Alternativ der Kobold dazu, vor einigen Tagen, als ich Kürbis schnitt: „Wie heißt der Kürbis noch mal, Mama?“
– Hokkaido, Kobold.
„Das ist das, wo Papa immer zum Training hingeht, ne?“
Fast, Spätzchen … fast.
Vier gewinnt!
Überleben
Mir wird immer klarer, wo ich die kleinen Kinder und den großen Mann nebeneinander stelle, dass gewisse Überlebensgrundzüge, die antrainiert werden können, sich mit zunehmendem Alter immer schlechter in ein Leben implementieren lassen.
Würde ich um halb 3 Uhr nachts aufstehen und wie mein Vater „Feuer, Feuer, Notfallübung, die Uhr läuft!“ brüllen, würden hier mehrere Dinge passieren. Meine große Tochter würde vermutlich in Tränen ausbrechen. Die Kleinen verwirrt sein und aufgrund der Uhrzeit vermutlich auch nach mehreren Minuten anfangen zu weinen.
Der Mann würde sich vermutlich an den Kopf fassen, mich entsetzt ansehen, die Kinder trösten, sie wieder ins Bett bringen und danach ein ernstes Wort mit mir wechseln.
Im Alter meiner großen Tochter hatte ich sämtliche mögliche Szenarien dazu im Kopf. „Wo ist das Feuer, welche Wege sind noch frei?“, hätte ich im Aufstehen noch zurückgebrüllt und meine vorbereiteten Sachen angezogen. Die für Feuer, nicht die für die Diebe-sind-im-Haus-Übung. Ich hätte meine Tasche mit meinen Dokumenten an meinen Körper geschnallt, hätte einen Lappen mit dem Wasser an meinem Bett befeuchtet, wäre auf alle Viere gegangen und hätte mich je nach Brandherd und -position zielsicher über die Galerie abgeseilt, hätte die Treppe genommen oder wäre direkt aus dem Fenster im 1. Stock aufs Dach geklettert und wäre vom Vordach aus dann in den Vorgarten gesprungen.
Dort hätte mich mein Vater erwartet, die Zeit gestoppt, mir mitgeteilt, dass ich noch besser werden müsste und mir einen Vortrag gehalten, welche Brandverletzungen oder Rauchvergiftungen mit welchen Symptomen ich jetzt hätte. Danach wäre ich wieder ins Bett gegangen und hätte all das kein bisschen seltsam gefunden.
Tatsächlich habe ich erst mit Mitte 20 festgestellt, dass es Menschen gibt, die diese Art von Kindererziehung und Training komisch finden. Und dass es Menschen gibt, die von ihren Eltern nicht aus fahrenden Booten geschubst, unter Wasser gedrückt oder in Kisten eingesperrt werden, damit sie lernen, mit diesen Situationen umzugehen.
Jetzt kommt der Teil, der nur schwer für mich zu durchdenken ist. Weil ich nur meine Normalität als Maßstab anlegen kann. Ich bin meinem Vater unglaublich dankbar für all diese Dinge. Ich hasse Hilflosigkeit. Ich verabscheue Lähmung und Stillstand.
Jetzt kommt die Frage nach der Wahl der Mittel. Hätte ein anderes Trainingsprogramm ähnliche Effekte gehabt? Wäre mit weniger Drill und mit weniger resoluten Mitteln derselbe Mensch aus mir geworden? Und wenn nicht, würde ich das bedauern?
Was bedeutet es für meine Kinder, nicht in jeder Situation mit den schrecklichsten Konsequenzen und Gefahren konfrontiert zu werden, die sich aus ihrem Handeln ergeben könnten?
Ich wähle oft ähnliche Situationen wie mein Vater. Meine Kinder müssen wissen, wie sie aus einem geschlossenen Auto kommen. Was sie tun, wenn es brennt. Wohin sie gehen müssen, wenn mir etwas passiert.
Ich bemühe mich, diese Dinge behutsam zu transportieren, aber schlussendlich stelle ich fest, dass das Abrufen von Notfallplänen in den allermeisten Fällen nur mit Drill zu erreichen sein scheint. Meine Tochter muss erst nachdenken, wie die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr, Handy meines Mannes, etc. lauten. Das ist Zeit, die sie im Ernstfall nicht hat.
Ich bemühe mich um Geduld. Ich weiß, dass es einen Weg dazwischen geben muss.
Ich sehe ihn einfach nur noch nicht.
Schuhladen
„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, flötete die emsige Verkäuferin, die an mir vorbeischwebte.
Ich grinste diabolisch.
„Ja. Eine Verkäuferin für jedes Kind und Schuhgröße bitte. In jeder Schuhgröße Gummistiefel, Hausschuhe, Hallenturnschuhe, Ballettschuhe, Halbschuhe. Ich hab drei Kinder dabei und sie sind alle gut gelaunt. Noch. Schuhgröße 33/34 bitte nur in rosa und lila, kein Schnickschnack, auf gar keinen Fall Hannah Montana, Schnürschuhe vor Klettverschluss, dicker Fuß, hoher Spann.
