Ruhe [außen]

Die letzten Wochen und Monate haben meine Definition von eine innere Zerreißprobe ganz neu geformt. Da ist niemand, zu dem wir gehen könnten, der einfach nur ein offenes Ohr oder gar Erfahrungswerte für uns hätte.

Zu speziell, zu ungewöhnlich diese Situation.

Die Menschen, die bedauerlicherweise schon im Vorfeld davon wissen mussten, haben entweder eine sehr realitätsferne Meinung, einen vermeintlich guten Rat, schon mal was in der Zeitung gelesen oder einfach nur unstillbare Neugierde für das, was diese Situation mit uns und den Kindern macht.

Also schweigen wir.

Schlussendlich müssen wir diese Entscheidung ohnehin nur vor uns rechtfertigen können. Vor offiziellen Stellen allerdings müssen wir gläsern werden. Unsere Vergangenheit, unsere Beweggründe, unsere Überlegungen, unser Zuhause, unsere Gedanken, unser gesamtes Leben steht dort auf einem Prüfstand, der tatsächlich über den weiteren Verlauf von 8 Schicksalen bestimmt.

Jedes Wort auf der Goldwaage.

Wenn der Postmann zweimal klingelt…

Ich nehme all meinen Mut zusammen, wenn ich dieser Tage zum Briefkasten gehe.

Was wird diesmal auf uns warten? Gericht? Anwälte? Weitere Rechnungen? Privates? Oder doch nur Werbung? Das Klingeln, das keinen Besucher ankündigt, sondern den Postboten, der erst wieder nachsehen muss, wie er das heutige Schreiben nun zustellen muss.

„Oh, das sieht wieder offiziell aus.“, murmelt er entschuldigend, während er die beiliegenden Seiten sortiert und durchliest.

Vom Amtsgericht.
Schon wieder.
Was ist es diesmal?

Ich krame vorsorglich meinen Ausweis hervor und er arbeitet sich noch durch die gerichtlichen Vorgaben, an wen dieser dicke Brief in seiner Hand nun übergeben werden darf.

Als die Tür sich hinter mir schließt, drehe ich den Briefumschlag unschlüssig in meinen Händen und lege ihn auf den Ofen.
Ich will es gar nicht wissen. Ich will das nicht.
In der Küche sortiere ich alle Zutaten für das Mittagessen auf die Arbeitsplatten. Kartoffeln, Möhren, Fenchel, Lauch, verdammt, der Brief…

Ich werfe das Messer auf die Platte und gehe zum Ofen.
Wütend reiße ich den Umschlag auf und versuche zu erfassen, was dort steht.

Ich sehe auf das Datum, an dem die Anhörung stattfinden soll.  Eine halbe Stunde später sitze ich mit dem Mann beim besten Anwalt dieser Welt und lausche dessen tiefem Bass, der mir einmal mehr verfahrensrechtliche Dinge erklärt, die ich eigentlich nie zu brauchen gehofft hatte.

You’ll never walk alone…

Es ist ein wunderschöner Tag heute.

Kalt, sonnig.
Strahlend blauer Himmel.
Heute ist deine Beerdigung.

Wo ich meine Kinder gerade mit einem Kuss, einer Umarmung und einem Ich liebe euch verabschiedet habe, stehen deine Kinder heute ein siebtes Mal ohne Mutter auf.

Ich wünschte… Ich wünschte vor allem, dass du mehr Zeit gehabt hättest.
Egal, was war.
Das ist ein Gedanke, der mich die zweieinhalb Jahre, die du nun gekämpft hast, nie losließ.
Ich wünschte, du hättest deine Kinder ins Erwachsensein begleiten können.
Ich wünschte, du hättest mehr Zeit gehabt.

Und ich wünschte, ich könnte mehr Verständnis für deine Entscheidungen aufbringen.

…don’t be afraid of the dark.

Machs gut.

Hoffnungen [leise]

Wir sitzen gemeinsam beim Mittagessen und ich gehe mit den Kindern den weiteren Tagesablauf durch, als es unvermittelt aus der großen Tochter herausbricht: „Dann hätte ich fast so etwas wie eine Zwillingsschwester, Mama!“

Ich lächle leise. Es arbeitet in ihr. Ich sehe auf ihrem Gesicht Ehrfurcht. Erstaunen. Zögern. Mut. Hoffnung.
Ja, das Tochterkind und das Zusatzkind 1trennen nur wenige Monate.
Zwei mal 14 Jahre wie sie wohl unterschiedlicher nicht hätten aufwachsen können.

