen in mein Zuhause zu lassen und darum habe ich diesen Schritt auch seit dem Auszug aus meinem Elternhaus nie in Erwägung gezogen.

Kein Fremder in meinem Haus, wo ich am verletzlichsten bin.
Niemals.
Wo ich schlafe, sind nur Wächter, keine Täter mehr.
Und vielleicht brauchte es auch darum 10 Jahre nach dem ersten Kontakt, dass ich nun eine Einladung ausgesprochen habe, die von Herzen kam. Ich merkte, dass es nicht Angst war, die mich so nervös werden ließ – es war Vorfreude. Nicht diese existenzielle Panik, die mich umschalten lässt. Die Tage und Nächte, die jetzt so schnell an mir vorbeiflogen, waren entspannt und … rund.

Mir fällt kein anderes Wort ein.

Ich konnte so sein, wie ich hier nun mal bin und habe für vier Tage ein sehr aufgewecktes flusiges Kind bei meinen eigenen Kindern sehen und einen frischen winzigen Säugling auf dem Arm halten dürfen, der so zart und hübsch und wunderbar ist. Und dabei war eine – meine – Herzensfreundin, die nach so langer Zeit endlich real wurde.

Zum Anfassen.

Ein großer Schritt, der mit einem großen Geschenk belohnt wurde, das in mir noch nachhallt.

Ja.

Angekommen

Wir sind in den Ferien angekommen. Alle. Zwei volle Wochen hat es allerdings gebraucht, bis keiner mehr wusste, welcher Wochentag eigentlich ist. Da der Mann gerade intern eine neue Stelle angetreten hat, ist Urlaub mit allen Familienmitgliedern diesen Sommer nicht drin und wird verschoben bis in den Herbst.

Das Mottenkind hat noch eine Woche Kindergartenferien und möchte dann auch wieder hingehen. Vorschulkind und so. Außerdem kommt der attraktive Jüngling angehende Erzieher dann noch einmal zu Besuch, der beim Praktikum so viele Herzen gestohlen hatte.

Die Schulkinder machen mit allem Pause. Schwimmen, Kampfsport, Fußball, Turnen, Ballett, was es alles so gibt. Einiges davon läuft zwar in den Sommerferien weiter, aber Ferien sind Ferien.
Habe letzte Woche eine Mutter getroffen, die ihrem Kind tägliche Übungsaufgaben gibt, damit es „nicht außer Übung kommt“. In meinen Augen ist das Quälerei. Wie soll man denn da abschalten?
Das immer-mal-wieder-Tageskind wird ohne Vorwarnung ab und an hier abgegeben und irgendwann wieder abgeholt. Es ist nicht leicht, aber immer noch das Richtige.

Unsere Nachbarn wollen uns kennenlernen. Leider sind unsere Söhne in derselben Klasse und leider ist ihr Kind auch oft hier, aber das ist wirklich kein Grund, beim ersten Treffen darauf zu bestehen, dass wir gemeinsam baden. Ich weiß, der Pool ist neu und ich weiß, sie zeigen ihr Geld gerne, aber nein. Nein, danke. Ich sehe, die neue Nachbarschaft hat zwar weniger Kriminalität, dafür deutlich mehr Narzissmus.

Meine alten Nachbarn fehlen mir ein bisschen. Das Gestöhne und Gewackel von unten. Das ältere Ehepaar, das immer wollte, das die Kinder sie mit Tante und Onkel ansprechen. Unsere portugiesischen Lieblingsnachbarn, die mir in 8 Jahren wirklich ans Herz gewachsen sind. Die Herzlichkeit. Das Gegrüße.

Hier sind viele Witwen und ältere Ehepaare und Neureichs von schräg gegenüber und alter Geldadel auf der anderen Straßenseite und grüßen kann ich hier höchstens Gärtner oder den Postboten. Der Postbote ist immerhin derselbe geblieben. Egal, ich ziehe hier nie wieder weg. Ein Garten und im Haus ein Geräuschpegel, der wirklich jeden Menschen zu Ohrenschutz zwingen würde, wenn er nicht gerade auch Kinder hat, die trampeln, brüllen, schreien, juchzen, tanzen, hoppsen, Spaß haben.

