Profi

Was fragt das Mottenkind, nachdem es beim Fahrradfahren so dermaßen auf die Nase gefallen ist, dass wir uns von einem Schneidezahn und der inzwischen fast wieder verheilten Lippe verabschieden mussten?

„Muss genäht werden?“

Alter Profi.
Der Zahnarzttermin heute Morgen ist schon durchgesprochen, das Mottenkind guter Dinge, solange der gute Mann sich an die Hygienevorschriften hält: „Musscha abba scheine Handschuhe anschiehen!“

Oder wie mich heute Morgen der Satz aus einer Mail tröstete und anlachte gleichermaßen: „Du hast den Namen gewählt, nicht ohne Grund.“

Ja. Das ist sie.

Meine Kriegerin.

Kino, mal wieder…

Nur noch ein Jahr, nur noch ein Jahr…

Die Klasse des Tochterkindes geht mal wieder ins Kino. Diesmal kein Zeichentrickfilm wie der letzte, den sie mit 5 Jahren sehen musste (ohne, dass wir im Vorfeld darüber informiert worden wären) und nach dem sie wochenlang Alpträume hatte – perfekt ausgewählt für das Seelenleben eines Kindes, das rein psychologisch gesehen dahingehend noch gar nicht voll ausgereift war, Fantasie und Realität zu unterscheiden.

Diesmal ist ja alles anders – diesmal ist das Kind ja schon 8 Jahre alt. Und immerhin wird an einem Freitag Mittag verkündet, dass man am Montagmorgen ins Kino gehen würde. Nachfragen nicht erwünscht. Diesmal ein Film mit echten Menschen und animierten Skeletten, Mumien und sonstigem. Aber lustig.
Hmhm. Ich kanns mir jetzt schon lebhaft vorstellen.
Ich kenne den Film und er ist ganz nett als seichte Unterhaltung. Für Jugendliche bis Erwachsene.

Und dem Himmel sei Dank haben wir das Ding im DvD-Regal stehen, so dass sich das Tochterkind nun am Wochenende in unserer Gesellschaft diese infantile Art der Unterhaltung mit Dialogen, bei denen ich meine eigene Kinder für Ausdruck und Wortwahl rügen würde ansehen darf und wir den Film vermutlich totquatschen dürfen, damit uns die darauffolgenden Nächte nicht aufs Butterende schlagen.

Aber wie sagte die Direktorin bei einem anderen Thema schon so schön vor eineinhalb Jahren? Die meisten Kinder im Alter des Tochterkindes sehen schon so viel Gewalt, die können das ab. Wenn unsere Tochter damit ein Problem hätte, wäre das nicht ihre Angelegenheit.

Japp. Wissen wir inzwischen. Danke für das Gespräch.

Sack Flöhe…

Das Kind hat einen Haschmich und treibt mich in den Wahnsinn. Heute, ausgerechnet heute, mit einer frisch genähten Gesichtswunde, die alle paar Minuten aufreißt und dann wieder tropft, hat sie ihre Vorliebe dafür gefunden, sich im Kreis zu drehen und nach zwei Umdrehungen vor lauter Schwindel umzukippen und irgendwo anzuschlagen. Vorzugsweise mit dem Gesicht.

Sie macht mich wahnsinnig. Wahnsinnig. Sie ist draußen heute Morgen so oft hingefallen wie in einer Woche sonst nicht. Von hier drinnen mal ganz zu schweigen. Ständig stößt sie sich, fällt hin, dreht sich, lacht ein wenig irre und macht weiter. Sie darf nicht nach draußen auf den Spielplatz, nicht toben, sich nicht überanstrengen, nicht rennen, will nicht zuhören, basteln oder malen, sondern lieber kopfüber vom Sofa Salti üben. Sie.macht.mich.wahnsinnig.

Dazu sabbelt sie ununterbrochen (was sie natürlich auch nicht soll) und hört sich durch die Gesichtsschwellung an wie ein Seemann nach fünf Tagen Kneipentour. Nur lauter.

Unser Kinderarzt heute Morgen: „Sauber genäht, sieht gut aus.“

Motte: „Schab ja auch total tapffa schtillehalten! Schbin schonne grosche Mausch!“ Jetzt: Autofahren, weitere Kinder einsammeln.