Ich nicke und sehe all meine Kinder nachdenklich an.

Sie sind all die Jahre mit dem ganz selbstverständlichen Wissen um ihre Halb- und Stiefgeschwister aufgewachsen, kennen ihre Namen, ihre Geburtstage, ihre Geschichten, ihre Bilder.
Und die beiden Kinder, die heute ihre Mutter zu Grabe getragen haben, was wissen die wohl? Ich weiß es nicht.
„Und wir vier Großen würden dann alle ganz oben im Haus wohnen! Da haben wir ja auch genau vier Zimmer!“

Ich sehe meinen großen Sohn an, der sich in Gedanken bereits an der xBox mit dem etwas Zusatzkind2 misst. Die Kriegerin sieht etwas mürrisch drein. „Das heißt aber nicht, dass wir dann die Kleinen sind!“ Sie spuckt dieses Wort fast aus.

Ich fühle mit ihr. Ihr großer Bruder – ihr Seelenzwilling – ist in den letzten Wochen gedanklich zu den Großen aufgestiegen, wo sie normalerweise immer zusammen die Mittleren waren. Ich zwinkere ihr zu und schüttle leicht den Kopf, als wäre dieser Gedanke völig abwegig. Sorgen mache ich mir keine um sie. Sie ist das willensstärkste und dickköpfigste Wesen, das mir je begegnet ist.

Dem Butz ist das ganze Gespräch relativ egal, weil es heute Nudeln gibt und neben Nudeln prinzipiell alle anderen Dinge unwichtig sind. In den letzten 9 Wochen sind in jedem von uns Gedanken und Vorstellungen gereift, wie unser Leben weitergeht. Nicht so wie bisher. Aber wohin genau die Reise gehen wird, weiß zum jetzigen Zeitpunkt wohl niemand.

Nur, dass wir langsam Fahrt aufnehmen.

Vom Loslassen

Irgendwann ist man an einem Punkt angelangt, an dem man das Leben an und für sich nur noch loslassen kann. Muss, um den Dingen ihren Lauf zu lassen. Und dann nur noch zusehen kann, wie sich die Dinge entwickeln. Es ist, wie es ist. Mit all dem Schmerz, der Verzweiflung, der Liebe und der Hoffnung.

Trial and error

Ich habs wieder getan. Wenn ich jedesmal einen Euro dafür bekommen würde, wenn ich den Satz höre: „Die Arge hat mir diesen Monat so wenig Geld gelassen, dass… [unverschämte Bitte bitte hier einfügen]“, dann wäre ich noch deutlich reicher als jetzt.

Es ist ja nur einmal, es geht um die Kinder, bla bla bla… Ich mags nicht mehr hören und ich war nicht gut gewappnet, also habe ich wieder einmal (für einmal, haha) zugesagt. Ich frage mich tatsächlich, wann man seinen Stolz verliert. Hat das nur mit dem Geld zu tun? Warum geht das so oft Hand in Hand? Man könnte meinen, dass Menschen, die keine Sozialhilfe beziehen, es vielleicht auch nicht nötig haben, immer wieder andere Menschen ihre Probleme lösen zu lassen, aber ich glaube, das ist es nicht allein. Ich kenne so viele Menschen, die in genau derselben Situation sind und eben nicht den Staat, die bösen Nachbarn, die schlimme Firma dafür verantwortlich machen, dass sie sich neben Zigaretten, elektronischem Spielzeug und Alkohol eben keine Busfahrkarten mehr kaufen können.

Wenn das überhaupt stimmt. Ich erhebe bei diesen bestimmten Menschen in meinem Umfeld keinen Anspruch mehr darauf, die Wahrheit erfahren zu wollen, weil ich das schlicht aufgegeben habe.

Und überhaupt – was macht es für einen Unterschied? Ärgern tut es mich dennoch. Ich will einen weiteren Weg finden, Nein zu sagen. Einen, der für mich passt. Ich will mich noch weiter zurückziehen. Es hatte nun schon so häufig geklappt, aber ich vermute, auch diese Dinge rückwärts zu entwickeln, benötigt einfach Zeit. Viel Zeit. Und weitere Fehler meinerseits. Was am Telefon nicht gut geklappt hat, funktionierte immerhin bei einem ungebetenen Besuch, der heute vor meiner Burg stand, sehr gut. Knapp, klar, nicht unfreundlich aber auch nicht freundlich meinen Standpunkt geäußert.

