3 Tage

Die Woche war so kurz wie erschöpfend bisher.

„Komm, wir kaufen eine Kerze. Eine ganz besondere. Nur für sie. Und die zünden wir einfach immer an, wenn wir an sie denken.“ Ich sah das Tochterkind leicht verstört an. Ich kann schlecht rund um die Uhr eine blöde Kerze brennen lassen. Stunden später erst wurde mir klar, dass sie und ich uns ganz grundlegend in der Verarbeitung des Todes unterscheiden. Ich habe das damals schon mit dem Mann festgestellt, dass es an eine sehr schmerzhafte Grenze führt, Trauerbewältigungsarten zu vergleichen. Er ging zur Arbeit, machte weiter, während ich mitten im Supermarkt beim Einkaufen weinend zusammenbrach und weder vor noch zurück konnte.
Bleibt immer die Frage, was man tun würde, würde man für einen kurzen Moment Gottes Macht in Händen halten. Würde man die Zeit zurückdrehen? Wo die Antwort so klar scheint, dass man nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden würde, kreisen meine Gedanken. Würde man? Würde man wirklich? Wäre das gut? Ich weigere mich, noch weiter darüber nachzudenken, weil es mich an eine Grenze meiner Demut führt, die zu durchbrechen bedeuten würde, restlos alles in Frage zu stellen.

Ich sehe mein hüpfendes lachendes Kind, das nur ab und an zur Ruhe kommt und wie aus heiterem Himmel den Namen seiner Freundin nennt, während ich das Tal der Erinnerungen durchschreite und mir bitter bewusst wird, dass die Zeit tatsächlich Wunden heilt.

Dass die Narben aber nicht weniger schmerzen.

Missverständnis

Das zweijährige Mottenkind versichert mir seit Stunden inständig, dass wir nun ruhig die Geschenke für seinen (eigenen) Geburtstag übermorgen einpacken könnten, es würde auch nix varaaaten, weil isja gehaim!
Irgendwas ist da bei den Erklärungen grundlegend schiefgelaufen.

Kinderkardiologie

Morgen Vormittag wieder. Und diesmal kommt das erste Mal beim Kobold ein Bewusstsein dafür hinzu, was dort eigentlich gemacht wird. Ich bete seit einer Woche unseren Tagesablauf für morgen herunter, so wie ich das mit jedem Termin machen muss, der den geregelten Alltag unseres Sohnes unterbricht, einfach weil… naja, weil er eben der Kobold ist. Nicht einfach, sehr speziell, aber eben unser Kobold.

„Aber Mami-Mausi? Was ist denn, wenn nicht alles in Ordnung ist?“

Ich stutze. In 9 Jahren Kinderkardiologie mit inzwischen 3 Kindern ist das eine Frage, mit der ich eigentlich hätte rechnen müssen, es aber nicht getan habe. Das große Kind ist niemals ängstlich in diese Untersuchungen gegangen, auch nicht, als alle drei Monate aufs Neue über seinen Kopf hinweg über Operationen entschieden wurde. Und so erwischt es mich doch einigermaßen kalt.
Was meinst du, Spätzchen?

„Na wenn was Schlimmes im Herzen ist.“

Es zieht in meinem Bauch. Ich sehe seinen besorgten Blick, sehe meinen Sohn, für den es immer so wichtig ist, alles unter Kontrolle zu haben, dass alles nach Plan gemacht wird und auch nicht einen Millimeter von der gewohnten Vorgehensweise abweicht. Ich kann ihm nicht sagen, dass nichts ist. Ich kann einfach nicht. Dazu ist der Herzfehler nicht irrelevant genug.
Dann sprechen wir erst mal mit Dr.Böhle, antworte ich. Und dann gehen wir erst mal wieder nach Hause.
Ich sehe die große Träne, die er hastig wegwischt. „Ich muss aber nicht alleine dableiben, oder?“
Ich schüttle den Kopf und ziehe diesen wunderbaren zarten Kobold an mich. Ganz klein wird er für einen Moment, ganz mein Baby von früher.
Du bleibst nicht alleine da. Und wenn wir irgendwohin müssen, dann komme ich immer mit dir mit.
Er schmiegt sich an mich, hält mich ganz fest umklammert, bis ich merke, dass seine Anspannung sich löst.
Die zweijährige Motte, die manchmal so viel größer ist als der große Bruder, steht leise daneben und flüstert ihm zu: „Und wenn der Arzt doof ist, dann hau ich ihm was auf die Glocke!“
Ich lächle leise in mich hinein, verzichte auf pädagogische Ansprachen und sehe zu, wie die beiden raufend im Flur verschwinden.
Diese Termine sind nun mal Teil unseres Lebens und es wäre müßig, sie sich wegzuwünschen, weil es nun mal dazugehört.

Aber manchmal… manchmal könnte ich gut darauf verzichten.