Und ich genieße es mehr als alles andere, das nicht mehr reglementieren zu müssen. Was mir da an Lebensqualität verloren gegangen ist im Laufe der Jahre mit der einen klopfenden und klingelnden Nachbarsfamilie – ich möchte nicht mehr drüber nachdenken.

Übermorgen der nächstlogische Schritt. Ich bin so weit zur Ruhe gekommen, dass ich eine 10 Jahre dauernde Internetfreundschaft tatsächlich in mein Leben lasse. Und das auch gleich so konsequent, dass mich mein Mut selber überrascht.

Aber ich habe keine Angst mehr. Da ist ganz viel. Vorfreude, Aufregung, Nervosität, alles. Aber keine Angst. Sie weiß von so vielen Narben in meinem Leben, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, ob sie vielleicht die auf meiner Haut sehen wird.

Sie kennt sie ja schon.
Alles wunderbar.
Leben.
Liebe.
Und so.

Zahnarzt [Vertrauen] [Meilensteine]

Nachdem alle vier Kinder schon heute früh dort waren, ging es mir heute Nachmittag an den Kragen war ich heute Nachmittag dran. Ich knautsche das Taschentuch meines Großvaters in den Händen und verdamme den  Umzug, weil ich die Metalllibelle nicht finde, die ich normalerweise dabeihabe und zittere so vor mich hin.

Er strahlt mich an. „Alles gut.“

Ich schließe gottergeben die Augen und verkrampfe mich auch nur so ein ganz kleines Bisschen auf dem Stuhl. Er muss was abschleifen und neu machen und greift nach dem Bohrer. Irgendwas fehlt.

Ich reiße die Augen auf. „Betäubung! Sie haben die Betäubung vergessen!!“ Ich spüre die Panik hochkriechen und atme.

Er legt seine Hand auf meine Schulter. „Haben Sie hier jemals Schmerzen bei der Behandlung gehabt?“

Ich schüttle stumm den Kopf.

„Sie haben immer noch so ein großes Problem mit dem Vertrauen. Es wird besser, aber Sie sind ein kleines wildes Kätzchen, das faucht und kratzt, weil es verlassen wurde.“

Der harte russische Akzent in Verbindung mit seiner sanften tiefen Stimme gibt mir den Rest. Ich spüre die Tränen und blinzle sie weg.

„Ich sage Ihnen was. Sie vertrauen mir heute. Einfach so. Weil Sie es können.“

Er zeigt auf eine Schublade.

„Dort drinnen ist genug Betäubungsmittel, um mehrere Bären zu betäuben. Wenn Sie auch nur den winzigsten Schmerz spüren, spritzen wir eine Betäubung. Nehmen Sie die Hand an meinen Arm. Sobald sie drücken, höre ich sofort auf.“

Ich atme. Mir ist unwohl, aber wenn ein Mann außer meinem eigenen Vertrauen verdient, dann dieser. 10 Minuten später ist alles vorbei und ich spüre die Welle der Euphorie, die nach jedem Zahnarztbesuch hochschwappt.

„Sehen Sie. Sie sind großartig. Vertrauen ist etwas Gutes. Sie haben das nur anders gelernt. Und jetzt müssen wir das wieder umdrehen.“

Ich brauche keinen Psychiater. Ich habe einen Zahnarzt.

Kreisend.

Warum hab ich gestern nicht einfach nein gesagt? Ich wollte mir den Tag heute freihalten, einen Tag durchatmen. Hab ich aber nicht. Immerhin haben wir beim Abendbrot das Hupen ignoriert, das lang, häufig und deutlich vor unserem Haus zelebriert wurde. Ich habe mich mittags so sehr geärgert, dass ich inzwischen auf Hupen hier aufspringe, damit das Kind, das nur aus dem Auto geschoben wird, von der Straße aufsammeln kann, dass ich mir vorgenommen habe, nicht mehr wie ein pavlovscher Hund darauf zu reagieren, wenn vor dem Haus ein Auto hupt.