Dabei ist sie wenigstens fest angeschnallt.

Wundheilung

Generell bin ich ja begeistert von Wundheilung bei Kindern.
Und so sieht die am Sonntagabend vollständig durchtrennte Lippe des Mottenkindes im Grunde hervorragend aus.

Das Bisschen, was da noch an Gewebe raushängt und das Loch im Oberkiefer nun mal außen vorgelassen, ist die Lippe seit Montag nicht mehr aufgeplatzt, blutet nicht mehr und die Schwellung ist auch deutlich geringer geworden.

Das Kind, das strenge Auflagen zu erfüllen hat bezüglich Ruhe und Berührungen an den offenen Wunden schert sich einen Dreck um Anweisungen und macht einfach weiter wie bisher.
Und ganz der Uropa meckert sie ab und an, dass die Fäden so stören würden – ob wir das nicht eben selber machen könnten mit dem Rausziehen.

Bis Freitag warten wir nun noch, dann kann auf jeden Fall ein Teil der Fäden schon mal weg.Und irgendwann im Laufe der nächsten zwei Wochen wird sich dann wohl auch unser Strohhalmverbrauch wieder normalisieren.

[Pudding durch Strohhalm – geht]
[Tomatensauce mit winzig kleinen Spaghettikrümeln haben gerade einen Tobsuchtsanfall ausgelöst]

Eiternd

Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.

Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.

Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.

Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…

Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…

Ich sehe das Licht nicht mehr.

Kausalketten

So dankbar, dass der Kobold endlich, nach endlosen Erklärungsversuchen, zu der Einsicht gelangt ist, dass die Größe der Brüste einer Frau nichts darüber aussagt, ob sie stillt, überhaupt ein Kind hat oder wieviel Milch sich darin befindet.
Vor Monaten kam er nach Gesprächen über das Baby aus einem mir unerfindlichen Grund zu der Erkenntnis, dass die Brust größer werden muss, wenn da auch noch Milch drin ist.
Fortan (und wir hatten sehr warme Frühlingsmonate hier) starrte er jeder Frau in den Ausschnitt und machte eine (sehr laute) Bemerkung über ihre Körbchengröße.

An der Kasse lief das dann so: ich bin mit Auspacken beschäftigt und der Kobold begutachtet die Frau vor uns, die ihre Sachen (vorneübergebeugt) in den Wagen packt. Dann kam wahlweise ein: „Mami, schauuuuu mal, die Frau hat aber SEHR große Brüste. Wo ist denn ihr Baby?“ Oder auch: „Mami, schau mal die Frau hat aber VIEL Milch!“
Die meisten Frauen nehmen das (relativ…) gelassen hin, wenn ich dann dem Kobold erkläre (haha, während er voller Faszination auf BRÜSTE starrt: „Mami, schau, wie schön die wackeln!“), wie es sich so verhält, aber ganz ehrlich? Es gibt schönere Arten, wie die eigenen Kinder auffallen…

Und weniger angenehm wird es dann im Umkehrfall: „Mami, schau mal, die Frau hat ein Baby. Aber wie wird das denn satt? Die Frau hat ja nur so kleine Brüste?“
Aber, ich wurde der Erklärungen nicht müde und wiederholte tapfer Mal um Mal, dass die meiste Milch erst gebildet wird, wenn das Baby trinkt und der Rest der Brust nur aus Fett- und Drüsengewebe besteht. Mal mehr, mal weniger.

Das schlug mir wenige Tage später schon aufs Butterende, als er einer Frau hinterherkuckte und laut bemerkte: „Die Frau hat aber sehr viel Fettgewebe an der Brust.“ Hargh.

Nun endlich, etwas Ruhe. Brüste werden nur noch fasziniert beäugt, aber nicht mehr sofort kommentiert. Meine Nerven befinden sich im Naherholungsurlaub, weil ich das Schlimmste dieser Phase durchstanden wähne, da kommt mir heute Morgen ein Gespräch mit einer Mutter dazwischen, das der Kobold belauscht, statt sich für den Waldtag fertig zu machen.