Zwei Stunden [Pränataldiagnostik]

Flach und bewegungslos auf dem Rücken, mit langsam absterbenden Beinen, ziehendem Ischias, einem Minimum an Atmung und voller Blase lag ich nun da. Unser Sohn war unkooperativ wie immer („das Kind dreht sich sehr ungünstig“, sagte Frau Dr.Dr.Chefärztin sehr vorwurfsvoll – als hätte ich pränatal da durch Erziehung schon irgendetwas ausrichten können…) und wenn die Diagnose 3 lebende Kinder mit Herzfehlern steht, dann will man ja auch beim vierten was finden, so scheint mir.

Zusätzlich ging ihr wohl quer runter, dass das vor drei Jahren geschallte Kind ohne Herzfehler in der Praenataldiagnostik nach der Geburt gleich zwei unterschiedliche davon aufwies und sie das irgendwie persönlich genommen hatte. „Das kann man auch nicht 1000%ig ausschließen“, fing sie pikiert an, als sie ihre eigenen Unterlagen durchsah und ich habe in Anbetracht der Stimmung dumme Witze über nichtkorrekte Nutzung von Prozentzahlen unterlassen, was ich mir nach einer Stunde stillliegen hoch anrechne.

„Ich kann so nicht arbeiten“, mopperte die gute Frau meinen ungeborenen Sohn an, als er sich mal wieder unter dem Druck des Ultraschallgerätes in die andere Ecke der Gebärmutter drehte. Die Motte kicherte leise und erntete dafür einen strengen Blick, der sie kurzzeitig verstummen und danach lautlos weiterkichern ließ.

„Was wollen Sie denn alles nicht wissen?“, platzte es plötzlich aus Frau Dr.Dr. heraus. Psychologisch betrachtet ein echter Killeranfang für so ein Beratungsgespräch (je ausgebildeter, desto ungeschulter im Umgang mit Menschen). 22. Woche und die Frau fragt mich, welche Entscheidung ich lieber nicht treffen will. So ein Blödsinn.
Auf meine Antwort, dass wir das Kind auf jeden Fall bekommen und für jede Vorbereitung in Form von Information im Falle einer Auffälligkeit dankbar sind, zog sie die Augen hoch und verstummte für 15 Minuten. „Nackenfalte im äußersten Normbereich.“

Hm, mache ich und versuche mein Kind durch Zeichensprache davon abzuhalten, den Nachfüllbehälter mit Ultraschallgel in meine Handtasche zu kippen.

„Also schon nicht ganz dünn.“

Ich hm-me wieder und nehme resigniert zur Kenntnis, dass die Motte den Behälter nun als Ganzes in meine Handtasche gesteckt hat.

„Ich würde da ergänzend bei Ihnen eine Fruchtwasserpunktion empfehlen.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Nach 5 Fehlgeburten will diese Frau in meine Fruchtblase pieken, um festzustellen, was uns eh egal wäre?

„Nein.“, sage ich schlicht und warte darauf, dass sie weitermacht. Macht sie aber nicht.

„Ist Ihnen klar, was das bedeuten könnte?“

Hallo?

Wir haben einen kurzen Exkurs über Kinder mit Trisomie 21 hinter uns gebracht, bei dem sie von Vorurteil zu Vorurteil hetzte und ich mich die ganze Zeit einfach nur fragte, in was für einen Zirkus ich da nun wieder geraten bin. Unzufrieden über meine Entscheidung setzte sie missmutig die Untersuchung fort, maulte hier und dort noch ein wenig herum und entließ mich schlussendlich mit dem Fazit, dass mein Kind so dermaßen unkooperativ gewesen sei, dass sie nichts Genaueres sagen könne. Herz soweit ohne Befund, aber da muss man noch mal sehen.

Hmhm, kenn ich schon. Findet sie etwas, muss ich zur Kontrolle, findet sie nichts, muss ich nochmal hin, damit sie vielleicht doch noch was findet.

Ich liebe Ärzte.

[Das Ultraschallgel hab ich dann unten bei der Anmeldung abgegeben]

Immer drei umsonst

Wann immer ich eine neue Nähidee habe, erscheinen nacheinander drei Gestalten neben der Nähmaschine, die liebreizend säuselnd versichern, dass sie nie etwas Schöneres, Tolleres oder Kreativeres gesehen hätten, um mir das fertige Nähwerk dann unter der Nadel wegzureißen.
Nach dem dritten Teil, das spurlos verschwindet, kann ich dann mit meiner Arbeit anfangen.

„Ich hätt auch gern so eins.“, lächelt mich der große Mann mit den blauen Augen gestern Abend liebevoll an.  

[Immerhin steht er beim Nähen nicht neben mir und zupft wahlweise an meiner Kleidung oder am Stoff, damit es schneller geht]

Elterngespräch

Das Kind ist wie erwartet das leistungsstärkste der Klasse. So wenig Sympathien ich der Lehrerin auf menschlicher Seite entgegenbringe, so sehr gehe ich mit ihrer Unterrichts- und Lernauffassung konform und auch mit der Art, wie sie der großen Tochter gegenübertritt.