Wenn man ein Kind jeden Tag zu einer Familie mit vier eigenen Kindern bis abends abschieben kann dann kann man verdammt noch mal auch kurz aus dem Auto steigen und klingeln. Vielleicht sogar Hallo und Tschüss sagen. Über den Rest breiten wir mal den Mantel des Schweigens. Die Mutter kommt also rein und fragt das Kind als erstes: „Entweder du musst morgen den ganzen Tag bei Oma sein oder du kommst wieder hier her. Was willst du?“

Als nächstes dann mich, ob ich morgen Zeit habe und zuhause bin.
Das Zeit haben und das zuhause sein ist bloß nicht mein Problem.
Ich hätte lügen können. Fiel aus, weil meine Kinder dabei waren. Ich kann keine „Wir sind morgen nicht da“-Lüge benutzen, wenn ich selber Wahrheit verlange.

Ich hätte sagen können: „Nein. Ich will morgen nicht.“ Das hätte bei einer derart gestörten Persönlichkeit eine ganze Reihe von Dingen in Gang gesetzt – wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Sie ist in einer schwierigen psychischen Verfassung. Dazu kam, dass ihre Tochter direkt vor uns saß und sich die Schuhe anzog. Das Kind, das von wechselnden Männern über Verwandtschaft und Bekannte durch die Bank herumgereicht wird, damit die Mutter es nicht haben muss. Fiel also auch aus.

Ich will ja im Grunde auch nicht nicht. Ich fühle mich bloß reichlich überfahren. Aber auch das werde ich nicht ändern können. Ich hätte sagen können: Lass uns noch mal telefonieren. Vielleicht wäre das die beste Möglichkeit gewesen. Allerdings weigert sie sich, mir ihre Telefonnummer zu geben und selbst wenn sie sagt, sie ruft an, tut sie es nicht. Ich würde also unter Umständen bis zum nächsten Tag warten müssen und dann vielleicht (wieder) das Kind einfach vor dem Tor stehen haben, weil die Mutter schon hupend weggefahren ist.

Gedankliche Zwickmühle. Wie geht man mit jemandem um, der keinen normalen sozialen Umgang gewohnt ist? Mit jemandem, dessen Kartenhaus so wackelt, dass man auf gar keinen Fall eine Karte aus der unteren Reihe herausziehen möchte?

Wenn ich mich verweigere, wird sie einen anderen Deppen finden. Ich mach mir da nur wenig vor, ich bin ihr Mittel zum Zweck und habe mich auch sehr bewusst dafür entschieden. Vielleicht hilft es ja. Vielleicht schenkt ihr das Zeit, die sich braucht, sich zu erholen. Durchzuatmen.

Wieder Mutter sein zu können.

Für das Kind ist es (meine) Wahl zwischen Alltag in einer großen Familie und dem Herumreisen mit verschiedenen Männern, die sie als Idioten tituliert und verhassten Familienmitgliedern oder Fremden. Vielleicht wird das irgendwann einen Unterschied machen, wie ich mich heute entscheide. Da hier soweit alles rund läuft, ist es kein Problem oder eine Belastung, sie hier zu haben. Ich mag sie, meine Kinder mögen sie. Nur der erzieherische Auftrag, den ich bei Besuchskindern sonst komplett weglasse, weil es nicht meine eigenen sind, fordert mich sehr heraus, weil sie inzwischen die drei großen Kinder zu Dingen animieren will, die mir gelinde gesagt die Zornesröte ins Gesicht treiben. Sie hat kein Gewissen. Keine Wertung von richtig und falsch. Bei ihr gibt es ist okay und scheiße ich bin erwischt worden.

Ich weiß nicht, wie ich das die nächsten 5 Wochen Sommerferien handhaben will. Danach kommt sie in den Hort der Schule bis um 16 Uhr, damit sie möglichst lange weg ist. Ich frage mich einfach, was meine Rolle in dieser Sache sein soll.

Gedankenchaos.