Schuhgröße 31 bitte nur in männlichem Dunkelblau oder schwarz, gerne mit Totenköpfen, bevorzugt mit Spinnen, Schlangen oder SpongeBob, Klettverschluss, schmaler dünner Fuß.
Größe 27/28 ohne Farbvorlieben aber keine Totenköpfe, Klettverschluss, normaler Fuß.
Und ICH brauche Turnschuhe für die Entbindung.“
„Oh. Ähm. Ich… hole ein paar Kolleginnen.“
Motte
Meine über alles geliebte, wunderbare Motte!
Damals, vor so langen Jahren, da durchzuckte mich plötzlich die Erkenntnis.
Hochschwanger, nach all diesen Dingen, die unser – mein Leben – so maßgeblich verändert haben, trug ich dich jeden Tag ein Stück weiter gegen die Angst.
„Das Baby ist tot.“, sagte ich Wochen vorher zu deinem Vater, fest davon überzeugt, dass dort kein Leben mehr wachsen würde. Ich bereitete mich vor. Und ich lehnte dich ab. Frisch war die Wunde nach der Geburt deiner toten Schwester schon lange nicht mehr. Und doch konnte, wollte ich dich einfach nicht annehmen. Deine Schwangerschaft war nicht geplant. Ich wollte keine Kinder mehr. Ich war nicht bereit. Wollte dich nicht sehen. Nicht stillen. Weinte meine Tränen stumm.
Dein Vater kündigte langen Urlaub nach der Geburt an, würde er dich doch alleine versorgen müssen. Ich sah meinen Dienst mit der Geburt als beendet an. Wollte nicht noch ein Kind lieben müssen, um es dann gehen zu lassen.
Und dann kamen die Träume. Von dir.
Eine hochgewachsene Amazone mit dickem wehenden rotblonden Haar, die laut schreiend und vor Lebensenergie förmlich berstend in den Kampf zog. Die Träume kamen immer wieder. Immer deutlicher. Immer weiter bedrängten sie mich, bis ich mich überwand, sie anzusehen.
Wach. Mit offenem Geist. Jede Nacht lag ich wach, spürte dich in meinem Bauch, spürte meine Ablehnung gegen jedes Gefühl, das du in meinem Herzen auslöstest.
Und ich sah dich.
„Ich weiß, wie sie heißt.“, sagte ich zu deinem Vater. Und ich war mir sicher. Es gab keinen Platz für Zweifel. Wo wir uns normalerweise verschiedene Namen vorschlugen, beratschlagten, diskutierten, war diesmal kein Raum. Nur Sicherheit, dass dies dein Name sein würde.
Es ist der Name eines ganzen schottischen Kriegerclans und es ist der einzige Name, der deinem Wesen gerecht werden kann.
Würgereiz vs. Empathie
Ich schraube Tochterkinds Zimmer auseinander, um ihre versprochene Überraschung allmählich mal zusammenzubauen, da meldet sich das Mottenkind kurz ab, um ein Stück Käse zu essen.
Kommt kurze Zeit später mit einer halben Scheibe Käse zurück und überreicht sie mir mit liebreizendem Lächeln: „Hier Mami, für dich!“
Da das Mottenkind im Moment krank und dünnhäutig ist, lächle ich, bedanke mich herzlich und beiße heroisch ein Stück ab, obwohl Käse zur Zeit nicht meinen kulinarischen Wunschträumen entspricht.
Wie ich da so vor mich hinkaue, legt sie den Kopf schief und sagt:
„Ich mochte das nicht mehr. Erst ist es runtergefällt und dann ist auch noch die Katze drübergeläuft.“
Hargh. Danke, liebes Kind.
Ankommen
Erst zwei Tage sind vergangen und schon löst sie sich wieder, die Mauer um die Seele des Kindes. Ich erinnere mich an die ersten Jahre, in denen sie nach jedem Besuch bei ihm hohes Fieber bekam, eine Woche völlig außer Gefecht gesetzt war.
Und so wunderte ich mich heute, als heute Nachmittag die ersten Tränen flossen. Auf eine Rüge meinerseits hin. Es folgten viele weitere Tränen beim Singen heute Abend, als es nicht gelingen wollte, ihren Text meinen Klaviernoten anzupassen. „Ich kann das einfach nicht, Mami.“ Doch. Du kannst alles tun, was du willst. Tränen.
Sturzbäche von Tränen liefen beim Stern über Bethlehem über ihre Wangen und irgendwie, irgendwie hörte sich das heilend an. Strahlend, nachdem es geglückt war. Das blockende Kind von gestern ist wieder weg.
Ich hatte mich auf einen größeren Zeitraum eingestellt – ich weiß, dass sie sich schützen muss.