Die Schlurigkeit und Bummelei des Kindes sowie seine Arroganz, Dinge nur einmal kurz zu überfliegen, damit sie im Gehirn bleiben, werden sich ihrer Meinung nach spätestens dann legen, wenn es merkt, dass das Tempo und die Anforderungen anziehen. Und so lassen wir sie das letzte Jahr nun einfach noch mal das sein, was sie ist.

Ein kleines Kind mit Spaß an Träumerei, einer lebhaften Fantasie und einem großen Gehirn, das die Schule zum Glück ohne weiteres nebenher bewältigt.

Wissen

Sollte es diesmal wieder so einfach sein, einen Namen zu finden?
Mit demselben unumstößlichen Wissen wie damals bei der Motte hat unser Sohn nun schon seinen ersten Vornamen.
Genauso ausgefallen und mit derselben bestimmten lächelnden Sicherheit.
Ja. Das ist er.

10-Tages-Pensum

Kinderarzt Kind2 (Hören, Sehen, Impfen, Schreiben)
Kinderarzt Kind3 (Hören, Sehen, Malen, dumme Spiele)
Kardiologe Kind2 (wiegen, messen, 30 Sonden, Panikanfälle und Glitsche am Brustkorb)
Kardiologe Kind3 (wiegen, messen, 30 Sonden, Glitsche überall)
Hebamme (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, tasten, horchen, reden)
Frauenarzt (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, Blutabnehmen, untersuchen)
Krankenhaus Pränataldiagnostik (wiegen, messen, eine Stunde bewegungslos auf dem Rücken liegen und danach eventuell mit dem Kardiologen aus Punkt 3 und 4 über ein 4. Kind mit Herzfehler sprechen, aber hey, nicht in einen Becher pinkeln)
Geburtstag Kind2 (Panik, Party, Kuchen und Geschenke)
Party Kind2 (ein Halleluja dafür, dass die Nachbarn unter uns letzte Woche ausgezogen sind)
Geburtstag Kind3 (zwei Luftballons, eine Torte und eine Barbie, mehr braucht es nicht)
Elternsprechtag Schule Kind1 (haha. Ich versuche, niemanden zu verletzen)
Elternsprechtag KiGa Kind2 (siehe vorheriger Punkt)
Elternnachmittag KiGa Kind2 (ja, ein Nachmittag mit drei Kindern, von denen eines mir heißen Kaffee – den ich nicht mag – über den Schoß schüttet, weil das ein „Muttertagsnachmittag mit Kaffeetrinken“ ist, ist unglaublich entspannend und sehr im Sinne eines Muttertagsgeschenks)

Und dabei dauermüde.
Schwangerschaften sind einfach nichts für mich.
20. Woche.
Halbzeit.

Neun

Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich diese Zahl in meinem Mutterpass lese. Schwangerschaft: 9

Geburten: 3

Jeder Tag, der vergeht, bringt mich näher an mein Ziel. Geplant war früher so vieles. So jung und so unbeschwert. 5 gemeinsame Kinder wollten wir haben. Auf jeden Fall. Und wir waren ja noch jung. Und dann, dann kam alles anders. Leben kann man nicht planen. Den Tod auch nicht. Und doch muss man ihn einplanen, ob man will oder nicht.
5 Kinder. Kein Problem, dachte ich. Die Schwangerschaften waren alle nicht schön, sehr schwierig und grenzwertig für mich, aber man muss eben auch in Vorleistung treten, wenn es darum geht, Träume zu verwirklichen.
Dass das Leben andere Pläne für uns bereithalten sollte, davon wollte ich nichts wissen.
Ich habe in den vergangenen Jahren auf die harte Tour gelernt, was Dankbarkeit heißt. Dankbarkeit für ausgetragene Schwangerschaften. Für lebende Kinder. Für das Leben mit Kindern.
Jeder Tag, der vergeht, den ich mein neuntes Baby spüre, tief in meinem Bauch, unter meinem Herzen, so groß schon und doch noch so winzig, macht mich demütiger. Wir sind auf eine Totgeburt vorbereitet. Seltsam, das, mit lebendem Baby im Bauch. Und doch hat das Leben uns gelehrt, auch den Tod in unsere Vorbereitungen mit einzubeziehen.

Ich wünsche mir nicht Gesundheit, nicht Unversehrtheit, nicht mal Leben, wenngleich die Hoffnung stark ist. Aber zu wünschen, zu rechnen, erscheint mir vermessen.
Tief im Herzen weiß ich, dass dies meine letzte Schwangerschaft sein wird.

Der Körper, das Herz und die Seele haben viel ertragen, die letzten Jahre. Gelitten, geweint.
Diesen unseren Traum von damals, als wir noch planten und träumten, kann ich gehen lassen.
Hoch war der Preis, den wir gezahlt haben. Und dann wieder doch nicht. Unendlich die Liebe, die wir dabei erfahren haben. Unerschöpflich groß die Kraft, die wir einander gegeben haben.

Und doch.

Ein Kind wird mein Körper noch gebären. So oder so.

Und es wird gut sein.