Nein, nicht hier, nicht jetzt, gar nicht. Punkt.
Neinsagen ist gut fürs Gemüt. Immer wieder.
Übungssache.

mausgrau

Mit der Fassade fiel auch der Stress.

Kein peinlich genaues Achten auf Kleidung, MakeUp, Frisur, Uhrzeit… Völlig egal. Dann komme ich eben, wenn noch keiner da ist. Oder schon alle weg sind. Dann ist eben ein Fleck auf meinem Pullover und dann sind die Stiefel eben nicht geputzt. Dann winke ich eben nur zerstreut, wo ich mich vorher auf ein halbstündiges Gespräch vorbereitet habe. Und dann – so wie heute Mittag – lehne ich eine Bitte nach Verfassen und Ausformulieren einen umfangreichen Textes eben einfach ab.

Einfach so.

Mein momentaner Gesundheitszustand macht es mir leicht, diese Dinge auch ohne schlechtes Gewissen mit nicht mehr als einem bedauerndem Achselzucken einfach an mir vorbeizuwinken.

Das Verblassen in die Menge wird noch dauern, ich weiß das. Es ist leichter, als strahlender Stern am Himmel aufzugehen, als sang- und klanglos wieder im Nebel zu versinken. Das braucht Zeit, weil ich in den letzten Jahren dafür einfach zu viele Menschen im Herzen berührt habe. Und auch, wenn diese Zeit für mich vorüber ist, möchte ich doch keine Wunden hinterlassen. Dafür sind die Fortschritte zu kostbar, die diese Menschen gemacht haben.

Also übe ich mich in Geduld und in sozialer Camouflage, bis ich wieder dort bin, wo ich mich wohlfühle.

Und das beinhaltet noch wesentlich mehr und größeren Abstand zu meinen Mitmenschen.

Ausgebrannt

Ich möchte nicht mehr. Ich möchte heute niemanden zum Sport fahren, ich wollte gestern niemandem zum Tanzen bringen, ich will morgen niemanden zum Reiten fahren, ich will nicht mehr abwechselnd zu Physiotherapie und Zahnarzt hetzen, ich will keine anderen Menschen in Kliniken fahren, ich will keine Arztgespräche mehr führen und weder putzen noch einkaufen noch arbeiten noch mir die Sorgen anderer Menschen anhören. Ich möchte nicht eingeladen werden, mit niemandem essen oder ins Kino gehen oder auf einer Hochzeit eine Rede halten, nein. Nein. Nein.

Ich will schlicht und ergreifend meine Ruhe haben. Ich will nicht reden, ich will mir nicht jeden Tag den gleichen Sermon anhören und verständnisvoll nicken, Problemlösungen anstoßen, Taschentücher reichen und vor allem kann ich diesen Körperkontakt kaum noch ertragen. Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich urlaubsreif bin, aber das will ich ja nicht einmal. Ich will nur das gleiche Recht wie jeder kranke Mensch haben, sich einfach in Ruhe und Schweigen zurückzuziehen und über alles, was über Nahrungsaufnahme, Körperhygiene und Gesundwerden hinausgeht, nicht mehr funktionieren zu müssen. Ich weiß, wie sehr sie mich brauchen. Ich weiß, wie sehr das letzte Jahr alle Reserven aufgebraucht hat, die die letzten Jahre über geschaffen wurden. Ich weiß, dass diese Scheißsache mit der Operation und dem langen Heilungsprozess nun so ungelegen kommt wie ein Kropf. Ich weiß es doch. Ich spüre, wie ich stärker und heiler und hoffnungsvoller werde und kann auf der anderen Seite keinen Schritt mehr weitergehen, weil alles in mir einfach nur ausgebrannt ist.

Mein Körper kreischt bei jeder Bewegung. Ich schlafe nicht gut. Ich habe Schmerzen.

Ich fühle mich alleingelassen und ich trage zu viel.

Ich möchte, will und kann einfach nicht mehr. Nur noch wenige Stunden, bis ich wieder in zwei Arme flüchten kann, die mich zumindest einen Moment halten werden.

Licht in der Dunkelheit.

Linien

„Die Brüste hängen so sehr.“

Ich weiß noch genau, wie beeindruckt ich von der Aussicht war. Frankfurt, Innenstadt. 20. Stock mit Blick über die gesamte Stadt. Gigantisch.