Dass es erst nach und nach alles hochkommt.
Das Heimweh, die Verzweiflung, allein gewesen zu sein.
Mitgekommen sind viele hässliche Redewendungen, die er benutzt.
Demütigende Witze auf Kosten anderer. Den Kopf hab ich heute Morgen schiefgelegt und sie stumm angesehen, als sie sich über ihre kleine Schwester lustig machte, statt ihr wie sonst zu Hilfe zu eilen. Und sie blickte mich an und ich sah den Schrecken in ihren Augen.
Und die Tränen, ungeweint noch. Jetzt kommen sie, die Tränen; die nächsten Tage werden noch harte Arbeit, Wehen, Geburt, überall.
Und Heilung. Bis zum nächsten Mal. Aber beim nächsten Mal ist sie wieder etwas stärker. Wieder gewachsen. Ich muss Vertrauen haben.
Abnabelung
So kommt es mir zumindest vor.
Und es ist nicht weiter verwunderlich, weil Verantwortung immer auch etwas mit Führung und Kontrolle zu tun hat und oberstes Ziel einer Führung nur lauten kann, das Anvertraute soweit zu stärken, dass es über sich hinauswächst und keiner Führung mehr bedarf bzw. sich selber überantwortet werden kann.
Und trotzdem – der Zeitpunkt ist weise gewählt – habe ich Angst. Angst vor Kontrollverlust, Fehlschlag, Fehlern, die ich so gerne abnehmen würde, aber erst ermöglichen muss, damit wahre Freiheit erfahren werden kann.
Alles großer Mist, manchmal.
Willensstark
Gestern meckerte die Motte laut und kräftig vor sich hin, weil ich die Hände voll hatte und ihr für den Moment nicht helfen konnte.
„Ich WILL aber da rauf!“
Meine Antwort lautete: Dann versuch es selber, ich kann dir im Moment nicht helfen. Sie scheiterte erst einmal.
Eine Frau stand daneben und fragte das Mottenkind: „ICH kann dir helfen, aber sag mal: willst du da rauf oder möchtest du gerne da rauf?“ Ich versagte mir das Schnappen nach Luft und betrachtete neugierig meine Tochter, die kurz über die Frage nachdachte.
Sie warf ihre Haare zurück, sah die Frau fest an und sagte laut und deutlich: „Ich WILL!“
♥
Unter deinem Schutz, Gott, haben wir diesen Tag verbracht.
Wir danken dir für alles, was du uns hast gelingen lassen.
Wandle zum Guten, was durch unsere Hand verdorben ist.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die wir lieben, in der Nähe und in der Ferne: Bewahre sie und halte uns verbunden mit ihnen.
Wir bitten dich auch für die, die uns fremd sind oder feind: Räume weg, was uns trennt, und schenke uns Verständnis füreinander und Frieden.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die jetzt arbeiten, für alle, die unterwegs sind, für alle, die in den Krankenhäusern wachen: Sei bei ihnen in dieser Nacht.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die keinen Schlaf finden, für die Kranken und die Schwermütigen, die Verlassenen und die Umhergetriebenen, die nicht nach Hause finden: Nimm sie in deine Hut.
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für die Sterbenden: Steh ihnen bei in ihrer letzten Stunde.
Leben und Tod sind in deiner Hand.
Herr, erbarme dich.
Bewahre uns, oh Herr, wenn wir wachen, behüte uns, wenn wir schlafen, auf dass wir wachen mit Christus und ruhen in Frieden.
Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.
Technikfreaks
Als das Tochterkind gestern das erste Mal ihr Handy bedienen musste, um bis Sonntag damit umgehen zu können, entfuhr ihr beim Auspacken ein quietschiger Seufzer.
„Oh Mama! Das ist ja so eines wie Papa hat!“
Ich ziehe die Augenbrauen fragend hoch und sehe sie an.
„Ähm. Ich dachte, das wäre so ein Altes wie Deins.“
Ich ziehe die Augenbrauen höher.
„Also. Nicht, dass ich das nicht schön fände. Nee, ich find das toll. Das ist super für dich.“
Ich sehe sie schweigend an, Augenbrauen hochgezogen.
„Es wird nicht besser, wenn ich noch mehr sage, oder?“
Ich habe grinsend den Kopf geschüttelt und musste an den Mann denken, der dieselbe Art von Begeisterung zeigt, wenn er neues Spielzeug bekommt.
Und Tatsache – kaum kommt der Mann nach Hause, springt das Kind auf ihn zu: „Papa, ich hab AUCH so ein Handy wie du“ und es vergehen keine 3 Minuten, da hat er seine Finger schon auf dem Touchscreen und sie fachsimpeln.
[Die sind zum Telefonieren da. Im Notfall. Ehrlich jetzt.]
[Alt. Pft.]
[Das ist noch lange gut.]