Es geht um Babynahrung. Sie sagt: „…und er bekommt jetzt fertige Milch aus der Flasche…“

Der Kobold blickt auf, ich ahne Schlimmes, versuche, ihn wieder zur Garderobe zu scheuchen, doch er lässt sich nicht irritieren.

Er blickt auf die Brüste meines Gegenübers und sagt voller Inbrunst: „Dein Baby kann aber trotzdem aus der Brust trinken. Auch wenn die so klein ist. Die ist doch prima!“

kleiner Schnitt

Okay, wenn mein Zahnarzt im Vorfeld von einem kleinen Schnitt im Mund meiner Tochter spricht, dann weiß ich für die Zukunft, dass sich das nicht unbedingt mit meiner Vorstellung eines kleinen Schnittes deckt.
Viel Blut, einige Spritzen und Gewebe später vernähte er den kleinen Schnitt dann mit mehreren Stichen und dickem schwarzen Faden.
Jetzt Schmerzmittel, viel Eis und breiige Nahrung.

Auch für das Kind.
Uff. Danke, nächster Tag.

Freitag ist der neue Montag

Seit zwei Stunden spielen die Kinder Playmobil.

Ich versuche, mit Fieber und Kreislauf einigermaßen den Durchblick zu behalten, wenn wir Bauern sind und die Ernte einbringen, der Bauer des Kobolds zum Arbeiten aber unbedingt auf einem 50cm-Drachen sitzen muss, der regelmäßig die ganze Ernte abflammt, was wiederum das Mottenkind zu empörten und sehr lauten – ich habe meine Kopfschmerzen vergessen – Protestschreien veranlasst.

Ich raff mich dann mal auf und bringe jetzt doch noch ein Kind davon in den Kindergarten.

[Ich nehm den Drachen mit. – Okay. – Echt jetzt, Mami?]
[Vielleicht geht er dort ja verloren…]

retadierendes Moment

Das Gespräch lief eigentlich so lange ausgezeichnet, bis die Erzieherin meines Sohnes mit einem erleichterten Lächeln zur Sprache brachte, wie froh sie sei, dass mein Sohn sich den Hänseleien der anderen Kinder ergeben hätte und „nicht mehr diese albernen Mädchensachen“ anziehen würde. Ich hätte sie gerne gefragt, wo denn ihr Diskriminierungstäschchen mit Vorurteilen stehen würde, damit ich ihr einmal gepflegt hineinkotzen könnte.

Stattdessen folgte eine Unterhaltung über das gesellschaftliche Problem positiver wie negativer Männerdiskriminierung (mein Anliegen) und eine Grundsatzdiskussion über die Farbe lila (ihr Anliegen) und deren modische Geschlechtszugehörigkeit. (best of: „Ich finde es ja SO toll, dass Ihr Sohn gerne und liebevoll mit Puppen spielt, bin dann aber auch immer ein bisschen froh, wenn er wieder mit den anderen Jungs (die, die nur blau und grün tragen) fangen spielt und in die Bäume klettert“)

Ich bin dann mal weg, ein bisschen vor mich hinwürgen.

Schutz

Manchmal wünschte ich, ich könnte euch jeden Wunsch von den Augen ablesen und erfüllen. Manchmal wünschte ich, ich könnte einen Teil meiner Unsterblichkeit geben, euch zu schützen. Euch unverwundbar zu machen gegen all das Leid und die Schmerzen und Qualen, die da noch kommen werden in eurer Zukunft.
Manchmal denke ich, es ist egal, was nach meinem Tod kommt.
Manchmal habe ich das Gefühl zu lügen, wenn ich mich stark und unsterblich mache euch gegenüber, weil auch ich nur schwach und sterblich bin.
Manchmal weiß ich, dass ihr daraus Kraft schöpft. Manchmal macht es euch unsicher. Manchmal stark.
Manchmal braucht ihr die Sicherheit, manchmal fordert ihr sie, manchmal muss ich sie euch verwehren, damit ihr an Stärke und Glauben an euch selbst gewinnt.
Manchmal muss ich euch verletzen, um euch zu schützen.
Manchmal muss es weh tun, wenn es weitergehen soll.
Manchmal verzweifle ich an mir selber.
Manchmal wünschte ich, ich wüsste, was das heißt… Liebe.