„Und der Bauch schwabbelt so. Diese schlabbrige Haut. Auch am Po muss Fett abgesaugt werden. Der ganze Körper sieht so widerlich aus, dass es mich bei jedem Blick in den Spiegel ekelt.“

Ich sehe irritiert in den Raum zu dem Mann, der mit geübtem Griff die Brüste meiner Mutter packt und hin und herwackelt. In seiner Hand hält er einen dicken schwarzen Stift, mit dem er Linien auf ihren Körper malt. Ich lege den Kopf schief und frage mich, warum wir hier sind. Ich bin 8 oder 9 Jahre alt.

„Schrecklich, diese Hängebrüste. Bald gehen sie mir bis zum Bauch. Ekelhaft.“ Der Mann hebt eine Brust hoch und malt noch mehr Striche. Ab und zu geht er zu seinem Schreibtisch und schreibt etwas auf einen Zettel. Er brummt. Ob zustimmend, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin weit weg von Zuhause und finde die Situation befremdlich. Affäre, geistert es durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, was dieser Begriff bedeutet und doch kenne ich ihn. Jahre später soll ich erfahren, dass zu genau diesem Zeitpunkt die Ehe meiner Eltern auf der Kippe stand. Wegen einer Frau, die mein Vater kannte. Und liebte? Vielleicht. Wenn ihm das möglich war. Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, ob meine Mutter jetzt mit diesem Mann zusammen ist. So wie er ihren Körper anfasst, begutachtet und bemalt kann das gut sein. So nah habe ich meine Eltern nie beeinander gesehen. Das mit den Strichen auf ihrem Körper kommt mir merkwürdig vor.

Wochen später sollte meine Mutter plötzlich verschwinden. Als sie wiederkommt, ist ihre Körpermitte merkwürdig verformt. Ihre Taille ist verschwunden. Ihr ganzer Bauch sieht so gestrafft aus wie eine langgezogene Gummimatte. Sie darf nichts heben und sich nicht bücken. Dafür ist sie glücklich. So kenne ich sie nicht. Große hässliche Narben zieren ihre Vorderseite. Breit, rot, grässlich und eiternd. Wann immer ich einen Verbandswechsel vornehmen muss und die Wundflüssigkeit abtupfe, dreht sie sich im Spiegel halbnackt hin und her. Und strahlt. „Jetzt sehe ich aus wie eine richtige Frau. Sieh nur, wie schön flach mein Bauch ist!“

Ich sehe auf die Gummimatte, die mit Haut nur noch so wenig zu tun hat und nicke. Es scheint etwas Gutes zu sein. „Nur die Brüste hängen noch so ekelhaft.“ An den Brüsten ist nichts verändert worden. Ich sehe keine Narben und sie sehen noch genauso aus wie vorher. Ich versuche, zu verstehen, was an ihnen ekelhaft ist. Es gelingt mir nicht. „Wenn du Pech hast, hast du auch diese widerlichen Hängebrüste geerbt.“

Ich erschrecke. Was heißt das? Was kann ich tun? Einen kurzen Augenblick lang drängt es in mir, sie zu fragen, was ich dann machen soll, aber sie wendet sich schon wieder ihrem Spiegelbild zu.

Es eitert aus der großen Bauchnarbe, die sich von Hüfte zu Hüfte zieht. Sie scheint es nicht zu bemerken. Gedankenverloren streichelt sie mit verliebtem Blick die gestraffte Haut darüber.

Theorien

Theorie hat den großen Nachteil, dass sie nicht individuell sein kann, ohne sich selbst zu verraten. Wer macht einen Menschen liebenswert? Niemand. Ein Mensch ist nicht mal prinzipiell liebenswert, nur weil er da ist.

Diese Annahme basiert auf einem erlernten Wertesystem, das keine allgemeine Gültigkeit hat, nur weil wir innerhalb eines gesellschaftlichen Konsens, der unsere angeblich erreichte Zivilisationsstufe repräsentieren soll, beschlossen haben, dass das so ist. Jeder Mensch ist liebenswert? Schwachsinn. Wir hätten das nur gerne so, weil wir alle eine Scheißangst davor haben, keine Rechte zu besitzen und nicht geliebt zu werden. Liebe ist unsere Triebfeder. Immer. Überall. Das macht uns als Menschen aus. Und auch wenn der immer gern genommene Vergleich zu den Affen nicht viele Unterschiede zeigt – die wenigen, die existieren, sind gravierend.

Wir sind die einzigen Lebewesen, die darüber nachdenken können, warum wir über etwas nachdenken. Philosophie nennt man das gemeinhin und es ist mehr als nur ein Prozentsatz an Chromosomen, der uns vom Affen unterscheidet.